Sektoralkreis

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Sektoralkreise (rot) um Berlin und Bremen; als Pendants die Kragenkreise um München und Kassel (blau), die jeweils nahezu den gesamten Speckgürtel umfassen

Ein Sektoralkreis ist ein Landkreis, der sich von einer Metropole bis weit in deren Hinterland ausdehnt. Am konsequentesten wurde das Konzept der Sektoralkreise im Land Brandenburg umgesetzt[1], wo acht Landkreise direkt an die Stadt Berlin grenzen und sich vom Speckgürtel schlauchförmig ins strukturschwache Hinterland erstrecken. Dabei bilden sie annähernd einen geometrischen Sektor, wobei sieben von ihnen bis an die brandenburgische Außengrenze reichen.

Das Gegenstück zu einem Sektoralkreis ist der Kragenkreis, also ein Landkreis, der wie ein „Kragen“ die Metropole umschließt und daher den kompletten oder den unmittelbaren Teil des Speckgürtels einer Metropole enthält, wie zum Beispiel der Landkreis Regensburg in Bayern oder der Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg. Solche Kragenkreise gab es auch in Nordrhein-Westfalen bis zur Gebietsreform von 1973/75 (Kreise Bielefeld, Herford und Münster).

Die zugrunde liegende Idee für einen Sektoralkreis ist, dass durch das Sektoralkreisprinzip der jeweilige Landkreis sowohl prosperierende Regionen als auch infrastrukturschwache Bereiche auf seinem Gebiet hat und so finanziell dennoch auf eigenen Füßen stehen kann. Durch den Sitz der Kreisverwaltung im äußeren, strukturschwachen Bereich sollen wirtschaftliche Impulse in die benachteiligten Bereiche erwirkt werden. Ziel ist, einen Teil der Wertschöpfung der Metropole in das periphere Hinterland des Flächenlandes zu transferieren.

Sektoralkreise gibt es:

  • in Brandenburg in Bezug auf die Metropole Berlin (acht Kreise),
  • in Niedersachsen um das Oberzentrum Bremen (fünf Kreise),
  • in Schleswig-Holstein um die Metropole Hamburg (vier Kreise),
  • in Thüringen um die Landeshauptstadt Erfurt (vier Kreise),
  • in Bayern ferner um die Stadt und den Landkreis München zusammengenommen (neun Kreise).

Mehr als drei Landkreise um eine Großstadt gibt es auch in Hessen um Frankfurt am Main und in Baden-Württemberg um Stuttgart, wobei diese nicht alle so starke Strukturunterschiede haben.

In Niedersachsen wurde in Bezug auf Bremen das Sektoralkreisprinzip angewendet, in Bezug auf die Landeshauptstadt Hannover mit der Schaffung der Region Hannover, die ein Ergebnis der Vereinigung des ehemaligen Kragenkreises Hannover mit der kreisfreien Stadt Hannover darstellt, jedoch in gewisser Weise eher eine modifizierte Form des Kragenkreises.

Neben beschriebenen Vorteilen hat das Sektoralkreisprinzip aber auch entscheidende Schwächen. So wird die Koordinierung zwischen der Metropole und dem Umland, z. B. hinsichtlich der Ausweisung von Industriegebieten, Bau von Straßen usw. erschwert, da die Metropole solche Abstimmungen nicht nur mit einem Kragen-Landkreis, sondern einer Großzahl von Kreisverwaltungen durchführen muss, die ihrerseits jeweils ihre Partikularinteressen durchzusetzen wünschen. Weiterhin weicht, wie beschrieben, der Sektoralkreis bewusst vom Prinzip ab, dass ein Verwaltungszentrum möglichst im geographischen Mittelpunkt oder zumindest im Bereich des Bevölkerungsschwerpunktes einer Verwaltungseinheit liegen sollte. Durch die schlauchförmige Gestalt und die periphere Lage des Kreissitzes im dünn besiedelten Außenbereich wird der Großteil der Kreisbevölkerung für die Erledigung von Verwaltungsangelegenheiten zu sehr langen Anmarschwegen gezwungen. Da bei der Festlegung des Sektoralkreises auch kaum auf historische Grenzen und Räume Rücksicht genommen werden kann, ist es auch schwierig, dass die Bevölkerung sich mit dem Landkreis als traditioneller Heimatregion identifiziert.

Das Sektoralkreisprinzip liegt ausschließlich im Interesse des Flächenlandes. Bezeichnenderweise wurden Sektoralkreise in Flächenländern vor allem um Metropolen geschaffen, die nicht zum betreffenden Bundesland gehören, das Flächenland also kein bzw. kein unmittelbares Interesse an der wirtschaftlichen Prosperität der Metropole hat. Gehört die Metropole indes selbst zum Flächenland, ist der Vorteil für die Metropole auch ein Vorteil für das Land selbst. Tendenziell gibt es in solchen Fällen daher eher Kragenkreise oder neuerlich die modifizierte Form der Regionen, d. h. Regionalkreise. Sehr augenscheinlich wird dieses am Beispiel von Niedersachsen, wo einerseits um Bremen Sektoralkreise geschaffen wurden, andererseits um Hannover bzw. mit der Region Hannover das entgegengesetzte Modell favorisiert wurde.

In Österreich existieren im Norden der Hauptstadt Wien als Sektoralbezirke die Gebietskörperschaften Bezirk Gänserndorf, Bezirk Korneuburg und Bezirk Mistelbach.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bewertung der Kreisreform in Brandenburg (PDF; 193 kB)