Seitensprung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Seitensprung ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine vorübergehende sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen mindestens einer verheiratet ist[1] oder sich in einer sonstigen festen sozialen Partnerbeziehung befindet.[2]

Der Begriff wird meist für einen kurzfristigen Ausbruch aus der ehelichen Beziehung verwendet. Weitere Begrifflichkeiten sind fremdgehen, seinen Partner betrügen, Affäre oder Ehebruch, wobei Ehebruch heutzutage fast nur noch als rechtlicher Ausdruck verwendet wird. Seit den 1960er-Jahren wird das Fremdgehen nicht mehr zum Bereich der Unzucht gezählt. Der Begriff wird erst seit einigen Jahrzehnten im Zusammenhang mit Ehebruch gebraucht.

Historische Einordnung[Bearbeiten]

Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

Die negativen Konnotationen des Seitensprungs lassen vermuten, dass Ehebruch auch in vergangenen Kulturen als unmoralisch oder illegal angesehen wurde und sich diese Ansichten bis in die Neuzeit erhalten haben. Babylonische Gesetze verboten schon 2000 Jahre vor Christus den Ehebruch. Auch überlieferte griechische und römische Gesetze geben Aufschluss über die Handhabung von Ehebrechern. Diese bezogen sich jedoch meist nur auf ehebrechende Frauen. Dieser Ungleichheit liegt weniger der unmoralische Charakter des Ehebruchs zu Grunde sondern mehr die verbreitete Auffassung der Ehefrau als Besitz des Mannes. Gesetze dieser Art dienten vor allem dem Schutz der Erblinie, denn entstünde aus dem Seitensprung der Ehefrau ein Kind, könnte die Ehebrecherin dieses ihrem Ehemann als sein eigenes unterschieben. Im Gegensatz dazu musste ein fremdgehender Ehemann keine Verantwortung für ein entstehendes Kind übernehmen, da sich die Familie der Mutter darum zu kümmern hatte.[1]

Gesetze, die Frauen erheblich benachteiligten, sind noch vom Mittelalter bis in die Neuzeit zu finden. Erst das StGB von 1871 regelt gleiche Strafen für ehebrechende Männer und Frauen.[3] Ab 1969 bleibt ein Seitensprung straffrei, Ehebruch wird jedoch zivilrechtlich weiter als unerlaubte Handlung angesehen.

Studien und Ergebnisse[Bearbeiten]

Seit Jahren versuchen Forscher die Gründe für Seitensprünge herauszufinden. Die Ergebnisse werden dabei häufig durch die Hintergründe der Forscher beeinflusst. So unterscheiden sich Forschungsergebnisse von Psychologen deutlich von denen der Evolutionsbiologen und Verhaltensforscher.

Ragnar Beer und Theratalk[Bearbeiten]

Ragnar Beer, Psychologe und Paartherapeut, lehrte mehrere Jahre an der Universität Göttingen im Bereich Eheberatung und Paartherapie in Theorie und Praxis. Seit 1996 beschäftige er sich mit dem Thema Online-Paartherapie und rief dazu das Projekt "Theratalk" ins Leben. Im Rahmen dieses Projektes führten er und sein Team mehrere Studien zum Thema Seitensprung durch. Dabei wurde besonderer Wert auf die Psyche der Befragten gelegt.

  • Eine Vorstudie ergab, dass etwa 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen sexuelle Unzufriedenheit in der Beziehung als Grund für den begangenen Seitensprung sahen.[4]
  • Eine Befragung unter 3334 heterosexuellen Männern (34 %) und Frauen (66 %), deren Partner fremdgegangen waren, zeigt, dass die Betrogenen oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen wie Depressionen, Angstattacken oder Herzrhythmusstörungen leiden. Die Studie ergab außerdem, dass ein Seitensprung nur in seltenen Fällen ein One-Night-Stand war. Über zwei Drittel der Betrogenen gaben an, dass die Affären ihrer Partner länger als einen Monat andauerten.[5]
50 % der betrogenen Männer und 55 % der betrogenen Frauen kontrollieren, ob sie von ihrem Partner noch immer oder wieder betrogen werden …
… die Betrogenen durchsuchen die Taschen ihres Partners, durchstöbern seine Post, lesen seine E-Mails und checken sein Handy auf Telefonate und SMS
48 % der Männer und 53 % der Frauen haben die Untreue ihres Partners erahnt
58 % der Frauen, die etwas geahnt hatten, haben den Seitensprung herausgefunden
51 % der Männer, die etwas geahnt hatten, haben den Seitensprung herausgefunden
70 % der Frauen sind wütend auf die andere Frau, 68 % auch auf den eigenen Mann
70 % der Männer sind wütend auf den anderen Mann, aber nur 47 % auf ihre Partnerin“[4]
  • Eine dritte Studie befragte 2601 heterosexuelle Untreue, wovon 45 % der Befragten Männer und 55 % Frauen waren. Die Ergebnisse deckten sich teilweise mit denen der Vorgängerstudie mit Betrogenen.
Untreue Frauen fanden ihren Liebhaber zu 35 % im Freundeskreis. Männer gingen zu 28 % mit Freundinnen und zu 20 % mit Kolleginnen fremd
Für die meisten der Befragten war es nicht der erste Seitensprung. 51 % der Männer und 45 % der Frauen waren in der aktuellen Partnerschaft schon untreu
Zwei Drittel der Affären liefen länger als einen Monat. Etwa ein Drittel dauerte sogar länger als ein halbes Jahr. One-Night-Stands kommen dagegen selten vor
Auch die Liebhaber waren oft gebunden: Frauen zu 58 und Männer zu 52 Prozent
Ist der Seitensprung aufgeflogen, bricht der Kontakt zum Liebhaber nicht ganz ab
Etwa 40 % sehen ihre Affäre weiterhin mindestens einmal die Woche“[6]

Robin Baker[Bearbeiten]

Der britische Verhaltensbiologe Robin Baker veröffentlichte 1996 das Buch Krieg der Spermien (Originaltitel: Sperm Wars), in dem er seine Theorien zum Thema Sex darlegt. Dabei nutzt er vor allen Dingen evolutionsbiologische Ansätze, um zu erklären, warum Menschen fremdgehen. Baker stützt sich insbesondere auf die Theorie der Spermienkonkurrenz bei Tieren und wendet sie auf den Menschen an.

Weitere Studien[Bearbeiten]

Neben diesen zwei Studien gibt es zahlreiche weitere Befragungen, die sich des Themas angenommen haben.

  • In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen Innofact hat eine Partneragentur eine Umfrage durchführen lassen, um nähere Ursachen für Seitensprünge herauszufinden. Die Studie ergab, dass für 46 % der Männer fehlende sexuelle Befriedigung der Hauptgrund für einen Seitensprung ist. Mit 56 % war für Frauen hingegen mangelnde Aufmerksamkeit durch ihren Partner der Hauptauslöser.[7]
  • Für eine Studie ließ Paul Andrews von der Virginia Commonwealth University in Richmond 203 junge, heterosexuelle Paare zum Thema befragen. Den Ergebnissen zufolge erkennen Männer öfter als Frauen, ob ihr Partner einen Seitensprung hatte. Während die männlichen Befragten zu 75 % die in der Befragung zugegebenen Seitensprünge erkannten, kamen Frauen nur auf eine Trefferquote von 41 %. Andrews erklärte die Ergebnisse damit, dass Männer argwöhnischer sind, was die Treue ihrer Partnerinnen angeht. Denn hier sei die Möglichkeit gegeben, dass sie ihre Ressourcen in das Aufziehen von fremdem Nachwuchs (Kuckuckskindern) stecken.[8]

Seitensprung weltweit – Zahlen und Fakten[Bearbeiten]

  • In Russland geht nur jeder vierte Russe fremd. Insbesondere Moskau allerdings fällt aus dem Rahmen – denn dort gehen 76% aller männlichen Einwohner fremd. Die Geliebte wird dabei als Statussymbol betrachtet. Bei den Frauen sind es wesentlich weniger, die fremdgehen. In ganz Russland sind es etwa 20% der Frauen, in Moskau etwa 40%.
  • In Italien betrügen nach eigener Aussage 67% der Männer ihre Ehefrauen. Das Forschungsinstitut Censis hat allerdings ausgewertet, dass lediglich 25% der Männer tatsächlich fremdgehen.
  • 29% der Schweizer haben außerehelichen Sex – und zwar sowohl Männer als auch Frauen
  • In Schweden gehen 38% der Männer und 23% der Frauen fremd
  • In den USA gehen lediglich 15 bis 17 Prozent fremd – und das auch noch mit schlechtem Gewissen, wie eine Studie der Forscherin Pepper Schwartz beweist. Dabei spielen Schuldgefühle und moralische und religiöse Bedenken eine wichtige Rolle.[9]

Das Geschäft mit dem Seitensprung[Bearbeiten]

Seit ein Seitensprung nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird, haben einige Geschäftsleute eine Marktlücke für sich erkannt. Seitensprungagenturen wurden ins Leben gerufen und vermitteln an Interessenten Kontakte zum Fremdgehen. Durch das Internet werden jedoch mittlerweile stationäre Agenturen mehr und mehr durch Kontaktbörsen im Internet verdrängt. Zahlreiche Anbieter bieten nicht nur Kontaktmöglichkeiten, sondern geben auch Ratschläge und Tipps, wie man den eigenen Seitensprung vor dem Partner geheim halten kann.

Prinzipiell unterscheidet man folgende Arten von Seitensprungagenturen:

  • Stationäre Seitensprungagenturen: z.B. telefonische Vermittlung
  • Online-Seitensprungagenturen: Reine Online-Seitensprungagenturen werden zunehmend von sogenannten Casual-Dating-Services verdrängt, die sich nicht auf Seitenspringer beschränken, sondern erotische Kontakte aller Art vermitteln. In der Regel sind diese Angebote für Frauen kostenlos, während Männer für die zeitlich beschränkte Nutzung zahlen müssen. Die weltweit mitgliederstärkste Online-Seitensprungagentur Ashley Madison konnte in Deutschland bisher kaum Fuß fassen.[10]

Auch allgemeine Kontaktbörsen bieten mittlerweile Rubriken, wo Affären und Seitensprünge gesucht werden können. Hinzu kommt, dass angeblich rund 20% aller männlichen Nutzer von Kontaktbörsen in ihren Profilen nur vorgeben, Single zu sein, um ihre Chancen auf kurzfristige Dates zu erhöhen.[11]

Gesundheitliche Risiken[Bearbeiten]

Der Seitensprung in der Ehe ist insbesondere für den Mann mit einer erhöhten Gesundheitsgefahr verbunden. Zwischen 82 und 93% aller tödlichen Herzinfarkte, die sich während des Geschlechtsverkehrs ereigneten, entfielen in Autopsiestudien auf den Mann.[12] Dabei trat der Tod in drei Viertel der Fälle beim Sex mit einer außerehelichen Affäre ein, zumeist mit einer jüngeren Partnerin in ungewohnter Umgebung und/oder in Verbindung mit übermäßigem Alkohol- und Esskonsum.[12] Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, beim Sex eine Herzattacke zu erleiden, mit 0,6–1,7 % im Vergleich zu anderen Todesumständen gering.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrea Bräu: Es war doch nur Sex!: Seitensprung – ein altes neues Verlangen. Südwest Verlag 2011, ISBN 978-3517087030

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Marshall Cavendish Corp: Sex and Society. 2010, S. 39.
  2. Duden, Seitensprung
  3. Duncker, Arne: Gleichheit und Ungleichheit in der Ehe. Köln u.a., 2003, S. 719.
  4. a b Hollweg, Petra; Krischer, Markus: Der Seitensprung. In: FOCUS Magazin. Ausg. 19, 2006. URL: http://www.focus.de/kultur/leben/exklusiv-studie-der-seitensprung_aid_215655.html (abgerufen am 2. Juli 2010)
  5. http://www.theratalk.de/studie_seitensprung_betrogene.html (abgerufen am 2. Juli 2010)
  6. Hollweg, Petra; Krischer, Markus:Rätselhafte Affären. In: FOCUS Magazin Ausg. 38, 2006. URL: http://www.focus.de/kultur/leben/seitensprung-studie-raetselhafte-affaeren_aid_213601.html (abgerufen am 2. Juli 2010)
  7. http://www.focus.de/gesundheit/ticker/sexualitaet-schlechter-sex-treibt-vor-allem-maenner-zum-seitensprung_aid_349289.html (abgerufen am 2. Juli 2010)
  8. http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/partnerschaft/news/seitensprung-maenner-merken-betrug-frueher_aid_344519.html (abgerufen am 2. Juli 2010)
  9. http://www.seitensprung-fibel.de/seitensprung-studie_1-italien.php Andere Länder, andere Seitensprünge: Klischees und Kuriositäten rund um den Ehebruch (abgerufen am 30. Juli 2013)
  10. http://www.getestet.de/ashleymadison-test/ (abgerufen am 9. Juli 2012)
  11. http://www.singleboersen-vergleich.de/tipps/kontaktanzeige_partnervermittlung.htm (abgerufen am 9. Juli 2012)
  12. a b c Glenn N. Levine et al.: „Sexual Activity and Cardiovascular Disease. A Scientific Statement From the American Heart Association“, in: Circulation. Journal of the American Heart Association, Bd. 125, Nr. 8 (2012), S. 1058–1072 (1060)

Quellen[Bearbeiten]