Simson (Unternehmen)

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Tor B des Gewerbeparks Simson

Simson ist die Kurzbezeichnung eines ehemaligen Waffen- und Fahrzeugherstellers, der im Laufe seiner Geschichte mehrmals umstrukturiert und auch umbenannt wurde. Das ursprüngliche Unternehmen wurde 1856 von den beiden jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson in der thüringischen Stadt Suhl gegründet. Seine heutige Bekanntheit erlangte Simson durch die in der DDR in großen Stückzahlen hergestellten Zweiräder. Mit insgesamt knapp 6 Millionen hergestellten Krafträdern [1] war Simson der größte Zweiradhersteller Deutschlands und ist es bis heute geblieben.

Geschichte[Bearbeiten]

1856–1933[Bearbeiten]

Basis des Unternehmens war anfangs eine Schneidemühle, die auf Antrag von Andreas Bauer aus Heinrichs im preußischen Landkreis Schleusingen mit kurfürstlicher Konzession vom 28. Dezember 1740[2] in einen ‚Stahlhammer‘ umgewandelt wurde. In diesem ‚Stahlhammer‘ wurde das aus der Region gewonnene Eisenerz zu Stahl geschmiedet. Die Brüder Löb und Moses Simson erwarben 1854 ein Drittel des Betriebs[3] und gründeten daraus 1856 die Firma Simson & Co, die weiterhin Holzkohlenstahl produzierte, der hauptsächlich für die Herstellung von Jagd- und Militärwaffen Verwendung fand. Hauptauftraggeber waren die preußische Armee, die Waffen unter anderem für den Preußisch-Deutschen Krieg oder Deutsch-Französischen Krieg von 1870–1871 benötigte[4] und das sächsische Kriegsministerium.

1871 wurde die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen und im Folgejahr erhielt die Fabrik Staatsaufträge für die Waffenfertigung. Zwischen 1872 und 1876 wurden rund 150.000 Militärgewehre vom Typ Modell 71 gefertigt. 1880 erfolgte zudem der Beginn der Produktion von Jagdwaffen.

1887 ließ Gerson Simson an das 1882 errichtete Wohnhaus in Suhl Werkstätten, Büro, Revision und Magazin anbauen. 1893 wurde die Produktion von Präzisionsrichtmitteln für die Artillerie aufgenommen. Hauptabnehmer war die Firma Krupp.

Ab 1896 erweiterte Simson seine Produktpalette und stellte die ersten Fahrräder, die englischen Vorbildern ähnelten, her. Die Firma Simson wurde bald zu einem der großen Fahrradproduzenten. 1908 kam es zu Streiks in der Belegschaft, die Wiedereinstellung von zwölf entlassenen Kollegen sowie den Einbau von Öfen und Ventilatoren in einigen Abteilungen forderte. Der Streik endete mit Teilerfolgen für die Mitarbeiter.

1907 begann die Entwicklung von Personenkraftwagen. Für die Produktion war eine ehemalige Möbelfabrik in Suhl ersteigert worden. Die Entwicklungsarbeiten waren von mehreren Fehlschlägen gezeichnet. Erst 1911 gelang die Konstruktion eines markttauglichen Modells, nachdem der Automobilexperte Paul Henze für mehrere Monate gewonnen worden war. Nach dessen Konstruktionsunterlagen baute der Ingenieur Fritz Hattler Versuchsmuster eines Kleinwagens. 1911 wurde der erste Pkw (Simson A) mit 4-Zylinder-Motor gebaut und ging in Serienproduktion. Aufgrund der Untermotorisierung wurden jedoch nur wenige Exemplare verkauft. Es folgte die Entwicklung von Varianten mit mehr Leistung.

Wurden 1855 gerade 20 Mitarbeiter beschäftigt, so gab es 1904 schon 1200 und 1918 etwa 3500 Beschäftigte beim größten Arbeitgeber Suhls. Während des Ersten Weltkrieges kam es zu einem starken Wachstum und das Unternehmen konnte zwischen 1915 und 1917 seine Produktion vervierfachen. Simson fertigte Teile für Maschinengewehre, Gewehre, kleine Geschütze, Flugmotoren und Sanitätskraftwagen.[5]

Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Waffenproduktion eingestellt werden. Allerdings konnte Simson am 25. August 1925 mit der Reichswehr einen Monopolvertrag zur Lieferung von leichten Maschinengewehren, Gewehren, Karabinern und Pistolen abschließen.[6] Infolge des Friedensvertrags von Versailles war das Unternehmen zuvor von den Alliierten zum alleinigen Ausrüster bestimmt worden. Daneben begann das Unternehmen 1924 die Serienproduktion von Automobilen der Luxusklasse, insbesondere des Modells Simson Supra, das auch im Rennsport erfolgreich fuhr. Ab 1930 wurden auch Kinderwagen hergestellt.

Die Monopolstellung als einer der wenigen offiziellen Waffenlieferanten der Reichswehr ermöglichte es Simson, die Weltwirtschaftskrise von 1929 gut zu überstehen, während die lokale Konkurrenz von vielen Firmenzusammenbrüchen betroffen war.[6] Dies führte zu Beschwerden und Klagen über die staatlichen Subventionen sowie zur Forderung des Verbandes der Suhler Gewehrfabrikanten e.V., Heeresaufträge nicht nur an die Firma Simson zu vergeben. Die Anfeindungen wurden von den Nationalsozialisten aufgegriffen, um die „jüdischen“ Geschäftsführer Arthur und Julius Simson anzugreifen und zu diffamieren.

1933–1945[Bearbeiten]

Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten startete der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel ein Untersuchungsverfahren mit der Begründung, das Deutsche Reich sei durch das „jüdische“ Unternehmen bei der Abrechnung der staatlichen Aufträge übervorteilt worden. Obwohl der Reichsrechnungshof keine übermäßigen Gewinne feststellen konnte, kam es auf Initiative von Sauckel 1934 in Meiningen zu einem Schauprozess gegen Arthur Simson und einige leitende Angestellte wegen „Übervorteilung des Reiches“. Allerdings mussten die inhaftierten Angeklagten ein Jahr später aus Mangel an Beweisen in allen Punkten freigesprochen werden.

Schon zuvor am 19. September 1933 hatte die Firma Simson & Co KG das Unternehmen an die neu gegründete Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH verpachtet, um den Familiennamen aus dem Firmennamen zu entfernen.[7] Als Treuhänder wurde Herbert Hoffmann, ein Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied, eingesetzt.[8] Die Kontrolle über ihre Firma war dadurch der Familie Simson entzogen worden und auf den Treuhänder Hoffmann übergegangen. Zwecks Arisierung wurde das Unternehmen mit einem Wert von zirka 18 Millionen Reichsmark und einem Jahresgewinn 1934 von rund 1,6 Millionen Reichsmark Friedrich Flick für einen Preis von 8 bis 9 Millionen Reichsmark angeboten.[9] Flick lehnte dies aber nach längeren Verhandlungen ab.

Am 1. September 1934 wurde die Automobilproduktion zu Gunsten der Rüstungsproduktion eingestellt.[3]

Im August 1935 erwirkte Sauckel ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Jena, diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das endete mit einem Schuldspruch und einer Geldbuße von 9,75 Millionen Reichsmark gegen die Inhaber.[10] Der angebliche Übergewinn wurde durch die deutsche Revisions- und Treuhand AG errechnet. Das nötige Geld konnte nur durch einen unter Waffengewalt erzwungenen Verzicht der Eigentümer Julius und Arthur Simson auf das Werk beglichen werden, so dass am 28. November 1935 das Unternehmen auf Fritz Sauckel übertragen wurde. Die Familie Simson konnte 1936 in die Schweiz fliehen und wanderte in die USA aus. Der Name Simson wurde schließlich aus der Firmenbezeichnung gestrichen.

Logo der Gustloff-Werke

Das übernommene Vermögen bildete in der Folge den Grundstock für die 1936 gegründete Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Im gleichen Jahr lief unter dem Namen BSW 100 in Suhl das erste motorisierte Zweirad der Firma vom Band, das damals noch als Motor-Fahrrad galt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion von Fahrrädern, Kinderwagen und Motorrädern eingestellt und auf Waffenfertigung umgestellt. 6000 Mitarbeiter fertigten in den ab 1939 bezeichneten Gustloff-Werke – Waffenwerk Suhl diverse Kriegswaffen wie Karabiner, Maschinengewehre und leichte Flugabwehrkanonen. So betrug schon 1940 der Umsatz mit militärischen Erzeugnissen knapp 43 Millionen Reichsmark, während der Umsatz der zivilen Produktion, die im darauffolgenden Jahr eingestellt wurde, nur etwa 3,3 Millionen Reichsmark betrug. Unter anderem wurden in Suhl allein im Jahr 1944 fast 62.000 Exemplare des MG 42 oder 2500 Lafetten für die 2-cm-Flak 38 hergestellt.[3] Neben dem Stammwerk entstand 1938 in Schmiedefeld am Rennsteig ein Zweigwerk zur Lauffertigung von Maschinengewehren. Das sogenannte Rennsteigwerk lag direkt am Bahnhof Rennsteig. 1940 folgten eine Betriebsstätte in Meiningen für die Produktion der Panzerbüchse 39 und des MG 13 sowie ein Werk in Greiz für die Fertigung von Gewehrläufen. Schließlich nahm 1942 in Litzmannstadt ein weiteres Zweigwerk die Fertigung des MG 42 auf, die im August 1944 nach Suhl verlagert wurde.

1945–1990[Bearbeiten]

VEB Fahrzeug-und Gerätewerk Simson-Suhl (1959)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk von den Alliierten als Rüstungsbetrieb eingestuft und 1946 weitgehend demontiert. Etwa 4300 Maschinen wurden als Reparationszahlungen in die Sowjetunion transportiert.[11] Mit den verbliebenen, knapp 900 Anlagen begann die Produktion von Jagdwaffen, Kinderwagen und Fahrrädern, die größtenteils als weitere Reparationen in die Sowjetunion gingen. 1947 wurde der Betrieb in die Weimarer Zweigstelle der sowjetischen Aktiengesellschaft SAG Awtowelo (AWO) eingegliedert.

Ende 1948 erhielt das Werk von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) den Befehl, ein Motorrad mit einem 250-cm³-Viertaktmotor zu bauen, die spätere AWO 425. Bereits 1950 konnte die Produktion des der EMW beziehungsweise BMW R 25 ähnelnden Maschine aufgenommen werden, von der bis zur Produktionseinstellung Ende 1961 etwa 210.000 Stück hergestellt wurden. Mit dem Hochfahren der Mopedproduktion wurde 1957 die Produktion von Fahrrädern eingestellt.

Mit dem SR1 begann 1955 die Mopedproduktion
Simson-Emblem am Tank eines Motorrades der Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr

Am 1. Mai 1952 wurde der von nun an volkseigene Betrieb als VEB Fahrzeug und Gerätewerk Simson Suhl in der späteren IFA – Industrieverband Fahrzeugbau der DDR, eingegliedert. Produziert wurden neben der AWO 425 (von da an als Simson 425 bezeichnet) ab 1955 auch Mopeds, Mokicks und Roller. Aufgrund des Beschlusses, die Motorradproduktion in der DDR nur von MZ durchführen zu lassen, folgte ab 1962 nur noch der Bau von Mopeds und anderen Kleinkrafträdern. Diese Aufteilung der Marktsegmente blieb bis zum Ende der DDR bestehen. Mit dem Produktionsbeginn der Schwalbe im Jahr 1964 und des S50 im Jahr 1975 wurden die in der DDR bekanntesten und weitestverbreiteten Kleinkrafträder hergestellt.

Nachdem zwischenzeitlich zwecks Erhöhung der Mopedproduktion die Waffenherstellung in das „VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl“ ausgelagert wurde, kam es zum Jahresbeginn 1968 wieder zur Zusammenlegung der Werke, woraufhin der Betrieb ab diesem Zeitpunkt VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ hieß. Ende der 1980er-Jahre hatte das Suhler Werk etwa 4000 Mitarbeiter, die pro Jahr knapp 200.000 Kleinkrafträder produzierten.[12] Die Mopeds wurden ab den 1970er Jahren international fast nur im Ostblock verkauft, außerdem auch im Orient und in Afrika. Sie entsprachen einigen Autoren zufolge nicht mehr dem Qualitäts- und Entwicklungsstandard,[13] wobei auch in den 1980er Jahren noch moderne Produkte wie der SR50 auf den Markt kamen, für den sogar ein Elektromotor entwickelt wurde.

Das Ende des VEB Simson Suhl (1990–1991)[Bearbeiten]

Im Zuge der politische Wende 1989/1990 wurde der volkseigene Betrieb Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ Simson Suhl der Treuhandverwaltung unterstellt und aus formalen Gründen [14] in die beiden Gesellschaften Simson Fahrzeug GmbH sowie Jagd- und Sportwaffen GmbH in Privateigentum übergeführt. In dieser Zeit brach der Exportmarkt für Simson infolge der politischen Veränderungen schlagartig zusammen. Auch die Nachfrage im Inland ging stark zurück. Die meisten der 4000 Mitarbeiter wurden entlassen und die Produktion verringerte sich auf nur noch 5000 Kleinkrafträder im Jahr 1991. Schon im März des Jahres wurde die Liquidierung des Unternehmens durch den Vorstand der Treuhandanstalt eingeleitet, die Produktion kam schließlich zum 31. Dezember 1991 gänzlich zum erliegen.[15]

Besondere Marktsituation nach 1990[Bearbeiten]

Simson stand in den 1990er Jahren einer ungewöhnlichen und schwierigen Marktsituation gegenüber. Die Nachfrage nach Klein- und Leichtkrafträdern war generell stark gesunken. Viele, die bis dahin das Moped zum alltäglichen Gebrauch nutzten, waren auf den (nun leichter verfügbaren) PKW umgestiegen. Westdeutsche Hersteller wie Hercules, Zündapp oder Kreidler hatten ihre Mopedproduktion bereits stark reduziert oder gänzlich eingestellt. Die noch bestehende Nachfrage wurde durch Importfahrzeuge aus Niedriglohnländern abgedeckt. Die größte Konkurrenz für Simson kam allerdings aus eigenem Hause – der Markt wurde von Gebrauchtfahrzeugen aus der ehemaligen DDR überströmt. Das massive Überangebot hatte niedrige Preise zur Folge, viele Simsons wurden einfach verschenkt. Obendrein blieb für diese älteren Fahrzeuge die attraktive 60-km/h-Ausnahmeregelung erhalten, während neue Kleinkrafträder nur noch maximal 50 km/h schnell sein durften. Unter diesen Bedingungen gelang es Simson, eine stabile Produktion wieder aufzubauen. Das weitere Schicksal der Traditionsmarke zeigt, dass es letztlich nicht gelang, sich auf dem Zweiradsektor fest zu etablieren. Von 1992 bis 2002 wurden insgesamt etwa 47.000 Mofas, Kleinkraft- und Leichtkrafträder verkauft. Zum Vergleich – in den 1980er Jahren betrug der Jahresausstoß bei Simson knapp 200.000 Fahrzeuge.

Gründung der Suhler Fahrzeugwerk GmbH und neue Modellbezeichnungen[Bearbeiten]

Noch Ende 1991 schlossen sich einige der ehemaligen Mitarbeiter zur „Suhler Fahrzeugwerk GmbH“ zusammen und nahmen bereits Anfang 1992 die Fertigung wieder auf. Dabei konnte auf die Produktionsanlagen, das umfangreiche Know-how und technische Unterlagen zurückgegriffen werden. Die meisten Zuliefererbetriebe waren jedoch zugrunde gegangen, sodass es darauf ankam, eiligst neue Kontakte zu knüpfen.

Zunächst wurde die Produktion der bekannten Typen mit leichten Modifikationen fortgesetzt. Unter anderem entfiel die beliebte 60 km/h-Ausführung, weil die betreffende DDR-Regelung, dass Kleinkrafträder bis zu 60 km/h fahren dürfen, nicht in bundesdeutsches Recht übernommen worden war. Dennoch gelang es, in kleinem Maßstab eine stabile Produktion aufzubauen. Mit optischen Modifikationen, technischen Extras und griechischen Buchstaben als Modellbezeichnung gelang es ab 1993, die neuen Simsons deutlicher von der Masse der Gebrauchtfahrzeuge abzuheben und moderner erscheinen zu lassen. Die Neuerungen brachten jedoch erhöhte Kosten mit sich, weshalb die Modellpolitik der alpha-, beta- und gamma-Serie nur wenige Jahre lang verfolgt wurde.

In diesem Zeitabschnitt gab es auch einige Innovationen bei Simson. Noch 1992 wurde ein Lastendreirad Typ SD 50 in die Fertigung aufgenommen, das eine Marktnische ausfüllen sollte. Ebenfalls innovativ war der Kleinroller gamma E mit Elektromotor. Infolge großer Produktionskosten und nicht ausgereifter Akku-Technik wurde dessen Fertigung jedoch nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Produktvielfalt und Niedergang von Simson (1996–2003)[Bearbeiten]

Das Jahr 1996 markierte einen Wendepunkt für Simson. Die Modellpalette wurde erheblich aufgeweitet und diverse Neuentwicklungen in Serie übergeführt. Die Bezeichnung in griechischen Buchstaben wurde aufgegeben, stattdessen wurden die bereits zu DDR-Zeiten verwendeten Vogelnamen aufgegriffen. Neben diversen aufgewerteten Fahrzeugen, wurden auch wieder die einfachen Grundausstattungen der in der DDR entwickelten Typen S53 und SR50/1 zu relativ niedrigen Preisen angeboten. Am anderen Ende der Skala kamen ein moderner Scooter mit stufenlosem Automatikgetriebe, sportliche Mokicks mit Zentralfederbein und andere Typen ins Angebot. 1998 stieg man mit einer Motorrad-Neuentwicklung sogar in die 125er Klasse ein.

Doch Simson verkalkulierte sich zusehends. Die neu entwickelten Fahrzeuge verkauften sich nur schleppend. Sie wiesen diverse konstruktive Schwächen auf und waren den alten, aber ausgereiften DDR-Baumustern nicht ebenbürtig. Auch die Entwicklung und Markteinführung des Motorrades Simson Schikra gestaltete sich kostenintensiv und fehlerbehaftet. Unverständlich erscheint es auch, dass keine Anstrengungen zur Erschließung von Exportmärkten unternommen wurden. Im Januar 2000 war es so weit: Die Suhler Zweirad GmbH, die 1997/98 schrittweise die bisherige Suhler Fahrzeugwerk GmbH übernommen hatte, musste Insolvenz anmelden. Auch politisch motivierte Unterstützung durch das Land Thüringen in Form der TIB (Thüringer Industrie Beteiligungsgesellschaft) konnte das Scheitern nicht verhindern.

Ein neuer Investor, der Engineering-Dienstleister KONTEC [16] setzte die Produktion ab Juni 2000 mit nochmals stark reduzierter Mitarbeiterzahl unter dem Namen SIMSON MOTORRAD GmbH & Co KG fort. Innovationen bei den 125er Motorrädern und später auch den Kleinkrafträdern sollten dem Unternehmen zu neuem Erfolg verhelfen. Zahlreiche, teilweise virtuose Entwürfe wie Simson Insect, Schwalbe II, das Kick-Board Raven und ein Superbike „Simson Hyper-Bike“ zeugen von großen Vorhaben des damaligen Investors. So ambitioniert die Entwürfe auch erscheinen mögen – sie lassen eine eklatante Fehleinschätzung der realen Marktlage und der Möglichkeiten am Produktionsstandort in Suhl erkennen. Die Nachfrage nach einfachen, robusten Kleinkrafträdern wurde verkannt – 95% der seit 1992 verkauften Fahrzeuge waren auf den DDR-Baumustern S53 und SR50/1 basierende Modelle. Fehler in der Geschäftsführung führten außerdem zu ständigen Lieferschwierigkeiten – Simson verzettelte sich zusehends. Schließlich ruinierte man das Image der Traditionsmarke noch durch den Vertrieb von billigen Importfahrzeugen unter dem Namen Simson. Im Juni 2002 musste Simson erneut Insolvenz anmelden. Bald darauf, am 30. September desselben Jahres, wurde die Fahrzeugproduktion endgültig eingestellt.[17] Weil sich kein neuer Investor fand, kam es am 1. Februar 2003 zur Zwangsversteigerung des gesamten Betriebsvermögens inklusive der Produktionsanlagen, sodass der Name Simson – eine deutsche Traditionsmarke über 106 Jahre – für immer Geschichte war.

Parallel dazu wurde am 1. Juli 1996[18] die Liquidation der Suhler Fahrzeugwerk GmbH wieder aufgehoben[19] und mit völlig neuer Struktur als Simson Gewerbepark GmbH gegründet. Später erfolgte noch eine Umbenennung in TLG Gewerbepark Simson GmbH. Dieses Unternehmen, eine Tochtergesellschaft der TLG Immobilien GmbH, existiert bis heute (Stand 2012) und unterhält die Immobilien der ehemaligen Produktionsstätten und verwaltet die Markenrechte.

Ab 2003[Bearbeiten]

Im Mai 2003 hat die seit 1993 bestehende MZA (Meyer-Zweiradtechnik-Ahnatal) GmbH beinahe alle Vermögenswerte, wie die Waren- und Lagerbestände, Produktionsvorrichtungen sowie Zeichnungs- und Urheberrechte des letzten direkten Simson-Nachfolgeunternehmens nach dessen Insolvenz aufgekauft. Weiterhin wurde eine Vereinbarung über die Nutzung des Markennamens Simson mit der TLG Gewerbepark Simson GmbH geschlossen. Somit ist MZA kein direktes Simson-Nachfolgeunternehmen mehr. Im Unterschied zu allen vorhergehenden Simson-Unternehmen produziert MZA auch keine Neufahrzeuge mehr, sondern am Standort Suhl nur noch Ersatzteile für fast alle bisher gebauten Simson-Modelle. Die Produkte können vom Endverbraucher nur über Händler bezogen werden.

Hergestellte Produkte und Fahrzeuge[Bearbeiten]

Unter Führung der Familie Simson[Bearbeiten]

  • Ausgangsprodukte zur Herstellung von Äxten, Meißeln, Hellebarden, Rohre für die Suhler
  • ab 1896 luftbereifte Fahrräder
  • ab 1911 erste Pkw
  • während des Ersten Weltkrieges wieder Waffenproduktion (Karabiner, Maschinengewehre, Pistolen, leichte Geschütze, Flugmotoren und Sanitätskraftwagen)
  • nach dem Ersten Weltkrieg Serienproduktion von Automobilen der Luxusklasse, speziell des Modells Simson Supra, sowie von Kinderwagen.

Automobile 1914–1934[Bearbeiten]

Typ Bauzeitraum Zylinder Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
Typ A (6/12 PS) 1914–1915 4 Reihe 1462 cm³ 22 PS (16,2 kW) 55 km/h
Typ C (10/28 PS) 1914–1915 4 Reihe 2614 cm³ 28 PS (20,5 kW) 65 km/h
Typ D (14/45 PS) 1919–1923 4 Reihe 3538 cm³ 45 PS (33 kW) 90 km/h
Typ Bo (6/22 PS) 1919–1924 4 Reihe 1570 cm³ 22 PS (16,2 kW) 65 km/h
Typ Co (10/40 PS) 1919–1924 4 Reihe. 1613 cm³ 40 PS (29 kW) 80 km/h
Typ F (14/65 PS) 1923–1924 4 Reihe 3613 cm³ 65 PS (48 kW) 100 km/h
Supra Typ S (8/50 PS) 1924–1926 4 Reihe 1970 cm³ 50–60 PS (37–44 kW) 120–140 km/h
Supra Typ J (12/60 PS) 1925–1926 6 Reihe 3120 cm³ 60 PS (44 kW) 95 km/h
Supra Typ So (8/40 PS) 1925–1929 4 Reihe 1970 cm³ 40 PS (29 kW) 100 km/h
Supra Typ R (12/60 PS) 1926–1931 6 Reihe 3130 cm³ 60 PS (44 kW) 95 km/h
Supra Typ RJ (13/70 PS) 1931–1934 6 Reihe 3358 cm³ 70 PS (51 kW) 95 km/h
Supra Typ A (18/90 PS) 1931–1934 8 Reihe 4673 cm³ 90 PS (66 kW) 120 km/h

Während des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

  • im September 1934 wurde die Automobilproduktion eingestellt
  • ab 1936 wurde mit der BSW 98 das erste steuer- und führerscheinfrei zu fahrende motorisierte Zweirad gefertigt
  • mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion von Fahrrädern und Kinderwagen zugunsten von Karabinern, 2-cm- und 3,7-cm-Fliegerabwehrkanonen (Flak), Maschinengewehren und Kommandogeräten für Flugzeuge aufgegeben

nach 1945[Bearbeiten]

Zeitleiste der Simson-Fahrzeuge von 1950 bis 2002 (ohne Importfahrzeuge)
Typ 1950er 1960er 1970er 1980er 1990er 2000er
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2
Fahrrad versch. Modelle
Moped SR1 SR2 Spatz SL1
Mokick Star S50 S51 S53
Habicht Sperber 50
Spatz 50
Kleinroller KR50 Schwalbe SR50/80
Star 50
Leichtkraftrad Sperber S70 S83
Simson 125
Motorrad AWO 425
Lastendreirad SD 50

Fälschlicherweise wird das dreirädrige Duo oft auch Simson hinzugerechnet, da viele Teile aus dem Baukastensystem der sogenannten Simson – Vogelserie stammten. Dieses wurde jedoch nie von Simson gefertigt.

Eine Auswahl populärer Simson-Zweiräder

Ein bis zum 28. Februar 1992 erstmals zum Verkehr zugelassenes Simson Mokick (Kleinkraftrad) darf laut § 76 Nr. 8 lit c) der FEV in der Regel mit 60 km/h fahren, wobei andere Mopeds meist nur bis 50 km/h bzw. ab 2001 bis 45 km/h zugelassen sind. Die Ersatzteilversorgung fast aller Simson-Modelle wird von MZA in Vellmar und der Niederlassung Suhl über ein bundesweites Händlernetz sichergestellt.

Der in Ibach /Schwarzwald erfundene Hotzenblitz wurde im Thüringer Fahrzeugwerk in Suhl zur Serienreife entwickelt. Bevor die Produktion aufgrund von Finanzierungsproblemen eingestellt werden musste, wurden in einer Vorserie ca. 140 Versuchsfahrzeuge, hauptsächlich vom Typ Hotzenblitz EL-Sport (Buggy) gefertigt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Simson – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende. S. 17.
  2. Der Konzessionsschein der Oberaufsicht wurde am 20. Februar 1741 ausgestellt, vgl. A 33, B XXII Nr. 3 Bl. 25
  3. a b c Fahrzeug Museum Suhl:Geschichte
  4. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende. S. 9.
  5. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende. S. 9.
  6. a b Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Hrsg.), Ulrike Schulz: Die Enteignung der Firma „Simson &Co“ 1929–1935. In: Thüringer Blätter zur Landeskunde. 60, Erfurt 2006.
  7. Ulrike Schulz: Die Enteignung der Firma Simson &Co, Suhl/Thüringen von 1927–1935. In: Quellen zur Geschichte Thüringens, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2011, S. 19.
  8. Ulrike Schulz: Die Enteignung der Firma Simson &Co, Suhl/Thüringen von 1927–1935. In: Quellen zur Geschichte Thüringens, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2011, S.20
  9. Wolf Gruner (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Bd. 1., Deutsches Reich 1933–1937. München 2008, ISBN 978-3-486-58480-6, Nr. 165 / S. 435ff.
  10. Monika Gibas (Hrsg.): Quellen zur Geschichte Thüringens „Arisierung“ in Thüringen Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933–1945. (2 Halbbände); 2. überarbeitete Auflage Erfurt 2008, ISBN 978-3-937967-06-6, S. 34 ff.
  11. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende. S. 10.
  12.  Norbert Moczarski etal, Thüringisches Staatsarchiv Meiningen (Hrsg.): Thüringisches Staatsarchiv Meiningen. Abteilung Regionales Wirtschaftsarchiv Südthüringen in Suhl. Eine kurze Bestandsübersicht. 1 Auflage. Druckhaus Offizin Hildburghausen, 1994, Entwicklung traditioneller Industriegebiete in Südthüringen bis 1990, S. 16–24.
  13. Ulrike Schulz: Die Enteignung der Firma Simson &Co, Suhl/Thüringen von 1927–1935. In: Quellen zur Geschichte Thüringens, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2011, S. 385.
  14. http://www.verfassungen.de/de/ddr/umwandlungsverordnung90.htm
  15. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende, S.17. MZA-Verlag, 1. Auflage 2006
  16. http://www.wallstreet-online.de/diskussion/125763-1-10/stuttgarter-kontec-uebernimmt-suhler-traditionsunternehmen-simson
  17. Erhard Werner: Simson-Fahrzeuge von der Wende bis zum Ende, S.18. MZA-Verlag, 1. Auflage 2006
  18. §2, Absatz (3) auf der Website: http://www.gesetze-im-internet.de/treuhl_v/BJNR390800994.html
  19. http://www.simson-gewerbepark.de/index.php/historie

50.60349110.642843Koordinaten: 50° 36′ 13″ N, 10° 38′ 34″ O