Seiliger-Kreisprozess

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Druck-Volumen-Diagramm des Seiliger-Prozesses
Temperatur-Entropie-Diagramm des Seiliger-Prozesses

Der Seiliger-Kreisprozess ist ein gemischter Vergleichsprozess (Gleichraum- und Gleichdruckprozess), der verwendet wird, um die Vorgänge in Verbrennungsmotoren darzustellen. Er bildet den sogenannten vollkommenen Motor ab. Sowohl der Gleichdruckprozess als auch der Gleichraumprozess sind als Spezialfälle im Seiliger-Prozess enthalten.

Der Gleichdruckprozess (Diesel-Prozess) mit seiner rein isobaren Wärmezufuhr kann in der Praxis nicht realisiert werden, da eine Wärmezufuhr ohne Druckerhöhung nicht möglich ist. Der Gleichraumprozess (Otto-Prozess) mit seiner rein isochoren Wärmezufuhr kann in der Praxis nicht realisiert werden, da eine beliebig schnelle Wärmezuführung nicht möglich ist. Die teilweise isobare und teilweise isochore Wärmezufuhr im Seiliger-Prozess liefert eine gute Annäherung an die real ablaufenden Prozesse in Diesel- und Ottomotoren.

Prozessablauf[Bearbeiten]

Der 1922 von Myron Seiliger vorgeschlagene Vergleichsprozess gliedert sich bei Motoren ohne Motoraufladung in fünf Prozessschritte:

  • (1 - 2) isentrope Verdichtung. Energieübertragung in Form von Arbeit w > 0.
  • (2 - 3) isochore Verbrennung. Energieübertragung in Form von Wärme q > 0.
  • (3 - 4) isobare Verbrennung und Ausdehnung. Energieübertragung in Form von Wärme und Nutzarbeit q > 0 , w < 0.
  • (4 - 5) isentrope Entspannung. Energieübertragung in Form von Nutzarbeit w < 0.
  • (5 - 1) isochores Auspuffen. Energieübertragung in Form von Wärme und Arbeit q < 0 , w < 0.

Dabei bedeuten positive Wärme- oder Arbeitsenergiewerte eine Energiezufuhr und negative Arbeits- oder Wärmeenergiewerte eine Energieabgabe an das Arbeitsgas. Der Gaswechselzyklus (isobares Ausstossen und Ansaugen) ist nicht berücksichtigt.

Wirkungsgrad[Bearbeiten]

Der thermische Wirkungsgrad des Seiliger-Prozesses hängt, nebst dem Volumenverhältnis  \varepsilon (Expansionsverhältnis, Verdichtungsverhältnis) und dem Isentropenexponent \kappa von der Aufteilung der zugeführten Wärmemenge für das Drucksteigerungsverhältnis  \xi und der Wärmemenge für das Voll- oder Gleichdruckverhältnis  \psi ab und lässt sich folgendermaßen bestimmen:

 \eta_{th \, \mathrm{Seiliger}} = 1 - \frac {1}{\varepsilon^{\kappa -1}} \cdot \frac{\psi^{\kappa}\xi-1}{\xi-1+\kappa\xi(\psi-1)}

Der erste Hauptfaktor ist der thermodynamische Verlust für den Gleichraumprozess. Der zweite Hauptfaktor ist der zusätzliche Verlust durch den Gleichdruckprozess und somit größer als 1. Der Gleichraumprozess ist effizienter als der Gleichdruckprozess. Der thermische Wirkungsgrad des Seiliger-Prozesses liegt zwischen dem Gleichraumprozess und dem Gleichdruckprozess.

\varepsilon=\frac{V_1}{V_2}; V1 ist das Expansionsvolumen bzw. der Ausdehnungsraum. V2 das Kompressionsvolumen bzw. der Verdichtungsraum.
 \kappa = \frac{c_p}{c_V} ; Isentropenexponent (Brenngas bzw. Abgas von 1000 °C hat einen Wert von ca. 1,3). Je höher das Verhältnis von cp zu cV desto höher der Wirkungsgrad.
\ c_p ; Spezifische Wärmekapazität bei konstantem Druck (Brenn- bzw. Abgas von 1000 °C hat ca. 1250 J/kgK)
\ c_V ; Spezifische Wärmekapazität bei konstantem Volumen (Brenn- bzw. Abgas von 1000 °C hat ca. 950 J/kgK).
R_s = c_p - c_V; Spezifische Gaskonstante. Sie bleibt über einen grossen Temperaturbereich konstant und beträgt für Frischgas und Abgas ca. 295 J/kgK.
\xi=\frac{p_3}{p_2}=\frac {T_3}{T_2}; Druck- und Temperatursteigerungsverhältnis mit isochorer Verbrennung. Je größer die Druck- und Temperatursteigerung, desto höher der thermische Wirkungsgrad.
p_2 = p_1\cdot\varepsilon^\kappa; Verdichtungsdruck. p1 ist der Anfangsdruck, z.B. 1 bar.
T_2 = T_1\cdot\varepsilon^{\kappa-1}; Verdichtungstemperatur. T1 ist die Anfangstemperatur in Kelvin (Frischgas und Restabgas) vor dem Verdichtungstakt, z.B. 400 K (ca. 127 °C).
p_3=p_2\frac{T_3}{T_2}   und   T_3 = T_2 \frac{p_3}{p_2}; Druck und Temperatur nach der Gleichraumverbrennung. p3 und T3 ergeben sich nach der gewählten Aufteilung von Gleichraum- und Gleichdruckverhältnis.
\psi=\frac {V_4}{V_3}=\frac {T_4}{T_3}; Gleichdruck-Raumverhältnis (Einspritzverhältnis, Volldruckverhältnis bei isobarer Verbrennung). T4 und V4 ergeben sich nach der gewählten Aufteilung von Gleichraum- und Gleichdruckverhältnis. Je geringer die Gleichdruckzahl desto höher der Wirkungsgrad.
 \eta_{th \, \mathrm{Carnot}} = 1 - \frac {T_1}{T_4}; Der Carnot-Wirkungsgrad bestimmt die theoretische Obergrenze aller thermodynamischen Kreisprozesse.

Zur Veranschaulichung der Zustandsgrößen wird im Folgenden ein ideales Gas mit temperaturunabhängiger und gleicher Wärmekapazität für Verdichtung und Expansion benutzt.

Aufteilung Drucksteigerung - Gleichdruck[Bearbeiten]

Die Wärmezufuhr des gemischten Prozesses setzt sich wie folgt zusammen:

Q_{zu}=Q_{GR}+Q_{GD}=m \left[c_V (\frac {T_3}{T_2}-1)T_2 + c_p (\frac{T_4}{T_3}-1)T_3 \right] Wärmezufuhr (J) für den gesamten Arbeitstakt. QGR ist der Wärmeumsatz bei konstantem Volumen und QGD ist der Wärmeumsatz bei konstantem Druck. Beim Dieselmotor mit mehrfacher Direkteinspritzung kann die Aufteilung frei gewählt werden. Beim Benzinmotor ohne Direkteinspritzung kann die Aufteilung nur über den Zündzeitpunkt beeinflusst werden. m ist die Heiz- oder Gemischmasse des Arbeitsgases (kg). Die spezifische Wärmekapazität cV der Heizmasse (Brenngas bzw. Abgas bei ca. 1000 °C) beträgt etwa 0.95 kJ/kgK.

Statt mit absoluten Heizenergien und Massen zu rechnen, wird im Folgenden mit spezifischen Heizenergien und Massen gerechnet.

\! H_u = H_{GR} + H_{GD}; spezifische Heizenergie (J/kg) für den gesamten Arbeitstakt. HGR ist der Heizenergieanteil für die Gleichraumphase und HGD für die Gleich- oder Volldruckphase. Zum Beispiel: 42 MJ/kg Hu = 20 MJ/kg HGR + 22 MJ/kg HGD. Je mehr Energie für die Gleichraumphase, desto weniger für die Volldruckphase.
T_3=T_2+\frac{H_{GR}}{m_H c_V}; Temperatur nach der Gleichraumverbrennung. mH ist die spezifische Heizmasse zu Brennstoffmasse (kg/kg). Zum Beispiel 18 kg Luft und Restabgas pro kg Benzin. cV = cp / κ.
T_4=T_3+\frac{H_{GD}}{m_H c_p}; Höchsttemperatur nach der Gleichdruckverbrennung. mH ist die spezifische Heizmasse pro Brennstoffmasse (kg/kg). Zum Beispiel 21 kg Luft und Restabgas pro kg Diesel. cp = cV × κ.

Drucksteigerungsverhältnis[Bearbeiten]

Die Drucksteigerung p3/p2 entspricht auch der Temperaturerhöhung T3/T2 während der Gleichraumphase. Die absolute Druckzunahme p3-p2 ist direkt abhängig von der spezifischen Energiezufuhr HGR.

\xi=\frac{H_{GR}}{m_H c_V T_2}+1; Drucksteigerungszahl. HGR ist die Heizenergie (J/kg) für die Gleichraumphase. Je höher die Drucksteigerung desto höher der Wirkungsgrad.
p_3=p_2\cdot\xi   und   T_3=T_2\cdot\xi; Druck und Temperatur nach der Gleichraumverbrennung. p3 ist der Maximaldruck.

Gleichdruckverhältnis[Bearbeiten]

Die Volumenvergrößerung V4/V3 entspricht auch der Temperaturerhöhung T4/T3 während der Gleichdruckphase. Die absolute Temperaturzunahme T4-T3 ergibt sich direkt aus der spezifischen Energiezufuhr HGD.

\psi=\frac{H_{GD}}{m_H c_p T_3}+1   oder   \psi=\frac{H_u} {m_H c_p T_1 \varepsilon^{\kappa-1}\xi}-\frac {1}{\kappa}+ \frac{1}{\kappa\xi}+1; Temperatur- und Raumsteigerungszahl für den Gleichdruckprozess. T1 ist die Anfangstemperatur nach dem Ansaugtakt vor der Verdichtung und Hu die zugeführte spezifische Heizenergie (J/kg) für den gesamten Arbeitstakt. Zum Beispiel 42 MJ/kg für Diesel oder Benzin.
T_4=T_3\cdot\psi   und   V_4=V_3\cdot\psi; Temperatur und Volumen nach der Gleichdruckverbrennung. T4 ist die Höchsttemperatur.

Dieselmotor[Bearbeiten]

Im Dieselmotor werden diese fünf Prozessschritte wie folgt realisiert:

  • (1 - 2) Der Kolben bewegt sich in Richtung oberer Totpunkt. Die sich im Zylinder befindliche Luft wird verdichtet. Das heißt, es wird Arbeit an der Luft verrichtet.
  • (2 - 3) Der Dieselkraftstoff wird in den Brennraum eingespritzt. Durch die hohe Temperatur der komprimierten Luft entzündet sich das Verbrennungsgemisch und die innere Energie des Brennstoffs wird in Form von Wärme freigesetzt. Dies erfolgt in diesem Prozessschritt zunächst bei gleichbleibendem Volumen.
  • (3 - 4) Durch die andauernde Verbrennung wird die Temperatur weiter erhöht, sodass der Druck der Brenngase den Kolben in Richtung unterer Totpunkt bewegt. Dabei wird technische Arbeit am Kolben geleistet (Kraft mal Weg).
  • (4 - 5) Das Verbrennungsgas entspannt sich bei gleichbleibender Entropie. Das Volumen des Verbrennungsgases steigt an, bis der Kolben den unteren Totpunkt erreicht. Am Kolben wird technische Arbeit geleistet.
  • (5 - 1) Das Auslassventil wird geöffnet und das Abgas wird aus dem Brennraum geschoben. Dabei wird Energie in Form von Restdruck und Wärme abgeführt.

Ottomotor[Bearbeiten]

Im Ottomotor werden diese fünf Prozessschritte wie folgt realisiert:

  • (1 - 2) Der Kolben bewegt sich in Richtung oberer Totpunkt und das Luft-Kraftstoff-Gemisch wird verdichtet. Das heißt, es wird Arbeit am Luft-Kraftstoff-Gemisch verrichtet.
  • (2 - 3) Die Zündkerze startet die Verbrennung des Luft-Kraftstoff-Gemisches vor dem oberen Totpunkt und die innere Energie des Brennstoffs wird in Form von Wärme und Druck freigesetzt. Dies erfolgt zunächst bei ungefähr gleichem Volumen (isochor).
  • (3 - 4) Nach dem oberen Totpunkt des Kolbens erreicht die Verbrennung vor der Höchsttemperatur nun Höchstdruck, der solange gehalten wird (isobar) bis der Hauptteil des Gemisches verbrannt ist und die Temperatur wieder sinkt.
  • (4 - 5) Das Gemisch verbrennt nun vollständig und das Brenngas entspannt sich weiter bei gleichbleibender Entropie bis der Kolben den unteren Totpunkt erreicht. In dieser Prozessphase wird am Kolben technische Arbeit geleistet (Arbeitstakt).
  • (5 - 1) Das Auslassventil wird geöffnet und das Abgas wird aus dem Brennraum geschoben. Dabei wird Energie in Form von Restdruck und Wärme abgeführt.

Realer Prozess beim Viertakter[Bearbeiten]

pV-Diagramm mit Ladungswechsel

Das Ansaugen und Ausschieben ist mit Reibungs- und Pumpverlusten verbunden (linksdrehende Schleife im pV-Diagramm für die Ladungswechselarbeit). Die Voreinspritzung oder die Zündung erfolgt vor dem oberen Totpunkt, was ebenfalls negativ in die Nutzarbeitsbilanz einfließt. Ein Teil der Verbrennungsenergie (neben endothermer Bildung von Stickoxid und andern schädlichen Abgasen) geht ohne Arbeitsleistung durch Wärmeübergang an die Brennraumwände verloren. Der Höchstdruck ist tiefer als der rechnerische wegen Abdichtungsverlusten. Die Expansionskurve liegt somit unterhalb des idealen Verlaufes. Das Auslassventil wird vor dem unteren Totpunkt geöffnet, was die Prozessfläche (Arbeitsleistung) abrundet und verkleinert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Kalide: Kolben und Strömungsmaschinen. 1. Auflage, Carl Hanser Verlag, München Wien, 1974, ISBN 3-446-11752-0.
  • Richard van Basshuysen, Fred Schäfer: Handbuch Verbrennungsmotor Grundlagen, Komponenten, Systeme, Perspektiven. 3. Auflage, Friedrich Vieweg & Sohn Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, 2005, ISBN 3-528-23933-6.
  • Heinz Herwig: Technische Thermodynamik. 1. Auflage, Pearson Studium, München, 2007, ISBN 978-3-8273-7234-5.
  • Heinz Grohe: Otto- und Dieselmotoren. 11. Auflage, Kamprath-Reihe, Vogel Buchverlag ISBN 3-8023-1559-6

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Carnot-Prozess (theoretisch maximaler thermodynamischer Wirkungsgrad)

Weblinks[Bearbeiten]