Sevim Dağdelen

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Sevim Dağdelen (2013)

Sevim Dağdelen (* 4. September 1975 in Duisburg) ist eine deutsche Politikerin der Linken und für ihre Partei Mitglied des Deutschen Bundestages.

Leben[Bearbeiten]

Die Tochter aus der Türkei eingewanderter Eltern gehörte von 1996 bis 1998 dem Vorstand der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen und dem Bundesvorstand der Bundesschülervertretung an und machte 1997 ihr Abitur. Anschließend begann sie ein Studium der Rechtswissenschaft zunächst an der Philipps-Universität Marburg, dann von 2001 bis 2002 an der Universität Adelaide und seit 2002 an der Universität zu Köln. Mittlerweile hat sie das Studium abgebrochen. „Das Büffeln, das Argumentieren nach ‚Schema F‘“ liege ihr nicht.[1]

Von 1993 bis 2001 war sie Mitglied der Bundesjugendkommission der Jugendorganisation der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF). Seit Februar 2003 gehört sie dem geschäftsführenden DIDF-Bundesvorstand an. Im März 2005 zählte Sevim Dağdelen zu den Mitbegründern des Bundesverbandes der Migrantinnen in Deutschland. Sie ist journalistisch für verschiedene türkische und deutsche Publikationen (zum Beispiel für Evrensel) und als Übersetzerin tätig. Seit 1991 ist Sevim Dağdelen Mitglied der Gewerkschaft ver.di.

Politik[Bearbeiten]

Seit 2005 ist Sevim Dağdelen Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie kandidierte 2005 direkt im Wahlkreis Krefeld II – Wesel II sowie 2009 und 2013 im Wahlkreis Bochum I und zog jedes Mal über die Landesliste Nordrhein-Westfalen der Partei Die Linke (bis 2007 Linkspartei.PDS) in den Bundestag ein. Sie ist Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages.

Sie gehört dem linken Parteiflügel an[2] und war eine der ersten Unterzeichnerinnen des Gründungsaufrufs der diesem Flügel nahen innerparteilichen Strömung der Antikapitalistischen Linken.[3]

Dağdelen trat im Dezember 2007 zusammen mit weiteren Abgeordneten der Linken in die Rote Hilfe ein.[4]

Nach der Rede des israelischen Präsidenten Schimon Peres vor dem Bundestag am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 2010 schloss sie sich, ebenso wie Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz, nicht dem stehenden Applaus der übrigen Abgeordneten an. Sie blieb sitzen, als Peres, der Überlebende, das Kaddisch für sechs Millionen Ermordete sprach; sie blieb sitzen, als der Präsident des Staates Israel "Nie wieder" sagte; sie blieb sitzen, als sich der Bundestag erhob.Dieses Verhalten wurde am 4. Februar 2010 in einem offenen Brief der Pfarrerin Barbara von Bremen von der St. Petri Kirche Dortmund, des Pfarrers Thomas Schöps von der Bleckkirche Gelsenkirchen und des Pfarrers Thomas Wessel von der Christuskirche Bochum scharf kritisiert. Darin heißt es am Schluss: "Auch Sie sind hier zu Gast gewesen.Sie werden es nicht mehr sein.Sie sind uns nicht erwünscht. Sie haben denen, die überlebt haben, den Respekt verweigert,unseren haben Sie restlos verloren."

Dağdelen führte als Grund dafür an, dass „Peres seine Rede zur ideologischen Vorbereitung auf einen Krieg gegen den Iran genutzt“ habe, indem er den Iran beschuldige, im Besitz von Atomwaffen zu sein, und ihn mit Nazideutschland gleichsetze.[5] Das Verhalten der drei Abgeordneten wurde auch von Klaus Lederer und Michael Leutert vom reformorientierten Flügel der Partei scharf kritisiert.[6][7]

2010 lehnte Dağdelen die Einladung des türkischen Premierministers Erdoğan zu einer Veranstaltung der türkischen Regierung nach Istanbul ab, die türkischstämmige Politiker in ihrer neuen Heimat zu mehr politischer Aktivität im Interesse der Türkei ermuntern sollte. Sie bezeichnete solche Versuche der Einflussnahme als „Nebenaußenpolitik“ des türkischen Staates und erklärte: „Daran möchte ich mich nicht beteiligen. Ich finde es bedauerlich und bedenklich, dass dies andere deutsche Politiker offenbar tun.“[8]

Anfang 2011 unterzeichnete sie einen Aufruf, der den USA und der NATO vorwarf, Kriege gegen Syrien und Iran vorzubereiten.[9] Im Juni 2011 nahm sie an einem Staatsbankett im Weißen Haus teil.[10] Im September 2012 besuchte sie Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London.[11]

Während einer Debatte im Deutschen Bundestag am 20. Februar 2014 über die Eskalation der Gewalt in der Ukraine schrieb Sevim Dağdelen, die selbst an der Sitzung nicht teilnahm, auf Twitter: „Unerträglich diese verwelkten Grünen, die die Faschisten in der Ukraine verharmlosen, die antisemitische Übergriffe begehen. Ein Tabubruch!“ Die Grünen-Abgeordnete Britta Haßelmann verlas diesen Tweet und nannte ihn unerträglich.[12]

Am 4. Juni 2014 verglich Dağdelen in einer Bundestagsdebatte über die Krimkrise die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt durch ein Zitat Brechts: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ indirekt mit einem Verbrecher, der die Wahrheit kennt und sie eine Lüge nennt. In einer gemeinsamen Erklärung distanzierten sich die Linken-Partei- und Fraktionsvorsitzenden Katja Kipping, Bernd Riexinger und Gregor Gysi von der Bezichtigung Göring-Eckarts durch Dağdelen, nicht aber von ihren Feststellungen zur Beteiligung von Faschisten an der Regierung der Ukraine.[13] Dağdelen erklärte daraufhin ihre Verwunderung über die Partei- und Fraktionsspitze mit dem Verweis auf das gleiche Zitat von Heiner Geißler von 1983[14], das folgenlos geblieben sei.[15]

Am 7. Juli 2014 wurde das Bochumer Wahlkreisbüro von Sevim Dağdelen mit einem roten Hakenkreuz beschmiert und mit weißen Farbbeuteln beworfen.[16]

Verurteilung[Bearbeiten]

Am 29. November 2012 hob der Bundestag aufgrund einer Vorlage des Immunitätsausschusses die Politische Immunität von Sevim Dağdelen und drei weiteren Abgeordneten der Linken auf. Sie hatten sich 2010 beim Castor-Transport in Niedersachsen an einem Aufruf zum Schottern beteiligt. Im April 2013 wurde sie deshalb wie auch Inge Höger und Christel Wegner zu einer Geldstrafe verurteilt.[17]

Ehrungen[Bearbeiten]

2007 erhielt sie den Deutsch-Türkischen Freundschaftspreis.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sevim Dağdelen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikinews: Sevim Dağdelen – in den Nachrichten

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mechthild Küpper: Aus dem Reich der Schattengewächse. In: FAZ.net. 13. Februar 2014, abgerufen am 19. März 2014: „Ihr Jurastudium hat sie inzwischen abgebrochen, sie will es nicht mehr abschließen. Das Büffeln, das Argumentieren nach „Schema F“, das liege ihr nicht.“
  2. Stefan Reinecke: Die Angst der Linken vor der Linken. In: Die tageszeitung. 23. Januar 2010, abgerufen am 10. März 2010.
  3. Unterzeichnerliste auf der Webseite der Antikapitalistischen Linken, abgerufen am 29. Dezember 2011
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatBundestagsabgeordnete der Fraktion Die.LINKE im Bundestag treten der Roten Hilfe bei. In: www.rote-hilfe.de. 23. Dezember 2007, abgerufen am 1. April 2009.
  5. Sevim Dağdelen: Erklaerung zur Rede von Shimon Peres im Bundestag am 27. Januar 2010. In: sevimdagdelen.de. 5. Februar 2010, abgerufen am 10. März 2010.
  6. Markus Wehner: Die Zeit der Lügen ist vorbei. In: F.A.S. faz.net, 30. Januar 2010, abgerufen am 10. März 2010.:
  7. Stefan Reinecke: Linkspartei zofft sich wegen Israel. In: Die tageszeitung. 2. Februar 2010, abgerufen am 10. März 2010.
  8. Aufregung um Treffen in Istanbul – Erdogan umgarnt deutsch-türkische Politiker in: Der Spiegel vom 17.März 2010
  9. Miriam Hollstein: „Solidarisierung mit den Schlächtern“ spaltet Linke; Die Welt, 14. Januar 2012.
  10. The White House, Office of the First Lady: Expected Attendees at Tonight’s State Dinner; 7. Juni 2011.
  11. Bundestagsabgeordnete besucht Julian Assange; Heise Online, 3. September 2012.
  12. Lautstarke Debatte im Bundestag - Streit über die Opposition in der Ukraine; tagesschau.de, 20. Februar 2014.
  13. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-06/dagdelen-linke-distanzierung
  14. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14024595.html
  15. http://www.tagesspiegel.de/politik/sevim-dagdelen-die-gruenen-und-die-ukraine-keine-einsicht-nach-entgleisung/10002270.html
  16. Erneuter Anschlag auf Bochumer Wahlkreisbüro der LINKE-Abgeordneten Sevim Dagdelen; Russische Staatliche Rundfunkgesellschaft STIMME RUSSLANDS, 8. Juli 2014.
  17. Linken-Politikerinnen wegen Aufruf zum "Schottern" verurteilt. In: Spiegel Online. 23. April 2013, abgerufen am 19. März 2014: „Wegen eines Aufrufs zum "Schottern" bei einem Castor-Transport sind die beiden Linken-Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen und Inge Höger zu Geldstrafen verurteilt worden. Auch die frühere niedersächsische Landtagsabgeordnete Christel Wegner muss wegen des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten zahlen, entschied am Dienstag das Amtsgericht Lüneburg. Höger soll 4500 Euro zahlen, Dagdelen wegen ihres Geständnisses nur die Hälfte. Wegner wurde zu 750 Euro verurteilt.“