Sivas

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Sivas (Begriffsklärung) aufgeführt.

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Sivas
Wappen von Sivas
Sivas (Türkei)
Red pog.svg
Basisdaten
Provinz (il): Sivas
Koordinaten: 39° 45′ N, 37° 1′ O39.7537.0166666666671285Koordinaten: 39° 45′ 0″ N, 37° 1′ 0″ O
Höhe: 1285 m
Einwohner: 315.107[1] (2013)
Telefonvorwahl: (+90) 346
Postleitzahl: 58 000
Kfz-Kennzeichen: 58
Struktur und Verwaltung (Stand: 2014)
Bürgermeister: Sami Aydın (AKP)
Webpräsenz:
Landkreis Sivas
Einwohner: 348.623[1] (2013)
Fläche: 2.768 km²
Bevölkerungsdichte: 126 Einwohner je km²

Sivas (armenisch Սեբաստիա Sebastia, kurdisch Sêwas) ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz in Zentralanatolien. Die Stadt mit 288.693 Einwohnern liegt etwa 450 km östlich von Ankara.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Über den Ursprung des Namens gibt es verschiedene Aussagen:

  • Der Name Subasa wurde für die Stadt im Osten, wo der Fluss Maraschantia (Halys) seinen Ursprung hat, erstmals in den hethitischen Quellen erwähnt und bedeutet in Nesili (Sprache der Hethiter und Luwier) gesegneter Fluss.
  • Nach der römischen Eroberung Anatoliens wurde die Stadt in Sebasteia umbenannt. Das griechische Sebaste (Σεβαστή) entspricht dem lateinischen Augustus. So wurde die Verehrung für den Kaiser bekundet. Byzantinische und fränkische Quellen nennen Sebaste.

Nach Volkssagen könnte der Name so entstanden sein:

  • Bevor die Stadt gegründet wurde, gab es dort drei Quellen, die man Sipas suyu nannte. Nachdem eine kleine Siedlung rund um diese Quellen entstanden war, wurde ihr der Name Sipas gegeben.
  • Der Name soll von einem alten Volk namens Sibasip abstammen.
  • Der Name soll von dem persischen Ausdruck Se-bast abstammen, was ‚drei Mühlen‘ bedeutet.

Der Ort war auch unter den Namen Talavra, Megalapolis, Karana und Diyapolis bekannt.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Türken und zu einem geringen Teil aus Kurden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Sivas Armenier und Pontosgriechen mit christlichem Glauben. Siehe dazu: Vertrag von Lausanne

1914 hatte Sivas rund 45.000 Einwohner, mehr als ein Drittel waren Armenier, der Rest Griechen und Türken.

Religion[Bearbeiten]

Fassade der Pascha-Moschee

In Sivas ist heute der Islam die Hauptreligion. Die Mehrheit bilden sunnitische Muslime. Daneben gibt es als nächstgrößte Gruppe die Aleviten. Vereinzelt gibt es auch Juden und Christen, die jedoch nur einen sehr geringen Teil ausmachen. Etwa 81 % der Bevölkerung in Sivas sind sunnitische Muslime, 18 % sind Aleviten, und der Rest setzt sich aus Juden, Christen und anderen zusammen. Die armenisch-apostolische Gemeinde hatte in Sivas bis zum Ersten Weltkrieg sechs Kirchen (Meryemana, Surp Sarkis, Surp Minas, Surp Prgitsch, Surp Hagop, Surp Kevork),[2] vier Klöster (Surp Nschan, Srup Hreschdagabed, Surp Anabad, Surp Hntragadar),[2] ein Waisenhaus, ein Krankenhaus und mehrere Schulen. Die Katholiken hatten eine Kirche mit Sitz des Metropoliten von Sebastea, die Protestanten verfügten über zwei Kirchen und acht Schulen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Stadt Sivas auf einer osmanischen Miniatur des Matrakçı Nasuh aus seinem Reisebuch von 1537.

Sivas Erstbesiedlung reicht von 7000 bis 5000 v. Chr. zurück. Die Hethiter, deren Siedlungsreste bei Topraktepe nahe Sivas zu finden sind, herrschten dort von 1600–884 v. Chr., danach für etwa 100 Jahre die Phryger (800–695 v. Chr.). Die Phryger wurden durch die Lyder abgelöst. Die Lyder verloren das Gebiet im Jahre 546 an die Perser. Das persische Reich wurde von Alexander dem Großen unterworfen, so dass Sivas bis etwa 17 n. Chr. von den Diadochen beherrscht wurde. Bis 395 war Sivas Teil des Römischen Imperiums, danach bis 1075 byzantinisch. Unter Kaiser Diokletian war Sivas Hauptstadt der Provinz Armenia minor.

Nach mehrjährigen Verhandlungen entschädigte Kaiser Basileios II. 1021 Seneqerim Johannes, König von Vaspurakan in Südarmenien, mit dem Territorium von Sebaste in Kappadokien. Seneqerim Johannes zog mit seinem Hof, dem hohen Klerus und 14.000 Familien nach Sivas und verwaltete es als byzantinischer Vasall.[3]

Im 11. Jahrhundert tauchten die ersten türkischen Stämme in Anatolien auf. Von 1142 bis 1171 herrschte die Danischmenden-Dynastie über Sivas. 1174 eroberten die Seldschuken unter Kılıç Arslan II. die Stadt und ließen unter anderem 1197 die Ulu Cami (deutsch: Große Moschee) errichten. Sivas diente neben Konya zeitweise als Hauptstadt der Seldschuken. 1232 wurde Sivas wie weite Teile Eurasiens von den Mongolen überfallen. Den Mongolen folgte das Beylik von Eretna, dem von Kadi Burhan al-Din ein Ende gesetzt wurde. 1398 eroberten die Osmanen unter Sultan Bayezid I. die Stadt und verloren sie 1400 an Tamerlan, der die Stadt zerstörte. 1403 gelang es den Osmanen, sie zurückzuerobern.[4] Sivas war bis zum späten 19. Jahrhundert Hauptstadt der osmanischen Eyalets Rum. Ab 1864 wurde es Hauptstadt des nun eigenständigen Vilâyets Sivas.

Die Osmanen regierten die Stadt bis zum Ersten Weltkrieg. 1913 kam es zum Boykott christlicher Unternehmer und Händler in der Stadt.[5] Im April/Mai 1914 wurde der Markt von Sivas Opfer eines Brandes.[5] Am 5. Juli 1915 begann die Deportation der armenischen Bevölkerung von Sivas.[6] 1915 schloss auch das 1912 von Erzurum hierher verlegte armenische Sanasarian College. Bei diesem Völkermord hatte Sivas und dessen Umgebung die größte Zahl an getöteten Nichtmuslimen. Die überlebenden, nach Armenien geflohenen Armenier gründeten in Jerewan das Stadtviertel Malatya-Sebastia.

Der Sivas-Kongress 1919

Nach der Niederlage des osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg formierte sich unter Mustafa Kemal eine nationale Widerstandsbewegung, die mit dem Amasya-Zirkular und den Beschlüssen des Erzurum-Kongresses die komplette Unabhängigkeit und Unteilbarkeit des besetzten Reiches forderte. Dazu wurden nach Sivas Repräsentaten aus dem ganzen Land eingeladen, zu deren Vorsitzenden (Heyet-i Temiliye) Mustafa Kemal Pascha gewählt wurde. Diese 31 Teilnehmer umfassende Gruppe hielt vom 4. bis 11. September 1919 den Sivas-Kongress ab[7] und formte die Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti (Gesellschaft zur Verteidigung der nationalen Rechte Anatoliens und Rumeliens), einen neben der osmanischen Regierung agierenden Zusammenschluss, der unter anderem den Abzug der ausländischen Truppen, die komplette Unabhängigkeit und Unteilbarkeit des Landes, Neuwahlen des osmanischen Parlamentes und den Rücktritt des ihnen gegenüber feindlich agierenden osmanischen Innenministers Damat Ferid forderte.

Republik[Bearbeiten]

In den 1930ern wurde die Stadt erstmals an das anatolische Eisenbahnnetz angeschlossen. Es folgten Investitionen in Zementfabriken, Eisenwerke und in größere staatliche Landwirtschaftsbetriebe. Gegen Ende der 70er verstärkte sich die Landflucht, besonders Istanbul hat eine große Zahl Binnenmigranten aus Sivas abbekommen[8]

Gedenk-Demonstration 2007 in Sivas zum Sivas-Massaker

Am 2. Juli 1993 versammelten sich islamische Fundamentalisten nach dem Freitagsgebet vor dem Madımak-Hotel, in dem im Rahmen eines alevitischen Kultur-Festivals zum größten Teil alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger logierten, darunter Kinder und Jugendliche. Das Hotel wurde in Brand gesetzt, während auf den Straßen die Massen mit Pflastersteinen bereitstanden. Wegen der aufgebrachten, wütenden Menschenmenge vor dem Hotel konnten die Menschen im Gebäude nicht ins Freie. Über 30 Menschen verbrannten im Hotel; wenige überlebten, so auch der Autor Aziz Nesin, dem laut verschiedenen Angaben der Anschlag in erster Linie gegolten hatte. Obwohl Polizei und Feuerwehr frühzeitig alarmiert waren, griffen sie erst nach acht Stunden ein. Das Staatssicherheitsgericht in Ankara urteilte, dass die große Menschenmenge die Einsatzkräfte bei den Rettungsarbeiten behindert hatte. Die Aleviten nennen diesen Anschlag das Sivas-Massaker. Auch wenn bei diesem Vorfall auch Sunniten und Angehörige anderer Religionen ums Leben kamen, sehen die Aleviten dieses Ereignis als einen Schlag gegen die alevitische Bevölkerung. Das Ereignis spielte eine wichtige Rolle bei ihrer Bewusstseins- und Organisationsbildung. Seit 2003 wird des Vorfalls im Rahmen von Demonstrationen gedacht, zugleich wird gefordert, im Hotel eine Gedenkstätte zu errichten. 2003 marschierten ca. 500 Leute mit, im Jahr 2007 waren es schätzungsweise 20.000 mit hoher Medien-Präsenz und einem Einsatz von rund 3.000 Polizisten.

Verkehr[Bearbeiten]

Der Bahnhof von Sivas

Die Öffentlichen Nahverkehrsmittel bestehen hauptsächlich aus Dolmuş und städtischem Busverkehr. Sivas besitzt einen seit 1957 betriebenen Flughafen Sivas Nuri Demirağ, welcher meist für inländische und saisonal auch für internationale Flügen genutzt wird.

Der Bahnhof von Sivas befindet sich zwei Kilometer südwestlich vom Stadtkern. Sivas bildet einen wichtigen Knotenpunkt in der Ost-West-Achse (Ankara-Erzurum-Kars) und der Nord-Süd-Achse (Samsun-Kayseri). Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke Ankara–Sivas ist derzeit in Bau (Stand 2014). Eine Eisenbahn-Verbindung zu Divriği wurde fertiggestellt.[9]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Das Knabengymnasium, in dem 1919 der Nationalkongress abgehalten wurde

Sivas besitzt viele Bauwerke der Seldschuken aus dem 13. Jahrhundert. Dazu gehören die seldschukische Mavi Medrese (deutsch Blaue Madrasa) von 1271, erbaut durch den armenischen Architekten Kaloyan,[10] die Sifaiye Medresesi von 1218 und die Çifte Minare Medresesi (deutsch Madrasa mit doppeltem Minarett') von 1271. Die älteste Moschee der Stadt ist die Ulu Cami (deutsch Große Moschee) von 1196. In der Nähe von Sivas befindet sich die Ruine der alten armenischen Kirche des Heiligen Kreuzes (armenisch Սուրբ խաչ). Sie enthielt wichtige Relikte wie den Thron[11] der Arzruni-Könige von Vaspurakan.

Osmanische Bauwerke sind das Bad Kurşunlu Hamamı von 1576 und die Kervansaray Behrampaşa Hanı von 1573.

Im Kongressgebäude von 1919 befindet sich das Sivas-Museum, das über den Kongress, Atatürk und die ethno-geografischen Besonderheiten der Region informiert.

Sivas ist auch für die Thermalbäder Sıcak Çermik, Soğuk Çermik und Kangal Balıklı Kaplıca berühmt.

Klimatabelle[Bearbeiten]

Sivas
Klimadiagramm
J F M A M J J A S O N D
 
 
41
 
1
-7
 
 
37
 
3
-5
 
 
46
 
8
-2
 
 
55
 
15
3
 
 
60
 
20
7
 
 
36
 
24
10
 
 
9
 
27
12
 
 
7
 
28
11
 
 
18
 
24
8
 
 
32
 
18
4
 
 
39
 
10
0
 
 
47
 
4
-4
Temperatur in °C,  Niederschlag in mm
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Sivas
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) 0,5 2,7 8,0 15,1 19,7 23,6 27,3 27,8 24,3 18,0 10,4 3,6 Ø 15,1
Min. Temperatur (°C) -7,1 -5,2 -1,5 3,4 7,2 9,7 11,7 11,3 7,8 4,0 0,0 -3,9 Ø 3,2
Niederschlag (mm) 41 37 46 55 60 36 9 7 18 32 39 47 Σ 427
Sonnenstunden (h/d) 2,4 3,3 4,8 6,1 8,2 10,5 12,0 11,2 9,5 6,4 4,0 2,3 Ø 6,7
Regentage (d) 8 8 9 10 10 6 2 1 3 5 6 8 Σ 76
Luftfeuchtigkeit (%) 77 77 72 64 61 57 53 52 54 61 72 77 Ø 64,7
T
e
m
p
e
r
a
t
u
r
0,5
-7,1
2,7
-5,2
8,0
-1,5
15,1
3,4
19,7
7,2
23,6
9,7
27,3
11,7
27,8
11,3
24,3
7,8
18,0
4,0
10,4
0,0
3,6
-3,9
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
N
i
e
d
e
r
s
c
h
l
a
g
41
37
46
55
60
36
9
7
18
32
39
47
  Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez

Bildergalerie[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard G. Hovannisian (Hrsg.): Armenian Sebastia/Sivas and Lesser Armenia (= UCLA Armenian History and Culture Series. Historic Armenian Cities and Provinces. Bd. 5). Mazda Publishers, Costa Mesa CA 2004, ISBN 1-56859-152-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sivas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Sivas Historische Fotografien von Maggie Land Blank

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Türkisches Institut für Statistik, abgerufen 30. September 2014
  2. a b Pars Tuğlacı: Tarih boyunca Batı Ermenileri tarihi. Cilt 3. (1891 – 1922), Pars Yayın ve Tic., Istanbul und Ankara 2004 ISBN 975-7423-06-8
  3. Robert H. Hewsen: Armenia. A Historical Atlas, The University of Chicago Press, Chicago und London 2001, S. 116
  4. Robert H. Hewsen: Armenia. A Historical Atlas, The University of Chicago Press, Chicago und London 2001, S. 190
  5. a b Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens; Odile Jacob, Paris 2006; S. 533
  6. Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens; Odile Jacob, Paris 2006, S. 543
  7. Halil Gülbeyaz: Mustafa Kemal Atatürk. Vom Staatsgründer zum Mythos. Parthas, Berlin 2003, ISBN 3-932529-49-9, S. 87 ff.
  8. Ömer Demirel: Sivasin Islam ansiklobedisi, 2009, Band: 37, S. 282
  9. Webseite des türkischen Eisenbahnwesens: http://www.tcdd.gov.tr/home/detail/?id=2570
  10. Maxim Yevadian: Les Seldjouks et les architectes arméniens, Les Nouvelles d'Arménie Magazine, Nr. 156, Oktober 2009, Seite 73 f.
  11. Robert H. Hewsen: Armenia. A Historical Atlas, The University of Chicago Press, Chicago und London 2001, S. 193