Sprachatlas der deutschen Schweiz
Der Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) erfasst und dokumentiert die Dialektgeografie im deutschsprachigen Teil der Schweiz. Der SDS ist der erste regionale Sprachatlas im deutschen Sprachraum, dessen Datenmaterial nach der von französischen Dialektologen entwickelten Methode der direkten Befragung von Sprechern durch Exploratoren erhoben wurde.
Entstehung [Bearbeiten]
Der SDS erschien in den Jahren 1962 bis 1997 in acht Bänden und ist mit über 1500 Karten der reichhaltigste deutsche Regionalatlas. Finanziert wurde diese einmalige Bestandesaufnahme der schweizerdeutschen Dialekte im Wesentlichen vom Schweizerischen Nationalfonds.
Die Idee für den Atlas entstand im Jahr 1935, als die beiden Sprachforscher Rudolf Hotzenköcherle (Universität Zürich) und Heinrich Baumgartner (Universität Bern) beschlossen, für das Grossprojekt eine mündliche Befragung an fast 600 Orten der deutschsprachigen Schweiz (was einem Drittel der damaligen Gemeinden entspricht) und aller Walserorte des Tessins und Oberitaliens durchführen zu lassen. Zwischen 1935 und 1939 wurden Aufnahmemethode und Ortsnetz festgelegt sowie ein Fragebuch entworfen. Von zuerst 4000 Fragen wurden schliesslich rund 2500 Fragen, geordnet nach Sachgruppen wie Heuernte, Wetter, Verwandtschaft usw., ins definitive Fragebuch übernommen.
Am 1. August 1939 wurde mit den Aufnahmen begonnen, für die insgesamt sechs Jahre vorgesehen waren, die tatsächlich jedoch 19 Jahre beanspruchten. Die Aufnahmen erfolgten im direkten Verfahren am Wohnort der Gewährspersonen, die Antworten wurden handschriftlich in einer Weiterentwicklung der Lautschrift Teuthonista bzw. des Böhmer-Ascoli-Systems, Kommentare in Stenographie mit Bleistift notiert. Als Explorator wurde der Romanist Konrad Lobeck angestellt, der ab 1947 durch die Germanisten Rudolf Trüb und Robert Schläpfer abgelöste wurde. Die Aufnahmen an den Walserorten in Oberitalien und im Tessin wurden von Rudolf Hotzenköcherle und Fritz Gysling durchgeführt, in Bosco Gurin war zusätzlich William G. Moulton anwesend, der dort Tonaufnahmen anfertigte.
Zwischen ca. 1945 bis 1962 wurden die Aufnahmen bereinigt und die Publikation der Sprachkarten vorbereitet. Anschliessend erfolgte bis 1997 die Publikation in insgesamt acht Bänden. Ein Einführungsband über die Methodologie und das Fragebuch erschien 1962, ein Abschlussband über die Werkgeschichte und mit einem Gesamtregister 2003. Der 2010 herausgegebene Kleine Sprachatlas der deutschen Schweiz stellt eine populäre und kommentierte Kurzversion des achtbändigen SDS dar.
Inhalt [Bearbeiten]
Der SDS zeigt die Vielfalt der schweizerdeutschen Dialekte. Sichtbar werden auf den Karten neben den lautlichen und grammatikalischen Eigenheiten auch der Rückgang des altertümlichen Wortschatzes, die Verzahnungen mit den benachbarten romanischen Dialekten, aber auch die starken Veränderungen der bäuerlichen Kultur im 20. Jahrhundert.
Die Darstellung des sprachlichen Befunds erfolgt durch möglichst geeignete Zeichen (Symbole), die bei jedem Aufnahmeort stehen. Die Gesamtheit dieser Symbole ergeben das Kartenbild (sog. Symbolkarte); der SDS enthält – anders als der Kleine SDS – nur wenige Flächenkarten.
Neben dem (noch nicht abgeschlossenen) Schweizerischen Idiotikon bildet der Sprachatlas das Grundlagenwerk für die schweizerdeutschen Dialekte. Als seine Stärken gelten im internationalen Vergleich die hohe Dichte der Aufnahmeorte, die Präzision der Forschung und damit die Differenziertheit ihrer Ergebnisse.
Der SDS berücksichtigt die Syntax des Schweizerdeutschen kaum. Diese Forschungslücke wurde in einem Projekt der Universität Zürich geschlossen, dem (allerdings bislang unpublizierten) Syntaktischen Atlas der Deutschen Schweiz (SADS).
Publikation [Bearbeiten]
Sprachatlas der deutschen Schweiz. Gesamtwerk (Einführungsband, Bände I–VIII, Abschlussband). Francke Verlag, Bern bzw. Basel.
- Rudolf Hotzenköcherle: Sprachatlas der deutschen Schweiz. Einführungsband A: Zur Methodologie der Kleinraumatlanten. B: Fragebuch. Transkriptionsschlüssel. Aufnahmeprotokolle. 1962. ISBN 978-3-7720-0736-1
- Band I, Lautgeographie I: Vokalqualität. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1962. ISBN 978-3-7720-0737-8
- Band II, Lautgeographie II: Vokalität – Konsonantismus. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1965. ISBN 9783772007385
- Band III, Formengeographie. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1975. ISBN 978-3-7720-1194-8
- Band IV, Wortgeographie I: Der Mensch – Kleinwörter. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1969. ISBN 978-3-7720-0739-2
- Band V, Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft – Kleidung – Nahrung. Bearb. v. Doris Handschuh, Rudolf Hotzenköcherle, Robert Schläpfer, Rudolf Trüb, Stefan Sonderegger. Vorw. v. Robert Schläpfer, Rudolf Trüb. Ill. v. Erwin Zimmerli, Urs Zimmerli. 1983. ISBN 978-3-7720-1528-1
- Band VI, Wortgeographie III: Umwelt. Bearb. v. Walter Haas, Doris Handschuh, Rudolf Trüb, Rolf Börlin, Hansueli Müller, Christian Schmid-Cadalbert. 1988. ISBN 978-3-7720-1652-3
- Bd. VII, Wortgeographie IV: Haus und Hof. Bearb. v. Doris Handschuh, Elvira Jäger, Christian Schmid-Cadalbert unter Leitung v. Rudolf Trüb. 1994. ISBN 978-3-7720-1996-8
- Bd. VIII, Wortgeographie V: Haustiere – Wald- und Landwirtschaft. Bearb. v. Hans Bickel, Doris Handschuh, Elvira Jäger, Christian Schmid-Cadalbert unter Leitung v. Rudolf Trüb. 1997. ISBN 978-3-7720-1997-5
- Rudolf Trüb: Sprachatlas der deutschen Schweiz Abschlussband. Werkgeschichte, Publikationsmethode, Gesamtregister. Unter Mitarbeit von Lily Trüb. 2003. ISBN 978-3-7720-1999-9
Helen Christen, Elvira Glaser, Matthias Friedli (Hgg.): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. Verlag Huber, Frauenfeld 2010. ISBN 978-3-7193-1524-5