Serapionsbrüder (Petrograd)

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Serapionsbrüder (russisch Серапионовы братья) war eine nach dem Vorbild der Berliner Serapionsbrüder von E. T. A. Hoffmann in Petrograd 1921 gegründete literarische Gruppe.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der Serapionsbrüderschaft beginnt im Jahr 1919. Damals wurde unter der Ägide Maxim Gorkis das Haus der Künste im Petrograd eröffnet. Im literarischen Studio der neuen Einrichtung bekamen junge Autoren die Gelegenheit, sich zu Lesungen und Gesprächen zu treffen und Seminare von erfahrenen Schriftstellern und Poeten wie Jewgeni Samjatin und Nikolai Gumiljow zu besuchen. In der von Revolution, Bürgerkrieg und politischem Druck auf die Kunstschaffenden geprägten Zeit war dieses Haus eines der Zentren des freien geistigen Lebens in Petrograd. In diesem Umfeld bildete sich langsam der Kreis jener jungen Schriftsteller, die sich mit einem von dem deutschen Romantiker E.T.A. Hoffmann entlehnten Namen „Die Serapionsbrüder“ nannten. Offiziell gegründet wurde die Gruppe 1921[1], und am ersten Februar dieses Jahres versammelten sich die Brüder zum ersten Mal. Die Serapionsbrüder waren Lew Lunz, Nikolai Nikitin, Michail Slonimski, Ilja Gruzdev, Konstantin Fedin, Wsewolod Iwanow, Michail Soschtschenko, Weniamin Kawerin, Wiktor Schklowski, Nikolai Radischtschew, Vladimir Pozner, Nikolai Tichonow und Jelisaweta Polonskaja. Schklowski und Gruzdev waren Literaturkritiker, Tichonow, Radischtschew und Polonskaja, die einzige Serapionsschwester, schrieben Gedichte, die restlichen Mitglieder waren Prosaschriftsteller und Publizisten. Die Aufnahme von neuen Mitgliedern wurde fast gleichzeitig mit der Gründung gestoppt. Viele andere Autoren, die den Serapions im Geiste oder als wirkliche Freunde nahestanden, durften an den regelmäßigen Versammlungen jedoch teilnehmen und auch mitreden. Die Gruppe hatte keine offiziellen Ämter und keine Vereinssatzung, obwohl Sitzungsprotokolle geschrieben wurden. Oftmals trafen sich die Brüder auch privat, meist im kleinen Zimmer von Slonimski am Newskij Prospekt, wo die Autoren ihre Werke vortrugen und sich darüber austauschten. Die meisten Mitglieder der Gruppe waren noch sehr jung und lebten von der finanziellen Unterstützung durch Maxim Gorki, der die Gruppe protegierte, obwohl die Serapionen die realistische Romanliteratur für überlebt hielten und damit auch das Werk ihres Gönners in Frage stellten.

Literatur der Serapionsbrüder[Bearbeiten]

Das Ziel der Serapionsbrüder war die Schaffung einer eigenen Erzählprosa, die sie als Absage an den Realismusgedanken des 19. Jahrhunderts betrachteten. Für sie stand die Architektur, die Form des Erzählens im Vordergrund, die ein kompliziertes optisches System bilden sollte. Typisch war dafür eine semantisch verschobene Erzählsprache und eine starke Betonung der Erzählform mit verwickeltem Handlungsaufbau und originellen Sprüngen. Damit einher ging eine neue formale Kritik der Prosa, die durch die Formalisten in der Gesellschaft zum Studium der dichterischen Sprache (OPOJAS) begründet wurde. Die Schriftsteller bedienten sich reichlich der Mittel des Humors, des Phantastischen und der Groteske. Grundlage ihres künstlerischen Schaffens war das Verlangen nach freiem Ausdruck und das leidenschaftliche Interesse an stilistischen und formalen Elementen. Sie forderten des Recht des Dichters auf seinen Erfindungsgeist und Phantasie ein und erfanden geradezu mit Hingabe verschiedenste neue Techniken und Kunstgriffe; das Schreiben betrachteten sie als ein Handwerk.

Viktor Schklowski umriss ihre Ästhetik so:

„Die Psychologie ist im Hintertreffen, Analysen sind abgeschafft, die Helden halten einander keine Ansprachen, vielfach fehlt sogar absichtlich die Motivierung für ihre Handlungen, weil vor dem Hintergrund der mit "Motivierung" überladenen russischen Literatur eine Handlung besonders plastisch wird, wenn ihr unmittelbar eine weitere folgt - die Handlungen sind miteinander nur durch die Dynamik der Erzählung verknüpft.[2]

Die jungen Schriftsteller fühlten sich mit der Revolution durchaus verbunden. "Niemand von uns ist gegen die Revolution", betonte Schklowski. Sie wollten sich aber keinesfalls von ihr bevormunden und instrumentalisieren lassen. Soschtschenko sagte, er sei weder Monarchist noch Kommunist, sondern ein „einfacher Russe“. „Wir haben uns Serapionsbrüder genannt, weil wir uns dem Zwang und der Beschränktheit widersetzen und weil wir dagegen sind, dass einer schreiben soll wie der andere“, sagte Lunz in dem so genannten Manifest „Warum wir Serapionsbrüder sind“. Jedes Kunstwerk habe sein eigenes Leben und müsse nicht die aktuelle gesellschaftliche Diskussion widerspiegeln, denn ein Künstler sei kein Seismograph der Gesellschaft, unterstrich Nikitin ebenda. Einige der Serapionsbrüder wie Tichonow und Iwanow und jene, die von ihnen beeinflusst wurden wie Leonov und Pavlenko waren sogar Mitläufer der Revolution. Sie setzten sich für die Idee der Revolution auch durchaus persönlich ein, dienten in der Roten Armee, und wollten sich an dem Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft beteiligen. Sie teilten die Ziele der Kommunistischen Partei, waren aber keine Parteimitglieder. Oft wurden Revolution und Bürgerkrieg als Themen für Erzählungen, Romane und Dramen herangezogen. Später mussten einige der Serapionsbrüder sich eingestehen, dass ein von der Politik losgelöstes künstlerisches Schaffen gar nicht möglich ist und arrangierten sich gewissermaßen mit der Macht und deren Forderungen an die Künstler. Nikolai Nikitin beispielsweise konnte dem im Laufe der Jahre immer größer werdenden Druck nicht widerstehen, versuchte, sich dem Geist des Sozrealismus anzupassen verlor aber dadurch seinen Stil und ist schließlich literarisch abgestiegen. Ganz anders meisterte Weniamin Kawerin die Situation, als man von den Schriftstellern verlangte, dass sie heroische Prachtschinken lieferten. Kawerin erfüllte sie, ohne seine künstlerische Würde zu verlieren, er schrieb den Klassiker der Sowjetliteratur Zwei Kapitäne.

Wie Lunz erklärte, waren die Autoren der Gruppe sehr unterschiedlich in ihrem künstlerischen Schaffen und ihren Ansichten auf die Literatur und deren Kritik. Lew Lunz, einer der begabtesten Schriftsteller der Gruppe, konnte seine Schaffenspläne nicht verwirklichen, denn er verstarb im Alter von 23 Jahren in Hamburg. Von ihm erschienen nur einige wenige Erzählungen sowie vier Dramen. Utopie, Satire und Phantastik gehörten zu den beliebtesten Mitteln von Lunz. In pointierter Form geschieht dies zum Beispiel in der Erzählung Sendeschreiben Nr. 37, in der sich der Chef einer Staatskanzlei durch Autohypnose in ein amtliches Schriftstück verwandelt, in das Symbol des bürokratischen Betriebes. Eigentlich jeder der Serapionsbrüder spielte seine besondere Rolle: Fedin ging in der Erneuerung des Romans voraus und setzte die realistische Tradition fort, Zoscenko führte als Humorist und Satiriker die Tradition von Zamjatin fort. Manche, wie Lunz und Fedin orientierten sich an die Westliche Literatur mit ihrem klarem Sujet und spannendem Handlungsaufbau, andere, wie Iwanow und Nikitin neigten eher der nationalen Tradition zu und wendeten sich eher gen Osten.

Ende der Gruppe[Bearbeiten]

Nachdem die Serapionsbrüder einige Werke veröffentlichen konnten, ging es - auch den Umständen der Zeit geschuldet - mit der Gruppe bereits nach wenigen Jahren bergab. Zu einer Jubiläumsveranstaltung im Februar 1926 kamen nicht mehr alle Brüder zusammen. Der Versuch, die Gruppe 1929 wiederzubeleben, scheiterte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Johannes Holthusen: Russische Literatur im 20. Jahrhundert. 2. unveränderte Auflage. Francke, München u. a. 1992, ISBN 3-7720-1270-1, (Uni-Taschenbücher 695).
  • Marc Slonim: Die Sowjetliteratur. Eine Einführung. Kröner, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-41801-0, (Kröners Taschenausgabe 418).
  • Viktor Schklowski: Die Serapionsbrüder, Erstveröffentlichung 1921, deutsch in: Die Erweckung des Wortes. Essays der russischen Formalen Schule, hrsg. von Fritz Mierau, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1987, S. 59-61 ISBN 3-379-00105-8

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Viktor Schklowski: Die Serapionsbrüder, Erstveröffentlichung 1921, siehe: Die Erweckung des Wortes, Leipzig 1987, S. 59-61
  2. Viktor Schklowski: Die Serapionsbrüder, Erstveröffentlichung 1921, siehe: Die Erweckung des Wortes, Leipzig 1987, S. 61