Siegesdenkmal (Bozen)

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Das Denkmal von Westen
Das Denkmal von Osten
Siegesplatz, ehem. Friedensplatz
Das ehemalige Kaiserjäger-Denkmal für die Kriegstoten aus dem Ersten Weltkrieg wurde 1917 gebaut, nie fertiggestellt und 1926 abgerissen, um Platz für das italienische Siegesdenkmal in Bozen zu schaffen.
Die kleinen Schilder der Gemeinde von 2004 in 50 m Entfernung vom Siegesdenkmal in den drei Landessprachen Italienisch, Deutsch, Ladinisch und in englischer Sprache

Das Siegesdenkmal (Monumento alla Vittoria) in Bozen (Südtirol) auf dem Siegesplatz (Piazza della Vittoria) ist mit dem von Hans Piffrader gemeißelten Fries auf dem Gerichtsplatz eines der letzten verbliebenen Monumente aus der Zeit des Faschismus in Bozen. Es ist auf Mussolinis persönliche Initiative hin mit außenpolitischer Stoßrichtung errichtet worden.[1] Auf dem damaligen Talferplatz stand bis 1926 das unfertig gebliebene österreichische Kaiserjäger-Denkmal. Den 19 Meter breiten Triumphbogen plante der Architekt Marcello Piacentini. Das Denkmal ist mit Plastiken der italienischen Bildhauer Adolfo Wildt und Libero Andreotti ausgestattet. An der Stirnseite schießt eine stilisierte Siegesgöttin einen Pfeil gegen den „germanischen Norden“ ab. Gewidmet wurde das Bauwerk den „Märtyrern des Ersten Weltkrieges“.

Folgende lateinische Inschrift findet sich an der Front:

„Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus.“

„Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-)Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste.“

– Inschrift des Siegesdenkmals

In Südtirol wird das Siegesdenkmal auch „Faschistentempel“ genannt, was durch die an den Säulen und Pilastern angebrachten Liktorenbündel und dessen Errichtung in der Zeit des Faschismus zu erklären ist[2]. Das wegen seiner politischen Symbolik bis heute heftig umstrittene Denkmal ist durch massive Zäune und Videokameras geschützt.

Geschichte[Bearbeiten]

Bau und Hintergründe[Bearbeiten]

Nach der Annexion Südtirols durch Italien und der Machtübernahme von Mussolini fing das Regime an, österreichische Monumente in den neuen Provinzen zu verschieben und zu zerstören. Am 10. Februar 1926 wurde in der Abgeordnetenkammer die Entscheidung getroffen, in Bozen ein faschistisches Monument zu errichten. Die Idee Mussolinis war es, dem italienischen Irredentisten Cesare Battisti dieses Monument zu widmen, der 1916 von den Österreichern hingerichtet worden war. Dieser Vorschlag fand bei den faschistischen Organisationen in ganz Italien und im Ausland große Zustimmung, obwohl sich Battisti bereits 1915 zusammen mit verschiedenen italienischen Politikern für eine Grenze bei der Salurner Klause ausgesprochen hatte, also gegen den Anschluss Südtirols an Italien[3]. In kürzester Zeit wurden die erforderlichen 3 Millionen Lire eingesammelt. Den Marmor für den Bau schenkten Industrielle aus Lucca.

Am 17. März trat die Kommission zusammen, die das Projekt genehmigen sollte. Sie bestand aus Mussolini, Ettore Tolomei, dem Staatssekretär Giacomo Suardo und dem Minister für den öffentlichen Unterricht Pietro Fedele, welcher die Idee zur Inschrift beisteuerte.

Mussolinis Vorschlag, das Monument in der Nähe der Talferbrücke zu errichten, wo kurz vor dem Ersten Weltkrieg die österreichische Administration angefangen hatte, ein Monument für die Kaiserjäger zu bauen, wurde in erster Instanz genehmigt. Das Projekt wurde dem Architekten Marcello Piacentini anvertraut, der das Projekt dann auch im Juni präsentierte.

Die Einweihung erfolgte am 12. Juli 1928 durch König Viktor Emanuel III. An diesem Tage fand in Innsbruck eine Gegendemonstration mit 10.000 Teilnehmern statt.

Da weder Battistis Witwe noch seine Tochter sich einverstanden erklärten, die Figur des Irredentisten aus Trient für Propagandazwecke zu missbrauchen, entschloss sich Mussolini, das Denkmal dem Sieg zu widmen. Frau Battisti war bei der Einweihung nicht dabei. Es wurde jedoch eine Zeremonie in faschistischem Stil inszeniert. Offiziell wurden 23 Südtiroler Musikkapellen einberufen und die Fenster wurden mit Fahnen geschmückt.

Der Name des Denkmals und die dem Geiste des italienischen Faschismus entsprechende Inschrift werden von deutschsprachigen Südtirolern als Provokation empfunden, wobei diese im Zusammenhang mit der Inschrift („hierhin brachten wir den Anderen Sprache, Gesetze und Kultur“) einwandten, dass der Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung Italiens um 1900 mit 56 %[4] sehr hoch gewesen sei, im Gegensatz zu einer Rate von etwa 5 % im südlichen Tirol.[5] Die Verszeile hinc ceteros excoluimus ist dem Werk des römischen Dichters Publius Vergilius Maro entnommen, wo es allerdings statt ceteros barbaros heißt.

Inschrift auf der Ostseite

Ethnische und politische Spannungen[Bearbeiten]

Im Jahr 2002 wurde der Platz von der Stadt Bozen in „Friedensplatz“ (Piazza della Pace) umbenannt. Die Einwohner der Stadt Bozen (rund 73 % italienisch- und 26 % deutschsprachig) sprachen sich in einem kurz darauf abgehaltenen Referendum mehrheitlich für den alten Namen Siegesplatz aus, den der Platz seitdem wieder trägt.

Am 22. Februar 2005 haben die Vertreter der Gemeinde Bozen vor dem Denkmal Tafeln enthüllt, die an die Leiden der Bevölkerung und die Verbrechen der Faschisten in jener Zeit erinnern. Diese stehen aber wegen des starken Widerstandes der italienischen Rechtsparteien in ca. 50 m Entfernung vom Monument selbst und sind außerdem von diesem abgewandt. Auch ihre Größe musste als Kompromiss auf ca. 25 × 25 cm beschränkt werden. Eine Anbringung in Monumentnähe wurde vom italienischen Kulturministerium nicht erlaubt[6]. Die vier Tafeln zeigen in den drei Landessprachen Italienisch, Deutsch, Ladinisch und in englischer Sprache folgenden Text:

„Stadt Bozen – Dieses Denkmal ist vom faschistischen Regime errichtet worden, um den Sieg Italiens im Ersten Weltkrieg zu feiern. Dieser brachte die Teilung Tirols und die Abtrennung der Bevölkerung dieses Landes vom Vaterland Österreich mit sich. Frei und demokratisch verurteilt die Stadt Bozen die Zwistigkeiten und Diskriminierungen der Vergangenheit und jede Form von Nationalismus und verpflichtet sich im europäischen Geist die Kultur des Friedens und des Zusammenlebens zu fördern. 2004.“

Auch heute noch legen jedes Jahr offizielle Vertreter verschiedener italienischer Rechtsparteien (beispielsweise Gianfranco Fini von der Alleanza Nazionale, jetzt Futuro e Libertà per l’Italia) Kränze am Denkmal am 4. November nieder. Dieser Tag ist der Jahrestag des Ende des Ersten Weltkrieges und somit des Sieges über Österreich, zu dem auch Südtirol gehörte, und der deshalb besondere Symbolkraft besitzt. Das Militär beteiligt sich seit 1997, nach einer erfolgreichen Mediation mit Ministerpräsident Romano Prodi, nicht mehr an dieser Kundgebung. 2008 wurde dieser Brauch aber durch direkte Intervention des Verteidigungsministers Ignazio La Russa (ebenfalls Alleanza Nazionale, jetzt Fratelli d'Italia) wieder eingeführt [7]. Am 4. November 2007 fand in Bozen eine Demonstration der Antifa Meran mit ungefähr 200 Teilnehmern aus ganz Südtirol gegen die Kranzniederlegungen und „Siegesfeiern“ der Neofaschisten statt.

Am 10. November 2008 organisierte der Südtiroler Schützenbund die bisher größte Protestkundgebung gegen faschistische Relikte (darunter besonders das Siegesdenkmal) in Südtirol. Demonstriert wurde dabei „gegen Faschismus und für Tirol“. Gefordert wurde die Schleifung aller faschistischen Relikte und die Wiedervereinigung Tirols. Rund 3500 Schützen und Zivilisten [8] nahmen bei der Protestkundgebung und dem anschließenden Protestmarsch teil. Während des Protestzuges wurden die Demonstranten von Südtirolern der deutschen aber auch der italienischen Sprachgruppe mit Applaus unterstützt. In der Nähe des Siegesdenkmals wurden die (deutsch- und italienischsprachigen) Demonstranten von rund 500 italienischen Neofaschisten mit Faschistengruß und Beschimpfungen empfangen. Das große Polizeiaufgebot konnte ernstere Auseinandersetzungen verhindern [9][10].

Restaurierung des Monuments[Bearbeiten]

Renovierungsarbeiten am Monument im Jahr 2011

Seit dem 23. November 2009 wurde das Siegesdenkmal im Auftrag des „Ministero per i Beni e le Attività Culturali“ mit öffentlichen Mitteln von Grund auf renoviert[11].

Am 1. Dezember 2009 fasste der Südtiroler Landtag auf Antrag der Fraktionen der Süd-Tiroler Freiheit und der Freiheitlichen einen Beschluss, mit dem „die noch immer bestehenden faschistischen Relikte sowie die in diesen Tagen begonnene Renovierung des Siegesdenkmals aufs schärfste verurteilt“ wurden[12].

Am 26. Jänner 2011 sicherte der italienische Kulturminister Sandro Bondi zu, die Sanierung zu stoppen und erst dann wieder aufzunehmen, sobald mit Land und Gemeinde eine einvernehmliche Lösung für die künftige Zweckbestimmung gefunden würde. Dies geschah im Zuge der Verhandlungen zum Stimmverhalten der SVP-Parlamentarier beim Misstrauensvotum gegen Bondi. Dessen Stellungnahme gilt als erstmaliges Entgegenkommen eines Mitglieds der italienischen Regierung in puncto faschistische Relikte in Südtirol.[13]

Mit der Restaurierung soll zudem unter dem Bauwerk eine Dokumentationsausstellung entstehen.[14] Der Kulturausschuss des Landtages beschloss dies Mitte Mai 2011.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Laurence Cole: «Geteiltes Land und getrennte Erzählungen. Erinnerungskulturen des Ersten Weltkrieges in den Nachfolgeregionen des Kronlandes Tirol». In: Hannes Obermair u. a. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung – Cittadini innanzi tutto. Festschrift für Hans Heiss. Wien-Bozen: Folio 2012, ISBN 978-3-85256-618-4, S. 502–531, Bezug S. 513. Demnach war die Denkmalerrichtung auch eine Reaktion Mussolinis auf die Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held vom 5. Februar 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf angeprangert hatte.
  2. Alfred Gufler: Bozen – die Stadt und ihre faschistische Architektur, http://vcity-c825.uibk.ac.at/staedtebau/files/81350099/gufler_alfred_Bozen_die_Stadt_und_ihre_faschistische_Architektur.pdf
  3. Antonio Scottà, La Conferenza di pace di Parigi fra ieri e domani (1919–1920), gesehen bei Google bücher, am 25. Jänner 2011
  4. Artikel im Spiegel, gesichtet am 5. März 2010
  5. Artikel der FF – Südtiroler Wochenmagazin vom 20. Januar 2005 aus dem Pressearchiv von social.bz.it, gesichtet am 5. März 2010
  6. Stellungnahme der SVP, http://www.svpartei.org/de/presse/mitteilungen/20041118%7C2732.html
  7. Anfrage in der Kammer an den Minister La Russa durch die SVP-Parlamentarier, http://www.camera.it/resoconti/resoconto_allegato.asp?idSeduta=154&resoconto=btris&param=btris
  8. Dolomiten Nr. 260 vom 10. November 2008 Seite 4
  9. Z am Sonntag vom 9. November 2008, Seite 2 und 3
  10. Pustertaler Zeitung vom 28. November 2008, http://www.pzpz.it/download/2008/24-2008/19-20-21.pdf
  11. Meldung im Österreichischen Rundfunk vom 23. November 2009, http://www.orf.at/?href=http%3A%2F%2Fwww.orf.at%2Fticker%2F348943.html
  12. http://www.landtag-bz.org/de/aktuelles/pm-landtag-aktuell.asp?redas=yes&aktuelles_action=4&aktuelles_article_id=316236
  13. Artikel auf dem Nachrichtenportal Stol.it, gesehen am 28. Jänner 2011
  14. Siegesdenkmal: Eine Dokumentations-Ausstellung

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Siegesdenkmal Bozen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

46.50051211.345015Koordinaten: 46° 30′ 2″ N, 11° 20′ 42″ O