Speierling

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Dieser Artikel beschreibt den Baum Speierling. Speierling ist außerdem der deutsche Name von Skviřín in Tschechien.
Speierling
Speierling (Sorbus domestica)

Speierling (Sorbus domestica)

Systematik
Familie: Rosengewächse (Rosaceae)
Unterfamilie: Spiraeoideae
Tribus: Pyreae
Untertribus: Kernobstgewächse (Pyrinae)
Gattung: Mehlbeeren (Sorbus)
Art: Speierling
Wissenschaftlicher Name
Sorbus domestica
L.
Blätter und Früchte
Speierling-Darstellung von Jacob Sturm in Deutschlands Flora in Abbildungen (1796) von Johann Georg Sturm.

Der Speierling (Sorbus domestica L.) – regional auch Spierling,[1] Sperberbaum, Sperbelbaum, Sporapfel, Spierapfel, Spreigel genannt – ist ein Wildobstbaum aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Als Wildgehölz ist der Speierling eine der seltensten Baumarten in Deutschland und wurde hier wegen seines rückläufigen Bestandes 1993 zum Baum des Jahres gewählt.

In Hessen gibt es etwa 400–500 Speierlingsbäume, die 80 Jahre oder älter sind. Zum Beispiel stehen in Kronberg im Taunus 47 alte und über 100 junge Speierlinge.

In Österreich gibt es etwa 500 ausgewachsene Speierlinge, vor allem in Niederösterreich, in Wien und im Burgenland. Aufgrund seiner Seltenheit wurde er in Österreich zum Baum des Jahres 2008 gewählt.

Morphologie und Verbreitung[Bearbeiten]

Der sommergrüne Speierling wird freistehend bis etwa 20 m hoch, im Hochwald gelegentlich über 30 m, und kann als Einzelbaum Stammdurchmesser über 100 cm und ein Alter von bis zu 400 Jahren erreichen, in Mitteleuropa allerdings meist deutlich weniger.[2] Der Speierling hat eine rissige, kleinschuppige graubraune Borke und besitzt bis zu 25 cm lange gefiederte Blätter. Von der verwandten Vogelbeere ist er durch seine deutlich größeren Früchte leicht zu unterscheiden.

Aus den im Mai geöffneten Blüten entwickeln sich im September/Oktober 2–4 cm große birnen- bis apfelförmige grün-gelbliche Früchte, die sich sonnenseits oft rötlich färben und vollreif schokoladenbraun werden. Sie können nach Größe, Form und Färbung von Baum zu Baum erheblich variieren. Von Vögeln und Säugetieren aufgenommen werden ihre meist je zwei Samen verbreitet.

Der Speierling ist eine submediterrane Art und kommt in Deutschland im sommerwarmen und trockenen Eichen-Hainbuchen-Wald und Flaumeichen-Wald vor. Vor allem ist er im Südwesten zu finden, im Rhein-, Neckar-, Mosel- und Nahetal, im Taunus und in Unterfranken. Sein Hauptverbreitungsgebiet reicht von Ostspanien über Frankreich, Italien, Balkan bis zur Krim und Kleinasien und Nordwestafrika. Speierlinge vermehren sich in der Natur nur ausnahmsweise generativ durch Samen. Die vegetative Vermehrung durch Wurzelbrut überwiegt.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Speierling wurde bereits von Theophrast (4. Jh. v. Chr.), Plinius (1. Jh.) und Karl dem Großen als Obstgehölz anerkannt. Der Gattungsname Sorbus leitet sich von dem lateinischen Wort sorba für Speierling (Sorbus domestica L.) und Elsbeere (Sorbus torminalis (L.) Crantz) ab, denn Plinius hatte die Elsbeere zu einer Art von Speierling gezählt. Der Speierling wurde seit der Antike als Nahrungsmittel geschätzt. Die Römer sorgten für eine zusätzliche Verbreitung nördlich der Alpen. Auch Karl der Große ließ »sorbarios« (Capitulare de villis vel curtis imperii) anbauen, womit wohl Speierlinge gemeint waren.[3]

Nutzung[Bearbeiten]

Sowohl des festen schweren Holzes wie auch seiner essbaren, recht gerbstoffhaltigen Früchte wegen war der Speierling im Mittelalter ein wichtiges Kulturgehölz. Heutzutage wird er nur in wenigen Regionen noch oder wieder in Kultur genommen, vorwiegend zum Fruchtgewinn.

Der ausgesprochen tanninreiche Saft noch nicht vollreifer Früchte wird mancherorts bei der Herstellung von Apfelwein in geringen Mengen (1 bis 3 %) zugesetzt. Der so gewonnene klare, haltbare und herbe Apfelwein wird auch verkürzt Speierling genannt und gilt als Spezialität im Frankfurter Raum. Dieser Speierling-Apfelwein ist nicht allzu häufig und seiner aufwändig vom Baum zu erntenden Zutat halber meist etwas teurer als der Standard.

In der Volksmedizin spielten die Früchte wegen ihres Gerbstoffgehalts eine Rolle als adstringierendes Hausmittel bei Magen- und Darmbeschwerden wie Durchfall bzw. Ruhr. Heute werden sie zu Mus und Marmeladen verarbeitet oder vergoren und gebrannt. Der Fruchtertrag ist nicht gering: So trägt der mit einem Stammdurchmesser von anderthalb Metern größte existierende Speierling in Österreich jährlich rund 500 Kilogramm. Die kleinen Früchte machen die Ernte recht mühsam.

Der Speierling hat ein sandfarben bis rötliches dem der Elsbeere sehr ähnliches Splintholz und ein oft bräunlich abgesetztes, hartes und zähes Kernholz, mit einem Trockengewicht von 0,88 g/cm³ (Darrdichte) das schwerste europäischer Laubhölzer.[4] Es wird im Werkzeug- wie im Musikinstrumentenbau (Dudelsäcke) geschätzt, zum Schnitzen und Drechseln verwendet, sowie als wertvolles Möbel- und Furnierholz („Schweizer Birnbaum“) gehandelt.[5]

Seit mehr als 100 Jahren ist ein starker Rückgang des Speierlings in Europa festzustellen. Der Speierling ist einzeln oder in kleinen Gruppen eine Baumart jener Laubwaldgesellschaften, die bis vor hundert Jahren noch im so genannten Mittelwaldbetrieb bewirtschaftet wurden. Mit dem forstwirtschaftlich forcierten Hochwald unterlag der Speierling im Konkurrenzdruck den durchwachsenden höherwüchsigen Nachbarbäumen. Von den Schädlingen stellt der Schorfpilz die größte Gefahr für den Speierling dar. Der Schorf befällt vor allem die Früchte, Jungpflanzen und Triebe. Zusätzlich setzt der Rindenkrebs dem Speierling zu. Oft wird er als anfällig auf Feuerbrand beschrieben, bisher ist aber im gesamten Verbreitungsgebiet kein einziger Befall bekannt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. spierling, m.. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  2. Markus Müller:Seltene Baumarten aus Sicht der ökologischen Genetik am Beispiel von Elsbeere und Speierling. GRIN-Verlag, 2008, ISBN 978-3-6389-5283-5, S.3.
  3. Dericks-Tan und Vollbrecht: "Auf den Spuren der Wildfrüchte in Europa", ISBN 978-3-00-021129-4, Abadi-Verlag 2009, S. 260-262.
  4. Wedig Kausch-Blecken von Schmeling: Der Speierling. Kausch, Bovenden 2000, S.117ff.
  5. Schutzgemeinschaft Deutscher Wald: Der Speierling. PDF; 3,3 MB.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wedig Kausch-Blecken von Schmeling: Der Speierling. 2. Auflage. Verlag Kausch, Bovenden 2000 (PDF; 20,2 MB)
  • Albrecht Franke, Ulrike Ludwig: Vorkommen des Speierlings (Sorbus domestica L.) in Baden-Württemberg. Erfassung, Bewertung, Erhaltung. Mitteilungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Heft 180. Abteilung Botanik und Standortskunde, Nr. 3. Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden Württemberg, Freiburg im Breisgau 1994, 212 S.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Speierling (Sorbus domestica) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Speierling – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen