Siegfried Melchinger

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Siegfried Melchinger (* 22. November 1906 in Stuttgart; † 2. März 1988 in Höchenschwand) war ein deutscher Theaterkritiker.

Leben[Bearbeiten]

Melchinger wurde als Sohn des Oberpostinspektors August Melchinger und seiner Ehefrau Gerda (geb. Keyn) geboren. Er besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Stuttgart. Nach der Reifeprüfung im Frühjahr 1924 studierte er Germanistik und Altphilologie in München und Tübingen, unter anderem bei Heinrich Wölfflin, Franz Muncker und Johannes Mewaldt. 1927 wurde er in Tübingen bei Hermann Schneider über Kampf des Sturms und Drangs gegen das Drama der Aufklärung promoviert. Nach dem Studium arbeitete er als Theaterkritiker und Redakteur in Frankfurt am Main, Stuttgart, Berlin, München und Wien. Als Ressortchef des Frankfurter General-Anzeiger interpretierte er das Kulturgeschehen im nationalsozialistischen Sinn. Im November 1938 nahm er als Korrespondent des Völkischen Beobachters an einer Gastspielreise der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main auf den Balkan teil.[1] Er schrieb im Dezember 1938 nach dem Novemberpogrom einen antisemitischen Text auf Elisabeth Bergner, der erst postum Anfang der 1990er Jahre an die Öffentlichkeit kam.[2]

Nach einer Kriegsverletzung ab 1942 vom Militärdienst befreit, schrieb er bis 1948 als Theaterkritiker für das Neue Wiener Tagblatt. Anschließend war Melchinger bis 1950 in Wien Chefdramaturg und stellvertretender Direktor des Theater in der Josefstadt. Bereits ab 1946 veröffentlichte unter dem Pseudonym Ulrich Keyn unter anderem über Rainer Maria Rilke. Anfang der 1950er Jahre war er in München journalistisch tätig. Von 1953 bis 1962 leitete er das Feuilleton der Stuttgarter Zeitung. 1963 folgte eine Professur für Theatertheorie an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. 1963 wurde er Mitherausgeber der Zeitschrift Theater heute und galt als einer der einflussreichsten Theaterkritiker Deutschlands.

Auch nach seiner Pensionierung 1973 beschäftigte er sich, wie bereits in seiner Geschichte des politischen Theaters (1971), mit der Theorie des kritischen Theaters. In Das Theater der Tragödie (1974) rekonstruiert Melchinger den theatralischen Kontext der Stücke von Aischylos, Euripides und Sophokles.

Er fungierte als Juror beim Berliner Theatertreffen, an dessen Gründung er beteiligt war. 1978 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Er war Mitglied des PEN-Zentrums.

Sein Sohn Ulrich Melchinger war Opernregisseur.

Werke[Bearbeiten]

  • Kampf des Sturms und Drangs gegen das Drama der Aufklärung, 1928 (Dissertation)
  • Dramaturgie des Sturms und Drangs, Druck: F.A. Perthes, Gotha, 1929
  • als Ulrich Keyn: Der Zauberer Kritschnamurti
 mit Zeichnungen von Cefischer, Amandus-Edition, 1946
  • als Ulrich Keyn: Briefe an eine Reisegefährtin Eine Begegnung mit Rainer Maria Rilke, Alfred Ibach Verlag Wien, 1947.
  • Theater der Gegenwart (1956)
  • Modernes Welttheater (1956)
  • Drama zwischen Shaw und Brecht (1957)
  • Versuch einer Selbstkritik (1959)
  • Harlekin, Bilderbuch der Spaßmacher (1958, mit W. Jäggi)
  • Gründgens Faust (1959, mit Gustaf Gründgens)
  • Musiktheater (1961, mit Walter Felsenstein)
  • Sphären und Tage (1962)
  • Shakespeare auf dem modernen Welttheater (1964)
  • Schauspieler (1965, mit Rosemarie Clausen)
  • Sophokles (1966)
  • Euripides (1967)
  • Caspar Neher (1966)
  • Anton Tschechow (1968)
  • Geschichte des politischen Theaters (1971)
  • Die Welt der Tragödie
  • Das Theater der Tragödie

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bettina Schültke: Theater oder Propaganda? Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933–1945, Ausgabe 40 von Studien zur Frankfurter Geschichte, Waldemar Kramer, Frankfurt am Main, 1997 ISBN 978-3-78290464-3, S. 188
  2. Akteure - Eine böse Überraschung - Debatten-Feuilleton auf www.kultiversum.de