Special Operations Executive

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Die Special Operations Executive (Sondereinsatztruppe) war eine britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit während des Zweiten Weltkriegs. Sie wurde Mitte Juli 1940 auf Anordnung von Premierminister Winston Churchill zur subversiven Kriegsführung ohne direktes militärisches Engagement gegründet. Offiziell wurde sie dem Minister für wirtschaftliche Kriegsführung (Minister of Economic Warfare) Hugh Dalton unterstellt.

Die SOE entstand aus der Zusammenlegung von drei verschiedenen bereits bestehenden und geheim operierenden Abteilungen anderer Ministerien: aus dem Department EH des Foreign Office (Außenministerium), der Abteilung MI R des War Office (Kriegsministerium) und der Sektion D des MI6. Die Aufgaben der Spezialeinheit SOE bestanden in Sabotageaktionen hinter den feindlichen Linien sowie in der Unterstützung und Versorgung von lokalen Widerstandsgruppen in den von den Deutschen besetzten Ländern. Die SOE wurde auch als The Baker Street Irregulars bezeichnet, in Anspielung auf den Sitz des Hauptquartiers in der Londoner Baker Street 64 und die erfundene Gruppe von Spionen in Sherlock-Holmes-Romanen. Churchill selbst beauftragte die SOE, Europa in Brand zu stecken, im Verlauf des Krieges fanden jedoch weltweit Einsätze statt - teils mit, teils ohne Erfolg. Einsatzschwerpunkte, gemessen an der Zahl der beteiligten SOE-Agenten, bildeten Frankreich und Jugoslawien, aber auch Norwegen (1943 Anschlag auf die Schwerwasserfabrik in Rjukan), Tschechoslowakei (Attentat auf Heydrich 1942), Polen, Südosteuropa, Burma, Malaysia und China. Spektakulär scheiterte die SOE 1942 in den Niederlanden, nachdem sich der deutsche militärische Nachrichtendienst, das "Amt Ausland/Abwehr", im sogenannten Englandspiel unerkannt in den SOE-Funkverkehr eingeschaltet hatte. Noch viele Jahre nach dem Krieg und der Auflösung der Einheit blieb die Existenz der SOE der Öffentlichkeit verborgen (ähnlich wie die Aktion Ultra, die Unternehmungen der Codebreaker von Bletchley Park).

Organisation[Bearbeiten]

Formell nur dem Minister für wirtschaftliche Kriegsführung unterstellt, war die SOE dem gesamten Kriegskabinett gegenüber verantwortlich. Zunächst wurde die Spezialeinheit von Frank Nelson, im Zivilleben ein Unternehmer, geleitet, ihm folgten im Februar 1942 der Bankier Charles Hambro und ab September 1943 Colonel Colin Gubbins. Je nach Einsatzgebiet gab es unterschiedliche Sektionen für die Planung und Durchführung der Operationen. Allein für Aktionen in Frankreich entstanden im Kriegsverlauf mehrere Sektionen, vor allem die F-Sektion unter britischem Kommando, die RF-Sektion unter dem Kommando von General Charles de Gaulles Freiem Frankreich (France libre) sowie die EU/P-Sektion der polnischen Emigranten. Hinzu kam die DF-Sektion, die für die Fluchtrouten abgeschossener oder aus der Haft entkommener alliierter Soldaten zuständig war. Chef der Sektion F war Maurice Buckmaster. Seine Assistentin Vera Atkins war so sehr die Seele der SOE, dass einige vermuteten, sie leite selbst die Organisation.

Rekrutierung und Ausbildung[Bearbeiten]

Die Rekrutierung potentieller SOE-Agenten verlief nicht nur unsystematisch - Angehörige des Außen-, des Kriegsministeriums, der Streitkräfte und des Nachrichtendienstes MI 6 wurden aufgefordert, sich diskret in ihrem Freundeskreis nach geeigneten Personen umzusehen -, sondern auch gegen die eiserne Regel der traditionellen Nachrichtendienste MI 5 und MI 6, ausschließlich britische Staatsbürger anzuwerben. Denn Voraussetzung für eine SOE-Mitarbeit war die perfekte Kenntnis der Sprache des Einsatzlandes, so dass auch auf Ausländer zurückgegriffen werden musste. Angeworben wurden insgesamt etwa 6000 Personen, und nur knapp 500 besaßen die britische Staatsangehörigkeit.

Die zukünftigen SOE-Agenten mussten ein dreistufiges Training durchlaufen: Die Grundausbildung in der SOE-Trainingszentrale in Wanborough Manor, Guildford. bestand aus Fitnesstraining, Schulung an Handfeuerwaffen und Kartenlesen. Kampftechnik lernten sie im Norden Schottlands: Umgang mit Zeitzündern, Plastiksprengstoff und Brandbomben, den gezielten Einsatz von Feuerwaffen in- und ausländischer Produktion sowie Methoden des lautlosen Tötens. Jeder Kandidat musste außerdem mindestens fünf Fallschirmsprünge absolvieren, zuerst aus einem Ballon, dann aus einem Flugzeug. Die dritte Ausbildungsphase bestand darin, das unauffällige Untertauchen in einem besetzten Land vorzubereiten. Für jeden wurde eine neue Identität erfunden, mit fiktivem Lebenslauf und gefälschten Papieren, die auswendig gelernt und so verinnerlicht werden musste, dass sie im Einsatz gelebt werden konnte. Zusätzlich wurde gelehrt, wie man Verfolger abschüttelte und dass im Fall der Festnahme durch die Gestapo psychische und körperliche Folter mindestens 48 Stunden ertragen werden sollte, um den Kollegen, die sich noch in Freiheit befanden, die Flucht zu ermöglichen.

Der SOE gehörten auch Frauen an, allein die F-Sektion schickte 39 weibliche Agenten ins Feld, von denen 13 von der Gestapo festgenommen und ermordet wurden (Yolande Beekman, Denise Bloch, Andrée Borrel, Madeleine Damerment, Noor Inayat Khan, Cecily Lefort, Vera Leigh, Sonia Olschanezky, Eliane Plewman, Lilian Rolfe, Diana Rowden, Yvonne Rudellat und Violette Szabo). In Valençay im Département Indre erinnert seit dem 6. Mai 1991 ein Mahnmal an den 50. Jahrestag der Fallschirmlandung des ersten Agenten der F-Sektion in Frankreich. Georges Bégué (1911-1993) nahm nach seiner Ankunft schnell Funkverbindung mit London auf und begleitete anschließend die Landung weiterer Agenten. Zwischen Bégués erstem Absprung und der Befreiung von Paris im August 1944 wurden mehr als 400 Agenten der F-Sektion in das von Nazi-Deutschland besetzte Frankreich entsandt. Sie waren in verschiedenen Funktionen, zum Beispiel als Instrukteure für Waffen und Sabotage, Kuriere, Organisatoren, Verbindungsoffiziere und Funker, aktiv. Die Ehrenrolle des Mahnmals in Valençay listet die Namen von 91 Männern und jener 13 Frauen auf, die als SOE-Mitglieder ihr Leben verloren.

Ausrüstung[Bearbeiten]

Die SOE nutzte neben konventioneller Ausrüstung und Waffen eine Vielzahl eigens für den Sondereinsatz hergestelltes Material. In The Firs, einem Herrenhaus in Whitchurch, nördlich von Aylesbury, und in The Frythe, einem ehemaligen Hotel in Welwyn Garden City, das die Bezeichnung Station IX erhielt, waren kreative Wissenschaftler mit der Erfindung neuartiger Geräte beschäftigt, darunter handliche Funkgeräte und Explosivgeschosse mit Zeitzünder, wie time pencil, klein wie ein Schreibstift, und L delay, das auch bei extremer Kälte funktionsfähig blieb. Die Ingenieure in Station IX entwickelten außerdem geräuscharme Handfeuerwaffen wie Welrod und Welpen sowie das für Fallschirmspringer nutzbare, faltbare Miniaturmotorrad Welbike und die Miniaturtauchfahrzeuge Welman und Sleeping Beauty. Ihre Fantasie ging sogar so weit, Tretminen zu konstruieren, die wie Pferdemist oder tote Ratten aussahen, die in der Kriegspraxis allerdings nicht verwendet wurden. In dem Londoner Stadthaus Queens Gate 56 waren die Schneider untergebracht. Sie fertigten anhand von Originalkleidung, die Flüchtlinge vom Kontinent mitgebracht hatten, Anzüge, Kleider, Hemden, Unter- und Nachtwäsche für die Auslandseinsätze der SOE-Agenten, damit diese sich im feindlichen Ausland nicht von den Einheimischen unterschieden. Offiziell aufgelöst wurde die SOE 1946, die gewonnenen Erfahrungen und Techniken wurden vom Secret Intelligence Service (SIS), besser als MI6 bekannt, übernommen.

Literatur[Bearbeiten]

  • M. R. D. Foot: SOE. The Special Operations Executive 1940-1946, London 1984
  • William Mackenzie: The Secret History of SOE: Special Operations Executive 1940–1945. BPR Publications 2000, ISBN 0-9536151-8-9
  • David Stafford: Secret Agent. The True Story of the Special Operations Executive. BBC Worldwide 2000, ISBN 0-563-53734-5
  • David Stafford: Churchill & Secret Service, Abacus, London 1997, 2013 ISBN 978-1-909609-13-6.
  • Monika Siedentopf: Absprung über Feindesland. Agentinnen im Zweiten Weltkrieg. dtv, München 2006 ISBN 3-423-24582-4.
  • Leo Marks: Between Silk and Cyanide: A Codemaker's War 1941-1945, 2000
  • Marcus Binney: The Women who lived for Danger: The Agents of the Special Operations Executive, 2003, ISBN 978-0-06-054087-6,
  • Sarah Helm: A Life in Secrets: Vera Atkins and the lost Agents of SOE, 2006
  • Patrick Martin-Smith & Peter Pirker: Widerstand vom Himmel. Österreicheinsätze des britischen Geheimdienstes SOE 1944. Czernin Verlag, Wien 2004 ISBN 3-7076-0182-X. [1]
  • Elisabeth Lebensaft & Christoph Mentschl: „Are you prepared to do a dangerous job?“ Auf den Spuren österreichischer und deutscher Exilanten im britischen Geheimdienst SOE. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2010 ISBN 3-7001-6964-7

Filme[Bearbeiten]

  • La Bataille de l'eau lourde/Kampen om tungtvannet (deutsch Die Schlacht um das Schwere Wasser), 1948 - französisch-norwegischer Schwarz-Weiß-Dokumentarfilm über eine SOE-Operation, die 1943 das Norsk Hydro-Werk für Schweres Wasser in Rjukan (Norwegen) sabotieren sollte.
  • „Odette“, 1950, mit Anna Neagle und Trevor Howard - nach der Romanvorlage Odette: The Story of a British Agent von Jerrard Tickell, 1947.
  • „Night Ambush“, 1957, mit Dirk Bogarde und Marius Goring - nach der Romanvorlage Ill met by moonlight: The Abduction of General Kreipe von William Stanley Moss, 1950.
  • The Heroes of Telemark (dt.Kennwort „Schweres Wasser“), 1965, mit Kirk Douglas und Richard Harris über die SOE-Operation in Rjukan (Norwegen) - nach der Romanvorlage Skis against the Atom, von Knut Haukelid, 1954 (späterer Titel Attack on Telemark).
  • Carve her Name with Pride: Violette Szabo, 1958, mit Paul Schofield und Virginia McKenna; nach der Romanvorlage gleichen Titels von R. J. Minney, 1956.
  • Codename: The White Mouse, 1987, - nach der Romanvorlage Nancy Wake - The Autobiography of the Woman the Gestapo called the White Mouse, von Nancy Wake, 1985.
  • Female Agents – Geheimkommando Phoenix von Jean-Paul Salomé, 2008, - eine sehr fiktive filmische Umsetzung der Erlebnisse der SOE-Agentin Lise Villameur/Lise de Baissac.

Romane[Bearbeiten]

Die Romane Die Marionette von Larry Collins (1985), Nacht der Füchse von Jack Higgins (1986) und Die Leopardin von Ken Follett (2001) beschäftigen sich mit dem Thema SOE.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Special Operations Executive – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Dargestellt werden insbesondere SOE Aktionen, die aus der Carnia in Friaul in Richtung Kärnten (Österreich) gerichtet waren