Sinfonie KV 95

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Sinfonie D-Dur Köchelverzeichnis 95 wurde möglicherweise von Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 1770 in Rom komponiert.

Allgemeines[Bearbeiten]

Gemälde Mozarts von Saverio dalla Rosa, Januar 1770

Am 25. April 1770 erwähnt Mozart in einem Brief aus Italien an seine Schwester u. a. zwei Sinfonien. Alfred Einstein (1937)[1] ist der Auffassung, dass es sich dabei um Köchelverzeichnis (KV) 95 und KV 97 handelt, die man auch als „Zwillingssinfonien“ bezeichnen könnte (Einstein bezieht sich dabei auch auf die Tonart und die Struktur der Werke) und die Mozart wahrscheinlich im April 1770 in Rom komponiert habe. Diese Auffassung wird jedoch von anderen Autoren bezweifelt, da für beide Sinfonien keine Autographe überliefert sind.[2]

Auch für zwei weitere D-Dur Sinfonien, KV 81 und KV 84, die Mozart während seiner ersten Italienreise komponiert haben soll, ist die Echtheit nicht zweifelsfrei geklärt.[2][3] Wolfgang Gersthofer (2007)[4] nimmt unter Berücksichtigung anderer, sicher von Mozart während dieser Zeit entstandenen Werke eine Autorschaft desselben für die Sinfonien KV 81, KV 84, KV 95 und KV 97 „mit großer Wahrscheinlichkeit“ an.

Ob die Sinfonien KV 95 und KV 97 ursprünglich – dem italienischen Typus gemäß – dreisätzig waren und Mozart später das Menuett nachkomponierte, oder ob sie von Anfang an viersätzig konzipiert waren, ist unklar.[2][5]

Die Alte Mozart-Ausgabe (erschienen 1879–1882) führt 41 Sinfonien mit der Nummerierung von 1 bis 41. Weitere Werke wurden bis 1910 in Ergänzungsbänden veröffentlicht. Die darin enthaltenen Sinfonien sind manchmal mit den Nummern 42 bis 55 bezeichnet (KV 95 hat die Nummer 45), auch wenn es sich um frühere Werke als Mozarts letzte Sinfonie KV 551 von 1788 handelt, die nach der Alten Mozart-Ausgabe die Nummer 41 trägt.[2]

Zur Musik[Bearbeiten]

Besetzung: zwei Querflöten (diese nur im zweiten Satz), zwei Oboen, zwei Hörner in D, zwei Trompeten in D, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. In zeitgenössischen Orchestern war es zudem üblich, auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) zur Verstärkung der Bass-Stimme bzw. als Continuo einzusetzen. Dies gilt bei Verwendung von Trompeten wahrscheinlich auch für die teilweise außerhalb der Partitur notierten Pauken.[2]

Aufführungsdauer: ca. 12 Minuten.

Bei den hier benutzten Begriffen in Anlehnung an die Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie KV 95 übertragen werden kann. Die Sätze 1, 2 und 4 entsprechen noch mehr der zweiteiligen Form, bei der der zweite Satzteil als modifizierter Durchlauf des ersten („Exposition“) angesehen wird. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Allegro[Bearbeiten]

Beginn des Allegros

D-Dur, 4/4-Takt (alla breve), 90 Takte

Der Satz eröffnet als fanfarenartige Abfolge aus kräftigem Unisono-D, abgesetzter Achtelbewegung der Violinen im Piano (Motiv 1), energisch wiederholten Quart-Motiv (Motiv 2) und einer sich aufschraubenden Figur (Motiv 3). Ähnliche Anfänge finden sich bei KV 74 und  KV 97. Diese Abfolge wird nun wiederholt, ehe in Takt 17 eine Überleitungspassage aus Akkordmelodik, Verzierungen und Unisono-Achtelläufen einsetzt.

Die Passage von Takt 27 bis 35 steht in der Dominante A-Dur und lässt sich aus der abgesetzten Achtelfigur von Motiv 1 herleiten, wobei nun jedoch nur die 1. Violine stimmführend ist, während 2. Violine und Viola mit Achteln begleiten (Bläser und Bass schweigen). Am Ende wechselt die Harmonie kurz echoartig nach Moll, wodurch ein interessanter Klangeffekt entsteht. Die Schlussgruppe (Takt 35-43) basiert wiederum auf Akkordmelodik und energischen Tonwiederholungen.

Die „Durchführung“ bzw. der zweite Teil beginnt ähnlich dem Satzanfang als Akkord auf Fis (ohne Terz, daher bleibt es zunächst unklar, ob Dur oder Moll vorliegt), der über das verkürzte Motiv 1 und eine Legato-Kadenz (Motiv 4) nach h-Moll aufgelöst wird; h-Moll etabliert sich kurzfristig mit Motiv 2 (verkürzt) und Motiv 3. Ab Takt 52 folgt eine Wiederholung dieser Abfolge auf der Basis von E-Dur, die nach Erreichen von A-Dur in die Sequenzierung von Motiv 3 übergeht. Der weitere Ablauf entspricht mit dem Einsatz des zweiten Themas ab Takt 71 dem der Exposition. Codaartig wird ab Takt 86 nochmals Motiv 3 aufgegriffen, das den Satz „offen“ auf einem D-Dur-Septakkord mit anschließender Generalpause beendet. Dieser Akkord wirkt dominantisch zum G-Dur des folgenden Andante.

Insgesamt hat der Satz damit – wie auch KV 97 – einen ouvertürenartigen Charakter, der allerdings hier noch dadurch verstärkt wird, dass der erste Satz in den zweiten übergeht.

Volker Scherliess (2005)[3] bemängelt, dass die „thematische Erfindung vergleichsweise schematisch wirkt“ und im „Mittelteil Sequenzreihungen erklingen, denen es – gemessen an dem Standard, durch den Mozart uns verwöhnt hat - eher an Eleganz gebricht.“ Neal Zaslaw (1986)[2] spricht von einem „Essay in zusammengesetzten Orchestergeräuschen (…), der keine erinnerbaren oder singbaren Melodien (…) bietet.“ Zaslaw vergleicht den Satz mit einem Prosatext, der ausschließlich aus Artikeln, Konjunktionen und Präpositionen besteht und meint, dass Leopold Mozart Sätze dieser Art von Johann Stamitz abwertend mit „nichts als Lärm“ bezeichnet habe. Zaslaw verweist andererseits jedoch auch auf Bewertungsschwierigkeiten insbesondere bei dieser Art Musik. Auch Hermann Abert (1955) äußert sich etwas abwertend.[6] – Im Rahmen des ouvertürenhaften Charakters kann eine solch wenig melodiöse Satzstruktur („fröhliches Lärmen“[2]) durchaus angemessen sein, zumal neben dem dritten v. a. der zweite Satz durch eine klare Melodielinie als „Entschädigung“ bzw. Kontrast gekennzeichnet ist. Ferner sind in diesem Satz zumindest Motiv 2 und 3 durchaus einprägsamen.

Für den Beginn des Überleitungsteils ab Takt 17 sieht Wolfgang Gersthofer (2007)[4] eine auffallende Ähnlichkeit zur Ouvertüre der Oper Artaserse von Johann Christian Bach.

Zweiter Satz: Andante[Bearbeiten]

G-Dur, 3/4-Takt, 56 Takte, Trompeten schweigen, Flöten vertreten die Oboen

Der Satz basiert auf einem sanglich-wiegenden, achttaktigen Thema. Zunächst sind die Violinen stimmführend, bei der Wiederholung (Takt 9 ff.) entsteht durch das Hinzutreten der Flöten eine pastorale Schäfer-Klangfarbe. Ab Takt 17 folgen zwei jeweils viertaktige Motive, wiederum mit Stimmführung in den Flöten und der 1. Violine. Der erste Teil endet in Takt 24.

Der zweite Teil beginnt mit zwei neuen Motiven, die ähnlich wie die vorigen strukturiert sind, wobei das erste durch den versetzten Einsatz von 1. Flöte / 1. Violine einerseits und 2. Flöte / 2. Violine andererseits gekennzeichnet ist. Nach diesem Überleitungsteil folgt in Takt 33 eine Wiederholung des ersten Teils. Teil 1 und Teil 2 werden jeweils wiederholt.[7]

Das Hauptthema weist Ähnlichkeiten auf mit dem fünften Satz (Andante) der Serenade KV 204 sowie mit dem Menuett der Sonate KV 9.[5]

Dritter Satz: Menuetto[Bearbeiten]

D-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 46 Takte

Das energische Menuett basiert überwiegend auf Dreiklangsmelodik und hat v. a. am Anfang bei durchlaufendem Bass unter aufsteigenden Akkorden einen besonders strahlenden Charakter. Es ist vollständig im Forte gehalten und insgesamt recht kompakt gebaut: Der erste Teil ist achttaktig, der zweite besteht aus einer sechstaktigen Überleitungspassage (wiederum laufender Bass über ausgehaltenen Unisono-Tönen der Oberstimmen) und greift dann erneut die Melodie des ersten auf.

Das Trio in d-Moll für Streicher und Oboe kontrastiert mit seiner weicheren Klangfarbe zum Menuett. Es steht vollständig im Piano (Menuett: vollständig Forte) und basiert auf einem Dialog zwischen 1. und 2. Violine mit wiegender, auf- und absteigender Bewegung. Die Taktverhältnisse der beiden Teile sind ähnlich wie beim Menuett.

Vierter Satz: Allegro[Bearbeiten]

D-Dur, 2/4-Takt, 120 Takte

Wie im Anfangssatz gleicher Bezeichnung basiert auch dieses Allegro überwiegend auf Akkordmelodik, die den Satzbeginn mit drei wiederholten viertaktigen Motiven dominiert. Bezeichnend für das dritte Motiv ist zudem ein virtuoser Sechzehntel-Lauf aufwärts und die echoartige Wiederholung im Piano. An das zweite Thema (Takt 35-42), das von den Streichern im A-Dur – Piano vorgetragen wird und das im Verhältnis zum ersten Allegro etwas melodiöser gestaltet ist, schließt sich (ähnlich zum ersten Satz) die Schlussgruppe wiederum aus Akkordmelodik an. Die Exposition endet in Takt 59 mit Akkordschlägen auf A-Dur.

Der zweite Teil beginn mit einer Sequenzierung von Motiv 1 über A-Dur und h-Moll nach D-Dur, womit in Takt 66 bereits die Reprise erreicht ist. Diese entspricht bis auf eine kurze Wendung nach e-Moll mit Motiv 2 (Takt 69) überwiegend der Exposition. Beide Satzteile werden wiederholt.[7] Wie für Sinfonien dieses Typus damals üblich, ist das Allegro als letzter Satz im „Kehraus-“ Charakter gehalten.

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Alfred Einstein: Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts. Nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen von Dr. Ludwig Ritter von Köchel. Dritte Auflage, bearbeitet von Alfred Einstein. Breitkopf & Härtel-Verlag, Leipzig 1937, 984 S.
  2. a b c d e f g Neal Zaslaw: Mozarts früheste Sinfonien. Sinfonie in D-dur, KV 73n/95. Textbeitrag zu: Wolfgang Amadeus Mozart: Early Symphonies 1764–1771, deutsche Übersetzung von Henning Weber von 1982. Einspielung der Academy of Ancient Music; Konzertmeister Jaap Schröder, Continuo: Christopher Hogwood. Decca Record, London 1986.
  3. a b Volker Scherliess: Die Sinfonien. In: Silke Leopold (Hrsg.): Mozart-Handbuch. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005, ISBN 3-7618-2021-6, S. 277-278
  4. a b Wolfgang Gersthofer: Sinfonien KV 16-134. In: Joachim Brügge, Claudia Maria Knispel (Hrsg.): Das Mozart-Handbuch, Band 1: Mozarts Orchesterwerke und Konzerte. Laaber-Verlag, Laaber 2007, ISBN 3-8900-7461-8, S. 15-27.
  5. a b Franz Giegling, Alexander Weinmann, Gerd Sievers: Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts. Nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen von Dr. Ludwig Ritter von Köchel. Sechste Auflage. Breitkopf & Härtel-Verlag, Wiesbaden 1964, 1023 S.
  6. Hermann Abert (W. A. Mozart. Neubearbeitete und erweiterte Ausgabe von Otto Jahns Mozart. Erster Teil 1756-1782. 7. erweiterte Auflage, VEB Breitkopf & Härtel, Musikverlag Leipzig 1955, 848 S.) schreibt bezüglich der Sinfonien KV 74, 84, 95 und 97: „Aber auch der Stil ist unverfälscht italienisch: die Hauptthemen, die sich übrigens auffallend ähneln und schon dadurch auf eine gemeinsame Entstehungszeit hinweisen, gemahnen mit ihrer leichtgeschürzten, etwas dürftigen Art ebenso an Sammartini und Genossen wie die kurzatmigen, auf die alte Triobesetzung hindeutenden Seitenthemen. Vor allem aber herrscht in diesen Sätzen die echt italienische, in unaufhörlichen Wiederholungen der Gedanken schwelgende Redseligkeit, die mehr auf eindrucksvollen Glanz und Eleganz sieht als auf Tiefe. Am flüchtigsten sind (…) die Durchführungen bedacht (…). Die (…) Reprisen sehen von jeder Veränderung ab, wie denn überhaupt alle Auslegungskünste thematischer, kontrapunktischer oder variierender Natur verbannt sind.“
  7. a b Die Wiederholungen der Satzteile werden in einigen Einspielungen nicht eingehalten.

Weblinks, Noten[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Liste der Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts