Sechse kommen durch die ganze Welt

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Sechse kommen durch die ganze Welt ist ein Märchen (ATU 513A). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der Zweitauflage von 1819 an Stelle 71 (KHM 71).

Inhalt[Bearbeiten]

Ein Soldat wird, da der Krieg zu Ende ist, vom König mit geringem Zehrgeld aus dem Dienst entlassen. Unterwegs trifft er nacheinander einen Mann, der ganze Eichen als Brennholz sammelt und mit einer weiteren Eiche zusammenbindet; einen Jäger, der einer Fliege auf zwei Meilen ein Auge ausschießen will; einen Mann, der mit dem Pusten aus einem Nasenloch sieben Windmühlen antreibt; einen Läufer, der ein Bein abschnallen muss, um nicht allzu schnell zu sein; und einen Mann, der mit einem Zauberhut einen Frost auslösen kann. Der Soldat fordert sie auf, ihm zu folgen: "Wenn wir (sechs) zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen." Sie gelangen an den königlichen Hof. Der König, seine Tochter und der Hofstaat sind größenwahnsinnig, gewissenlos und grausam - unter anderem versucht man, die sechs Kameraden in einem eisernen Käfig zu verbrennen. Dank ihrer wunderbaren Künste bestehen die Sechse das Abenteuer und knöpfen schließlich dem König seinen gesamten Staatsschatz ab.

Hintergrund und Rezeption[Bearbeiten]

Die Demobilisierung von Truppen ist immer ein politisches und soziales Problem gewesen (siehe z.B. Dreißigjähriger Krieg oder Freicorps). Sechse kommen durch die ganze Welt kehrt die Realität märchenhaft um, indem der zuerst ausgebeutete und dann in die Not entlassene Soldat und seine auf der Landstraße aufgelesenen Kameraden den eigentlich Verantwortlichen an der Misere, den König, zur Rechenschaft ziehen.

Auch in neuerer Zeit ist Sechse kommen durch die ganze Welt als gerechter Aufstand von Ausgebeuteten verstanden worden, so in der DEFA-Verfilmung Sechse kommen durch die Welt von 1972. Den Soldaten und damit die Hauptrolle in dieser Verfilmung spielt der Oscarpreisträger Jiří Menzel.

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth benannte anlässlich der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises 2001 die Sechse als eines seiner Lieblingsmärchen, weil es „optimistisch“ sei.

Herkunft[Bearbeiten]

Grimms Anmerkung notiert Aus Zwehrn (wohl von Dorothea Viehmann), wobei der Läufer zum Bremsen eine Kanone am Bein hat. Eine fast gleiche paderbörnische Erzählung (von Familie von Haxthausen) hat den Läufer wie oben und einen Horcher, der die Toten unter der Erde singen hört. Eine dritte Erzählung aus den Schwalmgegenden (von Ferdinand Siebert und entweder beeinflusst von oder aus derselben Quelle stammend Das Pfänderspiel von Johann Gottlieb Schummel, 1777) schildert nur vier Gesellen: Der Läufer holt Wild, der Bläser bläst die Leute aus den Dörfern oder durch die Schornsteine, der Starke trägt die Beute, der Horcher horcht nach verfolgenden Reitern. Der Läufer holt der kranken Königstochter fristgerecht das Heilkraut und verlangt vom König Gold, soviel der Starke tragen kann. Der König schickt Reiter nach, der Horcher hört sie, der Läufer sieht sie, der Bläser bläst sie weg.

Grimms erzählen noch das Volksbuch Historie des pommerschen Fräuleins Kunigunde, welche nach vielen wunderlichen Begebenheiten eine Königin geworden nach: Marksbein fällt viele Bäume, Vogelschnell würde mit losen Beinen Kirche und Hafen überspringen, Scharfschütz ohne Augenbinde das Land von Wild leeren, Feinohr hört Gras und Kraut wachsen (wie Heimdallr, Snorra Edda), Blasius treibt 50 Windmühlen, Saufaus schafft einen Teich, Vielfraß tausende Brote. Kunigunde, als Mann verkleidet, macht einen Drachen betrunken, indem Saufaus dessen Teich austrinkt und mit Wein füllt. Sie gewinnt Schätze vom Kaiser, indem sie um die Wette essen, trinken und laufen, wobei Feinohr den von Schlaftrunk betäubten Vogelschnell schnarchen hört und Scharfschütz ihn wach schießt. Marksbein trägt die Schätze, Saufaus trinkt einen Fluss aus dem Weg, Blasius versenkt die verfolgenden Kähne. Kunigunde hat die Diener und ein sprechendes Pferd von einem Zauberer. Die Königin zwingt sie zu den Aufgaben aus verschmähter Liebe und lässt sie zum Tod verurteilen. Dabei stellt sich Kunigunde als Frau heraus, bekommt den König, den sie liebt, die Königin stirbt an Gift.

Grimms nennen weiter Erzählung 39 aus Chavis' Cabinet des fées, wo Felsenspalter, Saufaus, Scharfaug, Gradaus, Vogelschnell, Starsrücken, Wolkenhascher und Aufbläser vorkommen; bei Colshorn Nr. 105; Meier Nr. 8, Nr. 31; Müllenhoff Sinroth; Wolfs Deutsche Märchen Nr. 25; Münchhausen; Thors Diener Thialfi; Brants Mahlzeiten in altdänischen Liedern; Asbjörnsen Nr. 24; Pentameron 5,8 und 1,5; Aulnoy Nr. 20.

Aus ihrer eigenen Sammlung vergleichen die Brüder Grimm KHM 134 Die sechs Diener (siehe ferner KHM 22 Das Rätsel, KHM 64 Die goldene Gans, KHM 114 Vom klugen Schneiderlein, KHM 116 Das blaue Licht).

Bei Basile ist Lo gnorante ähnlich (Pentameron 3,8), das auch Grimms Fassung beeinflusste. Zur versuchten Verbrennung der Sechse vgl. Buch Daniel 3,19-28. Es besteht auch Ähnlichkeit mit der griechischen Argonautensage.[1]

Zeichentrickserie[Bearbeiten]

Musik[Bearbeiten]

  • Der Komponist und Texter Roland Zoss vertonte 2004 Sechse kommen durch die ganze Welt in der Schweizer Mundart-Märchenserie Liedermärli

Literatur[Bearbeiten]

  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 132-135, 474. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Berlin 2008. S. 169-171. (de Gruyter; ISBN 978-3-11-019441-8)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Röhrich, Lutz: Märchen – Mythos – Sage. In: Siegmund, Wolfdietrich (Hrsg.): Antiker Mythos in unseren Märchen. Kassel 1984. S. 14. (Veröffentlichungen der Europäischen Märchengesellschaft Bd. 6; ISBN 3-87680-335-7)