Speenhamland-Gesetzgebung

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Die Speenhamland-Gesetzgebung bezeichnet 1795 in mehreren englischen Countys nach einem gemeinsamen Vorbild beschlossene Sozialgesetze.

Inhalt der Gesetzgebung[Bearbeiten]

Mit diesen Gesetzen sollte das Problem der Armut der Landbevölkerung institutionell gelöst werden. Einen Arbeitsmarkt in unserem modernen Sinn gab es nicht, da die vorhergehenden Gesetze immer die Tarife festsetzten und gleichzeitig die Arbeiter in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkten. Die Arbeiter sollten dort arbeiten, wo sie wohnten, Vagabundentum wurde strikt verfolgt. Zugleich bekamen die Landarbeiter niedrige Löhne, mit denen sie ihre Familien nicht ernähren konnten. Um das Einkommen zu sichern und zugleich der Entstehung von Arbeitslosigkeit vorzubeugen, setzten diese Gesetze ein Existenzminimum fest, das sich am Brotpreis orientierte. Dies sollte durch Zuschlagzahlungen auf den Lohn aus der öffentlichen Hand erreicht werden.[1]

Folgen[Bearbeiten]

Die Kommunen subventionierten indirekt die Grundbesitzer mit der Folge, dass die Löhne noch weiter sanken. Zugleich hatten die Landarbeiter kein Interesse an Lohnsteigerungen, da ihr Lohn sich meist unter dem definierten Existenzminimum befand. Nach wenigen Jahren führte das zu einer Abnahme der Produktivität, was den Druck auf die Löhne noch weiter erhöhte.[2] Bis 1834 führte diese Praxis in Zusammenpiel mit dem Combination Act (Verbot von Gewerkschaften) weite Teile der Landbevölkerung in die Abhängigkeit.

Karl Polanyi merkt jedoch auch an, dass die Gesetzgebung sich großer Beliebtheit erfreute: Die Eltern verbrachten mehr Zeit mit ihren Kindern, keiner musste Hunger fürchten, Kinder waren unabhängiger von ihren Eltern und die Arbeitgeber frei in ihrer Lohnpolitik. Er bezeichnet das System als die soziale Innovation des "Rechts auf Leben".[3]

Die Ursache des Scheiterns war zur damaligen Zeit unklar. Für die Armut wurden zunächst unterschiedliche Ursachen verantwortlich gemacht, bis hin zum aufkommenden Teekonsum. Die Verelendung der arbeitenden Bevölkerung trotz des Kombilohnmodells, das durch das Speenhamland-System etabliert war, bedurfte einer plausiblen Erklärung. So merkt Karl Polanyi in Great Transformation an, dass Thomas Robert Malthus, Edmund Burke und Jeremy Bentham das Fallen der Löhne zur Zeit des Gesetzes nicht mit der kommunalen Subvention, sondern als Beweis für das damals in diesen Kreisen gebräuchliche „iron law of wages“, dem Existenzminimumsgesetz, ansahen. Verknüpft mit mechanistischen und biologischen Analogien, wuchs dieses Konzept bei Thomas Malthus zu „einem göttlichen Gesetz, das den Menschen vor Faulheit schützt“ an.

Das Scheitern von Speenhamland führte zu einer radikalen Abkehr von der bisherigen Unterstützung der Armen; Arbeit wurde auf Märkten handelbar – nur die Suche nach dem individuellen Vorteil (Homo oeconomicus) blieb als utopische Lösung übrig. Der Schock über die Pauperisierung zwischen 1795 und 1834 wurde zum Anlass genommen, das Marktprinzip auf Basis moralisierend-naturgesetzlicher Vorstellungen zu überhöhen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Yannick Vanderborght & Philippe van Parijs: Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2005, ISBN 3-593-37889-2, S. 16 f.
  • Karl Polanyi: The Great Transformation. 1944
    • The great transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Suhrkamp, Frankfurt 1978, ISBN 3-518-07860-7
  • Rainer Hank: In den Teufelsmühlen. Eine Bilanz des Sozialstaats. In: Merkur. Nr. 736/737, September/Oktober 2010

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Polanyi, The Great Transformation, S. 78
  2. ebenda, S. 79
  3. ebenda, S. 79