Siebengemeinden (Burgenland)

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Paul Fürst Esterhazy (1635–1713)

Unter dem Begriff Siebengemeinden (hebr. Schewa Kehilot) auch Esterházysche Sieben-Gemeinden[1] werden ehemals jüdische Gemeinden im heutigen Nord- und Mittelburgenland zusammengefasst, die unter der Esterházyschen Herrschaft im damaligen Ungarn entstanden sind.

Oft werden sie in der landesgeschichtlichen Auseinandersetzung jenen Gemeinden gegenübergestellt, die sich unter dem Schutz der Familie Batthyány im Gebiet des heutigen Südburgenlandes herausgebildet haben. Zu diesen zählen Rechnitz, Schlaining und Güssing. Eine weitere ehemalige jüdische Gemeinde im Landessüden ist Oberwart, wohin die Mehrzahl der Schlaininger Juden in der Zwischenkriegszeit abgewandert sind.

Zu den Siebengemeinden gehören:

Ursprünglich gehörte als achte auch die Gemeinde Neufeld hinzu. Sie wurde 1739 durch einen herrschaftlichen Erlass, gegen den kein Einspruch möglich war, aufgelöst. Die Bezeichnung „Acht Gemeinden“ findet sich in den Urkunden nicht.

Entstehung der Gemeinden[Bearbeiten]

Die ersten jüdischen Siedler gab es in diesen Gemeinden vereinzelt schon im 14. Jahrhundert und 15. Jahrhundert,[2] doch das jüdische Leben erblühte in diesen Dörfern erst, als Paul I. Fürst Esterházy nach 1670 Juden aufnahm, die von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren. Rund 3000 Personen, die sich vorwiegend zum orthodoxen Judentum bekannten, siedelten in den Siebengemeinden. Die Frömmsten unter ihnen lebten in Mattersdorf und Deutschkreutz, wo sich bedeutende Jeschiwot befanden. In Mattersdorf wirkte unter anderem auch der große Rabbiner Moses Sofer.

Für den Schutz durch die Esterházy mussten sie an den jeweiligen Fürsten Schutzgebühren bezahlen. Im Gegenzug dazu nannten sie sich selbst stolz als Hochfürstlich Esterházy Schutzjuden.[3]

Zerstörung der Gemeinden durch den Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Gauleiter Tobias Portschy

Die sieben Gemeinden fielen der Judenverfolgung während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer. Ihre Zerstörung ist untrennbar mit dem Namen des Gauleiters Tobias Portschy verbunden, der das Burgenland bereits im November 1938 als judenfrei erklärte, nachdem die jüdischen Bewohner gezwungen worden waren, ihre Heimat binnen weniger Tage aufzugeben.[2] Viele wurden Opfer einer wilden Arisierungswelle, bei der sich Parteiangehörige, Mitläufer oder auch Nachbarn bereicherten. Natürlich gab es auch Fälle, wo die Vertriebenen von ehemaligen nichtjüdischen Nachbarn und Freunden unterstützt wurden.[2] Die Menschen verfrachtete man nach Wien und überließ sie dort vorerst ihrem Schicksal, wo Wiener Juden für ihre vertriebenen Glaubensbrüdern eine provisorische Unterbringung organisierten. Etwa zwei Drittel der burgenländischen Juden gelang es, die Galgenfrist, die ihnen die Weltgeschichte bis zum Beginn des Holocaust noch ließ, zu nutzen. Sie wanderten nach London, Manchester, New York, Ramat Gan, Tel Aviv, Budapest, Buenos Aires, Shanghai oder anderen Orten aus. Alle anderen wurden ab 1939 in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens wie Riga, Buchenwald, Ungvár, Miskolc, Kielce, Minsk, Nisko, Izbica oder Opole deportiert und dort ermordet.

Folgen[Bearbeiten]

Von den rund 4000 Juden des Burgenlandes, dazu zählten auch die jüdischen Bewohner der drei südlichen Gemeinden sowie einzelne Familien in mehr als 100 burgenländischen Dörfern, fielen mindestens 1300 dem Holocaust zu Opfer.[2] Nach dem Krieg kehrte nur eine Handvoll Überlebender oder Vertriebener in ihre alte Heimat zurück. In den Gemeinden lebt heute nicht mehr als ein Dutzend Menschen jüdischen Glaubens.

An die mehr als 300 Jahre dauernde jüdische Geschichte der Siebengemeinde erinnern heute nur mehr die erhalten gebliebenen Friedhöfe, die stark renovierungsbedürftige Synagoge von Kobersdorf sowie das 1972 gegründete Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt.

Bekannte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jüdische Gemeinde Kobersdorf (PDF; 895 kB) abgerufen am 5. Mai 2014.
  2. a b c d Geschichte der Juden im Burgenland, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 8. Februar 2015.
  3. Juden im Burgenland (PDF; 858 kB) in Allerlei über das Burgenland Seite 4 abgerufen am 28. Februar 2010.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Eichner: Kahn & Engelmann. Eine Familien-Saga. Picus, Wien 2000, ISBN 3-85452-437-4, S. 163–169. (neben historischen Angaben gibt der Autor eine autobiographische Schilderung des Lebens in den Sieben Gemeinden um 1900)
  • Tobias Portschy - Biographie eines Nationalsozialisten - Die Jahre bis 1945. Land Burgenland Buch, 2006, ISBN 3-901517-53-7.
  • Grenz-Setzungen im Zusammenleben -Verortungen jüdischer Geschichte in der ungarischen/österreichischen Provinz am Beispiel Oberwart/Felsöör. (= Schriften des Centrums für Jüdische Studien. Band 20). Studienverlag Bozen-Innsbruck-Wien 2011, ISBN 978-3-7065-5104-5.

Weblinks[Bearbeiten]