Shōnen Ai

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Beispiel eines Einzelbildes mit Shōnen-Ai-Motiv

Shōnen Ai (jap. 少年愛, dt. „Jungenliebe“) ist eine in westlichen Ländern verbreitete, japanische Bezeichnung für Animes und Mangas, in denen es um Liebesbeziehungen zwischen jungen Männern geht. In Japan wurde der Begriff durch die Bezeichnung Boys’ Love abgelöst,[1] die auch außerhalb von Japan synonym für Shōnen Ai oder das verwandte Genre Yaoi verwendet wird. Das erste Werk des Genres war Moto Hagios Manga Tōma no Shinzō, der 1973 in Japan erschien.[2] Seit 2000 sind auch mehrere Titel des Genres auf Deutsch erschienen.

Begriffsinhalt und -abgrenzung[Bearbeiten]

Bei Shōnen Ai stehen Emotionen und Entwicklung der Beziehung im Vordergrund, explizite erotische Darstellungen kommen nicht vor. Dabei entsprechen die Protagonisten üblicherweise dem Ideal des Bishōnen. Werke mit homoerotischen Geschichten männlicher Protagonisten mit expliziteren bis pornografischen sexuellen Inhalten und Fokus auf dem Sex werden dem Genre Yaoi zugeordnet.[1][3] In Japan wurde Shōnen Ai durch den pseudoenglischen Begriff Boys’ Love (ボーイズラブ, bōizu rabu), kurz BL, abgelöst,[1] um Assoziationen mit Päderastie und Pädophilie zu vermeiden. Dieser Begriff, wie auch die vom Titel eines Magazins abgeleitete Bezeichnung June, beziehen sich auf jegliche Geschichten über homosexuelle Männer, egal wie explizit die erotischen Darstellungen sind oder was Fokus der Handlung ist.

Jedoch ist die Definition und Abgrenzung des Genres auch außerhalb Japans nicht eindeutig klar. Es kann auch für jegliche homoerotische Animes und Mangas mit männlichen Protagonisten stehen und damit Yaoi miteinschließen,[4] oder nur die frühen Werke der 1970er und 1980er bezeichnen, die an exotischen, oft historischen, europäischen Schauplätzen spielen.[5]

Zielgruppe[Bearbeiten]

Die Hauptzielgruppe sind nicht homosexuelle Männer, sondern Mädchen und Frauen. Ebenso handelt es sich bei so gut wie allen Autoren des Genres um weibliche Mangaka.

Theorien, aus welchen Gründen Shōnen-Ai-Geschichten weibliche Leser und Künstler ansprechen, gehen oft von einer Scheu weiblicher Leser vor erotischen Darstellungen von Mann und Frau aus.[2] Die japanische Forscherin Megumi Yoshinaka kam zu dem Schluss, dass „die heranwachsenden Mädchen überaus wählerisch sind.“ Die Jungen und Männer würden sie eher anwidern; im Shōnen Ai hingegen fänden sie idealisierte, teils asexuelle Charaktere, „makellose schöne Jungs“. Andere Theorien besagen, dass das Genre den Leserinnen die Möglichkeit von Fantasien über das andere Geschlecht gibt, ohne dabei mit einer weiblichen Figur in Konkurrenz treten zu müssen. Daneben wird die Betrachtung der männlichen Charaktere als „verkleidete Mädchen“, wie Takarazuka-Schauspielerinnen, in Betracht gezogen. Die Geschichte biete dabei die Möglichkeit, über eigene homosexuelle Gefühle nachdenken zu können. Auch die Darstellung einer hoffnungslosen Liebe und des Leidens schöner Männer werden als Erklärung herangezogen.[4] Die Deutsche Jacqueline Berndt meint, dass die Liebe zwischen zwei männlichen Protagonisten die Sehnsucht der Leserinnen nach einem seelenverwandten Pendant befriedigt. Schwule Liebe gelte hiernach als Ausdruck für die Sehnsucht nach einer Zwillingsschwester, mit der man (idealisiert) sein Inneres teilen kann.[6]

Trotz der Darstellung homosexueller Beziehungen ist nicht bei allen Werken und Künstlern des Genres eine positive Auffassung der Homosexualität zu finden. Besonders frühe Werke stellen in ihren Geschichten eine unglückliche, nicht erfüllbare Liebe dar und können auch als Ausdruck einer Abneigung gegenüber der wirklichen Homosexualität gedeutet werden. Entsprechend wird das Genre nicht unbedingt für gesellschaftliche oder politische Botschaften, sondern vor allem für erotische Fantasien genutzt.[4]

Ausgewählte Werke[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Deutsches Filminstitut - DIF / Deutsches Filmmuseum & Museum für angewandte KunstBKL (Hg.): ga-netchû! Das Manga Anime Syndrom, S. 268. Henschel Verlag, 2008.
  2. a b ga-netchû!, S. 158-165.
  3. ga-netchû!, S. 150 u. S. 155 Fußnote 12
  4. a b c Paul Gravett: Manga - Sechzig Jahre Japanische Comics S. 80. Egmont Manga und Anime, 2004.
  5. James Welker: Beautiful, Borrowed, and Bent: 'Boys' Love' as Girls' Love in Shôjo Manga in Journal of Women in Culture and Society vol. 31, no. 3. S. 842. 2006.
    Kazuko Suzuki: Pornography or Therapy? Japanese Girls Creating the Yaoi Phenomenon in Sherrie Inness, ed., Millennium Girls: Today's Girls Around the World S. 250. London: Rowman & Littlefield, 1999. ISBN 0-8476-9136-5, ISBN 0-8476-9137-3.
  6. Jacqueline Berndt: Phänomen Manga. Quintessenz Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-86124-289-3

Literatur[Bearbeiten]

  •  Björn-Ole Kamm: Nutzen und Gratifikation bei Boys’ Love Manga. Fujoshi oder verdorbene Mädchen in Japan und Deutschland. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2010, ISBN 978-3-8300-4941-8. (Einleitung als PDF, 400 KB)
  •  Antonia Levi, Mark McHarry, Dru Pagliassotti: Boys' Love Manga: Essays on the Sexual Ambiguity and Cross-Cultural Fandom of the Genre. McFarland & Company, ISBN 978-0-7864-4195-2.

Weblinks[Bearbeiten]