Sokol (Turnbewegung)

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Logo des tschechischen Sokol

Sokol (slaw. für „Falke“) ist die national geprägte Turnbewegung bei verschiedenen slawischen Ethnien in Ostmitteleuropa. Neben der körperlichen Ertüchtigung stand in der Vergangenheit das nationale Gemeinschaftserlebnis beim Sokol im Vordergrund. Die gemeinsamen Sportfeste der Sokol-Vereine verschiedener slawischer Nationen waren nicht zuletzt Ausdruck des Panslawismus. Die verschiedenen nationalen Sokolverbände engagierten sich auch in der Pflege slawischer Folklore.

Geschichte[Bearbeiten]

Prager Sokol-Einheit Slovan (1899)
Sokol-Einheit in Kolin um 1900
Sokol-Fest im Prager Stadion (Juli 1932)

Die historischen Wurzeln der Sokolbewegung liegen in Böhmen und Mähren. Der erste Turnerbund unter diesem Namen entstand am 12. Februar 1862 in Prag. Die Gründung wurde von Miroslav Tyrš initiiert, wobei dieser sich die deutsche Turnbewegung zum Vorbild nahm. Bald wurde der Sokol zu einem tragenden Bestandteil der tschecho-slowakischen Nationalbewegung. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wurden auch slowenische (1863), kroatische, serbische sowie polnische (1867 in Galizien und 1886 im preußischen Teilungsgebiet) Sokolverbände gegründet. Der sorbische Sokol bildete sich 1920. Schon 1865 führten tschechische Auswanderer die slawische Turnbewegung in den USA ein. In den dreißiger Jahren zählte der Tschechoslowakische Sokol etwa 750.000 Mitglieder.

Der tschechoslowakische Sokol pflegte das Andenken von Jan Hus, den man als Vorbild im Kampf um die tschechische Unabhängigkeit ansah. Dieses Traditionsverständnis wurde nach dem Ersten Weltkrieg auch von der tschechoslowakischen Regierung unterstützt. Dagegen lehnte die katholische Kirche den Sokol wegen seiner liberalen und antiklerikalen Einstellungen ab. Man störte sich nicht nur an der Hus-Verehrung, sondern auch am fortschrittlichen Frauenbild der tschechischen Turnbewegung. Der polnische Sokol, der nie die politische Bedeutung seines tschechischen Brüder-Verbandes erreichen konnte, hatte dagegen kaum Konflikte mit der Kirche.

Nach dem Einmarsch der deutschen Nationalsozialisten wurde der tschechoslowakische Sokol 1939 in den Sudetengebieten verboten. Im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren blieben die einzelnen Einheiten zunächst weiter bestehen. Am 12. April 1941 wurde auch dem Sokol im Protektorat jegliche Aktivität verboten. Seine Mitglieder wurden verfolgt und fast die gesamte Führung vernichtet. Nach 1945 konnte der Turnerbund wieder aktiv werden, allerdings wurde er 1948 aufgelöst und während der kommunistischen Herrschaft nicht mehr zugelassen.

Bekannte Initiatoren der Sokol-Bewegung im 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Serbische Sokol-Einheit in Herceg Novi

Gegenwart[Bearbeiten]

Sokolverbände gibt es auch heute noch bei den meisten slawischen Völkern, wobei der politische nationale Gedanke aktuell nur mehr eine geringe Rolle spielt. Im Zentrum der Verbandstätigkeit steht der Breitensport. Der tschechische Sokol zählt heute rund 190.000 Mitglieder.

Literatur[Bearbeiten]

  • Diethelm Blecking: Die Geschichte der nationalpolnischen Turnorganisation „Sokół“ im Deutschen Reich 1884–1939. Lit-Verlag, Münster 1987, ISBN 3-88660-366-0 (Münsteraner Schriften zur Körperkultur 4), (Zugleich: Berlin, Freie Univ., Diss., 1986).
  • Claire E. Nolte: The Sokol in the Czech lands to 1914. Training for the nation. Palgrave Macmillan, Basingstoke u. a. 2002, ISBN 0-333-68298-X.
  • Jan Novotný: Sokol v životě národa. Melantrich, Prag 1990 (Slovo k historii 25, ZDB-ID 1048294-5).
  • Jan Snopko: Polskie Towarzystwo Gimnastyczne „Sokół“ w Galicji. 1867–1914. Wydawnictwo Uniwersytetu w Białymstoku, Białystok 1997, ISBN 83-86423-69-2.
  • Jan Boris Uhlíř, Marek Waic: Sokol proti totalitě. 1938–1952. Univerzita Karlova – Fakulta Tělesné Výchovy a Sportu, Prag 2001, ISBN 80-8631711-0.
  • Alfons Wićaz: Serbski Sokoł. Domowina, Bautzen 1990, ISBN 3-7420-0535-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sokol – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien