Schweizer Mass-System

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Das Schweizer Mass-System (SMS), bis 1996 SINK-Norm ist ein herstellerneutraler Standard für eine Einbauküche. Das Masssystem regelt im Gegensatz zur jüngeren Norm EN 1116 alle Einbaumasse für Einbauküchen und ermöglicht herstellerübergreifenden Geräteersatz. Mit der aufgezwungenen Übernahme der Europäischen Norm 1995 verlor das Massystem den Status einer Norm und wurde auf eine Branchenstandard herabgestuft. Allgemein weiterhin als «Schweizer Norm» (CH-Norm) bezeichnet bleibt diese mit zwei Drittel Marktanteil dominierend in der Schweiz.[Ref. 1] Das Grundmass lautet: 55-60-90. Die Zahlen stehen für Elementbreite, Arbeitstiefe und Arbeitshöhe. Die Höheneinteilung basiert auf Sechsteln (1/6 ≙ 127 mm ≙ 5 Zoll). Ein Prototyp nach dieser Norm wurde an der EXPO 1964 in Lausanne gezeigt.[Ref. 2] Die Norm wurde nie geändert.

Die Ursprünge sind heute nicht mehr rekonstruierbar. Die Frankfurter Küche gilt für die Entwicklung wegweisend. Es lassen sich immerhin drei treibende Kräfte eruieren. Dies sind der Elektrogerätehersteller Therma AG, deren technischer Direktor und Chefdesigner von 1958 bis 1968 Hans Hilfiker sowie die Metallwarenfabrik Franke. Diesen Pionieren schlossen sich weitere interessierte Kreise in der Arbeitsgemeinschaft Schweizerische Industriekommission zur Normung der Küche SINK an. Hilfiker äusserte sich erst 1967 öffentlich in einem Vortrag zur Norm. Ab seinem Firmeneintritt bei Therma basieren alle Neuentwicklungen auf diesem Grundmass.

Herleitung[Bearbeiten]

Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit bei Therma widmete sich Hans Hilfiker der Rationalisierung. Er erkannte die Bedeutung der Masshaltigkeit für die Einbauküche und war an deren Ausarbeitung federführend beteiligt. Mit seinen Bemühungen diese auch gestalterisch auszudrücken gelang ihm «eine beispielhafte formale Einheit von Produktgestalt, Konstruktion, Funktion und werbegrafischem Erscheinungsbild».[Ref. 3]

Grundlage für die Masskonvention waren die in der Küche zu verrichtenden Arbeiten und statistisch ermittelte anthropometrische Masse.[Ref. 4]

90, die Arbeitshöhe[Bearbeiten]

Die mittlere Arbeitshöhe zum Kochen wurde mit 85 cm ermittelt. Für den Spültrog ergab sich bei einer Beckentiefe von 16 cm eine mittlere Höhe von 92 cm.[Anm. 1] Da ein Kochherd leicht auch etwas höher angeordnet sein kann, ein tieferes Spülbecken aber eine sehr unangenehme gebückte Haltung erfordert, wurde zugunsten einer Einheitshöhe der Kompromiss von 90 cm geschlossen. Grundsätzlich ist die Sockelhöhe frei wählbar und somit auch individuelle Arbeitshöhen realisierbar.

60, die Arbeitstiefe[Bearbeiten]

Die Arbeitstiefe von 60 cm leitet sich von der mittleren Armlänge ab.[Anm. 2]

55, das Elementmass[Bearbeiten]

Das Elementmass ist eine rein rational rechnerisch abgeleitete Grösse. Die wirtschaftlichste Grundfläche eines Geräts ist das Quadrat. Es galt also, von der Arbeitsplattentiefe herunterzurechnen. Vorne waren das zunächst 2 cm Überstand für den Tropfrand, seitlich und hinten je 2 cm für die Möbelwandstärke. Um einen hygienischen Wandanschluss gewährleisten und bauliche Toleranzen ausgleichen zu können, rechnete Hilfiker zusätzlich 1 cm. Die Seitenlänge war somit mit 55 cm bestimmt.

In der Folge sollte dieses Mass zu den meisten Diskussionen Anlass geben. Zumal es vom allgemeinen 10 cm-Bauraster abweicht, gab der Umstand, dass dieses Mass nicht direkt von einem Körpermass abgeleitet war, einen willkommenen Ansatzpunkt für Kritik. Vergleicht man mit der wenig später lancierten Gastronorm (530x325) und den darauf basierenden Tablettgrössen (VESKA:530x375 bzw. EN:530x370), denen eine Handlichkeit nicht so einfach absprechbar ist, so sieht man, dass für mehr Breite wenig Bedarf auszumachen ist. Interessanterweise kommt Interlübke unabhängig — allerdings viel später — vom «Kleiderbügel»[Anm. 3] abgeleitet ebenfalls auf ein Innenmass von 55 cm.[Ref. 5]

n/6 (Sechstel)[Bearbeiten]

Der Sechstel ist die Einheit, in der Küchenmöbel und Geräte bemessen sind. Mit dem Höhenraster in Sechstel (n/6) sind alle Lichtmasse der Nische bestimmt. Diese Höheneinteilung ist bemerkenswert und im Bereich der bestehenden Küchennormen einzigartig und ermöglicht einen einfachen, herstellerunabhängigen Austausch von Geräten auch noch nach Jahrzehnten. Ein gewichtiger Grund, warum sich dieses Masssystem gegenüber anderen so gut halten kann.

Da es damals in der Schweiz üblich war, die Küchenkombination auf einen gemauerten Sockel von 10,5 cm[Anm. 4] zu stellen und die Arbeitsplatte aus Chromstahl eine Stärke von 3 cm aufwies, blieben 76,5 cm für die Gerätehöhe übrig, die es sinnvoll zu unterteilen galt. Die Teilung in sechs gleiche Teile erschien Hans Hilfiker die günstigste. Abgerundet auf den ganzen Millimeter ergab sich so eine Höhe von 12,7 cm. Die verbleibenden 3 mm Rundungsdifferenz begründete er mit Masstoleranzen. Sie sind aber auch für die Belüftung der Einbaugeräte notwendig und ermöglichen ein einfaches Einschieben der Einbauelemente. Der Zwischenraum zwischen Unter- und Oberschränken (je 6/6) bemisst sich ebenfalls in Sechsteln (4/6), sodass sich die Horizontaleinteilung über die ganze Küche erstreckt und auch die Hochschränke (16/6) mit einbezieht.

Ästhetik[Bearbeiten]

Mit der Fronteinteilung in drei unterschiedlich grosse Zonen bei Einbauherden visualisierte Hilfiker die Höheneinteilung und setzte so seinen gestalterischen Akzent.

«Damit implizierte Hilfiker, dass man es nicht mehr mit einem Einzelobjekt aus einem Guss zu tun hatte sondern mit einem modularen Objekt, das aus einzelnen, auswechselbaren Elementen bestand und Teil eines grösseren Ganzen war. Die formale Ausprägung des Kochherds war somit Ausdruck einer gestalterischen Haltung, die nicht mehr das Einzelstück, sondern das Zusammenwirken einzelner Teile in einem Gesamtkomplex in den Vordergrund rückte.»[Ref. 6]

Das Verhältnis von Arbeitshöhe zu Elementbreite ist eine gute Annäherung des Goldenen Schnitt.

Normenstreit[Bearbeiten]

Bereits in den fünfziger Jahren – früher als in anderen europäischen Ländern – war es in der Schweiz üblich, der Philosophie der «Frankfurter Küche» folgend Wohnungen mit gebrauchsbereiten Küchen auszustatten. Bis in die sechziger Jahre verstand man im restlichen Europa unter Einbau, dass Geräte unter eine durchgehende Arbeitsplatte gestellt werden können. Diese Unterbaufähigkeit wurde durch einen abnehmbaren Gerätedeckel erreicht. Die Geräte wurden üblicherweise bei einem Wohnungswechsel mitgezügelt. Weitere Geräte stellte man, wie bei der Schwedenküche, weiterhin einfach seitlich an. Als 1967 die SINK ihre Norm dem deutschen Küchenverband AMK vorstellte und diese zur Übernahme empfahl, bestand ein riesiger Unterschied in der Auffassung, was überhaupt eine Einbauküche ist. Die deutschen Hersteller zogen das Planungsmodul 6M (60 cm) vor. Als die erste DIN 68901 «Kücheneinrichtungen – Koordinationsmaße für Küchenmöbel und Küchengeräte» 1973 Gültigkeit erlangte, war der Streit um die richtige Breite eröffnet.

Hauptkritikpunkt war und ist die Nischenbreite von 55 cm, die nicht dem üblichen Baumodul (10 cm) entspricht. Man störte sich aber auch an der Bevorzugung von in der Schweiz hergestellten Produkten. Die Auseinandersetzungen gipfelten in den achtziger Jahren in der Spaltung des damaligen Küchenverbandes und dem Einbezug der Kartellkommission. 1983 spaltete sich der Verband zur Förderung der Modernen Küche VFMK vom Verband der Schweizer Fabrikanten von Einbauküchen VSFE ab, der Mitte der siebziger Jahre aus der SINK hervorgegangen war. Er distanzierte sich klar von der Schweizer Norm und pflegte den Kontakt mit Küchen- und Geräte-Importeuren. Mit deren Unterstützung trug er dazu bei, die Diskussion um Normen und Kartellverstösse in Gang zu halten. Die Gegenseite bekämpfte diese «internationale Unzulänglichkeit» vehement.

Die Kartellkommission entschied 1989, dass die SINK-Norm zwar die ausländischen Hersteller benachteilige, fand dies aber gerechtfertigt, da die SINK-Norm herstellerunabhängig sei, was man von der DIN-Norm nicht sagen könne. Weil die Schweizer Norm älter als alle anderen Normen sei, könne man auch nicht von einer absichtlichen Benachteiligung reden. Die Kommission setzte auf eine europäische Harmonisierung, der sich die Schweiz anpassen müsse.

Mit der EN 1116 erschien 1995 erstmals eine europäische Norm für Küchenmöbel und Geräte. Sie basiert auf der DIN-Norm 68901. Die SINK-Norm blieb unberücksichtigt. Durch internationale Verträge gebunden war die Schweizerische Normen-Vereinigung verpflichtet, diese ebenfalls zu übernehmen. Seit 1996 existieren auf dem Schweizer Markt zwei «offizielle» Masssysteme, das Schweizer Mass-System (vormals SINK-Norm) als Branchenusanz und die SN EN 1116 als Schweizer Norm.[Ref. 7]

Im Jahr 2000 schlossen sich die zwei Verbände wieder zum heutigen Küchen-Verband Schweiz zusammen. In der Haltung bezüglich Normen gibt man sich pragmatisch. Man überlässt die Wahl dem Kunden. Das sind in der Schweiz mit einem – im europäischen Vergleich – sehr hohen Mietwohnungsanteil in erster Linie institutionelle Anleger (Pensionskassen) mit einem hohen Altwohnungsbestand, in dem das Schweizer Mass-System einen kostengünstigen Geräteersatz garantiert.

Vergleich[Bearbeiten]

Schweizer Mass-System (vormals SINK-Norm), Gerät mit 1-3-2 Fronteinteilung nach Hans Hilfiker

Der wesentliche Unterschied zwischen SMS und EN 1116 ist, dass im schweizerischen System das Gerät zwischen flankierende Wände eingeschoben wird und die europäische Norm einen Einbau in ein auf Herstellerangaben beruhendes Gehäuse verlangt. Die spatiale Definition der schweizerischen Norm definiert die Nische. Die axiale Definition der europäischen Norm legt lediglich ein vertikales Raster fest, dem sowohl Möbel- als auch Gerätehersteller verpflichtet sind. Daraus resultiert ein Zielkonflikt, denn ein 60 cm breites Gerät (z.B. Spülmaschine) kann nicht in ein ebensobreites Möbel eingebaut werden. Daher muss zwischen Unterbaumodellen und echten Einbaugeräten unterschieden werden. Die Breite der Einbaunische für europäische Geräte beträgt ungefähr 56 cm und ist nicht näher definiert. Der effektive Unterschied ist mit etwa 1 cm sehr gering. Geräte, die in beiden Normen auf dem Markt sind, unterscheiden sich nur in der Gerätefront, bei gleichem Innenleben. In diesem Vergleich sind notwendige Randabstände, die zum Bedienen notwendig sind, nicht berücksichtigt. Im europäischen System kommen also auf beiden Seiten noch 5 cm hinzu, um wieder im Dezimeter-Raster zu sein. Beim SMS sind dies nur 0-2,5 cm pro Seite. Das Schweizer Mass-System ermöglicht somit eine bessere Raumausnützung.

EN 1116 (vormals DIN 68901 «Kücheneinrichtungen – Koordinationsmaße für Küchenmöbel und Küchengeräte»)

Beide Systeme basieren in den Massen auf der Durchschnittsgrösse von Frauen. Eine Arbeitshöhe von 86cm wie sie die DIN vorsah ist lediglich zum Kochen ideal. Die Frontfläche von EU-Geräten (Unterbaumodell mit Arbeitsplatte bzw Anstellgerät) entspricht einem DIN-A1-Blatt. Die neueste Ausgabe der europäischen Norm sieht neben der ursprünglichen Arbeitshöhe auch eine Arbeitshöhe von 91cm vor. (Hochraumgeräte)

Geräte mit identischen Abmessungen sind selbst beim gleichen Hersteller nicht garantiert. Der Aufwand zum Einpassen in das Möbel wird meist zusätzlich verrechnet.[Ref. 8]

Markt[Bearbeiten]

Die EU-Norm und der schweizerische Standard sind auf dem Schweizer Markt im freien Wettbewerb. In beiden Masssystemen stehen ausreichend Geräte bei vergleichbaren Preisen zur Verfügung. Lange boten europäische Hersteller konsequent nur EU-Geräte an. Inzwischen bieten auch sie auf dem Schweizer Mass-System basierende Produkte an.[Ref. 1][Ref. 9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christina Sonderegger: Zwischen Fortschritt und Leerlauf: die genormte Küche - Anmerkungen zur Entwicklung der Schweizer Küchennorm in Die Küche, Lebenswelt – Nutzung – Perspektiven, Edition Wohnen 1, Birkhäuser Verlag, Basel 2006, ISBN 3-7643-7280-X.
  • Schweizerische Industriekommission zur Normung der Küche, SINK: Schweizer Küchen - Küchen mit System: Schweizer Mass-System SINK für Küchenmöbel und Einbauapparate, VSFE 1985.
  • Bildungsnetz Schweizer Schreiner: Fachzeichnen Küche pdf

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Christian Huggenberg: Weisswaren: Eigenart beginnt in der Küche, Handelszeitung 23. Mai 2005.
  2. Claude Lichtenstein in: Architektenlexikon der Schweiz 19./20. Jh., S. 268.
  3. #Literatur: Christina Sonderegger, Seite 99.
  4. H. W. Jürgens: aktuelle Erhebung anthropometrischer Maße zur Aktualisierung der DIN 33 402 — Teil 2 Forschungsbericht 1023 aus der Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. 2004 pdf.
  5. Interlübke: Serie S07.
  6. #Literatur: Christina Sonderegger, Seite 104.
  7. Bundesrat: Antwort auf Frage 3 betreffend Kühlschränke und Küchenmöbel (PDF; 12 kB).
  8. Gernot Schönfeldinger, Helga Schimmer: Küchen planen & einrichten. Verein für Konsumenteninformation (2011) 3. Auflage ISBN 978-3-99013-004-9, S. 72.
  9. «Vor allem das Höhenraster hat enorme Vorteile und lässt auch nach vielen Jahren Reparaturen und Ersatz von Möbelfronten zu. Der Entscheid, bei SMS mit der Marke Siemens einzusteigen, fiel auf Grund der hohen Akzeptanz der Siemens-Einbaugeräte beim Küchenfachhandel und den Endverbrauchern.» Siemens-Prospekt 2007 pdf.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Griffachse nach unten.
  2. Griffachse nach vorn.
  3. Schulterbreite (bideltoid).
  4. Sockelplatte von 10 cm plus 5 mm Fuge.