Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS

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Der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS (Abkürzung SD[1]) war ein Teil des nationalsozialistischen Machtapparates in der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und während des Krieges im besetzten Europa. Er wurde 1931 als Geheimdienst der NSDAP bzw. der ihr zugehörigen SS gegründet und unterstand ab 1939 dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Er war für zahlreiche Verbrechen verantwortlich und wurde gezielt zur Bekämpfung politischer Gegner und Einschüchterung der Bevölkerung eingesetzt. Durch seine Auslandsgliederung beschäftigte er sich zudem mit Spionage und verdeckten Operationen.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung und Funktion[Bearbeiten]

Uniformjacke eines Unterscharführers des Sicherheitsdienstes (SD) der SS mit der typischen SD-Ärmelraute und den Schulterstücken der Schutzpolizei
SD-Männer bei einer Aktion zur Verhaftung von Juden in Polen (September 1939): Oberscharführer, Rottenführer, Untersturmführer und Oberscharführer[2]

Der SD wurde am 5. Oktober 1931 vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler als Geheimdienst der SS geschaffen und Reinhard Heydrich unterstellt. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde die Zentrale von München nach Berlin verlegt. Seine Aufgaben umfassten sowohl die Überwachung der politischen Gegner als auch die von Parteimitgliedern. Damit konkurrierte der SD mit der ebenfalls Himmler und Heydrich unterstellten Geheimen Staatspolizei. Nach dem angeblichen Röhm-Putsch wurden die Zuständigkeiten der beiden Organisationen genauer abgegrenzt. Danach sollte der SD als Spionage- und Gegenspionagedienst die Gestapo bei der Entlarvung von Staatsfeinden unterstützen. Mit Erlass von Rudolf Heß vom 9. Juni 1934 wurde der SD zum einzigen parteiinternen Nachrichtendienst der NSDAP.

1935 erfolgte die Unterteilung in den „Allgemeinen SD“, der daraufhin mit Angehörigen der Sicherheitspolizei (Sipo) besetzt wurde, und dem wichtigeren „Nachrichten-SD“, der die Überwachung der Bevölkerung durchführte. Die Ergebnisse wurden in den sogenannten „Leitheften“ und später den Meldungen aus dem Reich zusammengefasst. Zu diesem Zweck standen dem SD 52 SD-(Leit-)Abschnitte mit 51 Haupt- und 519 Außenstellen zur Verfügung (Auflistung siehe SD-Oberabschnitt). 1944 arbeiteten dort 6.482 hauptamtliche SD-Angehörige und über 30.000 V-Leute. Durch Zusammenlegung von Hauptamt Sicherheitspolizei und SD-Hauptamt wurde am 1. Oktober 1939 das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gegründet. Damit wurde der SD vollends zu einer staatlichen Institution.

Auch in der Auslandsspionage konkurrierte der SD mit staatlichen Organisationen, insbesondere dem Amt Ausland/Abwehr der Wehrmacht. In der Folge des Attentats vom 20. Juli 1944 konnte der SD auch die Kontrolle über diese Institution erlangen. Der Auslands-SD unterhielt eigene Agentennetze im Ausland, z. B. im Vatikan und unterstützte ausländische faschistische Organisationen. Vor allem in den ehemals deutschen Gebieten in Polen und der Tschechoslowakei, wie auch in anderen Teilen Osteuropas, organisierte der Auslands-SD terroristische Gruppen unter den deutschen Minderheiten, die als sogenannte Fünfte Kolonnen die deutsche Besetzung vorbereiteten. Der Auslands-SD war auch federführend bei der Vorbereitung und Durchführung des Überfalls auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939, der als propagandistischer Vorwand für den Angriff auf Polen gebraucht wurde.

Seinen Sitz hatte der SD im Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße 102 in Berlin. Das Grundstück gehört heute zur Gedenkstätte Topographie des Terrors.

Judenverfolgung[Bearbeiten]

Der SD war maßgeblich an der Aufstellung und Ausrüstung der SS-Einsatzgruppen beteiligt. Dabei war die Überzeugung maßgeblich, dass die Juden „natürliche“ Feinde des Staates und der NSDAP seien. Diese Haltung kam bereits im Dezember 1936 in einer Denkschrift der „Abteilung Juden“ (Abteilung II 112) zum Ausdruck, in der als „vorläufiges Ziel […] die Befreiung Deutschlands von den Juden“ bekanntgegeben wurde.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten]

Bis 1942 wurde der SD von Reinhard Heydrich geführt. Nachdem Heydrich an den Folgen seiner Verletzungen bei einem Attentat in Prag verstorben war, übernahm Ernst Kaltenbrunner bis 1945 die Leitung.

Der SD wurde im Rahmen der Nürnberger Prozesse neben der SS und der Gestapo als verbrecherische Organisation verurteilt.

Zahlreiche Mitglieder des SD wurden nach 1945 unter der Leitung des ehemaligen Generalmajors der Wehrmachts-Abteilung Fremde Heere Ost, Reinhard Gehlen, in westliche Geheimdienstorganisationen übernommen – zunächst in die „Organisation Gehlen“, die 1956 im neu gegründeten Bundesnachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland aufging.

Leitung und Organisation[Bearbeiten]

Leiter des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS waren

  • von 1931 bis 1939: SS-Sturmführer/SS-Standartenführer/SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD

Literatur[Bearbeiten]

  • Florian Altenhöner: Der Mann, der den 2. Weltkrieg begann. Alfred Naujocks: Fälscher, Mörder, Terrorist. Prospero, Münster u. a. 2010, ISBN 978-3-941688-10-0.
  • Shlomo Aronson: Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1971, ISBN 3-421-01569-4 (zugleich Dissertation an der Freie Universität Berlin Berlin (West), Philosophische Fakultät 1966).
  • Wolfgang Benz: Das Opfer als Täter? Die Lebensgeschichte des Erwin Goldmann. In: Dachauer Hefte. Nr. 10 = Täter und Opfer. 1994, S. 225–242.
  • Heinz Boberach (Hrsg.): Meldungen aus dem Reich. 1938–1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS. 18 Bände. Pawlak, Herrsching 1984, ISBN 3-88199-158-1.
  • George C. Browder: The Foundations of the Nazi Police State. The Formation of SIPO and SD. University of Kentucky Press, Lexington KY 1990, ISBN 0-8131-1697-X (Paperback edition. ebenda 2004).
  • Günther Deschner: Reinhard Heydrich. Statthalter der totalen Macht (= Ullstein 27559). Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1987, ISBN 3-548-27559-1.
  • Israel Gutman, Eberhard Jäckel (Hrsg), Peter Longerich (Bearbeitung der deutschen Ausgabe): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Aus dem englischen Original übersetzt von Margrit Bergner. 4 Bände. 2. Auflage, Piper, München u. a. 1998, ISBN 3-492-22700-7.
  • Carsten Schreiber: Generalstab des Holocaust oder akademischer Elfenbeinturm? Die „Gegnerforschung“ des Sicherheitsdienstes der SS. In: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts. Bd. 5, 2006, ZDB-ID 2090431-9, S. 327–353.
  • Carsten Schreiber: Von der Philosophischen Fakultät zum Reichssicherheitshauptamt. Leipziger Doktoranden zwischen Universität und „Gegnerforschung“. In: Ulrich von Hehl (Hrsg.): Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur. Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig vom Kaiserreich bis zur Auflösung des Landes Sachsen 1952 (= Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Reihe A, Bd. 3). Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2005, ISBN 3-374-02282-0, S. 263–287.
  • Michal Schvarc: Sicherheitsdienst a Slovensko v rokoch 1938–1944. (Od autonómie po povstanie). Slovenský štát vo vybraných správach SD od jesene 1943 do septembra 1944. = Der Sicherheitsdienst und die Slowakei zwischen 1938 und 1944. (Von Autonomie bis Aufstand). Der slowakische Staat in ausgewählten SD-Berichten von Herbst 1943 bis September 1944 (= Acta Carpatho-Germanica. Bd. 18). SNM – Múzeum Kultúry Karpatských Nemcov, Bratislava 2006, ISBN 80-8060-198-4.
  • Michael Wildt (Hrsg. und Einleitung): Die Judenpolitik des SD 1935 bis 1938. Eine Dokumentation (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71). Oldenbourg, München 1995, ISBN 3-486-64571-4.
  • Michael Wildt (Hrsg.): Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Hamburger Edition, Hamburg 2003, ISBN 3-930908-84-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vereinzelt, auch in der Zeit nach 1945, „SSD“
  2. Die Schulterstücke auf dem Bild entsprechen zu diesem Zeitpunkt denen der Allgemeinen SS und der SS-Verfügungstruppe.