Massaker von Treuenbrietzen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Massaker von Treuenbrietzen waren Kriegsverbrechen, bei denen am 23. April 1945 in der Nähe von Treuenbrietzen 127 italienische Militärinternierte von der Wehrmacht und wenig später nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 800 und 1000 deutsche Zivilisten von Einheiten der Roten Armee erschossen wurden.

Erstes Massaker[Bearbeiten]

Am 11. April 1945 wurde Treuenbrietzen erstmals von Verbänden der 13. Armee der Roten Armee eingenommen. Die Truppenteile seien dann aber weiter nach Wittenberg gezogen. Am 21. April 1945 besetzte das 51. Gardepanzerregiment, das zur 1. Ukrainischen Front gehörte, die Stadt. Während einer Siegesfeier mit reichlich Alkohol und entführten deutschen Frauen[1][2] am gleichen Tag (nach anderen Quellen am 22. April[3]) soll es in der sowjetischen Kommandantur zu einem tödlichen Streit gekommen sein. Hierbei sei der Kommandant der Stadt, Oberstleutnant Fedor Schartschinski, erschossen worden.[3] Anderen Angaben zufolge habe ein deutscher SS-Mann beim Einmarsch der Truppen auf den Stab der Roten Armee geschossen und den Offizier getötet.[1][4] Helmut Päpke, ehemaliger SED-Funktionär und Geschichtslehrer, heutiger Vorstand des Kulturbundes sowie Mitglied der PDS bekräftigt dies.[2][3]

In der Nacht zum 23. April eroberten Soldaten der 12. Armee der Wehrmacht, verstärkt durch Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes und Hitlerjungen vom Gauschwarm Berlin große Teile von Treuenbrietzen zurück.[1] So war insbesondere die Armee Wenck in den letzten Aprilwochen 1945 in Treuenbrietzen und Umgebung nachweislich eingesetzt.[5][4] Am 23. April 1945 trieben Angehörige der Wehrmacht oder der Waffen-SS 131 italienische Militärinternierte, die seit zwei Jahren als Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik in Treuenbrietzen arbeiten mussten, in ein Waldstück bei dem nahe Treuenbrietzen gelegenen Dorf Nichel. In einer Kiesgrube wurden sie bis auf vier Überlebende erschossen.[5][3][6]

Zweites Massaker[Bearbeiten]

Erst am Nachmittag brachte die Rote Armee die Stadt wieder unter ihre Kontrolle.[1][2] Wenig später forderten Soldaten der Sowjetunion die Bewohner der Stadt auf, diese zu räumen und selektierten die Opfer am Rand eines Waldes. Während die Frauen und Kinder weiterziehen durften, mussten die Männer heraustreten und wurden erschossen.[1][3] Mutmaßlicher Auslöser war der gewaltsame Tod des Kommandanten der Stadt am Vorabend.[2][7]

Augenzeugen sprechen von 800 ermordeten Einwohnern und Flüchtlingen, das örtliche Standesamt hat 254 von Angehörigen gemeldete Opfer registriert. Augenzeugen, die die Toten begraben mussten, haben bei einer Zahl von 721 Toten mit der Zählung aufgehört. Heutige Schätzungen reichen bis zu etwa 1000 Toten.[3][8][6] Helmut Päpke beruft sich auf die Sterberegister des Standesamts und beziffert die Zahl der Toten bis heute mit 88.[1][2]

Strafverfolgung und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft[Bearbeiten]

Schon wenige Tage nach den Morden an den Italienern befragten Offiziere der Roten Armee ergebnislos Überlebende und Dorfbewohner. 1965 wandte sich die Generalstaatsanwaltschaft der DDR mit einem Amtshilfeersuchen an die Staatsanwaltschaft Köln und regte bundesweite Ermittlungen an. Weil das Verfahren in Köln 1974 eingestellt wurde, wurden auch die Ermittlungen in der Sache Treuenbrietzen eingestellt.[5] Das Massaker an den italienischen Militärinternierten blieb der Öffentlichkeit lange Zeit unbekannt. Dies änderte sich, als die italienische Justiz in Ancona aufgrund der Aussagen eines Überlebenden im Jahr 2002 eigene Ermittlungen begann und um Amtshilfe in Deutschland bat.[5] Dieses Verfahren wurde daraufhin in Ludwigsburg weitergeführt.[9][6]

Seit dem Herbst 2008 ermittelte erstmals die Staatsanwaltschaft Potsdam aufgrund des Massakers in Treuenbrietzen gegen unbekannte Angehörige der Roten Armee wegen „Mordes zum Nachteil deutscher Zivilpersonen in einer Vielzahl von Fällen“. Mitte November baten die Potsdamer Beamten den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation um Rechtshilfe.[1][3] Tätig wurde die Staatsanwaltschaft Potsdam aufgrund der Anzeige des Vereins Forums für Aufklärung und Erneuerung, der sich vorrangig um die Aufklärung der Geschehnisse während der DDR-Diktatur bemüht.[8][1][6] Weil jedoch deutsche Gerichte für Kriegsverbrechen der alliierten Streitkräfte nicht zuständig sind, besteht ein Verfahrenshindernis, sodass das Verfahren 2009 eingestellt wurde.[10]

Gedenken[Bearbeiten]

Die Gedenkstätte für die Opfer beider Massaker findet sich auf dem Triftfriedhof in der Goethestraße. Sie besteht aus einer Reihe von Kriegsgräbern, einem Pavillon und der Stele mit den Namen der Toten sowie einem Gedenkstein für einen gefallenen treuenbrietzener Arzt. Die Kriegsgräberstätte beherbergt 337 Tote in sechs Massengräbern, in denen die Toten in zwölf Reihen übereinander liegen,[8] , darunter nach offiziellen Angaben 209 deutsche Soldaten, 125 zivile Einwohner von Treuenbrietzen und drei ausländische Zwangsarbeiter. Auf dem Gedenkstein steht: „GEDENKET DER TOTEN“. Regina Scheer recherchierte dazu im Auftrag der Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg: „Es hieß, dass hier die Opfer der Vergeltungsaktion begraben sind. Bei genauer Prüfung der Friedhofsunterlagen stellte sich jedoch heraus, dass hier auch polnische Zwangsarbeiter und Kinder liegen, die vor dieser Vergeltungsaktion ums Leben kamen.“[4] In der DDR wurden sie als Opfer eines Bombenangriffes ausgegeben, der aber nachweislich drei Tage früher stattgefunden hat.[6] Bis zur politischen Wende 1989/90 habe niemand über dieses Ereignis sprechen dürfen.[2][1][8][9]

2005 kündigte die Stadt zum 60. Jahrestag des Kriegsendes eine Neugestaltung des Ehrenhain an, der zu DDR-Zeiten einen großen sowjetischen Soldatenfriedhof beherbergte.[7][11] Der 23. April 1945 wird in Treuenbrietzen seit 1995 offiziell als Gedenktag der Opfer beider Massaker begangen. Inzwischen kommen auch Italiener und Russen aus den Botschaften zu dieser Gedenkfeier.[3][6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Triftfriedhof Treuenbrietzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i  Michael Sontheimer: Späte Bemühungen. In: Der Spiegel. Nr. 1, 2009, S. 31 (29. Dezember 2008, online).
  2. a b c d e f Susanne Lenz: Der Obelisk wankt. In: Berliner Zeitung. 8. Mai 1998, abgerufen am 25. März 2014..
  3. a b c d e f g h Michael Mielke: Massaker in Treuenbrietzen: das Tabu ist gebrochen. In: Die Welt. 29. November 2008, abgerufen am 26. März 2014.
  4. a b c  Regina Scheer, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung/Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (Hrsg.): Der Umgang mit den Denkmälern. Eine Recherche in Brandenburg. 2003, S. 89f (online).
  5. a b c d Heike Kleffner: Ludwigsburgs letzte Mordpuzzles. In: die tageszeitung. 17. Mai 2005, abgerufen am 25. März 2014.
  6. a b c d e f Thomas Wachs: Staatsanwaltschaft erhofft sich Informationen aus russischen Archiven zur Erschießung Hunderter Zivilisten im April 1945 in Treuenbrietzen. In: Märkische Allgemeine. 27. November 2008, archiviert vom Original am 11. Februar 2013, abgerufen am 27. März 2014.
  7. a b Claus-Dieter Steyer: Stadt ohne Männer. In: Der Tagesspiegel. 21. Juni 2006, abgerufen am 26. März 2014.
  8. a b c d Katrin Bischoff: Das Massaker von Treuenbrietzen. In: Berliner Zeitung. 25. November 2008, abgerufen am 26. März 2014.
  9. a b Peter Gärtner: Rätsel um zwei Massaker. In: Mitteldeutsche Zeitung. 2. Januar 2009, abgerufen am 26. März 2014.
  10. Massaker der Sowjets bleibt ungesühnt. In: Der Tagesspiegel. 31. Oktober 2009, abgerufen am 27. März 2014.
  11. Festakt ‚Drei Nationen reichen sich die Hände über den Gräbern‘. Ministerium des Innern, 24. April 2005, abgerufen am 27. März 2014.