Skeptikerbewegung

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Die Skeptikerbewegung ist ein internationales Netzwerk[1] von Vereinigungen und Einzelpersonen mit dem Anspruch einer kritischen Auseinandersetzung mit abergläubischen, alternativmedizinischen oder religiösen Themen, die sie den pseudo- und parawissenschaftlichen zuordnen. Im Sinne einer sozialen Bewegung wird der Begriff auch als Eigenbezeichnung verwendet.[2] Die Mitglieder der Skeptikerbewegung vertreten eine naturalistische Position. Aussagen über die Existenz von Entitäten oder über die Natur allgemein sind demnach lediglich über die Gesamtheit naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten möglich. Vom Skeptizismus in der Philosophie unterscheiden sich die Positionen dadurch, dass sie nicht die Möglichkeit einer umfassenden Erkenntnis der Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellen, sondern Ansichten kritisieren, deren empirische und theoretische Basis fraglich ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Jahr 1947 wurde in Belgien das Comité pour l’Investigation Scientifique des Phénomènes Réputés Paranormaux kurz Comité Para gegründet, das sich der Auseinandersetzung mit Hellsehern, Astrologen und Wünschelrutengängern verschrieb, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versprachen, bei der Suche nach Kriegsvermissten zu helfen. Eine frühe Publikation, die zu den Ursprüngen der Skeptikerbewegung gerechnet werden kann, ist Martin Gardners 1957 erschienenes Buch Fads and Fallacies in the Name of Science.

Paul Kurtz gründete nach einem 1975 publizierten, von 186 Wissenschaftlern unterzeichneten Manifest gegen astrologische Erklärungen[3] und nach der Auseinandersetzung mit Michel Gauquelins Mars-Effekt[4] im Jahr 1976 das Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP), das heutige Committee for Skeptical Inquiry.

Gründungsmitglied war auch der Soziologe Marcello Truzzi, der ein Magazin namens The Zetetic herausgab, das unter interessierten Akademikern zirkulierte und 1975 erweitert wurde zu einer Informationsplattform über paranormale Erklärungen und deren Kritik. Nach dem Rücktritt Truzzis von der Herausgeberschaft wurde daraus die Verbandszeitschrift des CSICOP unter dem Titel Skeptical Inquirer und der Herausgeberschaft Kendrick Fraziers (zuvor Herausgeber von Science News).[5] Neben seiner Tätigkeit im Skeptikerverband ist Kurtz auch Vorsitzender des atheistischen Council for Secular Humanism und Geschäftsführer des Verlages Prometheus Books.

Die Skeptics Society, die wohl größte derartige Gruppierung in den USA, wurde 1991 von Michael Shermer, Pat Linse und Kim Ziel Shermer gegründet.[6]

Charakteristik und Methodik[Bearbeiten]

Richard Dawkins, Biologe
Carl Sagan, Astronom und Gründungsmitglied von CSICOP
James Randi, Zauberkünstler

Die Skeptikerbewegung leitet sich ideengeschichtlich vom Naturalismus ab und beruft sich auf naturwissenschaftliche Methoden, einige ihrer Vertreter vertreten Agnostizismus oder Atheismus. Die Skeptikerbewegung vertritt das Ziel, die prinzipielle, intersubjektive Überprüfbarkeit getroffener Aussagen zum Kriterium der Wissenschaftlichkeit einer Aussage erklären. Gegenstand sind oft Behauptungen, die unglaubwürdig, zweifelhaft oder im deutlichen Widerspruch zu etablierten naturwissenschaftlichen Erklärungen zu stehen scheinen. Häufige von Mitgliedern der Skeptikerbewegung behandelte Themen sind Parapsychologie, Wünschelrutengehen, Astrologie, Homöopathie, Tarot, Entführungen durch Außerirdische, außersinnliche Wahrnehmungen, aber auch religiöse Glaubensdogmen wie bspw. die Reinkarnation, die von der Skeptikerbewegung oft als Pseudowissenschaften bezeichnet werden. Außerdem kritisieren sie Verschwörungstheorien, wie solche in Bezug auf die Terroranschläge des 11. Septembers 2001.[7]

Als ein Vordenker der skeptischen Denkrichtung, einer ihrer differenziertesten und populärsten Vertreter gilt Carl Sagan.[8][9] Eine Reihe weiterer prominenter Wissenschaftler, wie etwa Richard Dawkins, Stephen Jay Gould oder B. F. Skinner haben die Skeptikerbewegung aktiv unterstützt.[10] Andere Mitglieder, wie der Zauberkünstler James Randi wurden durch die öffentliche Auseinandersetzung mit Behauptungen aus diesen Bereichen bekannt. Nach Auffassung vieler Mitglieder der Skeptikerbewegung sind sogenannte Pseudowissenschaften nicht nur unwissenschaftlich, sondern stellen eine reale Gefahr dar. In Anlehnung an Bertrand Russell argumentieren einige, dass Menschen, die sich auf den Glauben an Übersinnliches berufen, zu schädlichen oder zerstörerischen Handlungen veranlasst werden könnten.[11] James Randi bezeichnet von ihm kritisierte parawissenschaftliche Thesen als Betrug und versucht in Einzelfalluntersuchungen nachzuweisen, dass Protagonisten der sogenannten Pseudowissenschaften wüssten, dass ihre Behauptungen falsch seien. Es gehe ihnen nur darum, Geld zu verdienen.

Vereinigungen[Bearbeiten]

Skeptikervereinigungen sind auf europäischer Ebene im European Council of Skeptical Organisations (ECSO), einer 1995 gegründeten Dachorganisation, organisiert.

Im deutschsprachigen Raum ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) die wichtigste Skeptikerorganisation.

Kritik[Bearbeiten]

Nach Ansicht von Carl Sagan übt die Skeptikerorganisation CSICOP, der er von Anfang an angehörte, eine wichtige soziale Funktion aus. Sie sei eine Art Gegengewicht zur „pseudowissenschaftlichen Leichtgläubigkeit“ vieler Medien. Gleichwohl sah er die Hauptschwäche der Skeptikerbewegung in ihrer Polarisierung. Die Vorstellung, ein Monopol auf die Wahrheit zu besitzen und die anderen Menschen als unvernünftige Schwachköpfe zu betrachten, sei nicht konstruktiv. Dieses Verhalten verurteile die Skeptiker zu einem permanenten Minderheitenstatus. Auf größere Akzeptanz stoßen könne demnach „ein einfühlsamer Umgang miteinander, der von Anfang an das Menschliche an der Pseudowissenschaft und am Aberglauben akzeptiert“.[12]

Das CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi, das die Organisation aufgrund inhaltlicher Differenzen verließ, definiert einen „wirklichen Skeptiker“ als jemanden, der eine agnostische Position einnimmt und selbst keine Behauptungen aufstellt. Eine These könne nicht „widerlegt“, sondern nur „nicht bewiesen“ sein. „Skeptiker“ die die Ansicht vertreten, es gebe Belege gegen eine Behauptung, bezeichnet Truzzi als „Pseudo-Skeptiker“, die dann ihrerseits die Beleglast zu tragen hätten. Solche Negativ-Behauptungen seien jedoch zuweilen ziemlich außergewöhnlich und oft eher auf Plausibilitätserklärungen gestützt, statt auf empirische Belege. Als Beispiel führt Truzzi einen PSI-Test an, bei dem der Proband die Möglichkeit hat, zu betrügen. Dies reduziere den Belegwert des Experiments zwar erheblich, reiche jedoch nicht aus, die untersuchte Behauptung zu widerlegen. Wissenschaft könne zwar statuieren, was empirisch unwahrscheinlich, nicht jedoch, was empirisch unmöglich ist.[13]

Im Zuge einer vereinsinternen Auseinandersetzung innerhalb der GWUP verließ 1999 der Mitbegründer und damalige Redaktionsleiter von deren Publikationsorgan Skeptiker Edgar Wunder die Skeptiker-Organisation. Nach Wunder ist ein strukturelles Merkmal der Skeptikerbewegung eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So würden etwa viele GWUP-Mitglieder einen Weltanschauungskampf ohne hinreichende fachliche Kenntnis führen und selektiv und unsachlich argumentieren. An wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften seien sie höchstens insofern interessiert, „als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.“[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jerome Clark, J. Gordon Melton: The Crusade Against the Paranormal, Fate 32/9 (1979): 70–76 und 32/10 (1979), 87–94.
  • Kendrick Frazier: Science and the Parascience Cults, in: Science News 109/22 (1976), 346–350
  • George P. Hansen: CSICOP and the Skeptics: An Overview, Journal of the American Society for Psychical Research 84 (1990), 25–80 / Journal of the American Society for Psychical Research 86 (1992), 20–63
  • D. J. Hess: Science and the New Age: The Paranormal, Its Defenders and Debunkers, and American Culture, University of Wisconsin Press, Madison 1993
  • Paul Kurtz: Neuer Skeptizismus, in: Kern, G., Traynor, L.: Die esoterische Verführung – Angriffe auf Vernunft und Freiheit, Alibri Verlag, Aschaffenburg 1995, 67–78.
  • Jan Pilgenröder: Skeptiker-Organisationen: Eine gesellschaftstheoretische Analyse, Sandhausen 2004.
  • Theodore Rockwell, Robert Rockwell, W. Teed Rockwell: Irrational Rationalists: A Critique of the Humanists’ Crusade Against Parapsychology, Journal of the American Society for Psychical Research 72 (1971), 23–34.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Peter Lamont: Extraordinary Beliefs: A Historical Approach to a Psychological Problem. Cambridge University Press, 2013, S. 229, 238.
  2. Skeptiker-Organisationen, Inge Hüsgen, Amardeo Sarma auf GWUP.de vom 13. Dezember 2010
  3. Vgl. Bok, B.J., Jerome / L.E., Kurtz, P.: Objections to Astrology: A Statement by 186 Leading Scientists, The Humanist 35 (1975), 4–6
  4. vgl. Michel Gauquelin: Is There Really a Mars Effect?
  5. Vgl. Collins/Pinch 1984 und die dortigen Quellenbelege
  6. Vgl. s.v. in Melton 2001
  7. GWUP - Die Skeptiker: Was wir wollen. [1] Abgerufen am 4. April 2014
  8. Peter S. Williams: "Carl Sagan: The Skeptic's Sceptic" [2] Abgerufen am 10. April 2014
  9. Carl Sagan Collection. www.csicop.org, abgerufen am 10. April 2014.
  10. Matthew P Normand: Science, Skepticism, and Applied Behavior Analysis. Association for Behavior Analysis International, 2008, abgerufen am 4. April 2014.
  11. On the Value of Scepticism
  12.  Carl Sagan: Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. Droemer Knaur, 2000, ISBN 3426774747. S. 363 f.
  13. Marcello Truzzi: Über den Pseudo-Skeptizismus
  14. Edgar Wunder: Das Skeptiker-Syndrom