Schreibmaschinen-Kugelkopf

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Wechselbarer Kugelkopf
(ca. 10 g; Durchmesser: ca. 35 mm)

Als Schreibmaschinen-Kugelkopf (seltener: Typenkopf) bezeichnet man einen Typen-Träger besonderer Bauart in elektromechanischen Schreibmaschinen. Die zu schreibenden Zeichen sind in mehreren überanderliegenden Kreisen auf dem Umfang eines Kugelrings angeordnet. Zur Auswahl eines Zeichens wird der Kopf um die Ringachse gedreht und zusätzlich gekippt. Jede Taste löst die Auswahlbewegungen für die ihr entsprechende Type aus. Zum Drucken wird der sehr leichte Kugelkopf gegen die Schreibwalze mit dem aufgespannten Papier und dem darüber liegenden Farbband geschlagen.

Eingeführt wurde der Kugelkopf im IBM Selectric typewriter am 31. Juli 1961.[1]

Abgrenzung zu anderen Typenträgern[Bearbeiten]

Hauptartikel: Typenrad#Geschichte

Der Kugelkopf ist ein alle verwendeten Typen enthaltender Typenträger. Er wurde aus dem erstmals 1893 von Blickensderfer verwendeten kurzen Typenzylinder (damals Typenrad genannt) für eine 1961 vorgestellte Schreibmaschine von IBM entwickelt. Zur Auswahl der gewünschten Type sind beim Typenzylinder eine Drehung und vertikale Verschiebung, beim Kugelkopf eine Drehung und Kippen (von manchen Autoren als Neigen bezeichnet) und beim modernen Typenrad nur eine Drehung erforderlich. Diese drei Typenträger haben gegenüber Typenhebeln an Typenhebelschreibmaschinen den Vorteil, dass sie leicht ausgetauscht werden können, um den Wechsel auf eine andere Schriftart zu ermöglichen - z. B. für das Schreiben von Sonderzeichen. Dass ein „Sekretärinnen-Traum“ (IBM-Werbung) in Erfüllung ging, weil sich beim Schnellschreiben keine Typenhebel mehr verhakten, war nichts ganz Neues. Dieser Traum war außer in der Blickensderfer auch in weiteren älteren, allerdings langsameren Schreibmaschinen mit kompakten Typenträgern schon erfüllt worden[2].

IBM-Schreibmaschinen mit Kugelkopf[Bearbeiten]

Eine weitere Verbesserung bei IBM-Schreibmaschinen mit Kugelkopf war, dass der leichtere Kugelkopf statt der Schreibwalze in Zeilenrichtung bewegt wurde. Der Kugelkopf wurde aber letztlich vom modernen Typenrad abgelöst, dessen einzige Drehbewegung vom in Zeilenrichtung mitbewegten leichten Elektromotor erzeugt werden konnte. Die aufwendigen Mechanismen zum Drehen und Kippen des Kugelkopfes entfielen. Das Typenrad war leichter als ein Kugelkopf, was ebenfalls zum noch schnelleren Schreiben bzw. Ausdrucken in Verbindung mit Schreibautomaten und Textsystemen beitrug.

Funktion eines IBM-Kugelkopfes[Bearbeiten]

Kugelkopf in der Schreibmaschine

Die Drucktypen sind auf vier Kreisen auf der Oberfläche des Kugelrings angeordnet - vergleichbar Breitenkreisen auf der Erdkugel. Durch Kippen des Kopfes um eine zur Schreibwalze parallel durch den Kugelmittelpunkt führende Achse wird der Kreis mit der gewünschten Drucktype ausgewählt. Durch Drehen um die Kugelachse wird die gewünschte Type innerhalb dieses Kreises bestimmt, sie hat nun die richtige Position nahe der Aufschlagstelle auf dem Papier. Auf einem Kreis benachbart liegende Typen sind bei maximal 20 Typen je Kreis um einen Drehwinkel von 18° versetzt; statt dann 80 möglichen Typen waren bei IBM auch Kugelköpfe mit 88 (siehe obiges Foto: Kugelkopf mit 22 Zacken) und 96 Typen im Programm, was kleinere Drehwinkel bedingt. Die mit Hilfe der Umschalttaste (Shift) erreichbare Type liegt jeweils auf demselben Kreis um 180° versetzt. Die Betätigung der Umschalttaste bewirkt zunächst eine halbe Drehung des Kugelkopfes, der die Drehung, die der ausgewählten Type entspricht, folgt. Zur Minimierung der Drehbewegungen sind häufig benutzte Typen nahe beieinander angeordnet.

In der Kappe des auswechselbaren Kugelkopfs befindet sich die Verriegelungsmechanik samt Anfasser. Am unteren Rand dient ein Zackenkranz zur Feinjustierung nach der Drehung um die Kugelkopfachse. Ein IBM-Kugelkopf hat eine Gesamthöhe von 27 mm (Zackenspitzen bis Kappe) und einen Außendurchmesser von etwa 35 mm und wiegt 10,2 g.

Antrieb des Kugelkopfes in IBM-Schreibmaschinen[Bearbeiten]

IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine

Bewegt sich bei den meisten Schreibmaschinen der Wagen mit Schreibwalze und eingespanntem Schreibblatt horizontal, um die nächste Schreibposition - innerhalb derselben Zeile - zu erreichen, so bleibt bei IBM-Kugelkopfschreibmaschinen die Walze mit Papier stehen, und der Kugelkopf wird vor dem Blatt auf die gewünschte Position geschoben. Hierzu ist er auf einem Schlitten montiert, der von einem Motor über ein Drahtseil hin- und hergeschoben wird. Um die gewünschte Drucktype auszuwählen, muss der Kugelkopf entsprechend gedreht und gekippt werden, und um den Schreibvorgang auszulösen, schlagartig gegen die Schreibwalze gepresst werden. Alle diese Bewegungen werden von einem einzigen im Maschinengestell befestigten Elektromotor nach Freigabe durch den entsprechenden Tastendruck ausgelöst.

Der Kugelkopfschlitten wird mit einem Draht-Zugmittelgetriebe, an dessen einem Trum er befestigt ist, hin und her bewegt. Die Kugelkopfdrehungen werden mit Hilfe von Bewegungen je einer Umlenkrolle in zwei weiteren Zugmittelgetrieben erzeugt.[3] Die Drahtseile dieser vom Kugelkopfschlitten mitbewegten Getriebe sind aufgeschnitten. Eins der Seilenden ist jeweils fest am Schlitten, das andere an einem Hebel, der die entsprechende Kugelkopfdrehung auf dem Schlitten bewirkt, befestigt. Durch die Auslenkung einer Umlenkrolle zieht das freie Seilende am Hebel und dreht beziehungsweise kippt den Kugelkopf, entsprechend der ausgewählten Drucktype. Der Auswahlvorgang ist von der momentanen Lage des Kugelkopfschlittens unabhängig und kann auch während einer Schlittenbewegung stattfinden.

Olivetti[Bearbeiten]

Die Firma Olivetti verzichtete bei ihrer Kugelkopfschreibmaschine, die nach Ablauf von IBM-Patenten gebaut werden konnte, auf die aufwändigen Drahtgetriebe und blieb beim üblichem Schreibmaschinenwagen mit Querbewegung der Schreibwalze wie bei der Vorbildmaschine Blickensderfer Nr. 5.

Trivia[Bearbeiten]

Im Film Mademoiselle Populaire erfindet der Hauptdarsteller Louis die Kugelkopfschreibmaschine.

Die Schreibmaschine IBM Selectric II wurde ab Oktober 1976 vom sowjetischen Geheimdienst zum Abhören der US-Botschaft in Moskau und des Konsulats in Leningrad verwanzt. Dabei waren Teil des mechanischen Gestänges durch nicht-magnetisches ersetzt und kleine Magneten angebracht worden. Diese bewirkten beim Schreiben und damit Drehen des Kugelkopfes magnetische Veränderungen die registriert und unmittelbar per Funk übertragen wurden.[4]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vor 50 Jahren: IBM stellt Kugelkopfschreibmaschine Selectric vor, Meldung bei heise.de, 31. Juli 2011
  2. www.stb-betzwieser.de: Auswahl historischer Schreibmaschinen mit Typenzylinder oder Typenrad
  3. „Drehungen des IBM Kugelkopfes“ Im Computermuseum Informatik Universität Stuttgart (mit Bildern und Erklärungen)
  4. Website der NSA, Learning from the enemy - The Gunman Project, United States Cryptology History, Series VI, Volume 13, 8. Januar 2007