Künzelsauer Schubstockrad

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Das originale Künzelsauer Schubstockrad als Leihgabe im Deutschen Automuseum Langenburg

Das Künzelsauer Schubstockrad ist ein einspuriges Zweirad mit mechanischem Antrieb, das „um 1850“ (Euhus)[1] von dem Künzelsauer Schmied Heinrich Färber entworfen und gebaut wurde. Das Veloziped mit seiner ungewöhnlichen Antriebstechnik wäre also über zehn Jahre vor der Erfindung des pedalgetriebenen Fahrrades entstanden und damit die älteste bekannte Fahrmaschine ihrer Art, bei der die Füße vom Boden gelöst und nicht mehr zum Halten des Gleichgewichts benutzt wurden.

Konstruktion[Bearbeiten]

Das Bauersche Velociped

Der Antrieb des Schubstockrades erfolgt mit den Armen über einen langen Hebel, an dem zwei nach unten spitz zulaufende, eine zweizinkige Gabel bildende Schubstangen oder „Schubstöcke“ befestigt sind. Beim Heranziehen des Antriebshebels (zum Körper hin) werden die Stangen gegen den Boden und nach hinten gedrückt und bewegen ihrerseits das Fahrzeug nach vorne. Um das Zweirad in Bewegung zu halten, ist ein schnelles Vor- und Zurückbewegen des Antriebshebels notwendig. Gelenkt wird das Schubstockrad mit den Füßen über an der Vorderradaufhängung angebrachte Rasten.

Das im Original erhalten gebliebene Künzelsauer Schubstockrad besteht bis auf die (eisenbeschlagenen) hölzernen Räder, den Griff des Antriebshebels und den mit Rosshaar gepolsterten Ledersattel ganz aus Schmiedeeisen und wiegt dementsprechend fast 50 Kilogramm. Es ist 120 cm hoch, 56 cm breit und 182 cm lang; der Durchmesser des vorderen Laufrades beträgt 42 und der des hinteren 80 cm.

Wie der Kurbelantrieb, so war auch der Antrieb mit Schubstöcken oder „Jungnickelschen Hebeln“[2] für mehrspurige Fahrzeuge schon seit längerem bekannt und wurde beispielsweise bei der 1817 entstandenen dreirädrigen Fahrmaschine von Johann Carl Bauer („Bauersches Veloziped“) verwendet.[3]

Das Künzelsauer Schubstockrad ist jedoch das erste Fahrzeug, dass die drei Eigenschaften Antrieb, einspurige Bauweise und Balancieren vereinte. Anstatt sich mit dem Füßen vom Boden abzustoßen und auch abzustützen – wie bei der Laufmaschine von Karl Drais – fuhr Heinrich Färber mit angehobenen Beinen. Dies ist ein wichtiger Entwicklungsschritt hin zum Fahrrad mit Pedalantrieb, zumal damals eine regelrechte „Furcht vor dem Balancieren“ (Hans-Erhard Lessing) herrschte, die andere Konstrukteure lange von diesem Schritt oder auch nur dem Gedanken daran abgehalten habe.[4]:S. 15

Rezeption[Bearbeiten]

Laut der Lokalzeitung Kocher- & Jagstbote führte Färber sein „Véloziped“ im September 1869 (laut Gabor: 1859)[5] beim „Landwirtschaftlichen Bezirksfest“ in Ingelfingen vor.[6] Dabei riefen vor allem die „Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der man sich mit dieser kleinen Maschine fortbewegen kann“ Bewunderung hervor.[5]

Dennoch konnte sich das System nicht durchsetzen und geriet in Vergessenheit.

Heutige Situation[Bearbeiten]

Das Original befindet sich heute unter der Inventar-Nummer 1993/15 in der Städtischen Sammlung Künzelsau.[5] Seit April 2012 wird es als Leihgabe im Deutschen Automuseum Langenburg ausgestellt. Im Jahr 2004 entstand zudem ein annähernd originalgetreuer Nachbau.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Walther Euhus: Das Künzelsauer Schubstockrad. In: Der Knochenschüttler. Zeitschrift für Liebhaber historischer Fahrräder, Heft 31, 2/2004. Langenhagen 2004, S. 19.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schubstockrad – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Walter Euhus: Das Künzelsauer Schubstockrad.
  2. Andreas Jung(e)nickel: Schlüssel zur Mechanik. Nürnberg 1661.
  3. Johann Carl Siegesmund Bauer: Beschreibung der von Drais’schen Fahrmaschine und einiger daran versuchter Verbesserungen. Nürnberg 1817. (Faksimile-Reprint als Hans-Erhard Lessing: Das erste Zweirad fuhr in Mannheim. Mannheim 2001.)
  4. David Gordon Wilson, Jim Papadopoulos: Bicycling Science. MIT Press, 3. Auflage 2004, ISBN 978-0262731546 (Digitalisat; PDF; 2,1 MB).
  5. a b c Ingo Gabor et al.: Lust auf Geschichte – ausgewählte Momente der Künzelsauer Vergangenheit. Die Städtische Sammlung Künzelsau zu Gast in der Hirschwirtscheuer. Swiridoff, Künzelsau 2005, ISBN 3-89929-059-3, S. 56 f.
  6. Jürgen Hermann Rauser: Ingelfinger Heimatbuch. 1. Buch Stadtgeschichte. Heimatbücherei Hohenlohe Band 2, Ingelfingen 1980, S. 268.
  7. rsv-wendlingen: Schubstockrad ca. 1850