Sportgeschichte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sportgeschichte ist „ein wichtiger Teil einer interdisziplinären und selbstreflexiven Kulturwissenschaft, die Fragen nach historischen Wahrnehmungs- und Sinnstrukturen im Sport und damit in der Gesellschaft stellt“.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

In Deutschland werden Lehrer in der Regel für zwei Fächer ausgebildet. Damit war es zum Staatsexamen möglich, die Voraussetzung zur Promotion in zwei Fächern zu erbringen. In der Geschichtswissenschaft war es unkomplizierter als in experimentellen Fächern, extern zu promovieren. Seit der Weimarer Zeit war es für einen Direktor eines Universitätsinstituts für Leibesübungen wünschenswert (wenn nicht erforderlich) promoviert zu sein. Hierdurch waren viele in Geschichte promoviert (z. B. Bernhard Zimmermann, Wilhelm Henze, Horst Ueberhorst, Erich Beyer, in jüngerer Zeit Arnd Krüger). Hierdurch spielte die Sportgeschichte in der Sportlehrerausbildung eine wesentlich größere Rolle als heute. Heute führt sie eher ein Schattendasein hinter den mächtigeren anderen Disziplinen der Sportwissenschaft, wie Bewegungslehre, Trainingslehre und Sportmedizin.

Wie wichtig die Kenntnis und Erforschung der Geschichte für die Entwicklung des modernen Sports und der Sportwissenschaft waren, zeigen sowohl Pierre de Coubertin, als auch Carl Diem. Für Coubertin waren der Olympismus und die modernen Olympischen Spiele unmittelbar mit der Geschichtsschreibung verbunden. Auch Carl Diem suchte weit in der Vergangenheit nach Vorläufern und Vorbildern der modernen Sportwissenschaft (Platon, Aristoteles, Philostratos und andere antike Gelehrte und Philosophen).

Seit dem Barrenstreit gehören die Leibesübungen in Deutschland zu den charakterbildenden Fächern unter der Verantwortung der Philosophischen Fakultät - und nicht wie in großen Teilen Europas oder der USA zu den Gesundheitswissenschaften. Als Turngeschichte sollte das Fach auch für die Wehrfähigkeit sensibilisieren. Die Turnpioniere des 19. Jahrhunderts, die den Grundstein für die Sportwissenschaft legten, bemühten sich deshalb besonders um eine Erforschung der Leibes- und Bewegungskultur in der griechischen Antike.[2] Diem verfasste nicht zuletzt aus diesem Grund eine Weltgeschichte des Sports (1960), mit der gewissermaßen ein kulturhistorischer Beweis geliefert werden sollte, dass Bewegung, Turnen, Spiel und Sport anthropologische Konstanten darstellen und eng mit der Wehrfähigkeit verbunden waren.

Die Gesamtdarstellungen zur neueren deutschen Sportgeschichte von Edmund Neuendorff und Wolfgang Eichel sind Beispiele für ein geschlossenes und finalistisches Verständnis von Sportgeschichte. Edmund Neuendorffs vierbändige Geschichte der neueren deutschen Leibesübung entstand als Standardwerk von 1930 bis 1932. Eichels Geschichte der Körperkultur in Deutschland erschien 1965 in Ostberlin und wurde im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie geschrieben. Horst Ueberhorst, der Herausgeber des sechsbändigen Sammelwerks Geschichte der Leibesübungen, sah dagegen die Aufgabe der Sportgeschichte darin, die Vergangenheit zu erhellen, um Gegenwart besser verstehen zu können.

Gegenwartstendenzen[Bearbeiten]

Die Auffassungen über Sinn und Aufgabe der Sportgeschichte, sowie über ihre Themen und Vorgehensweisen stehen auch im Zusammenhang mit der Theoriediskussion in der Geschichtswissenschaft allgemein. Hier war die Entwicklung durch die Abkehr vom Historismus als der im 19. Jahrhundert beherrschenden historischen Wissenschaftstheorie gekennzeichnet. Die moderne Geschichtswissenschaft versteht sich nicht mehr nur als historische Geschichtsschreibung, sondern auch als historische Sozialwissenschaft, in der die Ergebnisse und Methoden anderer Wissenschaften berücksichtigt werden sollen.

Im Gegensatz zur älteren Sportgeschichte, die eine Kontinuität konstruierte, betont Pierre Bourdieu aus sportsoziologischer Sicht den Bruch des modernen Sports mit älteren Bewegungskulturen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einen Überblick über eine Vielzahl jüngerer Veröffentlichungen gibt der Forschungsbericht:

  • Olaf Stieglitz: Sportreportage: Sportgeschichte als Kultur- und Sozialgeschichte. In: H-Soz-u-Kult, 28. Mai 2009 (online).
Monografien und Aufsätze
  • John M. Carter & Arnd Krüger (Hrsg.): Ritual and record: sports records and quantification in pre-modern societies. Westport, Conn.: Greenwood, 1990. ISBN 0-313-25699-3.
  • Scott A. G. M. Crawford (Hrsg.): Serious sport. J. A. Mangan's contribution to the history of sport. Portland 2004.
  • Steven W. Pope, John R. Nauright (Hrsg.): Routledge Companion to Sports History. London 2010, ISBN 978-0-415-77339-3.[3]
  • Julius Bohus: Sportgeschichte. Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. München 1986, ISBN 3-405-13136-7.
  • Pierre Bourdieu: Historische und soziale Voraussetzungen modernen Sports. In: Gerd Hortleder, Gunter Gebauer (Hrsg.): Sport – Eros – Tod. Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-11335-6, S. 91-112.
  • Carl Diem: Olympiaden: 776 v. Chr. – 1964. eine Geschichte des Sports. Stuttgart 1964, ISBN 3-518-11335-6.
  • Allen Guttmann: Women's Sports. A History. Columbia University Press, 1992.
  • Allen Guttmann: Games and Empires. Modern Sports and Cultural Imperialism. Columbia University Press, 1996.
  • Allen Guttmann: Vom Ritual zum Rekord. Das Wesen des modernen Sports. Schorndorf 1979.
  • Roger Hutchinson: Empire Games: The British Invention of Twentieth-Century Sport. Mainstream Publishing, 1996.
  • Arnd Krüger & John McClelland (Hrsg.): Die Anfänge des Modernen Sports in der Renaissance. London: Arena Publ. 1984.ISBN: 0-902175-45-9
  • Michael Krüger: Sportgeschichte. In: Herbert Haag, Bernd G. Strauß (Hrsg.): Theoriefelder der Sportwissenschaft. Schorndorf 2003, ISBN 3-7780-7887-9, S. 241–267.
  • Lorenz Peiffer, Matthias Fink: Zum aktuellen Forschungsstand der Geschichte von Körperkultur und Sport in der DDR. Eine kommentierte Bibliografie. Köln 2003.
  • Manfred Lämmer (Hrsg.): Deutschland in der olympischen Bewegung. Eine Zwischenbilanz. Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-87064-110-X.
  • Swantje Scharenberg / Bernd Wedemeyer-Kolwe: Grenzüberschreitung: Sport neu denken. Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Arnd Krüger. Hoya 2009 (Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte ; Bd. 20) ISBN 978-3-932423-35-2.
  • Horst Ueberhorst (Hrsg.): Geschichte der Leibesübungen. Bartels und Wernitz, Berlin.
  • Rebekka von Mallinckrodt: Das Gewicht des Menschen. Eine Kulturgeschichte des Schwimmens (ca. 1760-1830), 3 Bde., Habil.-Schrift Freie Universität Berlin 2011.


Zeitschriften

Weblinks[Bearbeiten]

 Portal: Sportwissenschaften – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Sportwissenschaften

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernd Wedemeyer-Kolwe: Was ist und wozu dient Sportgeschichte? In: SportZeiten. Heft 3, 2002.
  2. Vor allem Vieth: Beiträge zur Geschichte der Leibesübungen. 1794; Euler: Geschichte der Turnkunst. 1891.
  3. Vgl. Christian Orban: Rezension zu: Pope, Steven W.; Nauright, John R. (Hrsg.): Routledge Companion to Sports History. London 2010. In: H-Soz-u-Kult, 15. März 2010.