Schutzmantelmadonna
Eine Schutzmantelmadonna ist eine Mariendarstellung (Madonna), die unter ihrem ausgebreitetem Mantel betende Gläubige birgt. Die Figuren unter dem Mantel stehen symbolisch unter dem Schutz Mariens.
Schutzmantelmadonnen gibt es in der bildenden Kunst seit dem 13. Jahrhundert. Das Motiv basiert zunächst allgemein auf dem Rechtsbrauch des Mantelschutzes, wonach man einer Person durch Bedecken mit seinem Mantel rechtlichen Schutz gewährt. In der russisch-orthodoxen Kirche, wo der Schutzmantel (russ. Pokrov) Mariens seit dem 12. Jahrhundert durch ihm gewidmete Kirchen und Klöster und einen eigenen Festtag (2. Oktober) verehrt wird, knüpft die ikonographische Tradition noch besonders an die byzantinische Legende von der Marienvision des Seligen Andreas "Salós" (10. Jahrhundert), des „Narren“ Christi, an, der die Gottesmutter in Konstantinopel in der Blachernen-Kirche ihren Schleier vom Haupt nehmen und über die Gläubigen breiten sah (siehe Maphorion). In der russischen Tradition sind vor allem zwei Bildtypen vertreten: Maria breitet oder hält den Schleierumhang auf ausgestreckten Armen, oder dieser wird von schwebenden Engeln über ihr gehalten.
In der römisch-katholischen Kirche waren es besonders die Zisterzienser und Dominikaner, die durch Predigten über neue Schutzmantelvisionen – in denen die im Jenseits geschaute Gottesmutter die verstorbenen Mitglieder des jeweiligen Ordens unter den besonderen Schutz ihres Mantels nimmt[1] – die bildliche Vorstellung von Maria als Schutzherrin der Gläubigen popularisierten.
In der westlichen Kunst wird die Schutzmantelmadonna stehend dargestellt – sofern sie kein Jesuskind im Arm hält – mit ausgebreiteten Armen über einer Schar kleinfiguriger Personen, Vertretern der Gesellschaft und des Klerus.
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Bekannte Schutzmantelmadonnen [Bearbeiten]
Deutschland [Bearbeiten]
- Die Ravensburger Schutzmantelmadonna wurde 1480 vermutlich von dem Künstler der Ulmer Schule Michael Erhart geschaffen. Die gefasste spätgotische Skulptur aus Lindenholz, die ehemals in der Liebfrauenkirche in Ravensburg stand, befindet sich heute im Bode-Museum in Berlin.
- Von Gregor Erhart (ca. 1465-1540) stammt eine Schutzmantelmadonna auf dem Hochaltar der Zisterzienserkirche des Klosters Kaisheim bei Donauwörth (1502-04). Die 1,5 m hohe Madonna trägt einen blauen Mantel und ein goldenes Gewand. Unter dem Mantel beherbergt sie auf beiden Seiten je fünf Gläubige verschiedenen Alters und Berufes. Die Figur besteht aus farbig gefasstem Lindenholz. Sie hält ein Kind auf dem Arm.
- Als Fresko findet sich in der Kinderlehrkirche von Memmingen eine Schutzmantelmadonna, die um 1521 von Bernhard Strigel geschaffen wurde.
- Aus der Jüngeren Villacher Werkstatt (um 1517) stammt die außergewöhnlich gut erhaltene Laubholzskulptur (H 80 cm) einer Schutzmantelmadonna mit alter Fassung in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln (Schenkung Härle) in Köln. Zur Madonna und den beiden Gruppen von Schutzsuchenden gehört noch ein Engelspaar, das den Schutzmantel hoch hält, so dass auch von einer Schutzmantelgruppe gesprochen wird.
- Die Darmstädter Madonna von Hans Holbein dem Jüngeren (1497–1543), entstanden 1526 in Basel, gruppiert den Bürgermeister von Basel und Mitglieder seiner Familie zu beiden Seiten kniend neben der Maria mit dem Christuskind. Die Figuren sind teilweise von einem angedeuteten Schutzmantel überdeckt. Das Gemälde zitiert damit ebenfalls den Bildtypus der Schutzmantelmadonna.
Österreich [Bearbeiten]
- Eine bekannte Schutzmantelmadonna steht im Benediktiner-Stift Admont in der Steiermark. Die von einem unbekannten Meister um 1420 geschnitzte Holzfigur trägt einen blau-goldenen Mantel und ein rotes Kleid und hält ein Christuskind auf dem Arm.
- Die Frauensteiner Schutzmantelmadonna. In der Wallfahrtskirche Frauenstein im südlichen Oberösterreich befindet sich am Hochaltar eine nach 1510 entstandene, Gregor Erhart zugeschriebene Schutzmantelmadonna. Unter ihrem Mantel knien u. a. Kaiser Maximilian I. und dessen zweite Ehefrau Bianca Maria Sforza. Stifter ist vermutlich Maximilian I.[2]
- Wallfahrtskirche Maria Gail im südlichen Kärnten. Die Kirche enthält einen üppig ausgestatteten barocken Hochaltar, in dessen Mittelpunkt eine holzgeschnitzte Schutzmantelmadonna aus der Zeit um 1600 steht. Dieses Hochrelief gilt als Gnadenbild und begründete den Ruf des Gotteshauses als Wallfahrtskirche.
Schweiz [Bearbeiten]
- Zwei Beispiele von Schutzmantelmadonnen finden sich in den Kirchen von Sogn Gieri bei Rhäzüns im schweizerischen Kanton Graubünden und in der Kirche St. Dionys-Wurmsbach bei Rapperswil-Jona im Kanton St. Gallen. Sehr häufig findet sich die Schutzmantelmadonna auch in spätmittelalterlichen Fresken im Kanton Tessin, wie zum Beispiel in S. Maria in Selva (Locarno), in S. Biagio (Ravecchia) und S. Ambrogio (Chironico).
Frankreich [Bearbeiten]
- Schutzmantelmadonna der Familie Cadard, um 1452 von Enguerrand Quarton und Pierre Vilatte, heute im Musée Condé in Chantilly
Zuweilen findet sich das Schutzmantelmotiv auf Pestbildern, wo es Deckung vor den Pfeilen der Seuche bietet.
Siehe auch [Bearbeiten]
- Maphorion
- Schwarze Madonna
- Marienbild
- Pietà
- Mater Dolorosa
- Mondsichelmadonna
- Maria Immaculata
- Schreinmadonna
- Stalingradmadonna
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Horst Schneider / Nikolaus Nösges (Hg.), Caesarius von Heisterbach: Dialogus miraculorum. Dialog über die Wunder, Turnhout 2009, distinctio 7, capitulum 59, Band 3, S. 1503.
- ↑ Angela Mohr – Die Schutzmantelmadonna von Frauenstein, Steyr: Ennsthaler 1986 (2. Auflage) S. 25ff ISBN 3-85068-132-7
Weblinks [Bearbeiten]
-
Commons: Schutzmantelmadonna – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien - Artikel "Schutzmantelmadonna" und Pokrov im Grossen Kunstlexikon von P. W. Hartmann
- Franz Slump, Gottes Zorn – Marias Schutz: Pestbilder und verwandte Darstellungen als ikonographischer Ausdruck spätmittelalterlicher Frömmigkeit und als theologisches Problem: überarbeitete elektronische Fassung einer Lizentiatsarbeit von 2000 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster.