Sivapithecus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sivapithecus
Schädelfragment von Sivapithecus indicus (Archivnummer GSP 15000) im Pariser Muséum national d’histoire naturelle (Kopie)

Schädelfragment von Sivapithecus indicus (Archivnummer GSP 15000) im Pariser Muséum national d’histoire naturelle (Kopie)

Zeitliches Auftreten
Miozän
12 bis 8 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Unterordnung: Trockennasenprimaten (Haplorrhini)
Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Sivapithecus
Wissenschaftlicher Name
Sivapithecus
Pilgrim, 1910
Sivapithecus indicus, Rekonstruktion des Fossils GSP 15000[1]

Sivapithecus ist eine ausgestorbene Gattung der Primaten aus der Familie der Menschenaffen (Hominidae). Die jüngeren Funde gelten als rund acht, die älteren als rund 13 Millionen Jahre alt; sie werden also in das Obere und Mittlere Miozän datiert.

Namensgebung[Bearbeiten]

Benannt wurde die Gattung nach dem Hindu-Gott Shiva, da die ersten Funde in Indien gemacht wurden; griech. πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos bedeutet „Affe“.

Sivapithecus wurde 1910 von Guy Ellcock Pilgrim (1875–1943) erstmals wissenschaftlich beschrieben.[2] Sollten Sivapithecus männliche und Ramapithecus weibliche Individuen der gleichen Art repräsentieren, hätte die Gattungsbezeichnung Sivapithecus Vorrang, da Ramapithecus erst 1934[3] wissenschaftlich beschrieben wurde.

Aussehen und Lebensweise[Bearbeiten]

Sivapithecus dürfte die Größe eines Schimpansen, aber im Bau des Gesichtes Ähnlichkeiten mit einem Orang-Utan gehabt haben. Aus der Dicke des Schmelzes der Zähne leitet man ab, dass sich die Individuen dieser Gattung vermutlich vorwiegend von Früchten ernährt haben. Der Körperbau unterhalb des Kopfes lässt auf einen Baumbewohner schließen, der sich vorwiegend auf den Ästen der Bäume fortbewegt hat, aber auch hangeln konnte.[4]

Aufgrund der nur bruchstückhaft überlieferten Fossilien gibt es für Sivapithecus allenfalls grobe Schätzwerte für dessen Hirnvolumen, denen zufolge es Dryopithecus und ähnlich großen Schimpansen entspreche, also vermutlich deutlich weniger als 400 cm³ betragen hat.[5]

Stammesgeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]

Sivapithecus ist im Stammbaum der Menschenaffen vermutlich an einem Ast anzusiedeln, der unterhalb des Astes der afrikanischen Linie (aus der sich Gorillas, Schimpansen und Mensch entwickelt haben) abzweigt. Ein Verwandter von Sivapithecus scheint der ausgestorbene Riesenprimat Gigantopithecus gewesen zu sein. Von einigen Autoren wird der Gattung eine enge Verwandtschaft zum Orang-Utan zugeschrieben, von anderen Autoren wird diese phylogenetische Nähe angezweifelt.[6]

Über die Anzahl der Arten und die Zuordnung der Fundstücke zu bestimmten Arten herrscht Unklarheit. In der Fachliteratur unterschieden werden insbesondere drei Arten:[7]

  • Sivapithecus indicus (ca. 12,7–11,4 Mio. Jahre alt)
  • Sivapithecus sivalensis (ca. 11–8,5 Mio. Jahre alt)
  • Sivapithecus parvada (ca. 10,1 Mio Jahre alt, eine sehr große Art)

Sivapithecus indicus und Sivapithecus sivalensis werden von einigen Forschern als einzige Art gedeutet oder zu Equatorius africanus gestellt. Sivapithecus africanus ging zunächst in Kenyapithecus africanus auf und wurde danach ebenfalls als identisch mit Equatorius africanus interpretiert.

Ein seit 1957 aus der Türkei bekannter fossiler Unterkiefer wurde zunächst als Ankarapithecus meteai der zugleich neu definierten Gattung Ankarapithecus zugeordnet, 1980 als Sivapithecus meteai der Gattung Sivapithecus zugeordnet und 1998 – gemeinsam mit anderen Fossilien – wieder als Ankarapithecus meteai eingeordnet.[8]

Auch wird die Gattung Ramapithecus, die in den 1960er Jahren irrtümlich als direkter Menschenvorfahr angesehen worden war, manchmal der Gattung zugerechnet; einige Forscher deuten Sivapithecus als die männliche Form von Ramapithecus;[9] von diesen als Sivapithecus punjabicus bezeichnete Fossilien werden von anderen Forschern hingegen weiterhin als Ramapithecus punjabicus (= Ramapithecus brevirostris) bezeichnet. Umgekehrt wurde der 1973 in der Türkei entdeckte Sivapithecus alpani 1976 zu Ramapithecus wickeri und schließlich zu Kenyapithecus wickeri gestellt.

Sivapithecus simonsi[10] wiederum wird von einigen Forschern als Variante von Sivapithecus sivalensis interpretiert.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David Pilbeam: New hominoid skull material from the Miocene of Pakistan. In: Nature. Band 295, 1982, S. 32–34, doi:10.1038/295232a0
  2. G. E. Pilgrim: Notices of new Mammalian genera and species from the Tertieries of India-Calcutta. Rec. Geol. Surv. India 40, 1910, S. 63–71.
  3. G. Edward Lewis: Preliminary notice of new man-like apes from India. In: American Journal of Science. Serie 5, Band 27, 1934, S. 161–181; doi:10.2475/ajs.s5-27.159.161
  4. Sherry V. Nelson: The Extinction of Sivapithecus: Faunal and Environmental Changes Surrounding the Disappearance of a Miocene Hominoid in the Siwaliks of Pakistan. Brill, Leiden 2003, S. 5–6, ISBN 978-0391042070; Textauszüge
  5. David Begun: Planat of Live. Apes. In: Scientific american. August 2003, S. 80
  6. David Bilbeam et al.: New Sivapithecus humeri from Pakistan and the relationship of Sivapithecus and Pongo. In: Nature. Band 348, 1990, S.237–239, doi:10.1038/348237a0
  7. Michèle E. Morgan et al.: A partial hominoid innominate from the Miocene of Pakistan: Description and preliminary analyses. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 8. Dezember 2014, doi:10.1073/pnas.1420275111
  8. Davin R. Begun, Erksin Güleç: Restoration of the Type and Palate of Ankarapithecus meteai: Taxonomic and Phylogenetic Implications. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 105, 1998, S. 279–314, Volltext (PDF; 713 kB)
  9. Fiorenzo Facchini: Die Ursprünge der Menschheit. Konrad Theiss Verlag, 2006, S. 63
  10. Richard F. Kay: Sivapithecus simonsi, a new species of miocene hominoid, with comments on the phylogenetic status of the ramapithecinae. In: International Journal of Primatology. Band 3, Nr. 2, 1982, S. 113–173, doi:10.1007/BF02693493
  11. Russell H. Tuttle: Apes and Human Evolution. Harvard University Press, 2014, S. 108, ISBN 978-0-674-07316-6