Siegfried Wilhelm Dehn

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Siegfried Dehn von Adolph Menzel

Siegfried Wilhelm (von) Dehn, eigentl. Samuel Dehn, (* 24. Februar 1799 in Altona; † 12. April 1858 in Berlin) war ein deutscher Musiktheoretiker und Kontrapunktlehrer.

Leben[Bearbeiten]

Seine erste musikalische Ausbildung verdankt Dehn dem Hamburger Komponisten Paul Wineberger. 1819 bis 1823 studierte er Jura in Leipzig und wurde dort 1820 Mitglied des Corps Saxonia Leipzig.[1] Daneben betätigte er sich als Musikkritiker der Leipziger Zeitung und erhielt weiteren Musikunterricht bei dem Organisten Johann Andreas Dröbs. 1823 übersiedelte er nach Berlin, arbeitete aber bis zu dessen Konkurs im Jahr 1830 auch im Bankhaus seines Vaters. Danach vervollständigte er seine musikalische Ausbildung bei Bernhard Klein und machte die Musik zu seinem Beruf. Er wurde bald ein gefragter Kontrapunkt- und Kompositionslehrer.

Sein musiktheoretischer Ansatz beruhte auf der engen Verbindung von Harmonie- und Generalbasslehre. Michail Glinka schildert seinen Unterrichtsstil so: „Dehn der mit scharfem Blick die Anlagen seines Schülers erkannte, verzichtete in seinem Unterricht auf jegliche Pedanterie und übertrieben trockene Belehrung und ließ ihn als Übung drei- und vierstimmige Fugen schreiben, wobei er seinen Geschmack entwickelte und seine musiktheoretischen Kenntnisse ordnete.“[2] 1837 bis 1839 unterrichtete er auch Clara Wieck, wenn diese sich in Berlin aufhielt.

Dehn sammelte privat Musikhandschriften, die er auf ausgedehnten Reisen erwarb. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt und Giacomo Meyerbeer wurde er 1842 Kustos der Musikalien[3] der Königlichen Bibliothek, zu deren Aufbau und Erweiterung er maßgeblich beitrug. Er veranlasste die Ordnung und Katalogisierung der Bestände, die Anfertigung von Abschriften von musikalischen Werken aus anderen Bibliotheken in Preußen und die Aufnahme von wertvollen Sammlungen und Nachlässen in die Bestände der Bibliothek. So erwarb er die Sammlung von Georg Poelchau, darunter das Autograph der Matthäus-Passion von Bach, und 1846 die Beethoven-Sammlung Anton Schindlers. Das Amt übte er bis zu seinem Tod aus. Sein Nachfolger wurde Franz Espagne.

Er trat als Autor musiktheoretischer Werke hervor, z. B. veröffentlichte er 1840 die Theoretisch-praktische Harmonielehre, die aber gleichzeitig auch als Abriss der Musikgeschichte seit der Zeit der Gregorianik und der Mensuralnotation anzusehen ist. Er war damit einer der Ersten, die sich mit der Übertragung von Neumen in die moderne Notenschrift befasste. 1842 bis 1848 fungierte er als Redakteur der Zeitschrift Cäcilia.

Als Herausgeber konzentrierte er sich auf Werke Orlando di Lassos und Johann Sebastian Bachs, die er auf der Grundlage der Quellen editierte. Er ging damit über die bisherige Praxis hinaus, wie sie etwa Friedrich Konrad Griepenkerl anwandte. Zusammen mit Ignaz Moscheles, Louis Spohr u. a. war Dehn 1850 maßgeblich an der Gründung der Bach-Gesellschaft beteiligt. Außerdem wirkte er von 1845 bis 1847 als Nachfolger Eduard Grells als Gesanglehrer beim Königlichen Domchor Berlin. Zum Professor ernannt wurde er 1849, 1850 erfolgte die Ernennung zum Mitglied der Berliner Akademie. Seit 1855 lehrte er an der Neuen Akademie der Tonkunst, die von Theodor Kullak gegründet worden war.

Bedeutende Schüler (Auswahl)[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Eigenes
  • Theoretisch-praktische Harmonielehre mit angefügten Generalbaßbeispielen, Berlin, 1840
  • Analyse dreier Fugen von S. Bach und einer Vocalfuge von A. M. Bononcini's, 1858
  • Lehre vom Contrapunkt, Canon und Fuge, 1859
  • Orlandus Lassus Psalmi VII poenitentiales o.J. (Hg.)
  • 12 Hefte mehrstimmiger Gesänge des 16. und 17. Jahrhunderts, o.J. (Hg.)
Bearbeitungen
  • Bach, J. S., [BWV 211] Joh. Seb. Bach. Komische Cantaten. No. I. Schlendrian mit seiner Tochter Liefsgen (Coffee-Cantate:). Herausgegeben von S. W. Dehn. Interdum et Socrates equitabat arundine longa, [ca. 1830], 31 S. (Partitur)
  • Bach, Johann Sebastian (1685-1750), [BWV 1042], Deuxieme Concerto en Mi majeur pour le Violon avec Accompagnament de deux Violons, Viola et Basse…, publie pour la premiere fois par S. W. Dehn [Partitur]. Leipzig, Peters (V. Nr. 3888) [ca. 1875]. 20 lithogr. S.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kösener Corpslisten 1930, 96, 111
  2. M. I. Glinka, Literarischer Nachlass, Bd. 1, Leningrad 1952, S. 299, zit. nach Michail Glinka, Aufzeichnungen aus meinem Leben, Wilhelmshaven 1969, S. 247
  3. Frank/Altmann: Tonkünstlerlexikon, Heinrichshofen´s Verlag Wilhelmshafen, 15. Auflage 1971 S. 120