Schulkritik

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Schulkritik bezeichnet entweder die Infragestellung des Nutzens, der menschenrechtlichen Legitimation der allgemeinbildenden Schulen oder auch die Kritik an der institutionalisierten Schule als solcher. Häufiger aber wird die traditionelle Schule kritisiert und andersartige Schulmodelle bevorzugt.

Kritik an der Schulpflicht[Bearbeiten]

In Deutschland läuft Schulkritik oft mit der Kritik an der Schulpflicht synonym und es wird darauf verwiesen, dass andere Industrienationen ohne Schulpflicht ein leistungsfähigeres Bildungssystem hätten. Radikale Schulkritiker dagegen interpretieren die Anfänge der staatlich-institutionalisierten Pädagogik (z. B. die Einführung der Schulpflicht in Preußen durch Friedrich Wilhelm I.) dahingehend, dass staatliche Schulen damals wie heute den Menschen systemtauglich machen wollen, anstatt humane Ziele zu verfolgen. Diese Kritik wird u. a. vertreten durch die Theorie des Heimlichen Lehrplans sowie von Ivan Illich (1970er), Bertrand Stern oder Ulrich Klemm (2000er).

Darüber hinaus gibt es sehr unterschiedliche Positionen in der Schulkritik. Von Befürwortern des Hausunterrichts werden oftmals die schulischen Lehrplaninhalte (z. B. Sexualkunde oder Evolutionstheorie) und die veralteten Lehrmethoden kritisiert sowie die Loslösung des Kindes von der Familie, die mit dem Schulbesuch bedingt sei.

Kritik an Lehrplänen[Bearbeiten]

Vertreter der Bewegung Demokratische Erziehung dagegen richten ihre Kritik nicht auf einzelne Lehrplaninhalte, sondern auf nicht vom Schüler gewollte Lehrpläne als solche. Sie berufen sich auf die Erfahrungen an Demokratischen Schulen. Laut diesen nähmen gerade Menschen, die ohne schulischen Lehrplan aufwuchsen, reibungslos am Berufsleben und an der Gesellschaft teil.

Historisches[Bearbeiten]

Bereits Seneca übte durch seinen Ausspruch Non vitae, sed scholae discimus Kritik am römischen Schulsystem, das seiner Meinung nach nicht die Interessen der Schüler, sondern die des etablierten Systems berücksichtigte.

Leo Tolstoi schuf als Gegenentwurf zu den üblichen Schulen in seiner Zeit eine Schule für Bauernkinder auf dem Gut Jasnaja Poljana. Er überließ den Schülern die Wahl, am Unterricht teilzunehmen oder sich im Schulgebäude anderweitig zu beschäftigen.

Bei Anbruch des 20. Jahrhunderts war die Schulkritik im Zuge der reformpädagogischen Bewegung hochaktuell und es entstanden viele Alternativschulen bzw. -schulversuche. Als schulkritische Autoren taten sich Ellen Key und Everett Reimer hervor. Das Konzept Alexander Neills, Gründer und langjähriger Leiter von Summerhill, kann aufgrund seiner Radikalität ebenfalls der Schulkritik zugeordnet werden. John Caldwell Holt begründete in den 1950ern in den USA die Unschooling-Bewegung.

Die in den 1970er Jahren entstandene Antipädagogik überträgt die Kritik an der schulischen Institution allgemein auf Pädagogik und Erziehung.

In der jüngeren Zeit wird von unterschiedlichen Seiten Schulkritik betrieben. Aus lernpsychologischer Sicht etwa verlangt das Zeitalter der Informationsgesellschaft und der Bürgergesellschaft von zukünftigen Generationen mehr Flexibilität, Eigenverantwortung und demokratisches Bewusstsein als zuvor. Diesen Erfordernissen könne die allgemeinbildende Schule aufgrund ihrer hierarchischen Struktur grundsätzlich nicht gerecht werden.

Im 21. Jahrhundert entstand das Schlagwort von der „Kuschelpädagogik“, mit dem konservative Journalisten die an den Schulen ihrer Meinung nach immer noch etablierte antiautoritäre Bewegung angreifen. Auch Bestsellerautoren wie Gerlinde Unverzagt (Das Lehrerhasserbuch) schlossen sich dieser Kritik an.

Auch von Schülern selbst werden Kritik und Boykotte ausgeübt, zum Beispiel von der Berliner Kinderrechtsgruppe Krätzä.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • James Marcus Bach: Die Freibeuterstrategie: Durch selbstbestimmtes Lernen zum Erfolg, München: Verlag Antje Kunstmann, 2010
  • Johannes Beck: Lernen in der Klassenschule, Reinbek, 1974
  • Stefan Blankertz: Legitimität und Praxis öffentl. Erziehung als pädagog., soziales u. eth. Problem ; Studien zur Relevanz u. Systematik angelsächs. Schulkritik, Wetzlar: Büchse der Pandora, 1989
  • Walther Borgius: Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Neuauflage. tologo verlag, Leipzig, 2009, ISBN 978-3-9810444-8-5 (Online verfügbar)
  • John Taylor Gatto: Dumbing Us Down. The Hidden Curriculum of Compulsory Schooling, Gabriola Island: New Society Publishers, 2005, ISBN 0865714487
  •  Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus. Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten. VSA-Verlag, Hamburg 1998, ISBN 3879757224.
  • Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft Reinbek: Rowohlt, 1981. Neuausgabe: Beck, München, 1995
  • Ivan Illich: Schulen helfen nicht. Hamburg: Rowohlt, 1972
  • Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes. Übertragung von Francis Maro. Deutsche Erstausgabe 1902, neu herausgegeben: Weinheim und Basel 1992.
  • Ulrich Klemm: Lernen ohne Schule. Argumente gegen Verschulung und Verstaatlichung von Bildung. SPAK-Bücher, München, 2001 ISBN 3930830221
  • Olivier Keller: Denn mein Leben ist Lernen. Arbor-Verlag 1999 ISBN 3924195447
  • Edmund Kösel: Die Modellierung von Lernwelten, Band I: Die Theorie der Subjektiven Didaktik, 4.erw. Auflage 2002, Band II: Die Konstruktion von Wissen. Eine didaktische Epistemologie, 2007, Band III: Die Entwicklung postmoderner Lernkulturen. Ein Plädoyer für den Umbau der Schule, 2007 alle im SD-Verlag erschienen.
  • Raimund Pousset: Schafft die Schulpflicht ab!, Eichborn-Verlag 2000, ISBN 3821816376
  • Bertrand Stern: Schluß mit Schule! - das Menschenrecht, sich frei zu bilden. tologo verlag, Leipzig 2006, ISBN 3-9810444-5-2

Weblinks[Bearbeiten]