Skeptizismus

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Dieser Artikel behandelt den Skeptizismus als philosophische Richtung. Für weitere Wortverwendungen siehe Skeptiker.

Skeptizismus ist ein neuzeitlicher Begriff zur Bezeichnung der philosophischen Richtungen, die den Zweifel zum Prinzip des Denkens erheben und die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellen oder prinzipiell ausschließen. Der Skeptizismus steht im Gegensatz zum Dogmatismus. Als Dogmatismus bezeichnen die Skeptiker alle Richtungen, deren Vertreter behaupten, beweisbare, richtige Aussagen über eine objektive Wirklichkeit machen zu können. Das Wort Skeptizismus ist eine gelehrte Entlehnung, die aus dem altgriechischen Begriff σκεπτικός skeptikós abgeleitet wurde, der von σκέψις sképsis abstammt; sképsis bedeutet „Betrachtung, Untersuchung, Prüfung,“; zugrunde liegt das bedeutungsbestimmende Verb sképtesthai (bzw.spékiesthai) „schauen, spähen; betrachten“.

Die Vertreter des Skeptizismus bezweifeln, dass es ein Wahrheitskriterium gibt. Denn zum Beweis einer Hypothese müsse stets Unbewiesenes vorausgesetzt werden. Dadurch komme man zu einer unendlichen Kette von Beweisen. Außerdem gäbe es zu jeder Behauptung eine gegenteilige Behauptung, die mit ebenso einleuchtenden Argumenten vertreten werden kann (Isosthenie); damit sei alles Wissen der Dogmatiker als Scheinwissen zu entlarven. Im Gegensatz zu den Empirikern, Rationalisten und Realisten bestreiten Skeptiker, dass es grundlegende, evidente Wahrheiten gibt, die so offenkundig sind, dass sie keines Beweises bedürfen.

Der Skeptizismus ist nicht auf eine Aussage darüber festgelegt, ob es etwas Wahres gibt; er macht nur Aussagen über die Möglichkeit einer gesicherten Erkenntnis des Wahren unter der hypothetischen Voraussetzung, dass es existiert. Skeptiker stellen keine objektsprachlichen Behauptungen über wirkliche Sachverhalte auf, weil sie dafür einen Wahrheitsbeweis erbringen müssten. Sie stellen metasprachliche Behauptungen über Aussagen ihrer Gegner auf.

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Der methodische Zweifel nach dem Grundsatz „An allem ist zu zweifeln“ (lateinisch De omnibus dubitare) des Descartes bedeutet nicht notwendigerweise, dass der Zweifelnde ein Vertreter des Skeptizismus ist.[1] Wer wie Descartes den Zweifel nur als Mittel auf der Suche nach gesichertem Wissen verwendet, um Irrtümer auszuschließen, ist kein Skeptiker im engeren Sinne. Skeptiker ist, wer die Erfolgsaussichten einer solchen Suche aus prinzipiellen Gründen negativ beurteilt. Im weiteren Sinne wird Descartes u. a. aber häufig dem Skeptizismus zugeordnet. Denn er forderte und praktizierte nicht nur den methodischen Zweifel, sondern bezweifelte außerdem die menschlichen Fähigkeiten Objektives bzw. die Wahrheit zu erfassen. Er forderte daher ein objektives Prinzip, das diesen Nachteil ausgleichen sollte.[2]

Der Skeptizismus tritt schon in der Antike in mehr oder weniger radikalen bzw. gemäßigten Varianten auf. Radikale (aus ihrer Sicht: konsequente) Skeptiker lehnen nicht nur Tatsachenbehauptungen, sondern auch Wahrscheinlichkeits- oder Glaubwürdigkeitsbehauptungen ab; da es kein Kriterium für die Zuverlässigkeit einer behaupteten Wahrheitserkenntnis gebe, könne man auch keinerlei sinnvoll begründbare Aussagen über das Ausmaß einer möglichen Annäherung an die Wahrheit machen. Gemäßigte Skeptiker lassen Glaubwürdigkeits- oder Wahrscheinlichkeitsaussagen zumindest unter pragmatischen Gesichtspunkten zu oder verwenden Wahrheitskriterien, nach denen unter Umständen auch etwas nicht absolut Sicheres als (mutmaßlich) wahr bezeichnet werden darf.

Geschichte[Bearbeiten]

Antike[Bearbeiten]

Quellen

Von den meisten Werken der antiken Skeptiker sind nur Bruchstücke in Form von Zitaten, Zusammenfassungen oder Paraphrasen bei anderen Autoren erhalten geblieben. Erhalten sind aber zwei grundlegende Schriften des Skeptikers Sextus Empiricus, die „Grundzüge des Pyrrhonismus“ (drei Bücher) und „Gegen die Mathematiker“ (elf Bücher). Diese Werke fußten auf einer reichhaltigen skeptischen Literatur. Wichtige Quellen sind auch die philosophischen Schriften Ciceros, der sich selbst zu einer Variante des Skeptizismus bekannte, und das Werk des Doxographen Diogenes Laertios.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Das skeptische Denken in Griechenland hatte eine Vorgeschichte. Anfänge hat man sowohl bei den Vorsokratikern gesucht als auch bei Sokrates und bei den Sophisten. Die Vorsokratiker haben aber, soweit erkennbar, trotz mancher Kritik an herkömmlichen Tatsachenbehauptungen keinen Skeptizismus als grundsätzliche Haltung entwickelt. Das sprichwörtliche „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ des Sokrates begründete keinen Skeptizismus, sondern sollte Durchgangsstadium auf der Suche nach Wahrheit sein. Diese Suche führte oft zu einer Aporie (Ratlosigkeit, Ausweglosigkeit), doch war dies für Sokrates und für die Sokratiker und frühen Platoniker kein Anlass, das Streben nach Wahrheitserkenntnis aufzugeben. Die Redekunst von Sophisten wie Gorgias und Protagoras, die zur Begründung gegensätzlicher Behauptungen genutzt werden konnte, bewirkte eine Relativierung traditioneller Wahrheitsannahmen, führte aber nicht zu einem durchdachten Skeptizismus.

Die (dogmatisch gemeinte) Behauptung des Vorsokratikers Parmenides von Elea, die gängige Wahrnehmung gebe die Realität grundsätzlich falsch wieder, und der daraus abgeleitete Versuch Zenons von Elea, die Fehlerhaftigkeit aller Aussagen über Sein und Zeit nachzuweisen, bildete den Ausgangspunkt für die Entstehung des skeptischen Denkens in Europa.

Hauptrichtungen[Bearbeiten]

Der antike Skeptizismus zerfiel in zwei Hauptrichtungen, die „pyrrhonische Skepsis“ (Pyrrhonismus), deren Begründer Pyrrhon von Elis (etwa 365/360–275/270 v. Chr.) war, und die „akademische Skepsis“, die in der Platonischen Akademie vertreten wurde. Als langlebiger erwies sich die pyrrhonische Skepsis, bei der es sich nicht um eine institutionelle „Schule“ handelte, sondern um eine Strömung, die noch am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebendig war.

Akademische Skepsis

Der Begründer der akademischen Skepsis war der Scholarch (Schulleiter) Arkesilaos, der von ca. 266 bis 241/240 v. Chr. Oberhaupt der Akademie war. Von der Zeit des Arkesilaos an herrschte der Skeptizismus unangefochten für rund 180 Jahre in der Akademie; diese Zeit wird als Epoche der „Jüngeren Akademie“ bezeichnet. Die akademischen Skeptiker waren teils radikal, teils gemäßigt. Ein gemäßigter Skeptiker war der letzte Scholarch der Jüngeren Akademie, Philon von Larisa (ca. 158–83); er weichte den Skeptizismus erheblich auf, betrachtete sich aber dennoch stets als Skeptiker. Philon floh 88 v. Chr. wegen politischer Auseinandersetzungen in Athen nach Rom; bald darauf – spätestens 86 – ging die Akademie in den Wirren des ersten Mithridatischen Krieges unter. Damit fand der akademische Skeptizismus in Griechenland sein Ende. In Rom wurde er aber noch weiterhin von Cicero, der an Philons Lehrveranstaltungen teilgenommen hatte, vertreten.

Pyrrhonische Skepsis

Pyrrhon lehrte, dass die Dinge völlig unerkennbar seien und man auf jedes Wissen, jedes Urteilen über sie verzichten müsse.

In allen großen Strömungen der griechischen Philosophie erstrebten die Philosophen einen Zustand der „Glückseligkeit“ (Eudaimonie), wofür die Erreichung des Gleichmuts oder der Seelenruhe (Ataraxie, Apathie) als Voraussetzung galt. Auch Pyrrhon bekannte sich zu dem Ziel, die Seelenruhe zu erlangen; er meinte, man könne es durch die skeptische Distanz zur unerkennbaren Wirklichkeit erreichen, da auch alles, was ein Begehren auslösen könnte, der Ungewissheit unterliege. Sextus Empiricus benutzt das Bild von der Ungestörtheit und „Meeresstille der Seele“. Somit steht der Skeptizismus auch für eine Lebensrichtung, eine ethische Grundhaltung, nicht nur für einen Standpunkt in der Erkenntnistheorie. Diogenes Laertios beschreibt die Zielsetzung so: „Als Endziel nehmen die Skeptiker die Zurückhaltung des Urteils an, der wie ein Schatten die unerschütterliche Gemütsruhe folgt (...).“[3]

In der römischen Kaiserzeit fand die pyrrhonische Skepsis in Sextus Empiricus, der im späten 2. Jahrhundert lebte, ein letztes Mal einen bedeutenden Vertreter. Er stellte die Argumente der antiken Skeptiker-Traditionen und die ihnen entgegengesetzten Lehren der Dogmatiker zusammen. Sein Skeptizismus war radikal, die gemäßigten akademischen Skeptiker hielt er für inkonsequent.

Die Pyrrhoniker nannten Tropen nach einem Begriff der Rhetorik jene Gründe, die sich für die Unmöglichkeit der Erkenntnis der Wirklichkeit und der Wahrheit anführen ließen. Man kannte zwei Listen von Tropen; die „Zehn Tropen“ wurden Ainesidemos von Knossos (1. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, die „Fünf Tropen“ Agrippa, der im 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. lebte. Von beiden weiß man kaum mehr als den von Diogenes Laertios überlieferten Namen. Über die Reihenfolge der Tropen herrschte schon in der Antike keine Einigkeit. Der neunte Tropus lässt sich als die wesentliche Zusammenfassung aller vorausgegangenen Tropen begreifen. Der zehnte Tropus scheint relativ selbständig gewesen zu sein.

Ausgangspunkt einer nach dem Pyrrhoniker Agrippa benannten Argumentation („agrippinische Skepsis“) ist die Behauptung der Skeptiker, dass es zu beinahe allen Fragen gut begründete gegensätzliche Meinungen gibt. Agrippa bestreitet, dass eine Überzeugung durch Deduktion adäquat begründet werden könnte. Bei der Begründung werde man unweigerlich genötigt, entweder in der Suche nach Gründen immer weiter zurückzugehen, so dass man in einen infiniten Regress gerät, oder das Rechtfertigungsverfahren an einem willkürlichen Punkt abzubrechen oder zirkulär zu argumentieren. Diese Situation wird daher auch als Agrippa-Trilemma oder auch in Anschluss an Hans Albert als Münchhausentrilemma bezeichnet.[4]

Mittelalter[Bearbeiten]

In der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt des Mittelalters war der antike Skeptizismus aus Ciceros Angaben, vor allem aber durch den außerordentlich einflussreichen spätantiken Kirchenvater und Schriftsteller Augustinus bekannt. Augustinus hatte in einer Schrift „Gegen die Akademiker“ (Contra Academicos), womit er die akademische Skepsis meinte, gegen den Skeptizismus polemisiert. Für mittelalterliche Philosophen kam der Skeptizismus als alternative Denkmöglichkeit kaum ernsthaft in Betracht; nicht nur die Autorität des Augustinus stand dem entgegen, sondern vor allem auch der Umstand, dass ein konsequenter Skeptizismus auch die christliche Lehre als eine Form von Dogmatismus in Frage gestellt hätte. Daher gab es im Mittelalter zwar methodischen Zweifel im Sinne des sokratischen Nichtwissens, das letztlich auf die Erlangung von Wissen abzielt, aber keinen echten Skeptizismus, der die Glaubensgewissheit erschüttert hätte. Im Spätmittelalter waren skeptische Argumente für den Zweck einer christlichen Kritik am Rationalismus willkommen (so etwa bei Thomas von Aquin), und Duns Scotus und Wilhelm von Ockham betonten prinzipielle Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, doch wurden daraus keine Konsequenzen im Sinne des Skeptizismus gezogen.

In der Epoche der Scholastik wurde auch eine Auseinandersetzung mit dem antiken Skeptizismus in die philosophischen und theologischen Bemühungen der Gelehrten einbezogen. Heinrich von Gent folgte zwar der Argumentation des Augustinus gegen die akademische Skepsis, akzeptierte aber im Sinne der Skeptiker ein sehr strenges Wahrheitskriterium. Dies trug ihm die Kritik des Duns Scotus ein, der meinte, ein solches Kriterium müsse zu so großer Ungewissheit führen, wie die antiken Skeptiker behauptet hatten. Nikolaus von Autrecourt hielt die Konsequenzen aus den Annahmen der antiken skeptischen Akademiker für absurd, räumte aber ein, dass ihre Argumente formal fehlerfrei seien. Weder die Sinneswahrnehmung noch der auf sie angewiesene Verstand sei in der Lage, gesicherte Erkenntnis über die materielle Außenwelt zu liefern, und nicht einmal von seinen eigenen mentalen Akten habe der Mensch sicheres Wissen.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Renaissance[Bearbeiten]

Im 16. Jahrhundert fand der antike Skeptizismus zunächst bei kirchlich orientierten Autoren Beachtung. Man nutzte ihn für die Zwecke des Fideismus, um angesichts der Zweifelhaftigkeit aller auf philosophischem Weg gewonnenen Erkenntnisse die Bedeutung des Glaubens als allein zuverlässige Erkenntnisquelle hervorzuheben (Gianfrancesco Pico della Mirandola, Examen vanitatis doctrinae gentium, 1520). Andererseits wurde auch gegen den Skeptizismus polemisiert, da man in ihm eine Gefahr für den Glauben sah (Pierre Galland, Contra novam academiam Petri Rami, 1551; Guy de Brués, Dialoges contre les Nouveaux Académiciens, 1557).

In den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts wurden die beiden erhaltenen Schriften des Sextus Empiricus von Humanisten ins Lateinische übersetzt, womit eine neue Epoche der Skeptizismus-Rezeption begann. Henri Estienne übersetzte 1562 die „Grundzüge des Pyrrhonismus“; 1569 folgte die Übersetzung der Schrift „Gegen die Mathematiker“ durch Gentian Hervet, der eine lateinische Gesamtausgabe der Werke des Sextus besorgte.

Der portugiesische, in Frankreich lebende Denker Francisco Sanches veröffentlichte 1581 in Toulouse eine Schrift „Dass nichts gewusst wird“ (Quod nihil scitur), in der er auch seine eigene These in den Bereich des nicht Wissbaren einbezog.

Im Übergang von der Renaissance zu frühesten Ansätzen zur Aufklärung, im Barock, zeigte Michel de Montaigne in seinen Essays durchgehend skeptisches Denken, im Anschluss an Sextus Empiricus. Jedoch sein Stil und der offene Charakter seines Buches unterscheiden ihn von jenem. Montaigne hebt Pyrrho hervor, doch stellt er den philosophischen Zweifel in einen anderen Zusammenhang als seine beiden Vordenker. Angesichts der erbitterten zeitgleichen Religionskriege zweifelt Montaigne vor allem an der Möglichkeit, dass Menschen "Gott" und seinen Willen abschließend erkennen könnten und es sich deshalb lohnt, seine Mitmenschen dafür zu töten oder getötet zu werden. Montaigne selbst sah sich nicht als Skeptiker, für ihn sind die Widersprüchlichkeit und Vielgestalt des Denkens prägend. Daher nennt Hugo Friedrich sein Verfahren eine erschließende Skepsis. Das Leben selbst ist vielgestaltig und muss kraft menschlicher Urteilskraft auch so dargestellt werden; Montaigne nimmt es nicht bloß als Material, um vorgefaßte Lehrsätze zu demonstrieren. Widersprüche erweitern unseren Horizont, zeigen den Reichtum menschlicher Existenzen auf. Der Philosoph ähnelt darin dem Maler, meint Montaigne.

Aufklärung[Bearbeiten]

Im Zeitalter der Aufklärung wurde der Skeptizismus zu einer breiten vielschichtigen Strömung. Der französische Frühaufklärer Pierre Bayle unterschied streng zwischen der Möglichkeit einer wahren Erkenntnis, die er bestritt, und religiösen Überzeugungen, die immer auf Glauben, nicht auf Wissen beruhen. Voltaire machte den Zweifel zu einer der Maximen seines Denkens. Denis Diderot übernahm für seine Enzyklopädie den Artikel 'Pyrronienne'[5](Skeptizismus) aus dem erstmals 1695–97 erschienenen historisch-quellenkritischen Lexikon Dictionnaire historique et critique Pierre Bayles. Zahlreiche Autoren der Enzyklopädie waren Skeptiker.


David Hume

Die Vertreter des Skeptizismus gewannen größeren Einfluss, als das englische Bürgertum nach der Revolution mit der Aristokratie einen historischen Kompromiss einging.

Im Anschluss an den Sensualisten George Berkeley betrieb der empiristisch- sensualistische Philosoph und Historiker David Hume den Skeptizismus systematisch. In seiner Schrift An Enquiry Concerning Human Understanding (Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand) (1748) legte Hume – anders als John Locke – dar, dass alle Vorstellungen des Menschen auf sinnlichen Wahrnehmungen beruhen und alles Erkennen nur in Verknüpfungen dieser Vorstellungen bestehe, von denen der Mensch nicht wissen könne, ob ihnen in der Wirklichkeit etwas entspreche.

Hume äußerte sich sowohl in seinem Erstlingswerk Eine Abhandlung über die menschliche Natur als auch in der Untersuchung über den menschlichen Verstand zum Skeptizismus. Im Unterschied zum weit verbreiteten Urteil religiöser und streng metaphysischer Philosophen kenne er niemand, der handle, ohne dabei irgendwelche Überlegungen anzustellen bzw. Prinzipien umzusetzen. Er gehe deshalb davon aus, dass es derartige Skeptiker überhaupt nicht gäbe. Aus Humes Sicht ist der Cartesianische Zweifel eine derartige Sackgasse des (Ver-)Zweifelns bzw. des Philosophierens. Descartes und die Cartesianer brauchten nämlich für ihren Weg aus dem Zweifeln eine Kette von Schlussfolgerungen, die sich auf ein ursprüngliches Prinzip zurückführen lasse, das jeden weiteren Zweifel ausschließe. Dieses Prinzip sei dem Menschen aber nicht zugänglich und daher sei Zweifeln so nicht aufhebbar.

Philosophieren mit 'mäßigen Zweifeln' ist dennoch möglich, wenn man akzeptiert, dass menschliche Kenntnisse und Fähigkeiten entsprechend der menschlichen Natur immer dem Irrtum unterworfen sind. Für dieses skeptische Philosophieren empfiehlt Hume: sich in unparteiischem Urteilen zu üben, sich von anerzogenen oder abwertenden Vorurteilen frei zu machen und mit klaren und nachvollziehbaren Anfangsgründen zu beginnen. Ferner in umsichtiger und behutsamer Weise vorzugehen, die eigenen Überlegungen immer und immer wieder zu überprüfen und die Folgen dieser Überlegungen sorgfältig zu überdenken. Dieser Weg sei zwar zeitraubend, aber dies schien ihm der Weg zu sein, wie eine dem Menschen gemäße Zuverlässigkeit und Sicherheit von Auffassungen möglich sei. Hume empfahl hier seine eigene Art und Weise zu philosophieren.[6] Es gibt Philosophen die mit dieser Vorgehensweise Schwierigkeiten haben. Denn die Ergebnisse sind ihnen nicht entschieden, bzw. bestimmt genug. Sie halten sie deshalb für wenig wertvoll, werden durch sie verwirrt und glauben, dass sie damit nicht handeln können. Sie wollen sich daher davon distanzieren und halten mit heftigen und hartnäckigen Behauptungen an ihren bisherigen Auffassungen fest. Dies ließe sich vermeiden, wenn Philosophen einräumen könnten, dass auch der Verstand der besten Denker seine Grenzen habe.[7]

Hume bestritt den objektiv-realen Charakter der Kausalzusammenhänge und betrachtete sie nur als ein subjektiv-psychologisches Ordnungsprinzip, das sich aus gewohnten kausalen Sichtweisen ergebe, (siehe Kausalität). Nur für die mathematischen Beziehungen, die nach seiner Meinung „durch die reine Tätigkeit des Denken zu entdecken“ und daher geschlossene Systeme sind, erkannte er Notwendigkeit und Gewissheit an, während „alle Ableitungen aus Erfahrungen […] Wirkung der Gewohnheit“ seien. So war für Hume schließlich in dieser Hinsicht „die Betrachtung der menschlichen Blindheit und Schwäche das Ergebnis aller Philosophie“. Er gründete seine skeptische Wahrnehmungstheorie auf die Behauptung, dass dem Verstand nie etwas anderes gegenwärtig sei als die Vorstellungen ('impressions' bzw. 'ideas'), die durch Sinneseindrücke ('sensations') hervorgerufen werden. Aus diesem Grunde sei die Existenz materieller Dinge außerhalb des Bewusstseins, die objektive Realität überhaupt, nichts weiter als eine Vermutung, die Menschen gewohnheitsmäßig als Gewissheit äußern. Hieraus ergebe sich – theoretisch – die Zweifelhaftigkeit der Existenz materieller Dinge und damit zugleich ihre Nichterkennbarkeit.


Immanuel Kant

Einen gewissen Skeptizismus bzw. Agnostizismus vertrat auch Immanuel Kant zumindest im Hinblick auf metaphysische Fragen, wie die Fragen nach Gott, Willensfreiheit und Unsterblichkeit der Seele, bei denen es nicht möglich ist, mit Hilfe der Erfahrung objektive Erkenntnis oder Wissen zu erlangen und die deswegen nur als subjektiv bzw. intersubjektiv gültiger Glaube gerechtfertigt werden können. Um eine skeptische Einstellung und Unterscheidung im Sinne des methodischen Zweifels von Descartes handelt es sich auch bei seiner Auffassung von der Unerkennbarkeit der „Dinge an sich“. Im Unterschied zu Hume war Kant nicht nur von der objektiven Existenz der „Dinge an sich“ außerhalb des menschlichen Bewusstseins überzeugt, sondern verteidigte auch die Möglichkeit objektiver Erkenntnis der Eigenschaften von Substanzen und der kausalen Wechselwirkungen zwischen Gegenständen (und Personen) in Raum und Zeit, wie sie z. B. in der Newton'schen Mechanik gegeben war. Allerdings bestand er darauf, dass man dabei prima facie immer nur mit Erscheinungen von Dingen an sich zu tun habe und nicht mit den Dingen an sich selbst, die uns als solche nicht in der Erfahrung gegeben sind, sondern nur mit Hilfe von Experiment, logischer Überlegung und mathematischen Berechnungen aufgrund ihrer kausalen Wirkungen erschlossen werden können. Aus diesen Gründen reicht nach Kant eigentliche Wissenschaft nur so weit wie Mathematik angewandt werden kann (damals in der Physik und später auch in der Chemie), sodass nicht nur unsere anthropologische Menschenkenntnis (seit dem 19. Jhdt. in der Psychologie und Soziologie), sondern auch unsere Erfahrung von der organischen Natur des Menschen (in der Anatomie) und der anderen Lebewesen (später in der Biologie) zwar zu allerlei Kenntnissen, Vermutungen und induktiven Verallgemeinerungen führen kann, jedoch keine objektive Erkenntnis bzw. Wissen im strengen Sinne ermöglicht. Eigentliche Wissenschaft im strengen Sinn gibt es nach Kant nur dort, wo wie in der Logik und Mathematik sowie in den apriorischen Grundlagen der Naturwissenschaften absolute Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit erreichbar ist. Alles auf menschlicher Erfahrung basierende uneigentliche "Vermutungswissen" basiert hingegen nur auf verallgemeinernden Vermutungen, die nicht immer zuverlässig seien, weil sie durch mangelnde oder eingeschränkte Erfahrung sowie durch die beschränkten Fähigkeiten der Sinnesorgane des Menschen mitbestimmt werden.

Moderne[Bearbeiten]

Skeptische bzw. agnostische Ansichten gegenwärtiger Erkenntnistheorie, die an die Gedanken Humes und Kants anknüpfen, sind z. B. im Neukantianismus zu finden. Als Erkenntnis dürfe nur ein solches Wissen bezeichnet werden, das absolut wahr, unwiderlegbar und unbezweifelbar sei. Da aber alle unsere Kenntnisse historisch relativ, von den konkreten geschichtlichen Bedingungen des Erkenntnisprozesses abhängig sind, seien echte Erkenntnisse nicht möglich.

In die gleiche Richtung zielt auch die These von Leonard Nelson (Über das sogenannte Erkenntnisproblem, Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie), dass jede Anerkennung einer Erkenntnis bereits ein Kriterium für deren Wahrheit voraussetze, das entweder selbst bereits eine Erkenntnis oder aber das als richtig und anwendbar erkannt sein müsse. Dies führe zu einem inneren Widerspruch, zu einem unendlichen Regress. Besonders von neopositivistisch orientierten Erkenntnistheoretikern wird das „Nelsonsche Paradoxon“ häufig als Stütze für ihre agnostizistischen Auffassungen und als Beweis dafür verwendet, dass man den Erkenntnisbegriff willkürlich festlegen könne.

Eine wichtige Rolle spielen in der Philosophie der Gegenwart skeptische Positionsbezüge nicht so sehr im Bereich der Erkenntnistheorie, sondern der praktischen Philosophie. Ein starker skeptischer Impuls geht von dem bei Odo Marquard propagierten Abschied vom Prinzipiellen aus. Marquards Ansatz weiterentwickelt hat insbesondere Andreas Urs Sommer. Die skeptische Richtung in der Praktischen Philosophie verzichtet auf Letztbegründungsversuche und setzt die ursprünglich ohnehin auf die Lebenspraxis zielenden Vorgaben des antiken Pyrrhonismus für die Gegenwart um.

Im 17. Jahrhundert hatte René Descartes, der einen methodischen Zweifel praktizierte, aber kein Anhänger des Skeptizismus war, die Möglichkeit diskutiert, dass das, was die Menschen über die Wirklichkeit zu wissen glauben, ihnen von einem bösen Dämon vorgetäuscht wird. Diese Idee wurde in der Moderne aufgegriffen. Hilary Putnam brachte die „Gehirn im Tank“-Hypothese als philosophisches Gedankenexperiment ins Gespräch. Erwogen wird die Möglichkeit, dass ein böser Wissenschaftler den Menschen mit Hilfe eines Supercomputers täuscht. Hierzu entfernt er operativ dessen Gehirn, setzt es in eine Nährlösung, verbindet es mit einem Supercomputer und löscht die Erinnerungen über diesen ganzen Vorgang.

Als Vorlage für Filme und Romane erreichen skeptische Hypothesen Bekanntheit auch über den engeren Kreis der Philosophen und Philosophie-Interessierten hinaus.[8]

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis. Mit einer Einleitung von M. Hossenfelder, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-28099-6
  • David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Aus dem Englischen von Raoul Richter. Hrsg. Jens Kulenkampff. 12. Auflage, Meiner, Hamburg 1993, ISBN 3-7873-1155-6
  • Michel de Montaigne: Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Frankfurt 1998, ISBN 3-8218-4472-8[9]
  • Franciscus Sanchez: Daß nichts gewusst wird. Lateinisch–deutsch. Einleitung und Anmerkungen von Kaspar Howald. Übersetzung von Damian Caluori und Kaspar Howald. Lateinischer Text von Sergei Mariev. Phil. Bibl. 586. Meiner, Hamburg 2007, ISBN 978-3-7873-1815-5

Literatur[Bearbeiten]

Philosophiegeschichtliche Darstellungen[Bearbeiten]

  • Julia Annas/Jonathan Barnes: The Modes of Scepticism. Ancient Texts and Modern Interpretations, Cambridge 2003, ISBN .
  • Jonathan Barnes: The Toils of Scepticism, Cambridge 1994, ISBN 0-521-38339-0.
  • Myles Burnyeat und Michael Frede: The Original Sceptics: A Controversy, Indianapolis/Cambridge: Hackett Publishing Co 1997, ISBN 0-87220-348-4.
  • Markus Gabriel: Antike und moderne Skepsis zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-88506-649-1.
  • R. J. Hankinson: The Sceptics. The Arguments of the Philosophers, London und New York 1995, ISBN 0-415-04772-2.
  • M. Hossenfelder: „Skepsis“, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hrsg. von H. Krings / H. M. Baumgartner / C. Wild, München 1974, Bd. 3, S. 1359-67.
  • Richard Hönigswald, Die Skepsis in Philosophie und Wissenschaft, 1914, Neuausgabe (hrsg. und Einleitung von Christian Benne and Thomas Schirren), Göttingen: Edition Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-7675-3056-0
  • Richard H. Popkin: The History of Scepticism from Savonarola to Bayle, Revised and expanded edition, Oxford u. a. 2003, ISBN 0-19-510768-3.
  • Friedo Ricken: Antike Skeptiker, München 1994, ISBN 3-406-34638-3.
  • Robert W. Sharples: Stoics, Epicureans and Sceptics, London und New York 1996, ISBN 0-415-11035-1.
  • Michael Williams (Hrsg.): Scepticism, Aldershot 1993, ISBN 1-85521-335-4.

Systematische Diskussion[Bearbeiten]

  • Keith DeRose, K. und T. Warfield (Hrsg.): Skepticism. A Contemporary Reader, New York and Oxford: Oxford University Press 1999.
  • R. J. Fogelin: Pyrrhonian Reflections on Knowledge and Justification, New York / Oxford 1994.
  • R. Fumerton: Metaepistemology and Skepticism, Lanham 1995.
  • Thomas Grundmann, Karten Stüber (Hrsg.): Philosophie der Skepsis, Paderborn u. a.: Schöningh 1996 (UTB 1921), ISBN 3-506-99482-4
  • P. Klein: Skepticism, in P. Moser (Hrsg.): The Oxford Handbook of Epistemology, Oxford: Oxford University Press 2002, S. 336-361.
  • M. Williams: Scepticism without Theory, in: The Review of Metaphysics 41 (1988), S. 547-588.
  • M. Williams: Unnatural Doubts, Princeton 1992
  • Barry Stroud: The Significance of Philosophical Scepticism, Oxford 1984
  • Peter Unger: Ignorance: A Case for Scepticism, Oxford: Oxford University Press 1975.

Skeptizismus in der praktischen Philosophie der Gegenwart[Bearbeiten]

  • Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen, Reclam, Stuttgart 1981
  • Odo Marquard: Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Reclam, Stuttgart 1987
  • Odo Marquard: Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Reclam, Stuttgart 1994
  • Odo Marquard: Philosophie des Stattdessen. Studien, Reclam, Stuttgart 2000
  • Andreas Urs Sommer: Die Kunst des Zweifelns. Anleitung zum skeptischen Philosophieren, München: C. H. Beck, 2005, 2. Aufl. 2007, Sonderausgabe 2008.
  • Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, Hanser Wirtschaft, München 2008
  • Markus Gabriel: An den Grenzen der Erkenntnistheorie. Die notwendige Endlichkeit des objektiven Wissens als Lektion des Skeptizismus. Verlag Karl Alber, Freiburg und München 2008, ISBN 978-3-495-48318-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Skepticism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Es hat jedoch nicht den Sinn des Skeptizismus, der sich kein anderes Ziel setzt als das Zweifeln selbst, daß man stehenbleiben soll bei dieser Unentschiedenheit des Geistes, der darin seine Freiheit hat, sondern es hat vielmehr den Sinn, man müsse jedem Vorurteil entsagen [...] (Descartes. In: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe. Band 20, S. 127, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979)
  2. David Hume: Eine Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes. Berlin 1869, S. 138-144. Kap.XII, Abschnitt 1. zeno.org
  3. Leben und Meinungen berühmter Philosophen IX, 107.
  4. Gerhard Ernst: Einführung in die Erkenntnistheorie, Darmstadt 2007, S. 20 ff.
  5. Bezug auf Pyrrho, siehe den vorigen Abschnitt zu Montaigne
  6. Hume, a.a.O., Kap. XII, Abschnitt 1. zeno.org
  7. Hume, a.a.O. Abschnitt III. zeno.org
  8. Abre los ojos“ (1997) und dessen Remake „Vanilla Sky“ (2001) sowie „Matrix“ (1999).
  9. Speziell zu M. als Skeptiker: Jean Firges, Michel de Montaigne – Das „Glück dieser Welt“. Skeptischer Humanismus im 16. Jahrhundert. Sonnenberg, Annweiler 2001