Simon Rattle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sir Simon Rattle dirigiert Wagners Rheingold in der Berliner Philharmonie, 2006

Sir Simon Denis Rattle, OM, CBE (* 19. Januar 1955 in Liverpool) ist ein britischer Dirigent und seit 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.

Leben[Bearbeiten]

Simon Rattle begann 1971 − im Alter von sechzehn Jahren − an der Royal Academy of Music Klavier, Schlagzeug und Orchesterleitung (Bachelor) zu studieren und schloss das Studium 1974 erfolgreich ab. Im selben Jahr gewann er den Ersten Preis des internationalen John-Player-Dirigentenwettbewerbs. Er wurde daraufhin für drei Jahre Assistenzdirigent für die beiden Orchester Bournemouth Symphony Orchestra und Bournemouth Sinfonietta – der Posten war der Hauptpreis des Wettbewerbs[1] im südenglischen Bournemouth. Parallel beendete er sein bereits begonnenes Master-Studium in Schlagzeug und Orchesterleitung.[2]

Von 1977 bis 1980 war Rattle als Chefassistent des BBC Scottish Symphony Orchestra sowie des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra tätig. 1980 wurde er Erster Dirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra. Von 1990 bis 1998 war Rattle als Chefdirigent tätig. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Orchester zu einem Klangkörper von internationalem Rang.[3] Mit dem Orchester unternahm er Tourneen durch Mitteleuropa, Skandinavien, den Nahen Osten und Nordamerika. In den Jahren von 1981 bis 1994 war Rattle zugleich Gastdirigent beim Los Angeles Philharmonic Orchester.[3]

Am 23. Juni 1999 wählten die Berliner Philharmoniker Rattle zum neuen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter, nachdem Claudio Abbado seinen Rückzug zum Ende der Spielzeit 2001/2002 angekündigt hatte. Am 7. September 2002 gab Rattle mit Thomas AdèsAsyla sowie Gustav Mahlers 5. Sinfonie sein Einstandskonzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Am 10. Januar 2013 kündigte Rattle an, mit Ablauf seines Vertrages im Jahr 2018 den Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker aus Altersgründen aufzugeben.[4]

Rattle heiratete 1980 die amerikanische Sopranistin Elise Ross, mit der er zwei Söhne hat. 1995 ließ er sich scheiden und heiratete die Schriftstellerin Candace Allen aus Boston. Auch diese Ehe endete, nachdem Rattle die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená kennengelernt hatte, mit der er sich 2004 liierte und die er 2008 heiratete. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Kožená und Rattle leben in Berlin.

Nach eigenen Angaben las Rattle während seines Studiums sämtliche Romane von Thomas Mann in der deutschen Sprache.[5]

Leistungen[Bearbeiten]

Rattle war 1977 der jüngste Dirigent bei den renommierten Opernfestspielen im englischen Glyndebourne, wo er 1986 George Gershwins Porgy and Bess inszenierte. Zahlreiche Uraufführungen zeitgenössischer Werke sind Simon Rattle ebenso zu verdanken wie seine sporadische Beschäftigung mit Orchestern, die ein historisches Instrumentarium verwenden.

Im Jahr 1987 realisierte er beispielsweise mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Idomeneo in London, der 1989 Le nozze di Figaro folgte.

Bei den Salzburger Festspielen war Simon Rattle ebenfalls häufiger Gast, so musizierte er dort 1999 mit Cecilia Bartoli und dem Orchestra of the Age of Enlightenment.

Zwei Jahre zuvor war er mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra erstmals auf Tournee durch Südamerika.

Sein Konzertprojekt Towards the Millennium mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra endete im März 2000 mit Konzerten in Birmingham, London, Frankfurt am Main, Baden-Baden und Wien.

Sir Simon Rattle realisierte als Dirigent der Berliner Philharmoniker die Filmmusik zur Süskind-Adaption Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders (2006). Außerdem spielte Rattle mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra die Filmmusik des Schotten Patrick Doyle zu Kenneth Branaghs Debütfilm Henry V. ein.

Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London dirigierte Rattle das London Symphony Orchestra. Gespielt wurde unter anderem das Thema aus dem Film Die Stunde des Siegers (Chariots of Fire).

Projekte in Berlin[Bearbeiten]

Sir Simon Rattle bei einer Orchesterprobe in der Berliner Philharmonie, 2007

Bereits zu Beginn seiner ersten Spielzeit 2002/2003 rief Rattle das „Education-Programm“ Zukunft@Bphil ins Leben. Im Januar 2003 realisierte er das vierte Projekt des Programms, das durch den Dokumentarfilm Rhythm Is It! große Bekanntheit erreichte. 250 Berliner Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen studierten mit dem Choreographen Royston Maldoom ein Tanzprojekt zur Musik von Strawinskis Sacre du Printemps ein. Von den Berliner Philharmonikern begleitet, fand die Aufführung in der Arena Berlin statt. Die Entstehung und Realisierung dieses Projekts dokumentiert der Film Rhythm Is It! von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch, der auf der Berlinale gezeigt wurde und mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde.[6]

Im Rahmen seines Engagements für den musikalischen Nachwuchs dirigiert Rattle einmal im Jahr ein Jugendorchester mit Berliner Schülern. Darüber hinaus leitete er 2008 eine Probe des Bundesjugendorchesters und ist Vorstandsmitglied der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker.

Weitere Projekte des Programms waren Strawinskis Der Feuervogel (2005), Ravels Daphnis & Chloé und Orffs Carmina Burana (2006) – die letzteren beiden in Zusammenarbeit mit dem Rundfunkchor Berlin und Simon Halsey.

Einspielungen[Bearbeiten]

Unter seinen mehr als 60 Schallplattenaufnahmen finden sich zahlreiche Werke des etablierten Konzertprogramms, wie etwa alle Symphonien und Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens mit den Wiener Philharmonikern. Als herausragende Leistungen gelten aber besonders seine Einspielungen der 8. Sinfonie (diese mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra), der 5. Sinfonie und des Entwurfs der 10. Sinfonie Gustav Mahlers (letztere 1980 mit dem Bournemouth Symphony Orchestra und nochmals 1999 mit den Berliner Philharmonikern).

Es ist seit über 25 Jahren ein Anliegen Rattles, die Aufführungsversion Deryck Cookes von der Werkskizze jener 10. Sinfonie dem Publikum vorzustellen. Rattle setzte sich darüber hinaus erfolgreich für die Werke Karol Szymanowskis ein. Er gilt außerdem − gleich seinem Lehrer John Carewe[7] − als ein vorzüglicher Dirigent der Haydn-Werke.

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Des Weiteren erhielt Rattle Ehrendoktorwürden der Universitäten Birmingham, Leeds, Liverpool und Oxford. Die Berliner Philharmoniker und ihr Künstlerischer Leiter Sir Simon Rattle wurden am 17. November 2007 als Internationale UNICEF-Botschafter benannt. Das Orchester ist damit die erste Institution, die diesen Titel trägt, und der einzige Internationale UNICEF-Botschafter aus Deutschland.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Nicolas Kenyon: Simon Rattle. Abenteuer der Musik. Aus dem Englischen übersetzt von Maurus Pacher. Henschel, Berlin 2002, ISBN 3-89487-437-6. Erweiterte Auflage: Henschel, Berlin 2007, ISBN 978-3-89487-552-7.
  • Annemarie Kleinert: Berliner Philharmoniker von Karajan bis Rattle. Jaron, Berlin 2005, ISBN 3-89773-131-2, S. 1–189 (online).
  • Angela Hartwig: Rattle at the door. Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker 2002 bis 2008. Evrei-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-00-028093-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sir Simon Rattle über seine eigene Erziehung, bei: rhythmisit.com
  2. Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten. Piper, München 2005
  3. a b Brockhaus: Musik. Mannheim u. Leipzig 2006, Lemma Rattle.
  4. Simon Rattle kündigt Rückzug an. In: Spiegel Online, 10. Januar 2013
  5. Interview mit Simon Rattle im RBB, 24. Juni 2007
  6. Die aktuellen Neuigkeiten rund um Rhythm is it!, bei: rhythmisit.com
  7. Nicolas Kenyon: Simon Rattle. Abenteuer der Musik. Henschel Verlag, Berlin 2002
  8. echoklassik.de - Preisträger 2013 abgerufen am 6. Oktober 2013
  9. UNICEF: Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle werden Internationale UNICEF-Botschafter. 17. November 2007