Siegesdenkmal (Bozen)

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Das Denkmal von Westen

Das vom Architekten Marcello Piacentini geplante Siegesdenkmal (italienisch Monumento alla Vittoria) auf dem Siegesplatz (italienisch Piazza della Vittoria) in Bozen (Südtirol, Italien) ist neben dem von Hans Piffrader gemeißelten Fries auf dem Gerichtsplatz eines der bedeutendsten Monumente aus der Zeit des Faschismus in Südtirol. Errichtet wurde es unter Mitwirkung bedeutender zeitgenössischer Künstler als Symbol des Faschismus und der Italianität sowie als Denkmal für die italienischen Toten des Ersten Weltkriegs. Jahrzehntelang waren das Siegesdenkmal und der Umgang mit ihm aufgrund des transportierten Geschichtsbilds und seiner politischen Aussagekraft Gegenstand erbitterter Debatten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Südtirol. Nachdem das Bauwerk über dreißig Jahre lang nicht zugänglich war, wurde 2014 in den unterirdischen Räumlichkeiten des Denkmals ein Dokumentationszentrum zur Bozner und Südtiroler Geschichte während der faschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft eingerichtet.[1]

Baubeschreibung[Bearbeiten]

Das Denkmal von Osten

Das Siegesdenkmal ist ein 19 Meter breiter, 20,5 Meter hoher und 8 Meter tiefer Triumphbogen, der mit antiker, faschistischer und christlicher Symbolik ausgestaltet ist. Seine Säulen und Pilaster wurden als überdimensionale Liktorenbündel ausgearbeitet. Am Denkmal sind Plastiken der italienischen Bildhauer Adolfo Wildt und Libero Andreotti angebracht. An der Stirnseite schießt eine stilisierte Siegesgöttin einen Pfeil gegen den „germanischen Norden“ ab.

Inschrift auf der Ostseite

Folgende lateinische Inschrift findet sich an der Front:

„Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus.“

„Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-)Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste.“

– Inschrift des Siegesdenkmals

Unterhalb des Denkmalareals befindet sich eine „Krypta“ mit weiteren anschließenden Räumlichkeiten.

Geschichte[Bearbeiten]

Das ehemalige Kaiserjäger-Denkmal für die Kriegstoten aus dem Ersten Weltkrieg wurde 1917 gebaut, nie fertiggestellt und 1926 abgerissen, um Platz für das italienische Siegesdenkmal in Bozen zu schaffen.

Nach der Annexion Südtirols durch Italien in der Folge des Ersten Weltkriegs und der Machtübernahme von Mussolini fing das Regime an, österreichische Monumente in den neuen Provinzen zu verschieben und zu zerstören. Am 10. Februar 1926 wurde in der Abgeordnetenkammer auf Benito Mussolinis persönliche Initiative hin und mit außenpolitischer Stoßrichtung die Entscheidung getroffen, im damals bereits den repressiven Maßnahmen der Italianisierung ausgesetzten Bozen ein faschistisches Monument zu errichten.[2]

Die Idee Mussolinis war es, dem italienischen Irredentisten Cesare Battisti dieses Monument zu widmen, der 1916 von den Österreichern hingerichtet worden war. Dieser Vorschlag fand bei den faschistischen Organisationen in ganz Italien und im Ausland große Zustimmung, obwohl sich Battisti bereits 1915 zusammen mit verschiedenen italienischen Politikern für eine Grenze bei der Salurner Klause ausgesprochen hatte, also gegen den Anschluss Südtirols an Italien.[3] In kürzester Zeit wurden die erforderlichen 3 Millionen Lire eingesammelt. Den Marmor für den Bau schenkten Industrielle aus Lucca.

Am 17. März trat die Kommission zusammen, die das Projekt genehmigen sollte. Sie bestand aus Mussolini, Ettore Tolomei, dem Staatssekretär Giacomo Suardo und dem Minister für den öffentlichen Unterricht Pietro Fedele, welcher die Idee zur Inschrift an der Stirnseite beisteuerte.

Mussolinis Vorschlag, das Monument in der Nähe der Talferbrücke zu errichten, wo kurz vor dem Ersten Weltkrieg die österreichische Administration angefangen hatte, ein Monument für die Kaiserjäger zu bauen, wurde in erster Instanz genehmigt. Das Projekt wurde dem Architekten Marcello Piacentini anvertraut, der das Projekt dann auch im Juni präsentierte.

Die Einweihung als Denkmal für die „Märtyrer des Ersten Weltkrieges“ erfolgte am 12. Juli 1928 in Anwesenheit des Königs Viktor Emanuel III. und des Bischofs von Trient Celestino Endrici. An diesem Tag fand in Innsbruck am Bergisel eine Gegendemonstration mit 10.000 Teilnehmern statt.

Da weder Battistis Witwe noch seine Tochter sich einverstanden erklärten, die Figur des Irredentisten aus Trient für Propagandazwecke zu missbrauchen, entschloss sich Mussolini, das Denkmal dem Sieg zu widmen. Frau Battisti war bei der Einweihung nicht dabei. Es wurde jedoch eine Zeremonie in faschistischem Stil inszeniert, an der auf offizielles Drängen hin auch 23 Südtiroler Musikkapellen teilnahmen.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Siegesdenkmal zur Verhinderung möglicher Anschläge – wie etwa im September 1978 geschehen[4] – intensiv durch Carabinieri-Patrouillen und hohe Zäune bewacht, die jeglichen Zugang zum Bauwerk unterbanden.

Renovierungsarbeiten am Monument im Jahr 2011

Zwischen 2009 und 2014 erfolgten bedeutende bauliche Maßnahmen. Zunächst wurde das Siegesdenkmal im Auftrag des „Ministero per i Beni e le Attività Culturali“ von Grund auf renoviert.[5] Anschließend kam es zu punktuellen Umgestaltungen, die der Errichtung eines Dokumentationszentrum in den unterirdischen Räumlichkeiten sowie der öffentlichen Zugänglichmachung des oberirdischen Bereichs dienten. Um auf die Dauerausstellung unter dem Titel BZ ’18–’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen hinzuweisen, wurden an und hinter dem Denkmal zwei LED-Anzeigetafeln mit Laufschriften angebracht.

Rezeption[Bearbeiten]

Der Name, das transportierte Geschichtsbild und die Symbolkraft des Denkmals, besonders manifest in der dem Geiste des italienischen Faschismus entsprechenden Inschrift („Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste.“), wurden von zahlreichen deutschsprachigen Südtirolern sofort als Provokation empfunden, die in der Forderung nach einer „Schleifung“ des Bauwerks gipfelten. Umgekehrt wurden die Bewahrung des Siegesdenkmals vor fremden Zugriffen und dessen absolute bauliche Unversehrtheit von italienischsprachiger Seite erbittert als zentrales Element der italienischer Souveränität in Südtirol verteidigt.

Das Konfliktpotential um das Siegesdenkmal ergab sich gemäß den Ausführungen des Historikers Andrea Di Michele aus seiner Polyvalenz, deren Aspekte je nach politischem Bedürfnis partiell ausgeblendet würden. Das Bauwerk beinhalte nämlich drei Bedeutungsebenen, es sei zugleich (1) ein „Tempel des Faschismus und der Italianität des Grenzgebiets“, der durch eindeutige Aussagen und unmissverständliche Symbolik das vermeintliche Schicksal Italiens als Herrscherin und Zivilisationsbringerin in den Vordergrund stelle, (2) ein Denkmal für die italienischen Toten des Ersten Weltkriegs, die von den faschistischen Machthabern völlig für ihre Zwecke vereinnahmt wurden, und (3) ein Kunstwerk, das unter Beteiligung bedeutender zeitgenössischer Künstler entstand.

«Chi in passato ne proponeva l’abbattimento sorvolava su quest’ultimo elemento, il valore artistico del manufatto, alla cui realizzazione parteciparono alcuni tra i più significativi artisti italiani dell’epoca. Chi ancora oggi, al contrario, lo considera invece intoccabile, insiste sul secondo aspetto, facendo finta che si tratti di un neutro altare dedicato alla memoria dei caduti, magari anche di coloro che combatterono dall’altra parte. In realtà, per leggere adeguatamente i significati del Monumento alla Vittoria bisogna considerare tutte tre le sue facce»

„Wer in der Vergangeheit den Abriss vorschlug, überging den letztgenannten Bestandteil des Ganzen, nämlich den künstlerischen Wert des Bauwerks, an dessen Verwirklichung einige der bedeutendsten italienischen Künstler der Epoche mitwirkten. Wer es hingegen noch heute als unantastbar erachtet, beharrt auf dem zweitgenannten Aspekt, einfach so tuend, als handle es sich hierbei um einen dem Totengedenken gewidmeten neutralen Altar, der eventuell sogar jene berücksichtige, die auf der Gegenseite kämpften. Tatsächlich muss man, wenn die Bedeutungsebenen des Siegesdenkmals angemessen gelesen werden sollen, alle drei Seiten betrachten.“

Andrea di Michele: „Una sorta di cavallo di Troia“. In: ff – Südtiroler Wochenmagazin. Nr. 30, 24. Juli 2014, S. 16.

Am 4. November, dem Jahrestag zum Ende des Ersten Weltkrieges und somit des italienischen Sieges über Österreich, zu dem auch Südtirol gehörte, diente das Siegesdenkmal lange Jahre als Ort von Kranzniederlegungen durch Vertreter staatlicher Institutionen. Diese Praxis sorgte für regelmäßige Empörung bei deutschsprachigen Südtirolern, insbesondere beim Südtiroler Schützenbund.

Siegesplatz, ehemaliger Friedensplatz

Erst im 21. Jahrhundert kam es zu konkreten Bemühungen um eine symbolische Entschärfung bzw. Historisierung. Im Jahr 2002 wurde der Siegesplatz von der Stadt Bozen in „Friedensplatz“ (italienisch Piazza della Pace) umbenannt. Die Einwohner der Stadt Bozen (rund 73 % italienisch- und 26 % deutschsprachig) sprachen sich allerdings in einem kurz darauf abgehaltenen Referendum mehrheitlich für den alten Namen Siegesplatz aus, den der Platz seitdem wieder trägt.

Am 22. Februar 2005 enthüllten die Vertreter der Gemeinde Bozen vor dem Denkmal Tafeln, die an die Leiden der Bevölkerung und die Verbrechen der Faschisten in jener Zeit erinnern. Diese konnten aber wegen des starken Widerstandes der italienischen Rechtsparteien lediglich in ca. 50 Meter Entfernung vom Monument errichtet werden. Auch ihre Größe musste als Kompromiss auf ca. 25 × 25 cm beschränkt werden. Die vier Tafeln zeigen in den drei Landessprachen Italienisch, Deutsch, Ladinisch und in englischer Sprache folgenden Text:

Die kleinen Schilder der Gemeinde von 2004 in 50 m Entfernung vom Siegesdenkmal in den drei Landessprachen Italienisch, Deutsch, Ladinisch und in englischer Sprache

„Stadt Bozen – Dieses Denkmal ist vom faschistischen Regime errichtet worden, um den Sieg Italiens im Ersten Weltkrieg zu feiern. Dieser brachte die Teilung Tirols und die Abtrennung der Bevölkerung dieses Landes vom Vaterland Österreich mit sich. Frei und demokratisch verurteilt die Stadt Bozen die Zwistigkeiten und Diskriminierungen der Vergangenheit und jede Form von Nationalismus und verpflichtet sich im europäischen Geist die Kultur des Friedens und des Zusammenlebens zu fördern – 2004.“

Am 26. Jänner 2011 sicherte der italienische Kultusminister Sandro Bondi zu, die laufende Sanierung zu stoppen und erst dann wieder aufzunehmen, sobald mit dem Land Südtirol und der Gemeinde Bozen eine einvernehmliche Lösung für die künftige Zweckbestimmung gefunden würde. Dies geschah im Zuge der Verhandlungen zum Stimmverhalten der SVP-Parlamentarier beim Misstrauensvotum gegen Bondi.[6]

Der 2014 an einer der Säulen des Denkmals angebrachte Leuchtring mit der auf die Dauerausstellung hinweisenden Laufschrift

In der Folge kam man überein, in der „Krypta“ und den anliegenden Räumlichkeiten unterhalb des Bauwerks ein Dokumentationszentrum zur Bozner und Südtiroler Geschichte während der faschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft entstehen zu lassen.[7][8] Die dazugehörende Dauerausstellung BZ ’18–’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen wurde von einer wissenschaftlichen Kommission, bestehend aus Ugo Soragni als Vertreter des Staates, Andrea Di Michele und Christine Roilo als Vertreter des Landes Südtirol, Silvia Spada und Hannes Obermair als Vertreter der Stadt Bozen, erarbeitet. Die Eröffnung der neuen Einrichtung erfolgte am 21. Juli 2014 im Beisein von Landeshauptmann Arno Kompatscher und Kultusminister Dario Franceschini.[9]

Der Historiker Hannes Obermair kommentierte den inhaltlichen Wert des Projekts, das Siegesdenkmal durch ein Dokumentationszentrum zu totalitären Herrschaften zu ergänzen, sowie den Entschluss zur Beibelassung der faschistischen Bauelemente folgendermaßen:

BZ ’18–’45 macht eine naive Leseart des Denkmals und seiner totalitären Inhalte schlechterdings unmöglich. Als historisiertes Mahnmal ist das Monument zur eindrücklichen Erzählung und Darstellung geworden, wie denn alles anfing und was geschah in diesem Land der ehemaligen Zwietracht, der Opfer und der Täter – auch der Opfer, die zu Tätern wurden, und der Täter, die zu Opfern wurden. Niemand kann es mehr für nationalistische Zwecke oder konfrontativ aufladen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. [...] Der Stein gewordene autoritäre Gesellschaftsentwurf ist katastrophal gescheitert. Die Geschichtsvision des Denkmals hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Seine ursprünglichen Intentionen sind so endgültig fehlgeschlagen, dass ihre vom Denkmal verkörperte Karikatur nichts als grandioses Anschauungsmaterial für den Umgang mit belasteter und belastender Geschichte bietet.“

Hannes Obermair: „Es hat lange gedauert“. In: ff – Südtiroler Wochenmagazin. Nr. 30, 24. Juli 2014, S. 20.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Dem Denkmal den Zahn gezogen". salto.bz, 21. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014.
  2. Laurence Cole: «Geteiltes Land und getrennte Erzählungen. Erinnerungskulturen des Ersten Weltkrieges in den Nachfolgeregionen des Kronlandes Tirol». In: Hannes Obermair u. a. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung – Cittadini innanzi tutto. Festschrift für Hans Heiss. Wien-Bozen: Folio 2012, ISBN 978-3-85256-618-4, S. 502–531, Bezug S. 513. Demnach war die Denkmalerrichtung auch eine Reaktion Mussolinis auf die Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held vom 5. Februar 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf angeprangert hatte.
  3. Antonio Scottà, La Conferenza di pace di Parigi fra ieri e domani (1919–1920), gesehen bei Google bücher, am 25. Jänner 2011
  4. «Südtiroler Volkszeitung» vom 6. Okt. 1978, S. 1–2 („Neue Terrorwelle?“).
  5. Meldung im Österreichischen Rundfunk vom 23. November 2009
  6. Artikel auf dem Nachrichtenportal Stol.it, gesehen am 28. Jänner 2011
  7. Siegesdenkmal: Eine Dokumentations-Ausstellung
  8. "Dem Denkmal den Zahn gezogen". salto.bz, 21. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014.
  9. Bolzano volta pagina. salto.bz, 21. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Siegesdenkmal Bozen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

46.50051211.345015Koordinaten: 46° 30′ 2″ N, 11° 20′ 42″ O