Silbengelenk

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Ein Silbengelenk (auch Gelenk) bzw. ein ambisyllabischer oder ambisilbischer Konsonant ist ein von Peter Eisenberg in die Germanistik eingeführter Begriff. Er bezeichnet Konsonanten, die je nach Betrachtungsweise entweder zur vorangehenden oder zur folgenden Silbe gezählt werden können und dient als synchrone Erklärung der Doppelschreibung solcher Konsonanten.

Deutsche Silbifizierung und Silbengelenk[Bearbeiten]

Zur Erklärung des Silbengelenks spielen zwei Regeln der deutschen Silbifizierung, also der Einteilung der Wörter in Silben, eine Rolle:

  1. Einerseits die Regel, dass eine Silbe mit scharfem Silbenschnitt, also mit einem kurzen, betonten Vokal, immer mit einem Konsonanten enden muss;
  2. andererseits die Regel, dass ein einfacher Konsonant zwischen zwei Vokalen immer zur Silbe des zweiten Vokals gezählt wird.

In einem Wort wie [ˈalə] (alle) muss also der Konsonant [l] gemäß der ersten Regel zur vorangehenden Silbe gezählt werden, weil diese scharf geschnitten ist: [ˈal.ə]. Gemäß der zweiten Regel muss es hingegen zur folgenden Silbe gezählt werden, weil es ein einzelner Konsonant zwischen zwei Vokalen ist: [ˈa.lə]. Einen solchen Konsonanten, der je nach Silbifizierungsregel der vorangehenden oder der folgenden Silbe zugezählt wird, nennt Eisenberg ein Silbengelenk und kennzeichnet ihn, indem er den Punkt, der die Silbengrenze markiert, nicht vor oder hinter den Konsonanten, sondern unter ihn schreibt: [ˈaḷə]. Andere Beispiele sind Wörter wie [ˈʃlɪṭən] (Schlitten), [ˈvaṣər] (Wasser), [ˈkaʦ̣ə] (Katze).

Bedeutung des Silbengelenks[Bearbeiten]

Dem Silbengelenk entspricht in der Rechtschreibung ein verdoppelter Konsonantenbuchstabe. Das Wort [ˈaḷə] wird alle geschrieben. Die Regeln zur Worttrennung schreiben vor, dass ein solcher verdoppelter Konsonantenbuchstabe in der Mitte getrennt wird: al-le. Auf diese Weise gehört das [l] in [ˈalə] auch gemäß der Rechtschreibung sowohl zur vorangehenden als auch zur folgenden Silbe. Wichtig ist allerdings, dass dieses [l] trotz seiner Doppelschreibung nur einen einfachen Laut darstellt.

Die Silbengelenktheorie untermauert also sowohl die Verdoppelung der Konsonanten als auch die Trennregeln in der deutschen Rechtschreibung, indem sie diese mit der Silbifizierung erklärt. Es handelt sich allerdings nicht um eine historische bzw. diachrone Erklärung, denn der geschichtliche Ursprung der Konsonantenverdoppelungen liegt in einer früheren langen Aussprache (Gemination).

Kritik[Bearbeiten]

Die Annahme von Silbengelenken in der deutschen Sprache wird kritisiert, weil keinerlei Unterschied besteht zwischen einem Konsonanten, der ein Silbengelenk bildet, und einem, der keines bildet. Das /t/ in den Wörtern Ratte (Silbengelenk) und Rate (kein Silbengelenk) wird gleich ausgesprochen.[1]

Silbengelenktheorie in anderen Sprachen[Bearbeiten]

Die Silbengelenktheorie wird hauptsächlich in der deutschen Sprachwissenschaft verwendet. Die erste Regel der Silbifizierung, wonach eine scharf geschnittene Silbe mit einem Konsonanten enden muss, gilt zwar auch in anderen germanischen Sprachen, etwa im Englischen, aber in der englischen Sprachwissenschaft wird die zweite Regel nicht verwendet, wonach ein einfacher Konsonant zur folgenden Silbe gehören müsse. Daher wird in der englischen Sprachwissenschaft das [l] in einem Wort wie alley nur zur vorangehenden Silbe gezählt: [ˈæl.i].[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Eisenberg u. a. : Der Laut und die Lautstruktur des Wortes. In: Peter Eisenberg u. a.: Duden, Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 6. neu bearbeitete Auflage. Dudenverlag, Mannheim u. a. 1998, ISBN 3-411-04046-7, (Der Duden 4), S. 17 – 53, 41.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Utz Maas: Die Anschlusskorrelation des Deutschen im Horizont einer Typologie der Silbenstruktur (PDF; 1,8 MB), in: P. Auer u.a. (Hgg.), Silbenschnitt und Tonakzente, Tübingen: Niemeyer 2002: 11 – 34; S. 20
  2. J. C. Wells: Syllabification and allophony. In: Susan Ramsaran (Hrsg.): Studies in the pronunciation of English. A commemorative volume in honour of A.C. Gimson. London, New York: Routledge, 1990. pages 76-86.