Soziale Phobie

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Als Soziale Phobie werden in der Psychopathologie dauerhafte, irrationale starke Angstzstände, die an die Anwesenheit anderer Menschen gebunden sind, bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Erscheinungsformen

Menschen mit sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung stoßen zu können. Sie fürchten, dass ihnen ihre Nervosität oder Angst angesehen werden könnte, was ihre Angst oftmals noch weiter verstärkt. Begleitet wird die Angst oft durch körperliche Symptome wie Erröten (Erythrophobie), Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Verkrampfung, Sprechhemmung, Schwindelgefühle, Derealisation und Depersonalisation, Beklemmungsgefühle in der Brust, Kopf- und Magenschmerzen, Durchfall, Übelkeit (Würgereiz) oder Panikgefühle.

Um all dies zu vermeiden, gehen Menschen mit sozialen Ängsten Situationen, in denen sie der Bewertung durch andere ausgesetzt sind, oft von vornherein aus dem Weg, was ein berufliches und privates Weiterkommen sehr erschweren und mitunter zu vollkommener sozialer Isolation führen kann. Diese Störung kann über einen langen Zeitraum anhalten, und viele Betroffene erkranken noch zusätzlich an einer Depression oder werden abhängig von Alkohol, Beruhigungsmitteln oder anderen Drogen/Medikamenten, die hilfreich sind, die Symptome zu überdecken oder zu verdrängen.

Nach Schätzungen leiden zwischen 2 und 8 Prozent der Bevölkerung unter sozialen Ängsten, nach neueren Untersuchung sollen sogar 10 % der Deutschen davon betroffen sein. Exakte Angaben sind jedoch schwer zu treffen, da sich soziale Phobien in ihrer Ausprägung sehr stark unterscheiden können und insbesondere der Übergang von Schüchternheit zur sozialen Phobie schwer zu bestimmen ist. Soziale Angst darf zudem nicht mit sozialen Defiziten verwechselt werden, obwohl die soziale Phobie aus sozialen Defiziten entstehen kann (oder auch erst zu diesen führen kann).

Dabei erkranken etwa 11 Prozent der Männer und etwa 15 Prozent der Frauen in ihrem Leben an einer sozialen Phobie. [2] [3]

Eng umschriebene Sozialphobien, zum Beispiel nur Furcht vor öffentlichem Sprechen und Essen, sind eher selten. Am häufigsten ist die allgemeine Sozialphobie vor den meisten Aktivitäten im zwischenmenschlichen Bereich wie an Partys oder Familienfesten teilzunehmen, anderen zu schreiben, neue Kontakte zu knüpfen (insbesondere zu den begehrten Geschlechtern) oder eine Unterhaltung mit dem Chef, den Kollegen und selbst mit Nahestehenden zu führen.

[Bearbeiten] Diagnose

Im ICD 10 wird die Phobische Störung unter dem Code F40.1 klassifiziert.

Die Krankheit zeichnet sich demnach durch folgende Merkmale aus:

  • "Diese Störungen zentrieren sich um die Furcht vor prüfender Betrachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen (nicht dagegen in Menschenmengen).
  • Die Angst ist auf bestimmte soziale Situationen beschränkt oder überwiegt in solchen Situationen.
  • Die phobischen Situationen werden vermieden.
  • Der Beginn liegt häufig im Jugendalter." [4]

Leitsymptome der Krankheit sind:

  • "Zentral ist die Furcht vor prüfender Betrachtung in überschaubaren Gruppen (nicht in Menschenmengen).
  • Die Angst kann sich auf bestimmte Situationen wie Essen oder Sprechen in der Öffentlichkeit oder Treffen mit dem anderen Geschlecht beschränken; sie kann aber auch unbestimmt sein und in fast allen sozialen Situationen außerhalb der Familie auftreten.
  • Häufig bestehen niedriges Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik.
  • Als Begleitphänomene können Erröten, Vermeiden von Blickkontakt, Zittern, Übelkeit oder Drang zum Wasserlassen auftreten.
  • Die Symptomatik kann sich bis zu Panikattacken verstärken.
  • Ausgeprägtes Vermeidungsverhalten kann zu vollständiger sozialer Isolierung führen." [4]

[Bearbeiten] Komorbidität (Begleiterkrankungen)

Alle Angsterkrankungen zeichnen sich durch eine hohe Komorbidität untereinander auf. Häufig sind auch Depressionen in Verbindung mit Angsterkrankungen. [4]

[Bearbeiten] Ursachen

Lerntheoretische Theorien sehen soziale Ängste durch Vermeidungskonditionierung bedingt. Dabei wirkt das Vermeiden einer angstauslösenden Situation angstmindernd. Wird in sozialen Situationen Angst verspürt, wird diese Situation weitgehend vermieden. Auch Prozesse des Modelllernens können für die soziale Phobie verantwortlich sein. Beobachtungslernen, also das Beobachten von phobischen Reaktionen, kann selbst Angstauslösend sein.

Kognitionspsychologische Theorien fokussieren vor allem auf die Rolle, welche Ängste auf die Verarbeitung von Informationen haben. Hierbei sehen sich Menschen mit sozialen Ängsten meist negativer und machen sich mehr Sorgen. Die Sozialkontakte werden so negativer wahrgenommen, als sie sind.

In diesem Zusammenhang wird allerdings auch immer eine physiologische Bereitschaft zur Entwicklung von bestimmten Ängsten angeführt. So ist es scheinbar möglich, dass Angst vor bestimmten Objekten und Situationen leichter erlernt wird. Hinzu kommt auch eine mögliche angeborene oder erworbene Disposition Ängste zu entwickeln. Hierbei sind sowohl negative Erfahrung mit bestimmten Objekten und Situationen häufig, als auch eine genetische Disposition (s.u.). [1]

Die Psychoanalyse geht davon aus, dass unterschiedliche Bedingungen die Entwicklung von Angst fördern. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass Angst eine Reaktion des Ichs auf eine drohende Gefahr ist. Hierbei können sowohl traumatische Erlebnisse als auch verdrängte psychische Inhalte eine Angstreaktion des Ichs auslösen, aber auch reale Gefahren. Reale Gefahren werden allerdings als Furcht bezeichnet. Aber auch bindungstheoretische Gesichtspunkte werden in den zeitgemäßen Theorien einbezogen. Hier ist vor allem die Trennungsangst von entscheidender Bedeutung. Auch das Abwehr/Sicherheits-Modell wird als Erklärungsmodell herangezogen. In der Psychoanalyse wird zwischen unterschiedlichen Angstarten unterschieden. Je nach zu unterscheidender psychoanalytischen Theorie werden die Gründe für die Angst in unterschiedlichen Ursachen gesehen.

Eine besondere Bedeutung wird der Schamangst im Zusammenhang mit der sozialen Phobie zugeschrieben. Sie beschreibt eine drohende Gefahr, bloßgestellt zu werden oder vor Demütigung und Zurückweisung. Dabei dient sie gleichzeitig der Abwehr vor grandiosen und exhibitionistischen Wünschen. Ein Defizit im Selbstkonzept führt hierbei zu Überkompensationen. Der Schamaffekt ist aber auch im Zusammenhang mit überwältigen traumatischen Erfahrungen von Hilflosigkeit und konkreten Beschämungen zu betrachten. Die Schamangst kann aber, in einem anderen Zusammenhang, als konkrete Signalangst verstanden werden, die vor Zurückweisung schützen soll. [5] [6] [7]

[Bearbeiten] Genetische Ursachen

Zwillingstudien (Studien mit eineiigen Zwillingen, die getrennt voneinander aufwuchsen) lassen vermuten, dass eine genetische Disposition mit ursächlich ist. Erkrankt ein Zwilling an einer sozialen Phobie, erkrankt der andere mit 30–50 prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls daran [8]. Es hängt vermutlich von Umwelteinflüssen ab, ob die Veranlagung sich manifestiert.

[Bearbeiten] Behandlung

[Bearbeiten] Psychotherapie

Mit Hilfe der Kognitiven Verhaltenstherapie können Betroffene lernen, ihre negativen Bewertungen zu überprüfen und durch angemessene Bewertungen zu ersetzen. Gleichzeitig lernen sie, ein Risiko einzugehen und mögliche Fehler und Ablehnung zu ertragen. Sie lernen, ihren Perfektionsanspruch aufzugeben, sich zu akzeptieren und sich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen. Unterstützend zu einer Therapie gelten körperliche Aktivität sowie Entspannungsübungen (bspw. Progressive Muskelentspannung) als angstlindernd. Die Wirksamkeit wurde sowohl in Kombination, als auch ohne medikamentöse Therapie, nachgewiesen. [9] Sozialer Kompetenz können zusätzlich in einem Soziales Kompetenztraining erprobt werden.

In der psychoanalytischen Behandlung wird versucht, zugrundeliegende psychische Konflikte zu bearbeiten, welche die Angst auslösen sollen. Auch eine eventuell auftretende Schwäche des Strukturniveaus kann Ziel einer Behandlung sein. Die Wirksamkeit ist nachgewiesen, und vergleichbar mit der einer Verhaltenstherapie. [5] [6] [10]

Auch kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen, die sich des Problems der sozialen Phobie angenommen haben nützlich sein.

[Bearbeiten] Medikamentöse Behandlung

Am häufigsten kommen SSRI zum Einsatz: Für Sertralin[11][12], Fluoxetin [9] und Citalopram konnte eine mögliche Wirksamkeit gezeigt werden. Moclobemid[13], Paroxetin und Venlafaxin sind zur Behandlung der sozialen Phobie zugelassen. Bei Paroxetin ist die Langzeitwirkung (>12 Wochen) jedoch noch nicht etabliert

Mirtazapin zeigte sich in einer 6-wöchigen Studie ähnlich wirksam wie Paroxetin [14]. Besonders stark scheint die Minderung der Symptome bei Frauen zu sein [15]

Für besonders belastende Situationen haben sich angstlösende Medikamente aus der Benzodiazepin-Familie wie Lorazepam als wirksam erwiesen. Benzodiazepine bergen jedoch immer die Gefahr des Missbrauchs (siehe dazu auch: Missbrauch von Benzodiazepinen)[16]. Die Behandlungsdauer mit Benzodiazepinen ist wegen der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung so kurz wie möglich zu wählen. Im Falle einer Langzeittherapie sollte regelmäßig die Notwendigkeit einer Weiterführung der Behandlung abgeklärt werden.[17]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Hansruedi Ambühl, Barbara Meier, Ulrike Willutzki: Soziale Angst verstehen und behandeln. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutischer Zugang. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2001, ISBN 3-608-89692-9
  • Andre Christophe und Patrick Legeron: Bammel, Panik, Gänsehaut - Die Angst vor den Anderen, Aufbau Verlag, 2001, ISBN 3-7466-1747-2
  • U. Stangier, T. Heidenreich, M. Peitz: Soziale Phobien, 1. Aufl., Weinheim 2003, ISBN 3-621-27541-X
  • Barbara G. Markway, Gregor P. Markway: Frei von Angst und Schüchternheit, Weinheim, Basel, Berlin 2003, ISBN 3-407-22853-8
  • U. Stangier, D. M. Clark, A. Ehlers: Soziale Phobie, Hogrefe Verlag, 2006, Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“
  • H.-U. Wittchen, J. Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie, Springer, Berlin 2006, S. 795–810

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b Hautsinger (Hg.) (2002) Davison & Neal: Klinische Psychologie (6. Aufl.). Weinheim, Beltz PVU.
  2. R. C. Kessler et al. (1994): Lifetime and 12-month prevalence rates of DSM-III-R psychiatric disorders in the United Stats: Results from the National Comorbidity Survey. Archives of General Psychiatry, 51. 8-19
  3. W. J. Maggee et al (1996): Agoraphobia, siple phobia and social phobia in the National Comorbidity Survey. Archives of General Psychiatry, 53, 159 - 168.
  4. a b c Dt.Ges.f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. (Hrsg.): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Deutscher Ärzte Verlag, 3. überarbeitete Auflage 2007 - ISBN: 978-3-7691-0492-9, S. 277 - 289 awmf-online: Phobische Störungen bei Kindern- und Jugendlichen
  5. a b H. Hopf, E. Windaus (Hg.) (2007): Lehrbuch der Psychotherapie. Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. München CIP-Medien.
  6. a b E. Heinemann, H. Hopf (2004): Psychische Störungen in Kindheit und Jugend. Symptome - Psychodynamik - Fallbeispiele- psychoanalytische Theorie. Stuttgart, Kohlhammer.
  7. Die Psychodynamik der Sozialen Phobien - Eine Übersicht mit einem ersten „Leitfaden” zur psychoanalytisch orientierten Psychotherapie. Forum der Psychoanalyse. 18 (2002) 51-71
  8. Psychol Med, 1999, Volume 29, Issue 3, S. 539-53
  9. a b Jonathan R. T. Davidson et al. Fluoxetine, Comprehensive Cognitive Behavioral Therapy, and Placebo in Generalized Social Phobia Arch Gen Psychiatry. 2004;61:1005-1013. Abstract (engl.)
  10. Falk Leichsenring: Wirkungsnachweise psychoanalytischer und tiefenpsychologisch fundierter Therapie, in: Gerald Poscheschnik (Hg.) (2005): Empirische Forschung in der Psychonalyse, Grundlagen – Anwendungen – Ergebnisse. Gießen, Psychosozialverlag
  11. Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Zoloft; Stand der Informationen: Dezember 2005
  12. Am J Psychiatry 158:275-281, February 2001: Sertraline Treatment of Generalized Social Phobia: A 20-Week, Double-Blind, Placebo-Controlled Study
  13. Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental, Volume 17, Issue 8, S. 401–405: Efficacy of citalopram and moclobemide in patients with social phobia: some preliminary findings
  14. J Clin Psychiatry September 2000; 61(9):S. 656-63
  15. Evid Based Ment Health 2006 9: S. 75
  16. Soziophobie bei freehosting (priv. Homepage)
  17. Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Temesta®/- Expidet®/- Injektion; Stand der Informationen: Mai 2006

[Bearbeiten] Weblinks

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