Shame (Film)

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Filmdaten
Originaltitel Shame
Produktionsland Vereinigtes Königreich
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 2011
Länge 100 Minuten
Altersfreigabe FSK 16[1]
Stab
Regie Steve McQueen
Drehbuch Steve McQueen, Abi Morgan
Produktion Iain Canning, Emile Sherman
Musik Harry Escott
Kamera Sean Bobbitt
Schnitt Joe Walker
Besetzung

Shame (englisch für Schande/Scham) ist ein Spielfilm des britischen Regisseurs Steve McQueen aus dem Jahr 2011. Das Drama basiert auf einem Originaldrehbuch von McQueen und Abi Morgan und stellt einen jungen sexsüchtigen New Yorker Geschäftsmann (gespielt von Michael Fassbender) in den Mittelpunkt, dessen Leben durch den Besuch seiner Schwester (Carey Mulligan) aus den Fugen gerät.

In seinem zweiten Film nach Hunger (2008) vertraute McQueen wieder dem deutsch-irischen Schauspieler Michael Fassbender die männliche Hauptrolle an. „Für mich hat Michael Fassbender die Schauspielerei verändert. Er ist der einzige, der für mich in Frage kommt. Ich habe viele Schauspieler gesehen und die spielen einfach. Mit Michael ist das anders. Er spielt nicht, er fühlt.“, so der Regisseur. Der Titel des Films spielt auf die Scham an, die viele der von McQueen im Vorfeld interviewten Männer nach dem Sex empfunden hätten. „[...] um dieses Gefühl loszuwerden, machen sie [die Männer] einfach weiter. Es ist wie ein Sog, von dem sie sich nicht befreien können.“, so McQueen.[2] New York habe er als 24-Stunden-Stadt von „Exzess und Zugang“ („excess and access“) gesehen und die Handlung darum in die Vereinigten Staaten verlegt. Sowohl Hunger als auch Shame seien beides Filme über „Politik und Freiheit“.[3] „Hunger handelte über einen Mann ohne Freiheit, der seinen Körper als politisches Instrument nutzte und durch diesen Akt seine eigene Unabhängigkeit kreierte. Shame betrachtet eine Person, die all die westlichen Freiheiten besitzt und durch ihre offensichtliche sexuelle Freizügigkeit ihr eigenes Gefängnis erschafft.“, so McQueen.[4]

Shame feierte seine Uraufführung im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Der Film kam in Großbritannien am 13. Januar, in Deutschland am 1. März 2012 in die Kinos.[5] Der Film wurde von den beiden britischen Produktionsunternehmen See-Saw Films und Film4 kofinanziert und vom mittlerweile aufgelösten UK Film Council unterstützt.[6][3]

Handlung[Bearbeiten]

New York: Der attraktive Brandon ist Mitte 30 und hat einen gutbezahlten Job in der Werbebranche. Er tritt kultiviert, freundlich und elegant auf und gilt auf den ersten Blick als eine gute Partie. Sein Umfeld ahnt jedoch nicht, dass Brandon sexsüchtig ist und sich immer mehr in seinen Pornofantasien verliert. Er bestellt sich Prostituierte in seine Wohnung, frönt Sex im Freien mit einer weiblichen Bar-Bekanntschaft, masturbiert unter der Dusche oder auf der Bürotoilette und sieht sich selbst auf seinem Arbeitsplatz Pornos im Internet an. Gleichzeitig hat Brandon Angst vor Intimität.

Zu Beginn des Films sieht man Brandon in der U-Bahn, wie er mit einer fremden, verheirateten Frau Blickkontakt aufnimmt. Sie ist zunächst sichtlich von ihm angetan, doch an der Haltestation verlässt sie fluchtartig die U-Bahn. Brandon folgt ihr beim Aussteigen und verliert sie anschließend im Gedränge der Station. Eines Tages erhält Brandon unerwarteten Besuch von seiner jüngeren, psychisch labilen Schwester Sissy, mit der ihn eine schwierige Kindheit verbindet. Ebenso einsam wie ihr Bruder, gesteht sich Sissy den Schmerz jedoch offen ein und hofft darauf, dass sich Brandon um sie kümmert. Brandon lässt sie einige Tage in seinem Appartement auf dem Sofa übernachten, unter der Bedingung, dass sie sich nicht in sein Leben einmischt. Die Sängerin, der der große Erfolg bisher verwehrt geblieben ist, macht nach einem Auftritt in einem Nachtclub die Bekanntschaft mit Brandons Vorgesetztem David und verbringt anschließend mit ihm eine gemeinsame Nacht. Dies verärgert und frustriert den kontrollierten Brandon, den bei Sissys trauriger Interpretation des Frank-Sinatra-Songs New York, New York erstmals die Gefühle übermannen. Er lässt sich auf eine Verabredung mit der Arbeitskollegin Marianne ein. Diese ist überrascht, dass Brandons längste Beziehung nicht länger als vier Monate hielt. Sie hingegen scheint an einer ernsthaften Beziehung interessiert zu sein. Nachdem Sissy ihn beim Masturbieren überrascht und Cybersex-Daten auf seinem Computer findet, entscheidet er sich dazu, seine umfangreiche Pornosammlung und seinen Laptop zu entsorgen.

Doch Brandon schafft es nicht, seine hypersexuellen Aktivitäten aufzugeben. Er überredet Marianne, mit ihm mitten am Tag in ein Hotel zu gehen. Aber der Sex mit ihr misslingt ihm. Stattdessen hat er kurze Zeit später Sex mit einer Prostituierten auf demselben Hotelzimmer. Brandon wirft nach Streitereien seine Schwester aus der Wohnung und gibt sich nun noch exzessiver seiner Sucht hin. In einer Bar versucht er mit einer sehr direkten Art und Weise eine junge Frau zu verführen. Anschließend provoziert er deren Freund und wird von ihm zusammengeschlagen. Nachdem er in einem Club, den er kennt, vom Türsteher abgewiesen wird, besucht er einen Schwulenclub. Danach widmet er sich u. a. dem gemeinsamen Sex mit zwei Frauen. Nach dieser Nacht voller sexueller Eskapaden hört er, dass seine Schwester ihm – nach erfolglosen Versuchen, ihn telefonisch zu erreichen – auf seinem mobilen Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen hat mit dem Hinweis, dass sie beide keine schlechten Menschen seien, sondern nur von einem schlechten Ort kämen. Als er sie telefonisch nicht erreichen kann, rennt Brandon nach Hause, wo er Sissy mit aufgeschnittenen Pulsadern auffindet. Sie kann in letzter Minute gerettet werden und wird in ein Krankenhaus gebracht.

Der Film endet mit Brandon weinend am Ufer des Hudson und mit einer dem Beginn ähnelnden Szene in der U-Bahn: Wieder nimmt er Blickkontakt mit der gleichen fremden Frau auf, die nun keinen Ehering mehr trägt. Mit ihren Augen sendet sie ihm ein Signal, ihr zu folgen. Als sie aufgestanden ist und alleine an der Wagentür steht, um den Zug zu verlassen, blendet der Film ab.

Rezeption[Bearbeiten]

Shame feierte seine Uraufführung am 4. September 2011 auf den 68. Filmfestspielen von Venedig. Dem Film wurde vor allem große Anerkennung für die Schauspielleistungen seiner beiden Hauptdarsteller Michael Fassbender und Carey Mulligan zuteil. Fassbender wurde häufig als Mitfavorit auf den Darstellerpreis genannt, der Film teilweise zum Favoritenkreis auf den Goldenen Löwen gezählt.[7]

Britische Pressestimmen[Bearbeiten]

Die britische Zeitung The Guardian lobte den Film für seine „beeindruckenden Schauspielleistungen“ und Carey Mulligans „unvergessliche Darbietung“ von New York, New York.[3] Der Evening Standard stellte die Schauspielleistung von Michael Fassbender heraus. McQueens Regie sei „ohne Zweifel kraftvoll und ohne Kompromisse“, vor allem während der Sexszenen. Beanstandet wurden die wenigen Hinweise auf den Ursprung von Brandons „sexuellem Gefängnis“, die offenbar in der Vergangenheit der Geschwister zu suchen seien.[8] Laut dem Daily Telegraph würden die beiden Drehbuchautoren McQueen und Morgan nicht moralisieren. Single Bars, Dating-Rituale und Sex Clubs würden im Film „infernalisch“ dargestellt. McQueen sei ein „hochbegabter Filmemacher“ und nutze jede Einstellung mit „seltenem Elan“. Der Film werde sich „ohne Zweifel für viele Mägen als zu stark“ erweisen. Die Schauspielleistungen seien „makellos“.[9] Independent Extra verglich die Figur des Brandon mehr mit dem Antihelden Travis Bickle aus Taxi Driver als mit Casanova. Fassbender erinnere in seiner physischen Intensität an das beste amerikanische Method Acting. Der Film selbst sei in kühlen, strengen Bildern aufgenommen, „zermürbend“ und enthalte wenig Dialoge. Frustrierend sei, dass das Drehbuch wenig Hintergrund zu Brandons Figur oder seinen Eltern liefere, die Rückschlüsse auf den Ursprung seines Verhaltens zuließen.[10]

Deutsche Medien[Bearbeiten]

Laut Dietmar Dath (Frankfurter Allgemeine Zeitung) enthalte Shame im Gegensatz zu Hunger keine Formkühnheiten, das erneute Vertrauen zum Hauptdarsteller sei aber gerechtfertigt. Der Film sei eine „stilsichere Exkursion in die nackte Verzweiflung“.[11] McQueen setze die durchkomponierten Bilder „unaufdringlich und subtil, in einem ganz natürlichen Fluss“, so Susan Vahabzadeh (Süddeutsche Zeitung). Die im Film auftauchenden Menschen würden häufig hinter Glas gezeigt – der Regisseur schaue dem Publikum dabei zu, wie diesem die Freiheit zwischen den Fingern zerrinne.[12] Susanne Ostwald (Neue Zürcher Zeitung) bemerkte statische, nüchterne Filmbilder, wodurch die „Glanzleistungen“ der beiden Schauspieler Michael Fassbender und Carey Mulligan in den Vordergrund treten würden. McQueens zweiter Film sei „eine eindringliche Studie über Einsamkeit und schleichende Verzweiflung“.[13] Als „Unterseite von Sex and the City: ein Film über die Stadt New York als Kapitale des zwanghaften Datings und der After-Work-Fucks“ interpretierte den Film Katja Nicodemus (Die Zeit). Brandons Lebenskonstruktion sei „ein System aus Kontrolliertheit, fast autistischer Introvertiertheit und manischer sexueller Aktivität“, eine „Studie eines durch Obsession überlagerten Schmerzes“.[14] Auch Wolfgang Höbel (Spiegel Online) betitelte Brandon als „Porno-Autisten“, als Figur die in ihrem Inneren vollkommen von ihren Sexualphantasien okkupiert sei, ohne Mitgefühl und Selbstbestimmung. Der Film verfüge über zahlreiche Sexszenen, die mit „großer Kunst“ und „Kälte“ arrangiert seien.[15] Ebenso wies Christiane Peitz (Der Tagesspiegel) auf den sehr „freudlos“ dargestellten Sex hin, den sie als Ausdruck einer existenziellen Verzweiflung und emotionalen Impotenz deutete, die offenbar ihren Ursprung in der Kindheit der Figur hätte, die aber „klugerweise“ ausgespart bliebe. Brandons Erstarrung breche nur für einen Moment, bei der New York, New York-Interpretation seiner Schwester, auf.[16]

In dem Psychodrama würden sich laut Anke Westphal (Berliner Zeitung) „Bedürftigkeit und Zurückweisung, Manipulation und Analyse fatal stützen“. Shame vermöge seine kalte Spannung nicht immer zu halten, während Fassbender ein Favorit für den Darstellerpreis sei.[17] Eine der wenigen negativen Stimmen war jene von Cristina Nord (die tageszeitung). Nord bewertete den Film als „weichgespülte Version von Bret Easton Ellis' Roman American Psycho. Nacktheit und Sexszenen seien kalkuliert und würden den Zuschauer verdrießen.[18]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Shame gewann bei den Filmfestspielen von Venedig den Darstellerpreis (Coppa Volpi) für Michael Fassbender,[19] den FIPRESCI-Preis, den Premio Arca Cinema Giovani sowie den Premio CinemAvvenire.[20] Fassbender gewann außerdem die Preise des National Board of Review, der Los Angeles Film Critics Association, den British Independent Film Award, den Online Film Critics Society Award und eine Golden-Globe-Nominierung. Carey Mulligan wurde im selben Jahr mit dem Hollywood Film Award als beste Nebendarstellerin des Jahres ausgezeichnet (ebenso für ihre Leistung in Drive). 2012 folgten fünf Nominierungen für den Europäischen Filmpreis (bester Film, beste Regie, Darsteller, Kamera und Schnitt). Kameramann Sean Bobbitt und Cutter Joe Walker gewannen die Preise.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung (PDF; 36 kB) der FSK
  2. Interview mit Steve McQueen bei arte.tv (abgerufen am 10. September 2011).
  3. a b c Brown, Mark: Sex and spies. In: The Guardian, 5. September 2011, S. 14.
  4. Profil bei labiennale.org (englisch; abgerufen am 10. September 2011).
  5. Release dates for Shame in der Internet Movie Database (abgerufen am 10. September 2011).
  6. Company credits for Shame in der Internet Movie Database (abgerufen am 10. September 2011).
  7. Ostwald, Susanne: Die Besichtigung der menschlichen Verhältnisse. In: Neue Zürcher Zeitung, 7. September 2011, Nr. 208, S. 53.
  8. Malcolm, Derek: Venice Film Festival. In: The Evening Standard, 5. September 2011.
  9. Gritten, David: Tough, uncomfortable and a wonderful film. In: The Daily Telegraph. 5. September 2011, S. 29.
  10. McNab, Geoffrey: Shame. In: Independent Extra, 6. September 2011, S. 14.
  11. Dath, Dietmar: Der Sexus, als Höllenmaschine betrachtet. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. September 2011, Nr. 206, S. 29.
  12. Vahabzadeh, Susan: Sex und Scham. In: Süddeutsche Zeitung. 6. September 2011, S. 13.
  13. Ostwald, Susanne. Es war einmal in Tehran. In: Neue Zürcher Zeitung, 5. September 2011, Nr. 206, S. 36.
  14. Nicodemus, Katja: Abfahrt in die Hölle. In: Die Zeit, 8. September 2011, Nr. 37, S. 66.
  15. Höbel, Wolfgang: Klarer Fall von Porno-Autismus bei Spiegel Online, 6. September 2011 (abgerufen am 10. September 2011).
  16. Peitz, Christiane: Das Lieben der Anderen. In: Der Tagesspiegel, 5. September 2011, Nr. 21087, S. 23.
  17. Westphal, Anke: Lauter Fragen des Zugangs Filme von Al Pacino, Steven Soderbergh und Satrapi/Paronnaud beim Festival in Venedig. In: Berliner Zeitung, 5. September 2011, Nr. 207, S. 26.
  18. Nord, Cristina: Zu viel Charisma. In: die tageszeitung, 6. September 2011, S. 16.
  19. Goldener Löwe für russischen Film «Faust» bei stern.de, 10. September 2011 (abgerufen am 10. September 2011).
  20. Collateral Awards 2011 bei labiennale.org, 10. September 2011 (englisch; abgerufen am 10. September 2011).