Schriftstudien

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Die Schriftstudien (engl.: Studies in the Scriptures) sind eine von der Bibelforscherbewegung herausgegebene religiöse Schriftenreihe, zunächst (bis 1904) unter dem Titel Millennium-Tages Anbruch, englisch: Millennial Dawn. Autor der ersten sechs Bände war der Bibelforscher Charles Taze Russell. Die Serie versuchte, den Inhalt der Bibel anhand thematischer Kapitel (= "Studien") darzustellen.

Gliederung[Bearbeiten]

Band 1 — Der Plan der Zeitalter (später: Der göttliche Plan der Zeitalter) — veröffentlicht 1886

Band 2 — Die Zeit ist herbeigekommen — veröffentlicht 1889

Band 3 — Dein Königreich komme — veröffentlicht 1891

Band 4 — Der Tag der Rache (später: Der Krieg von Harmagedon) — veröffentlicht 1897

Band 5 — Die Versöhnung des Menschen mit Gott — veröffentlicht 1899

Band 6 — Die Neue Schöpfung — veröffentlicht 1904

Band 7 — Das vollendete Geheimnis — veröffentlicht 1917, zum Teil aus dem Nachlass von Charles Taze Russell.

Auflagen[Bearbeiten]

Die Bände der Schriftstudien erschienen in mehreren Auflagen, z.T. auch in verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche.[1] Vom Bd. 1 wurden mehrere Millionen Exemplare verbreitet, von den Bänden 2 und 3 jeweils etwa eine Million.

Es erschienen manchmal veränderte Auflagen. Von Band 2, der ausführlich über 1914 spricht, gab es drei unterschiedliche Ausgaben: (a) Eine Vorkriegsausgabe, (b) eine Nachkriegsausgabe und (c) den letzten Nachdruck von 1926.[2] Ein konkretes Beispiel:

(a) auf S. 214: „so wird der Jude doch nicht vor 1914 in die volle Gnadenstellung zurückgelangt sein.“
(b) auf S. 210: „so wird der Jude aber erst nach 1918 in die volle Gnadenstellung zurückgelangt sein.“
(c) auf S. 212: „so wird der Jude aber erst nach 1915 in die volle Gnadenstellung zurückgelangt sein.“

Anhand dieses Beispiels kann jedes Exemplar zugeordnet werden. Wie hier ersichtlich, verschieben sich auch die Seiten. Ein Zitat aus einem dieser Bände lässt sich in einer anderen Ausgabe daher nicht leicht auffinden. Deshalb geben manche Historiker beim Zitieren aus den Schriftstudien als Beleg nicht nur die betreffende Seite an, sondern auch die „Studie“ sowie jene Seite, auf der diese Studie beginnt.[3]

Bei Bd. 3 kann Russells Auswertung von Längenmaßen der Cheopspyramide in Ägypten als Unterscheidungsmerkmal dienen. Er deutete die Länge eines bestimmten Ganges im Inneren dieser Pyramide zeitlich: Die 3416 Zoll stehen für Jahre; ausgehend vom Jahr 1542 v. Chr. kam Russell damit auf das Jahr 1874 n. Chr. als Beginn der Zeit der „großen Drangsal“.[4] In den nach 1914 überarbeiteten deutschen Ausgaben wurde das geändert: 1874 begann bloß die Ernte, dagegen begann die Zeit der Drangsal erst 1914/15. Und die Länge des erwähnten Ganges wurde nun mit 3457 Zoll angegeben, also um 41 Zoll mehr.[5] Der Text blieb ansonsten unverändert, auch der Hinweis auf Russells Informationsquelle wurde gleichlautend formuliert; Russell stützte sich auf das Buch Our Inheritance in the Great Pyramid des Astronomen Piazzi Smyth (1819–1900).

Wichtigkeit ihrer Lektüre[Bearbeiten]

In einem WT-Artikel widmete sich Russell der Frage: „Ist das Lesen der ‚Schrift-Studien’ Bibelforschung?“[6] Die Bibelforscher verbreiteten ihre Publikationen in Ländern, die bereits christlich waren. Da Russell meinte, dass Gott ihnen „jetzt in dieser besonderen Zeit“, „am Ende dieses Zeitalters“, wesentlich neue Einsichten geschenkt hatte, wollten er und seine Anhänger diese Einsichten bekannt machen.

Jetzt werde „der Schleier hinweggenommen“, so dass die Bibelforscher „die wahre Bedeutung des Wortes Gottes sehen“. Das von Russell entworfene theologische System sei „wundervoller als alle anderen theologischen Systeme zusammen – tausendmal wundervoller“. Nicht aufgrund einer besonderen Befähigung seinerseits, sondern weil nun „des Herrn bestimmte Zeit gekommen ist“, und Gott „zum richtigen Verständnis geführt hat“. Russell meinte, die 6 Bände Schrift-Studien seien „praktisch die Bibel selbst“, eben eine thematisch angeordnete Bibel. Russell musste beobachten, wie wichtig es war, dass sich Christen mit seinen Schriftstudien beschäftigen:

wir finden nicht nur, daß die Leute den Göttlichen Plan nicht sehen können, wenn sie die Bibel allein studieren, sondern wir sehen auch, daß, wenn jemand die Schrift-Studien beiseite legt, nachdem er sie gebraucht hat, nachdem er wohl bekannt mit ihnen geworden ist, nachdem er sie zehn Jahre gelesen hat – wenn er sie dann beiseite legt, und sie ignoriert und zur Bibel allein geht, obwohl er seine Bibel zehn Jahre lang verstanden hat, unsere Erfahrung zeigt, daß er binnen zwei Jahren in die Finsternis geht. Auf der anderen Seite, wenn er nur die Schrift-Studien mit ihren Hinweisen gelesen hätte, und hätte nicht eine Seite der Bibel als solche gelesen, so würde er am Ende der zwei Jahre im Licht sein, das Licht der Heiligen Schrift besitzen.

Diese Sätze erwecken den Anschein, als wäre es wichtiger gewesen, die Schrift-Studien zu lesen als die Bibel.[7] Denn auch wenn in den Schriftstudien immer wieder aus der Bibel zitiert wird, so sind Auswahl, Zusammenstellung und Auslegung von Bibelversen doch das Werk Russells – und nicht einfach eine Wiedergabe des Bibeltextes. Andererseits erinnerte Russell seine Leser: "Laßt uns nie vergessen, daß die Bibel unser Maßstab ist, und daß, wie Gott-gegeben unsere Hilfsmittel auch sein mögen, sie doch nur ‚Hilfsmittel‘ und kein Ersatz für die Bibel sind"[8] und "Unsere Schriften betrachten wir weder als unfehlbar noch als der Heiligen Schrift gleichrangig."[9]

Gottes Regieren ab 1914[Bearbeiten]

Russell meinte, Gottes Plan auch in zeitlicher Hinsicht erkannt zu haben. Der wichtigste Zeitpunkt dabei war das Jahr 1914. Am konkretesten wurde er dazu in Studie 4 von Band 2 seiner Schriftstudien, überschrieben mit Die Zeiten der Heiden, oder Nationen. Russells Ankündigung umfasste folgendes:[10]

  • 1874 habe das Millennium begonnen, an dessen Beginn der „40-Jahr-Tag der Unruhen“ stehe, d. h. die sog. „große Drangsal“ (1874-1914).[11]
  • Die Herrschaft unvollkommener Menschen gehe spätestens 1914 zu Ende (die bürgerlichen und kirchlichen Gewalten seien dann zermalmt).
  • Ab Oktober 1914 werde Gottes Königreich weltweit und voll herrschen.
  • Ab 1914 werde Jerusalem nicht mehr „von den Heiden zertreten“.

Russell hatte auf das „Vergehen der Reiche dieser Welt“ hingewiesen, ohne dass er den Gläubigen dabei eine aktiv handelnde Rolle zuschrieb. Er glaubte, dass die sich angesammelten Spannungen politischer Art in seiner Lebensphase nur in einem „Ende mit Schrecken“ zum Ausdruck kommen könnten. So sah er die Endzeit bereits 1799 beginnend, und verwies dabei - ähnlich wie etwa Ellen G. White von den Adventisten - besonders auf Napoléon Bonaparte.

Kritiker[Bearbeiten]

Der Kirchenhistoriker Friedrich Loofs (1858-1928) kritisierte die nachträgliche Abänderung der Vorhersage für 1914: Für dieses Jahr hatte Russell den „Abschluss der Drangsalszeit“ vorhergesagt, nun aber habe 1914 angeblich bloß „die Zeit der Nationen“ geendet und die allgemeine Auflösung begonnen.

„Derartige nachträgliche Verbesserungen der End-Erwartungen haben sich bei allen Sekten gezeigt, die mit der baldigen Wiederkunft Christi rechneten;“

Loofs kritisierte auch die Ansicht, dass die Nationalstaaten satanischen Ursprungs seien, und verwies darauf, dass auch die in deutscher Sprache erscheinenden Publikationen der Wachtturmgesellschaft amerikanisch dominiert seien. Gleichzeitig attestierte er Russell aber lautere Absichten und nahm ihn gegen den Vorwurf der Geschäftemachereri in Schutz.[12]

Der evangelische Pfarrer Paul Scheurlen verfasste 1923 eine mehrmals aufgelegte Sektenkunde, in der er Russels Zukunftsberechnungen kritisierte, die seines Erachtens „ungeistliche Neugierde“ befriedige.[13]

Publikation und Rezeption[Bearbeiten]

Die Schriftstudien Russells sind vom Verlag der Zeugen Jehovas (Wachtturmgesellschaft) letztmals 1926 neu aufgelegt worden. Mit dem Aufkommen des immensen Schrifttums von Joseph Franklin Rutherford traten sie in den Hintergrund. Lediglich die Ernsten Bibelforscher mit ihrem Verlag „Tagesanbruch Bibelstudien-Vereinigung“ haben die Schriftstudien seither noch weitgehend - Band 2 nur in einer stark gekürzten Fassung - neu aufgelegt.[14]

Maßgeblich von Ch. T. Russell und seinen Schriftstudien beeinflusst erwies sich der altkatholische Pfarrer Walter Kueppers.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Stuhlhofer: Charles T. Russell und die Zeugen Jehovas. Der unbelehrbare Prophet. Berneck 1990 (3. Aufl. 1994)

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. z.B. Band 1: 1888, und nach 1894 neu übersetzt; Band 7: 1919, und 1922 neu übersetzt.
  2. Dargelegt von Stuhlhofer: Russell, S. 39 f. – Auch Dietrich Hellmund: Geschichte der Zeugen Jehovas (in der Zeit von 1870 bis 1920), Hamburg 1971 (leider ohne Seitenzählung) unterscheidet drei verschiedene Ausgaben.
  3. Dadurch kann ein Leser, der eine andere Ausgabe vorliegen hat, ein bestimmtes Zitat dennoch rasch finden. So erläutert bei Stuhlhofer: Russell, S. 51.
  4. Bd. 3 der Schriftstudien, in den deutschen Ausgaben von 1898, 1913 und 1914 auf S. 327 (in Studie 10, die auf S. 301 beginnt).
  5. Bd. 3, in den Ausgaben von 1919, 1923 und 1926 auf S. 316 f.; in der von der Tagesanbruch Bibelstudien-Vereinigung nachgedruckten Ausgabe auf S. 330. – Zitate zusammengestellt bei Stuhlhofer: Russell, S. 42-45: „Pyramide im Wachsen?“
  6. Wachtturm 1910, S. 218 f. (die Jahrgänge wurden durchlaufend paginiert). Daraus die folgenden Zitate. (Diese Sätze wurden auch im WT 1957, S. 542 f. wiedergegeben.)
  7. Siehe dazu Stuhlhofer: Russell, S. 46-49 ("Bibelforscher oder Russellforscher?") und S. 54-62 („Sah sich Russell selbst als Prophet?“)
  8. Zion's Watch Tower, 1909, S. 371
  9. Zion's Watch Tower, 15. Dec. 1896
  10. Genauere Belege bei Stuhlhofer: Russell, S. 63-77.
  11. Schriftstudien Bd. 2, Studie 6; Schriftstudien Bd. 3, Studie 10 (in der Ausgabe von 1913 auf S. 327; diese Studie beginnt darin auf S. 303).
  12. Friedrich Loofs: Die Internationale Vereinigung ernster Bibelforscher, Leipzig 1921; zuvor kürzer in: Deutsch-Evangelisch 9 (1918) 190 f.
  13. Paul Scheurlen: Die Sekten der Gegenwart. Quell-Verlag der Ev. Gesellschaft, Stuttgart 1923, 3. Aufl., S. 24-44, dort S. 42.
  14. Durch diese Kürzung in Band 2 (erschienen mit einem "Vorwort der Herausgeber" von 1953) erfährt der Leser nicht genau, was Russell für 1914 vorausgesagt hatte.