Schwäbische Kehrwoche
Die schwäbische oder württembergische Kehrwoche ist die geregelte Reinigung gemeinschaftlich benutzter Bereiche in Mehrparteienwohnhäusern im Gebiet des ehemaligen Württemberg. Sie beruht auf einer Vielzahl von Erlassen, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Württemberg herausgekommen sind, um die Menschen zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld anzuhalten.
In der Zeit zwischen 1871 und 1918, als auch Elsass-Lothringen zum Deutschen Reich gehörte, versuchte man, die schwäbische Kehrwoche auch dort zu etablieren. Im Elsass werden heute noch deutsche - oder vermeintlich deutsche - Eigenarten scherzhaft oder abwertend als „Schwabenzeug“ bezeichnet. Auch das 1806 von Württemberg annektierte Oberschwaben konnte sich bis heute der Kehrwoche entziehen.
Gewöhnlich ist in Württemberg noch heute im Mietvertrag geregelt, welche Partei wann den Gehsteig zu fegen, den Winterdienst zu übernehmen und das Treppenhaus zu putzen hat. Noch heute gibt es in Miethäusern ein Schild mit der Fettdruckaufschrift Kehrwoche, das an der Wohnungstür des jeweils für die Kehrwoche zuständigen Mieters aufzuhängen ist. Hierdurch haben Mitbewohner, Gäste und Hausverwalter jederzeit den Überblick, wer für etwaige Mängel in der Reinigung verantwortlich ist (siehe auch Anprangern, Soziale Kontrolle, Sozialdisziplinierung).
Unterschieden wird zudem zwischen einer kleinen Kehrwoche, die das Putzen des Flurs und Treppenhauses zwischen Wohnungen auf einem Stockwerk regelt, und der großen Kehrwoche, mit der das Reinigen des Trottoirs bezeichnet wird.
Außerhalb Württembergs ist die Reinigung von Gemeinschaftsflächen durchaus ähnlich organisiert, sofern nicht der Einsatz bezahlter Hausmeister bzw. von Reinigungsdiensten die Wohnungsnutzer von Reinigungspflichten entbindet. So wird in anderen Gegenden das mieterseitige Reinigen des Hausflures als „kleine Hausordnung“, die Straßenreinigung als „große Hausordnung“ bezeichnet. Die Besonderheit der württembergischen Kehrwoche liegt – neben der Verwendung des Kehrwochen-Schildes – vor allem in einer ausgeprägten Erwartungshaltung der Nachbarschaft hinsichtlich Umfang und Intensität der Reinigungsarbeiten.
Die Kehrwoche als „typisch württembergische Erfindung“ ist immer Anlass bzw. Objekt von Scherzen auf Kosten der als „spießig“ verschrienen Schwaben. Oft wird die Kehrwoche als Exempel / Pars pro toto für die sprichwörtliche württembergische Kleinbürgerlichkeit verwendet.
Literatur [Bearbeiten]
- Andreas Reichert: Die Schwäbische Kehrwoche, ISBN 3925185038
- Wolfgang Brenneisen, Peter Ruge: G'schimpft und g'lacht über d' Kehrwoch. Drw, 2003. ISBN 3871814903
- Christoph Sonntag, Gerhard Drexel: Schwäbische populäre Irrtümer. Ein Lexikon. Edition Q, 2006. ISBN 3861246031