Sonderzug nach Pankow

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sonderzug nach Pankow ist der Titel eines 1983 als Single veröffentlichten Liedes des deutschen Rocksängers Udo Lindenberg, das auf der Melodie des 1941 erschienenen US-amerikanischen Klassikers Chattanooga Choo Choo beruht.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Bahnsteige des heutigen S-Bahnhofs Berlin-Pankow

Udo Lindenberg hatte in einem Radiointerview des SFB am 5. März 1979 seinen Wunsch geäußert, für seine Fans ein Konzert in Ostberlin zu veranstalten. Das Interview wurde in der DDR im Originalton aufgezeichnet und einen Tag später als Information des Staatlichen Komitees für Rundfunk, Abteilung Monitor, dem Chefideologen und Kulturverantwortlichen der SED, Kurt Hager, vorgelegt. Dieser schrieb am 9. März 1979 handschriftlich auf die Information: „Auftritt in der DDR kommt nicht in Frage“.[1]

Lindenberg war über diese Ablehnung verärgert, doch gelang es ihm für einige Jahre nicht, seinen Plan umzusetzen.[2] Dann kam er Anfang 1983 auf die Idee, als Reaktion auf diese Ablehnung einen deutschen Text mit der Melodie von Glenn Millers Swing-Klassiker Chattanooga Choo Choo zu verfassen; das Original wurde von Harry Warren (Musik) und Mack Gordon (Text) komponiert und am 7. Mai 1941 aufgenommen. Der deutsche Text des 3:14 Minuten[3] langen Liedes richtet sich in ironischer Weise direkt an den damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Dieser wird respektlos als verknöcherter und scheinheiliger Mann bezeichnet, der offiziell die Ideologie der Regierung präsentiere, aber innerlich ein Rocker sei und heimlich West-Radio höre.[4]

Der Bezug zum Berliner Stadtbezirk Pankow im Titel beruht auf der Tatsache, dass das dort gelegene Schloss Schönhausen von 1949 bis 1960 Sitz des Präsidenten sowie anschließend bis 1964 des Staatsrates der DDR war. Auch danach hatten viele Angehörige der DDR-Regierung und ranghohe Mitarbeiter anderer Behörden ihren Wohnsitz in Pankow, unter anderem am Majakowskiring. Pankow wurde in der Zeit des Kalten Krieges als Synonym für „Regierungssitz der sowjetisch besetzten Zone“ benutzt (Siehe auch Pankower Machthaber).

Zum Schluss des Liedes ist eine (Bahnhofs-)Durchsage auf Russisch zu hören. Der Originaltext lautet: „Towarischtsch Erich! Meschdu protschim, werchownij sowjet ne imejet nitschewo protiw gastrolej Gospodina Lindenberga w GDR!“, auf Deutsch übersetzt: „Genosse Erich, im Übrigen hat der Oberste Sowjet nichts gegen ein Gastspiel von Herrn Lindenberg in der DDR!“ Diese Passage sollte darauf hinweisen, dass ohnehin wesentliche Entscheidungen der DDR in der Sowjetunion getroffen würden.

Veröffentlichung und Erfolg[Bearbeiten]

Am 2. Februar 1983 wurde die von Lindenberg selbst produzierte Single Sonderzug nach Pankow / Sternentaler (Polydor # 810 076-7) in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht und gelangte am 7. Februar 1983 in die deutsche Hitparade, wo sie Platz 5 erreichte und dort für vier Wochen verblieb. Es war Lindenbergs bisher beste Hitparadennotierung. Sie verweilte für insgesamt 21 Wochen in den Charts, davon 7 Wochen in den Top10.

In einem Begleitbrief zum Song hatte Lindenberg am 16. Februar 1983 an Honecker geschrieben: „Lass doch nun auch mal einen echten deutschen Klartext-Rocker in der DDR rocken. Zeig Dich doch mal von Deiner locker-menschlichen und flexiblen Seite, zeig uns Deinen Humor und Deine Souveränität und lass die Nachtigall von Billerbeck ihre Zauberstimme erheben. Sieh das alles nicht so eng und verkniffen, Genosse Honey, und gib dein Okey für meine DDR-Tournee“.

Politische Folgen[Bearbeiten]

Sein despektierlicher Text hatte den SED-Generalsekretär Honecker aufgebracht. In einem Brief versuchte der Lindenberg-Berater Michael Gaißmayer noch im August 1983, die Wogen zu glätten. FDJ-Chef Egon Krenz lud daraufhin Lindenberg ein, im Rahmen eines FDJ-Friedenskonzertes mit Künstlern aus aller Welt im Palast der Republik in Ost-Berlin vier seiner Lieder zu spielen.

Am 25. Oktober 1983 kam es dann zum ersten und einzigen Auftritt von Udo Lindenberg in der DDR. Dieser fand im Rahmen des Festivals „Rock für den Frieden“ vor 4200 Zuhörern im Palast der Republik statt, bei dem Lindenberg diesen Titel auf Wunsch der DDR-Führung jedoch nicht sang. Das Lied erreichte Kultstatus in der DDR und ist einer der bekanntesten Titel von Udo Lindenberg. Zu einer von Lindenberg für das folgende Jahr vorgesehenen Tournee durch die DDR kam es nicht, die Gastspielreise wurde im Februar 1984 endgültig abgesagt.

Lindenbergs Zeile im Lied, dass Honecker heimlich auch gerne eine Lederjacke anziehe, wurde im Jahre 1987 umgesetzt. Er sandte Honecker in diesem Jahr eine Lederjacke zu, was von Honecker mit einem Dankesbrief beantwortet wurde, in dem er die Rockmusik als vereinbar mit den Idealen der DDR bezeichnete. Des Weiteren schrieb Honecker, dass er die Lederjacke an den Zentralrat der FDJ weitergeben werde, damit dieser sie einem Rockfan zukommen lassen könne. Außerdem lag dem Brief eine Schalmei als Geschenk für Lindenberg bei. Honecker hatte dieses Instrument während seiner Jugendzeit gespielt.[5] Als sich Honecker am 9. September 1987 während eines Staatsbesuches in Wuppertal aufhielt, schenkte Lindenberg ihm eine E-Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“.[6]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bundesarchiv mit dem Originalvermerk
  2. vgl. Ingo Grabowsky/Martin Lücke: Die 100 Schlager des Jahrhunderts, 2008, S. 63
  3. Sonderzug nach Pankow im Songlexikon
  4. Ingo Grabowsky/Martin Lücke, a.a.O., S. 64
  5. Erich Honeckers Dankesbrief an Udo Lindenberg bei Zeit Online
  6. Artikel bei Klangbeutel