Soziale Erwünschtheit

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Soziale Erwünschtheit (Social-Desirability-Response-Set) ist ein Störfaktor bei Befragungen in Sozialwissenschaft und Marktforschung und somit eine Verzerrung. Soziale Erwünschtheit liegt vor, wenn Befragte Antworten geben, von denen sie glauben, sie träfen eher auf Zustimmung als die korrekte Antwort, bei der sie soziale Ablehnung befürchten.

Es gibt zwei Arten sozialer Erwünschtheit: kulturelle und situationale soziale Erwünschtheit. Erstere hat ihre Ursache in internalisierten allgemeinen Verhaltenserwartungen (z. B. aufgrund traditioneller Geschlechterrollen), letztere in konkreten Stimuli der Befragungssituation (z. B. wegen Geschlecht oder Hautfarbe des Interviewers oder der Öffentlichkeit der Interviewsituation).[1]

Das Ausmaß der Verzerrung durch soziale Erwünschtheit hängt auch vom Thema der Befragung ab. Besonders betroffen sind heikle oder peinliche Fragen[2][3], zum Beispiel nach dem Alkoholkonsum oder der politischen Präferenz für Parteien am rechten und linken Rand des Parteienspektrums. Soziale Erwünschtheit wird zu den Response Sets (Antwortverzerrungen) gerechnet.

Da der wahre Wert, also die Antworten ohne den Einfluss der sozialen Erwünschtheit, unbekannt ist, kann man den Effekt nur schwer erkennen. Es ist allerdings möglich Fragen zu identifizieren, die anfällig für soziale Erwünschtheit sind. Dazu fordert man einen Teil der Befragten („split ballot“) auf, die Fragen so zu beantworten, dass sie sich in einem möglichst günstigen Licht darstellen („Faking Good Instruction“). Einen anderen Teil der Befragten fordert man auf, die Fragen so zu beantworten, dass sie sich in einem möglichst ungünstigen Licht darstellen („Faking Bad Instruction“). Je stärker sich die Antworten der beiden Gruppen unterscheiden, desto eher ist die Frage von sozialer Erwünschtheit betroffen.[4]

Maßnahmen zur Verringerung des Einflusses sozialer Erwünschtheit sind geschickte Frageformulierungen[5] oder der Einsatz von Fragebatterien, deren Einzelfragen unterschiedlich stark von dem Problem betroffen sind. Eine Methode, den Anteil der ehrlichen Antworten zu schätzen, ist die Randomized-Response-Technik. Die bekannteste Skala zum Abgleich sozialer Erwünschtheit ist die Marlowe-Crowne-Scale.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. vgl. Hartmut Esser (1986): Können Befragte Lügen? Zum Konzept des „wahren Wertes“ im Rahmen der handlungstheoretischen Erklärung von Situationseinflüssen bei der Befragung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 38, S. 314-336, hier S. 317; Rainer Schnell, Paul B. Hill und Elke Esser (1999): Methoden der empirischen Sozialforschung. München: Oldenbourg. S. 332 f.
  2. vgl. Barton, Alan H (1958): Asking The Embarrassing Question. In: Public Opinion Quarterly 22, S. 67-68.
  3. vgl. Rainer Schnell, Paul B. Hill und Elke Esser (1999): Methoden der empirischen Sozialforschung. München: Oldenbourg. S. 333.
  4. vgl. zu sozialer Erwünschtheit allgemein und speziell zu „Faking Good“: Jürgen Bortz und Nicola Döring (1995): Forschungsmethoden und Evaluation. Berlin: Springer. S. 212-213.
  5. vgl. Barton, Alan H (1958): Asking The Embarrassing Question. In: Public Opinion Quarterly 22, S. 67-68
  6. http://www.unk.edu/academicaffairs/assessment.aspx?id=19428

Literatur[Bearbeiten]

J. Musch, R. Brockhaus & A. Bröder (2002). Ein Inventar zur Erfassung von zwei Faktoren sozialer Erwünschtheit. Diagnostica, 48, 121-129