Sozialpädagogik

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Sozialpädagogik benennt einen Wissenschaftszweig von Erziehung, Bildung und sozialstaatlicher Intervention. In der Sozialpädagogik wird versucht, die Eigenverantwortung eines jungen Menschen und damit seinen selbstständigen Umgang mit allgemeinen Lebenslagen in der Gesellschaft zu stärken. Da die Befähigung eines jungen Menschen, am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben teilzunehmen, nicht bei jedem gleich ausgebildet ist, beschäftigt sich die Sozialpädagogik auch mit der Möglichkeit, gesellschaftliche Benachteiligungen abzubauen, die ebendiese Befähigung zum Ziel haben.

Der Begriff „Social-Pädagogik“ wurde bereits 1844 in einem Artikel von Karl Mager in der „Pädagogischen Revue“ erwähnt.

Sozialpädagogik hieß ebenfalls eine von 1959 bis 1997 von Albrecht Müller-Schöll in Stuttgart als diakonische Publikation herausgegebene überregionale Fachzeitschrift.

Entstehung und Entwicklung des sozialpädagogischen Berufes[Bearbeiten]

Gegenstand sozialpädagogischer Arbeit sind gesellschaftlich und professionell als relevant angesehene menschliche „Problemsituationen“. Hierzu gehören überwiegend Probleme mit der alltäglichen Lebensbewältigung von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, der „Lebenspraxis“ – dem alltäglichen „Zurechtkommen und Zurechtfinden“. Sozialpädagogik betrachtet das Individuum in seiner Wechselbeziehung mit der sozialen Umwelt. Sozialpädagogen sprechen von Lebenslage, um damit die Gesamtheit von Person und sozialem Rahmen auszudrücken.

Sozialpädagogik war vom Ende des 19. Jahrhunderts an, ohne Bruch fast bis zur Gründung der Fachhochschulen – also 1971 – ausschließlich ein Frauenberuf. Die Berufsbezeichnung war in allen Bundesländern einheitlich: Sie lautete „Jugendleiterin“. Die Ausbildungsstätten hießen von Anfang an „Jugendleiterinnenseminar“ und seit 1956 durch Beschluss der Kultusministerkonferenz „Höhere Fachschule für Jugendleiterinnen“. Am 13. März 1967 erfolgte in einer Rahmenvereinbarung der Kultusminister der Länder die Umbenennung in „Höhere Fachschule für Sozialpädagogik“. Die Ausbildung wird nun auch in Modellversuchen für männliche Studierende geöffnet, allerdings nehmen zunächst nur wenige Ausbildungsstätten männliche Bewerber auf, meist ist dort nur ein einziger Mann im ganzen Jahrgang. Im Abschnitt II, § 13 Abs. 2 Berufsbezeichnung werden die Worte „Staatlich geprüfte Jugendleiterin“" durch die Worte „Staatlich anerkannter Sozialpädagoge“ ersetzt. Diese Tatsachen sind unbestreitbar und aus allen amtlichen Unterlagen, Erlässen und Verordnungen sowie sämtlichen Dokumenten aller früheren Ausbildungsstätten leicht zu ersehen.

Klaus Mollenhauer schreibt in seiner Dissertation 1958: „Auf eine eingehende Darstellung der Ansätze sozialpädagogischer Frauenberufe kann hier verzichtet werden.“[1] Seitdem sind mehrere hundert Bücher und Fachartikel über Sozialpädagogik erschienen.

Der Begriff „Jugendleiterin“, der über viele Generationen von sozialpädagogischen Fachkräften für ihre Profession kennzeichnend war, wird nicht mehr erwähnt. Diese Berufsbezeichnung scheint spurlos verschwunden zu sein.[2][3]

Methoden[Bearbeiten]

  • Einzelfallarbeit; Angebote für Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, Familien, Eltern und Alleinerziehende mit dem Ziel der Verbesserung individueller Lebensverhältnisse,
  • Soziale Gruppenarbeit gem. SGB VIII mit dem Ziel der Entwicklung sozialer Kompetenzen,
  • Gemeinwesenarbeit und Quartiersmanagement zur Verbesserung sozialräumlicher Strukturen; hier wird aber gleichberechtigt von Sozialarbeit gesprochen.

Infolge der Methodenkritik in den 1970er Jahren entwickelte sich eine Reihe abgeleiteter Methoden und die Binnendifferenzierung nahm zu. In der beruflichen Praxis ist ein monomethodisches Vorgehen selten anzutreffen; es überwiegen Handlungsansätze, die mehrere der drei klassischen Methoden einbeziehen.

Ausbildung[Bearbeiten]

Sozialarbeiter und Sozialpädagogen werden oftmals in den gleichen Arbeitsfeldern eingesetzt. Tatsächlich unterscheiden sich Sozialpädagogik und Sozialarbeit aber sowohl von ihrer historischen Entwicklung her wie auch in grundlegenden Aspekten. Während die Sozialarbeit in ihrer Ausbildung zumeist auf drei klassische Methoden Rückgriff nimmt, wird in der Sozialpädagogik auf die Didaktik des Vermittelns und Lehrens zurückgegriffen. Inhalte der Ausbildung zum Diplom-Sozialpädagogen oder Diplom-Sozialarbeiter fallen in der Bundesrepublik Deutschland in die Gesetzgebungskompetenz der Bundesländer und sind daher verschieden ausgerichtet. In länderübergreifenden Arbeitsgemeinschaften und auf den Konferenzen der Kultusminister wird jedoch über Modelle von einheitlichen Ausbildungsgängen und Berufsbezeichnungen diskutiert, die sich an internationale Standards anlehnen. Neuere Ansätze benutzen „Soziale Arbeit“ als Oberbegriff für beide, gleichrangige Arbeitsgebiete und verwenden „Sozialarbeitswissenschaften“ für den Lehr- und Forschungsgegenstand beider.

In einigen Bundesländern war früher Sozialpädagoge ein Synonym für Erzieher.

Studiert wird Sozialpädagogik und Sozialarbeit vorwiegend an Fachhochschulen, Hochschulen oder Berufsakademien. Früher lehrten Fachhochschulen die Disziplinen getrennt oder nur eine von beiden. In einigen Bundesländern musste man sich während des Hauptstudiums für einen der beiden Abschlüsse entscheiden, in anderen erhielt man den Doppeltitel „Dipl.-Sozialpädagoge/Sozialarbeiter“. Viele Fachhochschulen, die beide Studiengänge anboten, nannten sich übergreifend „Fachhochschule für Sozialwesen“ oder „Fachhochschule für Soziale Arbeit“. Spätestens seit der Bologna-Reform haben alle Hochschulen ihre Studiengänge zusammengelegt und bezeichnen diese jetzt einheitlich als Soziale Arbeit. Nach Abschluss eines Studiums der Sozialen Arbeit erhält man den Titel „Sozialarbeiter/-pädagoge B.A.“ und nach Abschluss eines Masterstudiengangs „Sozialarbeiter/-pädagoge M.A.“. Einige Hochschulen vergeben in Weiterbildungsmasterstudiengängen auch den Titel Master of Social Work. Alle bisherigen Diplomstudiengänge sind auf den Bachelor- und Masterabschluss umgestellt.

Studieninhalte[Bearbeiten]

  1. Theorien und Methoden der Sozialarbeit (im Studiengang SA) und Didaktik und Methodik der Sozialpädagogik (im Studiengang SP) oder Theorien und Methodik der Sozialen Arbeit (im Studiengang Soziale Arbeit)
  2. Erziehungswissenschaft, Pädagogik
  3. soziale Kulturarbeit (Ästhetische Bildung, Medienpädagogik, Theaterpädagogik)
  4. Psychologie, Soziologie, Sozialmedizin (jeweils in Ausschnitten)
  5. Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft
  6. Heilpädagogik (auch eigener Studiengang)
  7. Verwaltung und Organisation
  8. Sozialmanagement, Projektmanagement
  9. Theologie (an konfessionellen Fachhochschulen), Ethik
  10. interkulturelle Pädagogik
  11. Betriebliche Sozialarbeit

Klassische Berufsfelder[Bearbeiten]

Jugendhilfe
Allgemeiner Sozialer Dienst, Erziehungs- und Familienberatung, Familienarbeit, Hilfen zur Erziehung, Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistand und Betreuungshelfer, Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehung in einer Tagesgruppe, Vollzeitpflege, Heimerziehung und betreutes Wohnen, intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung, Kinder- und Jugendarbeit, Frühförderung, Jugendberatung, Jugendberufshilfe, Jugendgerichtshilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie, schulbezogene Jugendsozialpädagogik, Streetworking, Vorschulerziehung.
andere Arbeitsgebiete
Schulsozialpädagogik und Schulsozialarbeit, Soziale Dienste der Justiz, Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, soziale Dienste in Werkstätten für behinderte Menschen, Drogenberatung, Arbeit mit Migranten, Arbeit mit Asylbewerbern und Flüchtlingshilfe, Betreuung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen, Gemeinwesenarbeit, Zirkuspädagogik, Erlebnispädagogik sowie Verwaltung, Forschung Fortbildung und Lehre.

Ein Hochschulabschluss in Sozialpädagogik berechtigt nach einer Phase der Berufspraxis, eine Ausbildung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut zu absolvieren.

Rückblick: Fürsorger[Bearbeiten]

Ab den 1960er Jahren wurde in Westdeutschland die damals übliche Berufsbezeichnung Fürsorger ersetzt. In der DDR existierte sie bis zum Beitritt zur BRD. Die Arbeit der Fürsorger stellte die Aufgaben des Jugendamtes (und auch des Gesundheitsamtes) dar, zu diesem Zeitpunkt insbesondere mit dem Schwerpunkt der hoheitlichen Aufgaben des „staatlichen Wächteramtes“, so wie es im GG (Grundgesetz) benannt wurde. Heute ist die Berufsbezeichnung Sozialarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Jugendamtes. Die Arbeit stützt sich auf das KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) sowie auf das BGB (Bürgerliche Gesetzbuch), darüber hinaus auf das Strafrecht und das Jugendstrafrecht. Als Tätigkeitsschwerpunkte von Sozialarbeitern im ASD seien hier nur kurz genannt: Jugendgerichtshilfe, elterliche Sorge bei Trennung und Scheidung, Hilfen (Betreuung) für Multiproblemfamilien, Schutz des Kindeswohles und Eingreifen bei Gefährdungen des Kindeswohls (Herausnahme) sowie das Anfertigen gutachterliche Stellungnahmen für das Familiengericht und das Begleiten familiengerichtlicher Verfahren. Das Ausüben dieser Tätigkeit setzt eine schnelle Auffassungsgabe, sichere Rechtskenntnisse, Krisenfestigkeit, hohe psychische Belastbarkeit sowie eine gute Delegierungsfähigkeit voraus. Denn Sozialarbeiter im ASD müssen Situationen schnell erkennen, einordnen (auch rechtlich) und begreifen können sowie Hilfen anregen können, die höchstens in der Anfangsphase noch koordinierend begleitet werden, dann aber durch das eingesetzte Hilfesystem ausgeführt werden, wobei die (auch strafrechtliche) Verantwortung für die Maßnahmen hierbei vollständig beim Sozialarbeiter des ASD liegt. Er muss kontrollieren und ggf. neu handeln. Darüber hinaus ist eine gute Kooperationsfähigkeit mit den unterschiedlichsten Fachdisziplinen (eigene Berufsgruppe, Polizei, Gericht, Ärzte, Psychologen, Psychiater, Rechtsanwälte etc.) erforderlich. Vom Typ her darf ein ASD-Sozialarbeiter nicht ängstlich oder unklar sein. Ohne einen gefestigten Charakter ist eine solche Arbeit nicht möglich, denn in der Regel ist er allein in sozial randständigen Gebieten und mit entsprechenden Familien tätig.

Österreich[Bearbeiten]

Sozialarbeit und Sozialpädagogik waren bis 2007 in der Ausbildung getrennt. Seither umfasst die Ausbildung der Sozialen Arbeit sowohl den Bereich Sozialarbeit als auch Sozialpädagogik (mögliche Ausbildungsstätte: FH Wien Campus). Im Lauf der Geschichte haben beide Berufsgruppen gewisse Bereiche für sich beansprucht und so können i. d. R. beispielsweise Sozialpädagogen nicht am Jugendamt tätig werden und Sozialarbeiter nicht in der „stationären Jugendwohlfahrt“. Praktisch gibt es eine starke Überlappung in den Handlungsfeldern. Die Ausbildungen für Sozialarbeit sind als Studiengänge an Fachhochschulen organisiert, so etwa an der Fachhochschule Salzburg. Die Ausbildung schließt mit Mag (FH), und nach der Umstellung im Zuge des Bologna-Prozesses mit Bachelor oder Master ab. Die Ausbildung für Sozialpädagogik ist als fünfjährige sekundäre Ausbildung und als postsekundäre Ausbildung in Form von Kollegs (2;Jahre oder berufsbegleitend meist 3 Jahre) organisiert. Standorte sind Baden, St. Pölten, Stams, Linz, Graz und Wien. In Wien wird an einem Kolleg für Sozialpädagogik für Berufstätige die starke Überlappung der Handlungsfelder zwischen Sozialpädagogik und Sozialarbeit dezidiert berücksichtigt (die bildungsakademie). In Graz wird ein eigener Magisterstudiengang an der Karl-Franzens-Universität angeboten.

Anders als in Deutschland wird in Österreich „Sozialpädagogik“ in Form des „sozialen Lernens“ auch an Schulen und für jede Altersstufe ausgeübt. Österreichs Schulsystem unterscheidet sich stark vom deutschen; die Anwendung erfolgt meist unter Einbeziehung des sogenannten autonomen und offenen Lernens.

Literatur[Bearbeiten]

  • L. Böhnisch: Pädagogische Soziologie. Eine Einführung. 2., überarb. und erw. Aufl. Juventa, Weinheim München 2003, ISBN 978-3779903536.
  • Andreas Cieslik-Eichert, Claus Jacke: Kreatives Handeln in Fachschulen für Sozialpädagogik. Bildungsverlag E1NS, 2. Auflage (Oktober 2005), ISBN 3-8237-3466-0.
  • K. A. Geißler, M. Hege: Konzepte sozialpädagogischen Handelns. Ein Leitfaden für soziale Berufe. 11. Aufl. Juventa, Weinheim, München 2007, ISBN 978-3407558565.
  • A. Heimgartner, K. Lauermann (Hrsg.): Kultur in der Sozialen Arbeit. Hermagoras, Klagenfurt Ljubljana Wien 2006, ISBN 978-3708602622.
  • Paul Kaller (Hrsg.): Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht. UTB, 2001, ISBN 978-3494022550.
  • C. Niemeyer: Klassiker der Sozialpädagogik. Einführung in die Theoriegeschichte einer Wissenschaft. 3., überarb. Aufl. Juventa, Weinheim München 2010, ISBN 978-3779903581.
  • W. Noack: Sozialpädagogik. Ein Lehrbuch. Freiburg im Breisgau 2001, ISBN 978-3784113357.
  • Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im Sozialen Wandel. 9. Aufl. Juventa, Weinheim München 2014, ISBN 978-3779912989.
  • Katrin Zimmermann-Kogel, Norbert Kühne: Praxisbuch Sozialpädagogik – Arbeitsmaterialien und Methoden. Band 1 u. 2, Bildungsverlag EINS, Troisdorf 2006, ISBN 3-427-75409-X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Mollenhauer: Die Ursprünge der Sozialpädagogik in der industriellen Gesellschaft. Diss. Göttingen 1958, Seite 159.
  2. Elke Ostbomk-Fischer. Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.
  3. Historische und Gegenwärtige Entwicklungen in der Sozialpädagogik. Frauen handeln - Männer schreiben ihre Geschichte.