Sing-Akademie zu Berlin

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Sing-Akademie zu Berlin
Eduard Gaertner: Sing-Akademie, 1843
Sitz: Berlin / Deutschland
Gründung: 24. Mai 1791
Gattung: Gemischter Chor
Gründer: Carl Friedrich Christian Fasch
Leitung: Kai-Uwe Jirka
Website: http://www.sing-akademie.de

Die Sing-Akademie zu Berlin ist die älteste gemischte Chorvereinigung der Welt. Die bis heute fortbestehende Institution umfasst gegenwärtig einen großen Laienchor, mehrere musikalische Angebote für Kinder und Jugendliche in ihrem Netzwerk Benevoli sowie das 2001 aus Kiew zurückgekehrte Archiv, welches zu den bedeutendsten Notensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts zählt. Die Sing-Akademie wird von Kai-Uwe Jirka von der Universität der Künste Berlin geleitet.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten]

Carl Friedrich Christian Fasch, Stifter der Sing-Akademie zu Berlin, Marmorbüste nach Faschs Totenmaske von Gottfried Schadow

Die Gründung der Sing-Akademie zu Berlin wird auf den 24. Mai 1791 datiert, an dem ihr Begründer und erster Direktor Carl Friedrich Christian Fasch, Hofcembalist Friedrichs des Großen, zum ersten Mal ein Probentagebuch zu führen begann. Fasch vermerkte in diesem 1791: „Den 24. May bey Mad. Voitus zum ersten mahl“.[1] Der Chor hatte zu dieser Zeit 28 Mitglieder[2] und aus dem gelegentlichen Üben und Proben war ein regelmäßiges Zusammenkommen geworden.

Bekannt wurde der Chor zuerst für seinen gemischten A-cappella-Chorklang, der den Geschmack der damaligen Zeit traf. Erstmals sangen gemeinsam Frauen und Männer in einem Chor.

Private Probenräume reichten wegen der ständigen Zunahme der Mitgliederzahl bald nicht mehr aus, weshalb Fasch beim zuständigen Minister die Bereitstellung des Saales der Königlichen Akademie der Künste erbat. Am 5. November 1793 konnte der Chor im Saal der Akademie erstmals proben. „Den 5. November wurde dem zufolge die Akademie eröffnet und die Vorsteher der Gesellschaft vorgestellt“, schrieb Fasch in seinem Probentagebuch.[3] Seit diesem Tag nannte sich der Chor Singe-Accademie. Ab dem Jahr 1794 studierte Fasch regelmäßig, neben Eigenem, Werke von Johann Sebastian Bach ein. Die Sing-Akademie wurde schnell über Berlin hinaus bekannt. Komponisten wie Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven, der die Sing-Akademie 1796 besuchte, schrieben für sie.

Als Fasch am 3. August 1800 starb, zählte der Chor bereits 137 Mitglieder.[4]

Aufbau und historische Bedeutung[Bearbeiten]

Faschs Nachfolger und zweiter Direktor, Carl Friedrich Zelter, erwirkte 1817 auf der Basis der Ersten Grundverfassung die Erteilung der Korporationsrechte an die Sing-Akademie durch das Preußische Ministerium des Innern und verankerte sie fest in einem System preußischer Musikpflege. Er gliederte ihr 1807 eine Orchesterschule an und ließ aus ihr 1808 eine Liedertafel hervorgehen, den ersten Männerchor der deutschen Geschichte. Unter seiner Direktion wurde 1827 der Bau eines eigenen Konzertgebäudes am Festungsgraben in der Nähe der Straße Unter den Linden abgeschlossen.

Im 19. Jahrhundert bestand die Bedeutung der Sing-Akademie in der Pflege des musikalischen Werks Johann Sebastian Bachs und darin, die geistliche Musik einem bürgerlichen Publikum außerhalb der Kirche zugänglich gemacht, die „ernste Musik“ gepflegt und somit einen Übergang von der höfischen Musikkultur zur bürgerlichen Musikpflege ermöglicht zu haben. In der Sing-Akademie fand am 11. März 1829 jene legendäre Wiederaufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach erstmals nach dessen Tod unter dem 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy statt, die eine Bach-Renaissance eines sehr breiten Maßstabs einleitete. Das Cembalo des Berliner Instrumentenbauers Johann Christoph Oesterlein, welches Carl Friedrich Zelter gehörte und von dem aus Felix Mendelssohn Bartholdy vermutlich die berühmte Aufführung der Matthäuspassion leitete, befindet sich als Dauerleihgabe der Sing-Akademie im Berliner Musikinstrumentenmuseum.

Die Sing-Akademie mit Direktor Georg Schumann im Haus am Festungsgraben hinter der Neuen Wache in Berlin-Mitte, 1940

Allerdings war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse Stagnation im Repertoire zu erkennen. Erst unter der Direktion des Komponisten und Pianisten Georg Schumann öffnete sich der Chor mit Beginn des 20. Jahrhunderts der modernen Musik.

Internationales Renommee[Bearbeiten]

Schumann entwickelte die Sing-Akademie zu einem Spitzenchor, der bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs außer Abo-Konzertreihen im eigenen Haus regelmäßig Konzertreisen innerhalb Deutschlands und Europas unternahm und neben dem Berliner Philharmonischen Orchester, mit dem der Chor regelmäßig musizierte, zu einem der bedeutendsten musikalischen Botschafter Berlins im Ausland wurde.

Konzertreisen in das europäische Ausland bis zum Zweiten Weltkrieg (Auswahl)[Bearbeiten]

Konzertreise nach Italien mit den Berliner Philharmonikern, 1913:
Ein Blatt aus dem 44-seitigen Programmheft.

Der Chor im Krieg und Neubeginn[Bearbeiten]

Von diesem hohen Niveau künstlerischen Wirkens wurde die Sing-Akademie durch den Zweiten Weltkrieg, dessen Folgen – Zerstörung des eigenen Hauses und damit der wirtschaftlichen Grundlage, politische Teilung Berlins und Deutschlands – herabgestürzt. Gleichwohl gelang es Georg Schumann, die Sing-Akademie während des Krieges dem Zugriff des Goebbelsschen Propaganda-Ministeriums zu entziehen, indem er sie unter Wahrung ihrer rechtlichen Selbständigkeit der Akademie der Künste angliederte. Dies verhinderte ein Verbot nach Kriegsende, ein Schicksal, dem fast alle Vereine und Verbände in Deutschland zum Opfer fielen, und sicherte ihr unter alliierter Besatzung das Überleben. Die Sing-Akademie hat daher seit ihrer Gründung einen lückenlosen Namens- und Rechtsbestand. Während und nach dem Krieg wurde stets die Proben- und Konzerttätigkeit aufrechterhalten. Am 14. April 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, als an Musik oder gar Konzerte im zerstörten Berlin kaum mehr zu denken war, gab der Chor im noch unzerstörten Beethoven-Saal zusammen mit den Philharmonikern das letzte Konzert vor Kriegsende mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Bereits am 21. und 24. November 1945 folgte gemeinsam mit dem Staatsopernorchester unter Georg Schumann mit J. S. Bachs h-Moll-Messe das erste Nachkriegskonzert.[6]

Musikalische Entdeckungen, Gründung einer zweiten Singakademie[Bearbeiten]

1950 übernahm Carl Mathieu Lange die Leitung der Sing-Akademie, setzte die Bach-Pflege des Chores fort und erneuerte sie im Sinne eines modernen, transparenteren Bach-Klangs. Den italienischen Barock bevorzugend, brachte er Claudio Monteverdis Marienvesper zur deutschen Erstaufführung sowie Messen von Alessandro Scarlatti und Antonio Caldara. Unter seiner Leitung führte die Sing-Akademie eine ganze Reihe von Haydn-Messen auf. Er interessierte sich innerhalb der Musik des 19. Jahrhunderts vor allem für Jugendwerke von Komponisten, förderte eine Messe des 18-jährigen Puccini und ein Te Deum des 20-jährigen Georges Bizet ans Licht. Die Moderne fehlte ebenso wenig mit Strawinskis Psalmensinfonie und – zum 175-jährigen Bestehen des Chores 1966 – Hans Werner Henzes Auftragswerk Musen Siziliens.

Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 war Ost-Berlinern der Zugang zum Chor der Sing-Akademie vollständig verwehrt, wobei durch den jahrelangen Probenort in West-Berlin kaum noch aktive Mitglieder aus dem Ostteil verblieben waren. 1963 gründete der Dirigent Helmut Koch in Ost-Berlin am Schauspielhaus in Berlin-Mitte unter Protest aus dem Westteil der Stadt mit fast gleicher Namensbezeichnung eine Berliner Singakademie, während in West-Berlin weiterhin die Sing-Akademie zu Berlin fortbestand, die später 1964 in der neuerrichteten Berliner Philharmonie ihr Domizil nahm.

Jüngste Vergangenheit[Bearbeiten]

Briefmarke der Deutschen Bundespost, 200 Jahre Sing-Akademie zu Berlin, 1991

Zum Nachfolger Langes wurde 1973 der Dirigent und Komponist Hans Hilsdorf gewählt. Er erweiterte das Repertoire nach allen Seiten, stellte Stabat Mater-Kompositionen von Francis Poulenc, Gioachino Rossini und Antonín Dvořák vor. Osteuropa trat mit Zoltán Kodály (Psalmus Hungaricus) ins Blickfeld. Die Auseinandersetzung mit der ModerneBernd Alois Zimmermann, Hans Gál, Nikolai Badinski, Helge Jörns und anderen – gelangte 1983 bis zur hochartifiziellen Kantate Das Augenlicht von Anton Webern („Durch unsre offnen Augen“, Op. 26, 1935), gemeinhin Laienchören verschlossen. Unter Hilsdorfs Leitung feierte die Sing-Akademie 1991 ihr 200-jähriges Bestehen mit einem Konzert in der Deutschen Oper Berlin sowie vor ihrem Stammhaus hinter der Neuen Wache.

Der Verbindung historischer und zeitgenössischer Musikpraxis widmet sich die Sing-Akademie zu Berlin bis heute. Als Hilsdorf 1999 verstarb, hinterließ er sie in schwieriger Situation. Es gab innerhalb der Chorvereinigung Richtungsstreitigkeiten und Querelen über einen neuen Umgang mit der Berliner Singakademie in der wiedervereinten Stadt sowie die Ausrichtung der künstlerischen Arbeit. Die Sing-Akademie konnte sich lange nicht über einen Nachfolger im Direktorenamt einigen. Die Bürde und Verantwortung gegenüber ihrer Geschichte wurde zur Last, Interimsleiter führten die Proben- und Konzertarbeit fort.

Im September 2002 übernahm Joshard Daus die künstlerische Leitung und begründete eine enge Kooperation mit der EuropaChorAkademie. In diese Zeit fallen erste Aufführungen aus dem zurückgegebenen Musikarchiv und Einspielungen der Passionswerke von Carl Philipp Emanuel Bach. Daus bildete einen Kammerchor insbesondere zur Aufführung der Archiv-Werke. Im Dezember 2005 wurde die gemeinsame Zusammenarbeit jedoch einvernehmlich beendet, bis der Chor unter dem jungen Dirigenten Kai-Uwe Jirka im Sommer 2006 die Arbeit wieder aufnahm. Das Profil des Hauptchors änderte sich durch eine Kooperation mit der Berliner Universität der Künste. Dieser hat jetzt neben seiner Konzerttätigkeit Ausbildungsfunktion für angehende Chorleiter. Das Ensemble präsentierte sich öffentlich erstmals wieder am 26. November 2006 mit dem Programm Bey Mozarts Grabe. Trauermusiken für Vielgeliebte. Das bot, neben einer unbekannten Kantate zu Mozarts Tod von Anton Eberl, A-cappella-Musiken der ehemaligen Direktoren Fasch, Zelter und Rungenhagen. Zugleich gaben der Aufbau des Netzwerks Benevoli – der Sing-Akademie für Kinder und Jugendliche – sowie die Wiederbelebung der Liedertafel als Werkstatt für zeitgenössische Dichtung und Musik der Sing-Akademie ein neues Gesicht.

Das Haus der Sing-Akademie[Bearbeiten]

Schinkelentwurf[Bearbeiten]

1821 legte der Architekt, Baumeister und Freund Zelters, Karl Friedrich Schinkel einen Entwurf für das Gebäude der Sing-Akademie auf dem ihr vom König geschenkten Grundstück hinter der Neuen Wache vor. Schinkel entschied sich für ein zweigeschossiges Gebäude. Der Konzertsaal sollte nur wenige Stufen über ebener Erde liegen und nicht unterkellert werden. Auf dem Gebäudefirst wurde eine Lyra mit Fischvoluten und Schwanbekrönung und im Giebeldreieck Griechisches emblematisiert.

Schinkels nicht verwirklichter erster Entwurf der Sing-Akademie, 1821

Der Saal war im Entwurf zweigeschossig gestaltet. Eine Sockelausbildung umfasste das Saalgrundgeschoss, in dessen Eingangsschmalseite sich die Türen vom Eingangsraum befinden, an der Szeneseite das Amphitheater des Chores ansteigend. Die Innenarchitektur des Obergeschosses wird beherrscht von den saalrundum angeordneten freistehenden dorischen Säulen. Hinter den Säulen je Seite befinden sich schmale Seitenemporen für je nur eine Sitzreihe. Die rückwärtige Empore über dem Eingangsraum bietet fünf ansteigende Sitzreihen hinter einer zwischengestalteten Galerie als Säulen-Doppelstaffelung. Demgegenüber, hinter dem Podium der Sänger, befindet sich in variabler Raumzuordnung der Kleine Saal, also hinter den vier freistehenden dorischen Säulen. Die sich ergebenden fünf Öffnungen zum Saal für den Winter und für kleinere Übungen erhalten also aus der Idee der Raumvariabilität: „Thüren, welche man nach unten verschwinden lassen kann, wodurch diese beiden Säle vereinigt sind“, wie Schinkel auf der Zeichnung vermerkt. Ein Saal also, einem höchst konzentrierten und streng disziplinierten Architekturwollen verpflichtet, der Vorrangiges dem Dienst am Musikleben schuldet.[7]

Ottmer-Entwurf und Bauausführung[Bearbeiten]

Der Braunschweigische Architekt Carl Theodor Ottmer beließ unter Verwendung des Schinkelentwurfs das Raumangebot einschließlich Kleinem (Winter-) Saal und fügte als eigentliches Gewinnangebot das gesamte Entrée-Erdgeschoss neu ein, so dass der Saal in das Obergeschoss gelegt ist. Der Entwurf brachte die gewünschte eigene Konzerthausstruktur, wobei die Anordnung nur einer Seitenempore dem Saal das Moment einer oft als störend empfundenen Dynamik anstatt architektonische Eindeutigkeit brachte.

Die Bautätigkeiten begannen im Mai 1825 neben dem Festungsgraben. Der hohe Grundwasserstand behinderte die Grabearbeiten, so dass ein ganzes Kellergeschoss tief in die Erde gegraben und der Keller gebaut werden musste, wie Zelter gegenüber Goethe klagte. Beim Richtfest mit dem Rohbau am 25. November 1826 waren die von Schinkel angesetzten Gesamtkosten bereits aufgebraucht. Am 8. April 1827, nach zweijähriger Bauzeit, erfolgte die feierliche Einweihung des Hauses, welches fortan der Institution als Heimstätte und Vortragsort diente.

Konstituierende Sitzung der Preußischen Nationalversammlung in der Sing-Akademie zu Berlin 1848, Holzstich

Architekturbezogen interessant ist die für die 1848 abgehaltenen Sitzungen der Preußischen Nationalversammlung gewählte Querbestuhlung gegen die an der Längsseite (Westseite) des Saales befindlichen Fenster. Vom Vortragenden aus betrachtet befindet sich die Bestuhlung in klassischer Symmetrieanordnung. Im Rücken der Querreihen mit Blick zu den Seitenfenstern liegt die Seitenempore. Die Säulen des Kleinen Saales sowie die Eingangsempore befinden sich im Rücken der Längsbestuhlung. Diese gewählte Sitzanordnung lässt den Redner und die offene Debatte viel stärker im Zentrum des Geschehens stehen, als wenn die übliche „frontale Konzertbestuhlung“ belassen worden wäre.

1865 erfolgte eine innere Umorganisation der Erschließungsräume des Saales nach Plänen des Architekten Martin Gropius, um weitere Zuhörerplätze unter der rückwärtigen Empore zu gewinnen. Später erhielt die Singakademie eine Orgel.

1875 wurde ein zusätzlicher Treppenhausanbau an der Südwestecke errichtet – in der Architektur mehr Beeinträchtigung, in der Nutzung des Konzerthauses eine flexible Maßnahme.

1888 erfolgte ein zweiter Treppenhausanbau an der Nordwestecke, der Kleine Saal (genannt Cäciliensaal) wurde aufgelassen und eine Podiumsvergrößerung vorgenommen. Das Haus hatte gezeigt, welchen Karriereanstieg der Sing-Akademie es mittragen konnte.[8]

Bedeutung des Hauses[Bearbeiten]

Direktor Zelter und die Sing-Akademie hatten vielerlei Probleme mit Finanzen und schwierigem Baugrund zu bewältigen. Schinkels Entwurf war zuvor aus Kostengründen verworfen worden. Bereits 1812 hatte Schinkel einen Saalentwurf für die Sing-Akademie bei der Akademie der Künste vorgestellt, der seitens der Akademie wegen eigenen Platzmangels etwas rüde abgelehnt wurde.

Der älteste und größte Konzertsaal Berlins war von Anfang an wegen seiner hervorragenden Akustik viel gerühmt. Hier konzertierten die größten Künstler ihrer Zeit, wie Niccolò Paganini, Franz Liszt, Clara und Robert Schumann, Anton Grigorjewitsch Rubinstein, Johannes Brahms oder Richard Strauss.

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ auf Electrola, aufgenommen in der Singakademie 1930, Schellackplatte

Von 1926 bis 1943 entstanden hier eine ganze Reihe von Schallplatteneinspielungen: ab Herbst 1926 machte die Electrola zahlreiche Aufnahmen, so mit der Staatskapelle Berlin unter Dirigenten wie Leo Blech, Erich Kleiber und Otto Klemperer, aber auch der weltbekannte Ufa-Filmsong Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt von Marlene Dietrich wurde in der Sing-Akademie aufgenommen (Musik und Text: Friedrich Hollaender und seine Jazz-Symphoniker. Electrola EG 1770 (Matr.: BLR 6033-1), 6. Februar 1930). 1932 schloss die Telefunken-Platte einen Exklusivvertrag mit der Sing-Akademie und hatte nunmehr das alleinige Recht für Schallplattenaufnahmen in ihrem Saal; die technischen Aufnahmeeinrichtungen wurden im Keller des Gebäudes untergebracht. Jedes Jahr erfolgten mehrere hundert Einspielungen, so mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler oder Willem Mengelberg, mit Künstlern wie Peter Igelhoff oder Peter Kreuder.[9]

Die Sing-Akademie vermietete den großen Saal jedoch ebenso für zumeist wissenschaftliche Veranstaltungen an die Großen und Bedeutenden ihrer Zeit: Alexander von Humboldt hielt hier seine Kosmos-Vorlesungen, Rudolf Virchow einen Vortrag Goethe als Naturforscher, Ferdinand Graf von Zeppelin Die Eroberung der Luft, Ernst Haeckel Vorträge, unter anderem Der Kampf um den Entwicklungs-Gedanken und Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen, Berthold Auerbach Goethe und die Erzählungskunst oder – gehalten jeweils für den Wissenschaftlichen Verein in der Sing-Akademie – der Freund Heinrich Schliemanns, Friedrich Adler, einen Vortrag Die Weltstädte in der Baukunst, Heinrich Adolf von Bardeleben Ueber die Theorie der Wunden und die neueren Methoden der Wundbehandlung, Alexander Braun Die Eiszeit der Erde, Ernst Curtius Die Akropolis von Athen und viele weitere.

Gebäude der Sing-Akademie 1941 mit dem Seitenanbau (links) von Martin Gropius

Vom 22. Mai bis September 1848 tagte die Preußische Nationalversammlung im Gebäude der Sing-Akademie zu Berlin.

Am 23. November 1943 wurde das Haus durch einen Fliegerangriff schwer beschädigt. Die unschätzbar wertvolle Notenbibliothek war zuvor auf Betreiben des damaligen Sing-Akademie-Direktors Georg Schumann ausgelagert und somit vor der Vernichtung bewahrt worden. Die Sing-Akademie mit Mitgliedern aus der gesamten Stadt Berlin verlegte infolge der Beschädigung des Hauses ihre Arbeit in den Westsektor nach Steglitz (Titania-Palast).

Maxim-Gorki-Theater
(1827–1943 Sing-Akademie zu Berlin)

Eigentumsfragen[Bearbeiten]

Das Stammhaus am Kastanienwäldchen wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch die sowjetische Besatzungsmacht beschlagnahmt, unter sowjetische Verwaltung gestellt und 1947 als Theaterhaus des benachbarten Hauses der Kulturen der Sowjetvölker wieder aufgebaut. 1952 zog das Maxim-Gorki-Theater in das Gebäude.

Mitte der 1960er Jahre wurde die Sing-Akademie zu Berlin durch die DDR-Verwaltung kurzerhand aus dem Grundbuch als Eigentümerin des Stammhauses am Kastanienwäldchen widerrechtlich gestrichen und stattdessen „Eigentum des Volkes“ eingetragen. Seit 1991 bemüht sich die Sing-Akademie um Berichtigung der Grundbücher und Rückgabe ihres Eigentums. Inzwischen liegt ein für die Sing-Akademie günstiges rechtskräftiges Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vor (Urteil der 25. Kammer vom 3. Dezember 2004–VG, AZ: 25 A 240.99).[10] Danach ist die Sing-Akademie zu Berlin stets Eigentümerin ihres Hauses geblieben. Anzustreben ist lediglich eine Grundbuchänderung auf zivilrechtlichem Weg oder über Verhandlungen mit der Berliner Senatsverwaltung. Mit Urteil vom 7. Dezember 2012 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass das Gebäude mit dem Grundstück nicht wirksam enteignet wurde und damit nach wie vor im Eigentum der Sing-Akademie steht, so dass das beklagte Land Berlin an der Berichtigung des Grundbuchs mitwirken und zustimmen muss, dass die Sing-Akademie zu Berlin als Eigentümer in das Grundbuch eingetragen wird.[11]

In der Umgebung[Bearbeiten]

Das zum hundertjährigen Bestehen der Institution 1891 auf dem Platz vor dem Haus errichtete Büsten-Denkmal für Fasch, ein Werk des Berliner Bildhauers Fritz Schaper (1841–1919), wurde in den 1930er Jahren abgebaut. Die Bronzebüste wurde vom Direktor der Sing-Akademie 1947 dem Märkischen Museum als Depositum übergeben (heute: Stiftung Stadtmuseum Berlin). Das Denkmal des Chor-Gründers Carl Friedrich Christian Fasch sollte 2008 an alter Stelle wieder errichtet werden.[12] Im Januar 2011 konnte das Fasch-Denkmal mit dem nach historischen Fotografien rekonstruierten Granitsockel und der Bronzebüste Fritz Schapers wieder aufgestellt werden.

Das Archiv der Sing-Akademie[Bearbeiten]

Carl Friedrich Zelter, Direktor der Sing-Akademie zu Berlin 1800–1832 und Initiator der Archivsammlung

Carl Friedrich Zelter (1756–1832), Goethe-Freund und Nachfolger Faschs im Direktorenamt, hatte das Archiv der Sing-Akademie für Chor- und Orchesteraufführungen angelegt und vor allem erheblich erweitert. Prägend wurde dabei der Umstand, dass unter Zelters Ägide zahlreiche Einzelsammlungen von Berliner Kapellmusikern und Musikliebhabern, von denen viele – oder ihre Erben – Mitglieder der Sing-Akademie waren, zum Archiv gelangten und kompetente Persönlichkeiten mit weitreichenden Verbindungen, wie der Sammler Georg Poelchau, an verantwortlicher Position standen. Das Archiv beinhaltet per 2004 5 170 Kompositionen.[13] Etwa 80 Prozent davon sind Handschriften und Autographe, darunter singuläre Quellen zum kompositorischen Schaffen der beiden ältesten Söhne Johann Sebastian Bachs, Carl Philipp Emanuel Bach und Wilhelm Friedemann Bach. Zu den wichtigsten Dokumenten gehören das bis zum Auffinden des Archivs in der Musikwissenschaft lediglich unvollständig vorliegende oratorische Vokalwerk Carl Philipp Emanuel Bachs sowie weitere Kompositionen der Bach-Familie, darunter das Alt-Bachische Archiv, eine Sammlung von Kompositionen der Vorväter Johann Sebastian Bachs. Das Archiv umfasst des Weiteren wesentliche Bestände der Musik der Königlichen Hofkapelle und der Hofoper aus der Zeit Friedrichs des Großen mit Kompositionen von Carl Heinrich Graun, Johann Joachim Quantz, Christoph Schaffrath, Johann Friedrich Agricola und einen großen Bestand an geistlichen Werken von Georg Philipp Telemann.[14]

Die Notensammlung der Sing-Akademie wurde 1943 auf Betreiben ihres Direktors Georg Schumann nach Schloss Ullersdorf im damaligen Niederschlesien ausgelagert und damit vor der sicheren Vernichtung bewahrt, da kurze Zeit später das Haus der Sing-Akademie durch Brandbomben stark beschädigt wurde. Das Archiv, das alle Direktoren der Institution stets mit Argusaugen beobachtet, erhalten und weiterentwickelt hatten, galt seit 1945 als verschollen. Vom Auslagerungsort verschwanden die wertvollen Kisten in den Wirren der Nachkriegszeit anscheinend spurlos. Einziger Anhaltspunkt, so ergaben Recherchen eines Vorstandsmitgliedes der Sing-Akademie Jahrzehnte später, bestand darin, dass ein ukrainisches Regiment der Roten Armee als letzte Einheit vor dem Verlust der Bestände in diesem Gebiet Schlesiens gekämpft hatte.

Im Jahre 1999 entdeckte Christoph Wolff die Sammlung nach langer Suche in Kiew. Ein halbes Jahrhundert war sie im Archiv-Museum für Literatur und Kunst der Ukraine als Fonds 441 aufbewahrt worden. Sie befindet sich aufgrund der Fürsorge des Archiv-Museums in einem exzellenten Zustand. Trotz gleicher Auffassungen von der Unteilbarkeit von Archiven übergab die Sing-Akademie zu Berlin der Ukraine 33 Kompositionen aus ihrem wertvollen Archiv als Geschenk und zum Dank für die sorgfältige Betreuung ihres Notenbestandes. Es handelt sich dabei um Handschriften und Drucke slawischer Provenienz. Die Rückkehr des Notenarchivs der Sing-Akademie markiert einen bedeutenden Erfolg in der Frage der Restitution von kriegsbedingt verbrachtem Kulturgut. Es ist das wertvollste deutsche Kulturgut, das nach dem Fall der Mauer aus einem Land der früheren Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt ist.[15] Symbolisch übergab im Jahr 2001 der ukrainische Präsident Leonid Kutschma Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Komposition Johann Sebastian Bachs aus dem Archiv. Damit befindet sich dieses wieder im Besitz der Sing-Akademie und ist heute in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt.

Am 15. Mai 2002 fand in der Berliner Philharmonie ein Festakt anlässlich der Rückgabe des Archivs der Sing-Akademie mit Bundesaußenminister Joschka Fischer und dem ukrainischen Botschafter, Anatolij Ponomarenko, statt.[16]

Direktoren[Bearbeiten]

Bekannte Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wissenschaft als Mitglieder und Förderer[Bearbeiten]

Singende Mitglieder[Bearbeiten]

Fördernde Mitglieder[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfram Enßlin (Bearbeitung): Die Bach-Quellen der Sing-Akademie zu Berlin. Katalog. Mit einem Geleitwort von Christoph Wolff, dem Beitrag „Die Bach-Quellen der Sing-Akademie zu Berlin“ von Ulrich Leisinger, 90 Abbildungen, Konkordanzen, Registern und Notenbeispielen. 2 Bände. Olms, Hildesheim, Zürich, New York 2006. (Leipziger Beiträge zur Bachdorschung. Band 8.)
  • Sing-Akademie zu Berlin: Die Sammlung der Sing-Akademie zu Berlin. Teil I: Oratorien, Messen, Kantaten und andere geistliche Werke. Mikrofiche-Edition. Bearbeitet von Axel Fischer und Matthias Kornemann. Saur, München 2004, ISBN 3-598-34446-5. (Musikhandschriften der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Teil 6/1.)
  • Sing-Akademie zu Berlin: Die Georg Philipp Telemann-Sammlung, Supplement II: Die Georg Philipp Telemann-Sammlung aus dem Archiv der Sing-Akademie zu Berlin. Depositum Staatsbibliothek zu Berlin. Bearbeitet von Axel Fischer und Matthias Kornemann. 122 Fiches. Inkl. Katalog. Fiches T S2 001 – T S2 122. Saur, München 2003, ISBN 978-3-598-34441-1.
  • Sing-Akademie zu Berlin: Supplement II: Die Bach-Sammlung aus dem Archiv der Sing-Akademie zu Berlin. Depositum Staatsbibliothek zu Berlin. Bearbeitet von Axel Fischer und Matthias Kornemann. Mit einer Einführung von Ulrich Leisinger. Saur, München 2003, ISBN 3598344384.
  • Die Handschriftensammlung der Sing-Akademie zu Berlin im „Archiv-Museum für Literatur und Kunst der Ukraine“ in Kiew und ihre Bedeutung für künftige Forschungsvorhaben (Round Table). In: Ulrich Leisinger, Hans-Joachim Schulze, Christoph Wolff, Peter Wollny: Bach in Leipzig – Bach und Leipzig, Konferenzbericht Leipzig 2000. Olms, Hildesheim, Zürich, New York, 2002.
  • Gottfried Eberle und Michael Rautenberg: Die Sing-Akademie zu Berlin und ihre Direktoren. Staatliches Institut für Musikforschung. Berlin 1998, ISBN 3922378161.
  • Horst Redlich, Chr. Redlich: Das Haus der Chormusik. Die Sing-Akademie zu Berlin. Baubezogenes, geschichtliches und aktuelles anläßlich der Ausstellung „Die Singakademie zu Berlin und ihre Direktoren“ 1998 im Musikinstrumenten-Museum Berlin. Eigenverlag, Berlin 1998.
  • Gottfried Eberle: 200 Jahre Sing-Akademie zu Berlin. Ein Kunstverein für die heilige Musik. Nicolai, Berlin 1991, ISBN 3-87584-380-0.
  • Werner Bollert: Sing-Akademie zu Berlin. Festschrift zum 175jährigen Bestehen. Rembrandt Verlag, Berlin 1966.
  • Georg Schünemann: Die Singakademie zu Berlin. 1791–1941. Bosse, Regensburg 1941.
  • Neue Bachgesellschaft: Joh. Seb. Bachs Matthäus-Passion in der Singakademie zu Berlin 1829–1929. Sonderdruck aus Bach-Jahrbuch. 25. Jahrgang. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1928.
  • Fest-Aufführungen zur Feier des 125jähr. Bestehens der Sing-Akademie zu Berlin am 27. und 28. Mai 1916. Reinhold Raasch, Berlin, 1916.
  •  Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin. Nebst einer Nachricht über das Fest am funfzigsten Jahrestage ihrer Stiftung und einem alphabetischen Verzeichniss aller Personen, die ihr als Mitglieder angehört haben. Trautwein, Berlin 1843 (Volltext in der Google-Buchsuche).
  • Martin Blumner: Geschichte der Sing-Akademie zu Berlin. Eine Festgabe zur Säcularfeier am 24. Mai 1891. Horn & Raasch, Berlin 1891. Mit einer Photogravure des Gründers der Sing-Akademie, Carl Friedrich Christian Fasch nach einer Radierung von Gottfried Schadow.
  •  Hermann Kawerau: Die Säcularfeier der Sing-Akademie zu Berlin. Als Nachtrag zu Martin Blumners Geschichte der Sing-Akademie. Horn & Raasch, Berlin 1891.
  • Knut Brehm, Bernd Ernsting, Wolfgang Gottschalk, Jörg Kuhn: Katalog der Bildwerke 1780-1920 der Stiftung Stadtmuseum Berlin (LETTER Schriften, Bd. 14), Köln 2003 (zur Faschbüste von Schaper, mit älterer Literatur dazu)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georg Schünemann: Die Singakademie zu Berlin. 1791–1941, Regensburg 1941, S. 14.
  2. Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, VI.
  3. Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, VIII.
  4. Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, XIV.
  5. Georg Schünemann: Die Singakademie zu Berlin. 1791–1941, Regensburg 1941, 178 ff
  6. Gottfried Eberle: 200 Jahre Sing-Akademie zu Berlin, Berlin 1991, Seite 196.
  7. Redlich, Horst u. Chr.: Das Haus der Chormusik, Berlin 1998, 6 ff.
  8. Redlich, Horst u. Chr.: Das Haus der Chormusik, Berlin 1998, s. 8 ff.
  9. Hansfried Sieben: Herbert Grenzebach: ein Leben für die Telefunken-Schallplatte, Düsseldorf 1991, S. 37–39.
  10. berlin.de: Sing-Akademie ist Eigentümerin ihres Grundstücks geblieben, Pressemitteilung Berlin, 3. Dezember 2004
  11. Pressemitteilung des BGH Nr. 201/2012 vom 7. Dezember 2012 bei [1]
  12.  berlin.de: Haushaltsplan von Berlin für die Haushaltsjahre 2006/2007, Band 8, Einzelplan 12, Seite 130 (PDF; 2,3 MB)
  13. dip.bundestag.de: Deutscher Bundestag, Drucksache 15/3183 vom 25. Mai 2004, Seite 10, Antwort der Bundesregierung auf Frage 24 zum Stand der Verhandlungen über Rückführungen deutscher Kulturgüter aus der Ukraine (Kleine Anfrage), PDF-Datei
  14. dispatch.opac.d-nb.de: Katalog des Deutschen Musikarchivs Publikationen Sing-Akademie, Berlin
  15. staatsbibliothek-berlin.de: Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin aus Kiew zurückgekehrt, nach Pressemitteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, letzte Änderung 5. Oktober 2001
  16. auswaertiges-amt.de: Rückkehr des Archivs der Berliner Sing-Akademie, Information des Auswärtigen Amtes, Mai 2002
  17. Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, XLVIII ff (Mitgliederliste)

Weblinks[Bearbeiten]