Sperrzone von Tschernobyl

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Eingang zur Sperrzone von Tschernobyl
Karte der Strahlungsverteilung 1996. Die Sperrzone ist das rote Gebiet.

Bei der Sperrzone von Tschernobyl (ukrainisch Зона відчуження Чорнобильської АЕС, russisch Зона отчуждения Чернобыльской АЭС; wörtlich „Zone der Entfremdung des Tschernobyler Kernkraftwerks“) handelt es sich um ein Sperrgebiet, welches im Jahre 1986 mit einem Radius von 30 km um den havarierten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der heutigen Ukraine errichtet wurde.

Die Sperrzone wurde errichtet, um die Bewohner in den angrenzenden Gebieten besonders vor dem radioaktiven Fallout zu schützen. Damit einher ging die Evakuierung der Städte Prypjat und Tschernobyl sowie Kopatschi und weiterer Dörfer, die sich innerhalb dieses Gebietes befanden.

Der Zugang zu diesem Sperrgebiet wird von der ukrainischen Miliz kontrolliert und ist nur mit Genehmigung gestattet.

Errichtung des Sperrgebiets[Bearbeiten]

Nachdem die ersten der 44.000 Einwohner Prypjats 37 Stunden nach dem Unfall evakuiert worden waren, entschied man am 2. Mai 1986, ein Gebiet mit einem Radius von circa 30 km um den Reaktor zu evakuieren, basierend auf Dosisleistungsmessungen. Die Evakuierung wurde am 6. Mai abgeschlossen. Zunächst wurden etwa 116.000 Menschen aus einem Gebiet von etwa 3500 km² gebracht. In den Folgejahren stieg diese Zahl auf circa 350.000 Menschen an.[1]

Seit dem Ende der Sowjetunion stehen die vom radioaktiven Fallout betroffenen Gebiete Homelskaja Woblasz in Weißrussland sowie die Oblast Brjansk in Russland, die zum damaligen Zeitpunkt mit zum errichteten Sperrgebiet zählten, unter eigener Verwaltung.[1]

Freigesetzte Radionuklide[Bearbeiten]

Von 190,3 t radioaktivem Material, welches sich im Reaktorkern befand, wurden in den ersten zehn Tagen vom 26. April bis 5. Mai 1986 6,7 t in die Umwelt freigesetzt. Unter anderem wurden die folgenden radiotoxisch besonders relevanten Nuklide freigesetzt:[1]

Strahlenexposition in Folge des Reaktorunfalls[Bearbeiten]

In Folge des Reaktorunfalls kam es zu drei voneinander verschiedenen Phasen, in denen unterschiedliche Strahlenexpositionen aufgetreten sind.[3]

Phase I ist durch die ersten 20 Tage nach dem Unfall gekennzeichnet, in denen es durch kurzlebige Radionuklide (Molybdän-99, Tellur-132/Iod-132, Xenon-133, Iod-131, Barium-140/Lanthan-140) zu akuten Strahlenschäden gekommen ist. Die meisten dieser Nuklide wurden auf Pflanzen und dem Boden abgelagert und führten dort zu Dosisleistungen von bis zu 20 Gy/d in den ersten Tagen nach dem Unfall. Freigesetzte Radioiodnuklide führten zu Schilddrüsenschädigungen bei vielen Wirbeltieren.

Phase II bezeichnet die Zeit von Sommer bis Herbst 1986, in der viele der kurzlebigen Radionuklide zerfielen und langlebige Radionuklide auf biologischem, chemischem oder physikalischem Weg in der Umwelt abgelagert, umgewandelt und transportiert wurden. Die Gesamtdosisleistung der bei dem Unfall freigesetzten radioaktiven Stoffe sank in dieser Zeit auf ein Zehntel des Ausgangswertes. Ca. 80 % der Strahlungsdosis, die sich in Pflanzen und Tieren angereichert hat, wurden innerhalb der ersten drei Monate nach dem Unfall aufgenommen. 95 % davon resultierten aus Betastrahlung.

Phase III ist die noch anhaltende Phase, in der die Strahlenexposition noch 1 % des Anfangswertes entspricht und die maßgeblich durch die Caesium-137-Kontamination hervorgerufen wird. Die Ausbreitung von Pflanzen sowie das Einwandern neuer Tiere in das Sperrgebiet sorgt hierbei für eine stark unterschiedliche Bioakkumulation der verbliebenen Radionuklide.

Checkpoint „Dytjatki“
in die 30-km-Zone
Checkpoint „Leliw“ in die 10-km-Zone

Leben in der Zone[Bearbeiten]

Rückkehrer[Bearbeiten]

Im Sperrgebiet von Tschernobyl leben derzeit 197 Samosjoli (russisch: самосёлы, ukrainisch: самосели — „Umsiedler”) (Stand: 2012).[4] Bei den Rückkehrern handelt es sich zumeist um ältere Menschen, die nach der Evakuierung illegal in ihre ehemalige Heimat zurückgekehrt sind. Heute werden sie von staatlicher Seite geduldet.

Flora und Fauna[Bearbeiten]

Der Einfluss der radioaktiven Kontamination auf Flora und Fauna ist unter Wissenschaftlern umstritten. Untersuchungen insbesondere an Vögeln zeigen Albinismus und kleinere Gehirngrößen, wohingegen der Bestand an Säugetieren, die direkt auf dem Boden des Sperrgebietes leben, zunimmt.[5]

Pflanzen[Bearbeiten]

Da sich der Unfall im späten April ereignete, machte sich die schädigende Wirkung des radioaktiven Fallouts in einer Periode verstärkten Wachstums bemerkbar. Innerhalb des Sperrgebietes wurden Aktivitäten von 0.7–3.9 GBq/m² gemessen. Dies führte unter anderem zu kurzfristiger Sterilität, Wachstums- und Entwicklungsstörungen. Blattnekrosen, verwitterte Blattspitzen, Störung der Photosynthese sowie Gendefekte wurden beobachtet. 40 % des Winterweizens waren betroffen. Abnormalitäten waren noch einige Jahre später erkennbar. Die starken Dosisraten von über 20 Gy/d machten sich besonders an den radiosensitiven Koniferen bemerkbar. Bei einem Nadelwald, der in 1,5 km Entfernung westlich des Reaktors stand, machten sich die Strahlenschäden in Gelbfärbung der Nadeln bemerkbar, die daraufhin abfielen. Die übrig gebliebenen nadellosen Baumstämme gaben dem Wald den Namen „Roter Wald“. Mittlerweile wurde dieser Wald eingeebnet.[3]

Tiere[Bearbeiten]

Der Zeitpunkt des Unfalls fiel auch bei den Tieren mit einer Zeit erhöhter Aktivität – Reproduktion und Mauser – zusammen. Innerhalb der 3–7-km-Zone um den Reaktor wurde der Bestand an Wirbellosen um den Faktor 30 reduziert. Dosisleistungen von 3 Gy resultierten in früher Sterblichkeit der Nachkommen sowie Fortpflanzungsproblemen. Innerhalb eines Jahres migrierten jedoch andere Wirbellose aus weniger kontaminierten Gebieten in das Sperrgebiet ein, so dass nach zweieinhalb Jahren kein Unterschied in den Populationen zu Kontrollgruppen mehr feststellbar war, wenngleich die Artenvielfalt deutlich reduziert blieb. Die vollständige Erholung der Artenvielfalt an Wirbellosen konnte erst 1995 wieder festgestellt werden.[3] Derzeitige Schätzungen der Behörden gehen von einem Bestand von circa 7000 Wildschweinen, 150 Wölfen, 3000 Rehen, 1500 Bibern, 1200 Füchsen, 15 Luchsen, mehreren tausend Elchen und 280 Vogelarten aus, von denen viele selten beziehungsweise gefährdet sind.[6]

Tourismus[Bearbeiten]

In jüngerer Zeit macht sich verstärkt Tagestourismus in geführten Kleingruppen, ausgehend von der Hauptstadt Kiew bemerkbar. Die Regierung der Ukraine hat angekündigt, die Zahl der Touristen von jährlich 60.000 auf eine Million erhöhen zu wollen.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Jim T. Smith, Nicholas A. Beresford: Chernobyl - Catastrophe and Consequences. Praxis Publishing Ltd., Chichester 2005.
  2. Washington State Departement of Health, Fact Sheet No. 23, November 2002; abgerufen am 14. April 2013; http://web.archive.org/web/20101111125906/http://www.doh.wa.gov/ehp/rp/factsheets/factsheets-pdf/fs23am241.pdf
  3. a b c International Atomic Energy Agency, Radiological Assessment Report Series Environmental Consequences of the Chernobyl Accident and their Remediation: Twenty Years of Experience, Vienna 2006. http://www-pub.iaea.org/mtcd/publications/pdf/pub1239_web.pdf
  4. URA-Inform (28 August 2012). http://ura-inform.com/ru/society/2012/08/28/chernobylskuju-zonu-zakhvatyvajut-samosely
  5. Geographical (April 2011). http://www.geographical.co.uk/Magazine/Chernobyl_-_Apr_11.html
  6. Andrew Osborne, Independent (5. April 2006). http://www.independent.co.uk/news/world/europe/20-years-after-meltdown-life-returns-to-chernobyl-472842.html
  7. Benjamin Bidder, Spiegel Online (abgerufen 26. Mai 2013). http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tourismus-in-tschernobyl-mit-leinenschuehchen-in-die-todeszone-a-757935.html

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sperrzone von Tschernobyl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

51.38958630.09905Koordinaten: 51° 23′ 23″ N, 30° 5′ 57″ O