Wendetunnel

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Kreiskehrtunnel der Albulabahn in der Schweiz.
Fünf Kehrtunnel für den Autoverkehr am Passo San Boldo in Italien.

Ein Wendetunnel ist ein Tunnel, der dem von ihm durchfahrenen Verkehrsmittel - einem Zug oder einem Auto - eine wesentlich andere Richtung gibt. Wendetunnel mit einem Drehwinkel von bis zu 270° werden als Kehrtunnel bezeichnet, während Tunnel mit größeren Winkeln oder sogar mehrfachen 360°-Drehungen als Spiraltunnel oder Kreiskehrtunnel bezeichnet werden. Es existieren auch Wendetunnel, die im Innern die Richtung wechseln und daher eine S-Form annehmen.

Die meisten Wendetunnel, insbesondere jene mit Drehwinkeln über 180°, dienen dem Höhengewinn der Fahrtrasse.

Höhengewinn[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu Tunneln, die ein vorhandenes Hindernis unterirdisch überwinden sollen, haben Wendetunnel meist eine andere Funktion: Bei der Durchquerung gebirgiger Gegenden kann für alle Verkehrsmittel, speziell aber für die Eisenbahn im schweren Güterverkehr, die Steigung zum Problem werden. Dieses kann zwar, falls genügend Platz vorhanden ist, durch die geschickte Anordnung langer Rampen umgangen werden, was zum Beispiel bei den Bahnen in den USA weit verbreitet ist. Bei besonders steiler Topografie ohne ausreichenden Platz für Rampen sind hingegen Wendetunnel eine Option, weil damit die Strecke künstlich verlängert und damit die Steigung verringert werden kann.

Verkehrsmittel[Bearbeiten]

Das Problem einer limitierten Steigung stellt sich bei der normalen Eisenbahn ohne Zahnstange (Adhäsionsbahn) in besonderem Maße, während im Straßenverkehr aufgrund der hohen Reibung zwischen Reifen und Straßenbelag hohe Steigungen möglich sind. Gleichzeitig sind die minimalen Kurvenradien einer Eisenbahn deutlich größer als jene im Straßenverkehr.

Im Straßenbau kann die Überwindung von Hindernissen oft preisgünstiger durch hohe Steigungen und enge Kurvenradien erreicht werden, zum Beispiel in Form von Spitzkehren. Daher sind Wendetunnel im Eisenbahnverkehr als Mittel zur Überwindung von Hindernissen zwar wichtiger als im Straßenbau, dennoch sind auch im Straßenbau Wendetunnel immer wieder anzutreffen.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Prinzip des Kehrtunnels gelangte erstmals 1863 beim Bau der Schwarzwaldbahn zur Anwendung. Ihre zwei Kehrtunnel besitzen einen Drehwinkel von je etwa 90°, die zusammen mit den offen geführten Strecken jeweils Drehungen von ca. 180° ergeben.

Beispiele von Wendetunneln[Bearbeiten]

Eisenbahnbau[Bearbeiten]

Spiraltunnel gibt es in Deutschland nur einen einzigen, nämlich den 1.700 m langen Großen Stockhalde-Kehrtunnel der Wutachtalbahn („Sauschwänzlebahn“).

In den Alpen finden sich Kreiskehrtunnel etwa an der Tenda-, Gotthard-, Simplon- und Albulabahn. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich besonders reich an Kreiskehrtunneln.

Auf dem Balkan verfügt die Rhodopenbahn in Bulgarien über mehrere Kehrtunnel.

Eine Übersicht bietet die internationale Liste von Eisenbahnkehrtunneln.

Straßenbau[Bearbeiten]

Ein klassischer Kreiskehrtunnel, vergleichbar mit einem Kreiskehrtunnel im Bahnbau, bildet die Galleria delle Casse in der italienischen Val Formazza, mit einem Durchmesser von 300 m und einem Drehwinkel von 390°.[1] Einen klassischen Kehrtunnel mit einem Winkel von 180° bildet der Kehrtunnel der Kraftwerksstraße vom österreichischen Kühtai zum Finstertaler Stausee.[2]

Der Spiraltunnel Drammen im Süden Norwegens besteht aus sechs übereinanderliegenden Spiralen. Der Kreisdurchmesser beträgt 100 m, die Steigung etwa 10 Promille.[3]

In Lysebotn, ebenfalls im Süden Norwegens befindet sich der 1103 m lange Wendetunnel Lysetunnelen der aus drei gekrümmten und zwei langen geraden Abschnitten zusammengesetzt ist. Der zweite Kurvenbogen der Mitte des Tunnels ist eine Haarnadelkurve. Insgesamt entsteht dadurch ein Drehwinkel von 360°.[4][5]

Der Schranbachtunnel auf der Straße vom österreichischen Kaprun zum Wasserfallboden besteht aus mehreren S-förmigen Kurven im Bergesinnern.[6]

Eine Folge von fünf 180°-Kehrtunneln findet sich am Passo San Boldo 100 km nördlich von Venedig.[7]

Der 1200 Meter lange Chuchischleiftunnel auf der Zufahrtssttrasse zum Dorf Isenfluh, rund 10 Kilometer südlich von Interlaken im Kanton Bern in der Schweiz, beschreibt im unteren Teil eine 360°-Kurve mit circa 85 Meter Radius.[8] Der schmale Tunnel ist einspurig und hat mehrere Ausweichstellen. Er ersetzt seit 1992 eine 1987 durch Hangrutsch zerstörte oberirdische Verbindung.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Galleria delle Casse bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  2. Kraftwerksstraße Finstertaler Stausee bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  3. Spiraltunnel Drammen bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  4. Lysetunnelen bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  5. Film einer Fahrt durch den Lysetunnelen bei Youtube, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  6. Schranbachtunnel bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  7. Passo San Boldo bei OpenStreetMap, aufgerufen am 9. Juni 2013.
  8. Landeskarte 1:25000.
  9. Chuchischleif-Tunnel bei OpenStreetMap, aufgerufen am 19. Januar 2014.