Schusswunde

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Klassifikation nach ICD-10
T14.1- Offene Wunde an einer nicht näher bezeichneten Körperregion
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Schädel mit Austrittsöffnung durch eine Schussverletzung

Eine Schusswunde (lat., Plural vulnera sclopeteria) ist eine Verletzung, die durch ein Projektil verursacht wird; dieses kann in der Wunde stecken bleiben, zumeist aber durchdringt es den Körper. Forensisch und militärisch wird die Schusswunde in der Wundballistik näher untersucht.

Arten[Bearbeiten]

Je nach Weg und Verbleib des Projektils unterscheidet man zwischen Durchschuss, Steckschuss, Prellschuss und Streifschuss.

Der Streifschuss verläuft tangential zur Körperoberfläche, so dass das Geschoss eine grabenförmige Wunde aufreißt, ohne jedoch in den Körper zu tunneln. Ein Tangentialschuss mit rinnenförmiger Wunde wird als Rinnenschuss, bei unter der Haut liegendem Verlauf als Haarseilschuss bezeichnet.

Ein Prellschuss wird durch matte Geschosse (Gummigeschosse, wie sie z. B. durch Ordnungskräfte auf Demonstrationen eingesetzt werden) ausgelöst. Er dringt nicht in die Haut ein, verursacht also keine äußere Wunde, sondern eine Quetschung, deren Spuren häufig an der zähelastischen Haut übersehen werden. Darunter können jedoch erhebliche Verletzungen verborgen sein, sogar Knochenbrüche, Muskel- und Eingeweidezerreißungen (letztere zählen zu den inneren Wunden).

Die Wirkung eines Schusses richtet sich nach dem betroffenen Organ oder Körperbereich und auch nach der Art des Geschosses und psychischer Konstitution des Getroffenen. Sie ist entgegen aller Mythen nicht vorhersagbar. Die alten Musketenkugeln wurden sehr leicht durch Widerstände abgelenkt, wie z. B. Knochen. Sie umzogen dann den betreffenden Körperteil, z. B. bei einem Rippenschuss den Brustkasten (Ringel-/Konturschuss). Die konischen Geschosse der Büchsen durchdringen den Körper meist in gerader Richtung. Alle Bleigeschosse können sich am Körper abplatten, sofern sie matt sind. Vollmantelgeschosse mit kleinen Kalibern haben eine hohe Durchschlagskraft und behalten meist ihre Form. Schrotschusswunden sind von geringerer Bedeutung, da die Schroten meist nicht tief eindringen können. Beim Kanonenbeschuss zwischen Kriegsschiffen der Windjammer-Ära waren oft Wunden durch umherfliegende Holzsplitter zu beobachten, welche entweder an den Knochen abprallten und nur unter die Haut drangen, aber je nach Winkel und Wucht mitunter auch ins Körperinnere. Diese Verletzungen sind nach heutiger und strenger Definition keine Schusswunden, auch medizinisch gleichen sie eher den Verletzungen bei Explosionen.

Schussbruch des Oberschenkelknochens. Röntgen seitlich

Medizinische Aspekte[Bearbeiten]

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Bei der Schusswunde unterscheidet man den Einschuss vom Ausschuss. Schussverletzungen ohne Ausschuss nennt man Steckschuss. Die Ausschusswunde ist in der Regel infolge irregulärer Taumelbewegung und Schockwelle des Projektils deutlich größer. Besondere Auswirkungen haben Schussverletzungen durch die Tatsache, dass nicht nur ein Gewebsverlust im Schusskanal selbst, sondern auch infolge der hohen kinetischen Energie des Geschosses Gewebsuntergang in einer Zone der molekularen Erschütterung um den Schusskanal herum resultiert. Bei Schussverletzungen kommt es zunächst zu einem so genannten temporären Wundkanal durch das Geschoss, der durch eindringende Gase und die Verdrängungswirkung des Geschosses hervorgerufen wird. Durch die Elastizität des Gewebes verkleinert sich dieser aber wieder und es kommt zu der Bildung des permanenten Wundkanals.

Sind beim Einschuss Knochen betroffen, so tritt meist eine ausgedehnte Zersplitterung (Schussfraktur) ein.

Stets sind zwei Gruppen von Folgeschäden in unterschiedlichen Intervallen zu befürchten:

  1. direkte, meist akute:
    1. innere Blutungen durch Gefäß- oder Herzläsion, durch Verletzung parenchymatöser Organe wie Milz und Leber
    2. Atemnot durch Eröffnung des Brustkorbs, Verletzung der Lunge
    3. Funktionsausfall des Zentralnervensystems beispielsweise bei Kopfschuss
    4. Infektion oder Bauchfellentzündung durch Hohlorganperforationen
  2. verzögert: Infektion

Unbehandelte Schussverletzungen führen zu Entzündungen oder Blutvergiftung (Sepsis). Regelmäßig geformte metallene Geschosse können in den Körper einheilen, sofern das Metall nicht gewebetoxisch ist oder Gasbildung (Beryllium) verursacht. Eingedrungene Kleidungs- bzw. Holzstückchen oder aber auch sogenannte Sekundärgeschosse (z.B. Splitter von Deckungen), aber auch abgestorbene (avitale) Knochensplitter verursachen oft bedeutende Eiterungen. Bei Schusswunden sind außerdem die belastenden psychischen Auswirkungen (Panik, Depression und Demotivation) zu untersuchen.

Geschichte[Bearbeiten]

Extraktion einer im rechten Beckenkamm sitzenden Gewehrkugel, Kugelimpressionen am rechten Hüftbein und der linken Tibia, um 1840

Bis ins späte 19. Jahrhundert wurden Schusswunden insbesondere im Kontext von kriegerischen Auseinandersetzungen großflächig versorgt. In der Regel untersuchte der Chirurg den Schusskanal im Feldlazarett mit den bloßen Fingern, bemühte sich um jeden Preis, das stecken gebliebene Projektil zu entfernen, vergrößerte so die Wunde und die Gefahr einer Sepsis. Bei Verletzungen der Extremitäten lief das meist auf eine Amputation hinaus. Das Pendel schlug Ende des 19. Jahrhunderts ins Gegenteil um: Schusswunden in Ruhe lassen, von außen gründlich desinfizieren und warten. Den Anlass dazu gaben zwei Entwicklungen: 1872 hatte Richard von Volkmann die antiseptische Wundbehandlung mit Karbol (nach Lister) bekannt gemacht, zudem wurden die Kaliber moderner Infanteriegewehre immer kleiner, die Schusskanäle also deutlich enger. In seinem Artikel „Über Schußwunden aus dem modernen Infanteriegewehr“, erschienen im Januar 1905 in der Zeitschrift Die Woche, bringt der auf Kriegsverletzungen spezialisierte Chirurg Ernst von Bergmann die dadurch neu entstandene Lage so auf den Punkt:

„Fort also mit dem Kugelsuchen und Kugelziehen! Die Beispiele über Einheilungen der Geschosse in allen Organen und Geweben mehren sich. Schon 1895 konnte ich über 24 bei Selbstmordversuchen ins Hirn eingedrungene 5mm-Revolverkugeln berichten. 19 von ihnen heilten ohne weitere Störungen ein, ohne daß auch später die Patienten gelitten hätten.

[Im Krieg] 1877/78 stammten die Verwundungen von zwei- und viermal größeren Geschossen als dem modernen Mantelgeschoß unserer Infanterie. Die reinen und glatten Wundkanäle der Nah- und Fernschüsse in den Weichteilen, die kleinen Ein- und Ausgangsöffnungen bei den Knochenbrüchen, wenn sie aus größerer Entfernung als 800 m zustande kommen, lassen heutzutage viel mehr hoffen als damals. […] In dieser Beziehung sind wir gespannt auf die Ergebnisse des russisch-japanischen Kriegs, in dem auf beiden Seiten sehr tüchtige Kriegschirurgen tätig sind und die Schußwunden aus Gewehren mit dem kleinsten bis jetzt verwandten Kaliber stammen.“

Prof. Dr. Ernst von Bergmann: Die Woche, 1905[1]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Aus Die Woche, Heft 2, 1905, Seite 61

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernd Brinkmann, Burkhard Madea (Hrsg.): Handbuch gerichtliche Medizin. Band 1. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-00259-6.
  • Silke M. C. Brodbeck: Postmortale Computertomographie von Schussverletzungen im Vergleich zu Obduktionsbefunden. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86676-039-4 (zugleich: Frankfurt am Main, Univ., Diss., 2005).
  • Vincent J. M. DiMaio: Gunshot Wounds. Practical Aspects of Firearms, Ballistics, and Forensic Techniques. 2. Auflage. CRC, Boca Raton 1999, ISBN 0-8493-8163-0.
  • Beat Kneubuehl (Hrsg.), Robin Coupland, Markus Rothschild, Michael Thali: Wundballistik. Grundlagen und Anwendungen. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-79008-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schusswunde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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