Sprachen Osttimors

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Sprachen Osttimors: Von oben links im Uhrzeigersinn: Portugiesisch, Bunak, Tetum, Fataluku.

Obwohl das Land nur eine Million Einwohner hat, gibt es eine Vielzahl von Sprachen in Osttimor. Neben alteingesessenen Malayo-polynesischen und Papua-Sprachen verbreiteten sich auch einige andere Sprachen durch Einwanderungen und Eroberung in den letzten 500 Jahren dem Land.

Übersicht[Bearbeiten]

Die Verfassung von Osttimor unterscheidet drei Kategorien bei den Sprachen Osttimors (Zahl der Muttersprachler Stand 2010).[1]

Die Amtssprachen sind laut Verfassung die Malayo-Polynesische Sprache Tetum (Tétum, Tetun) und Portugiesisch. 449.085 sprechen einen Tetumdialekt als Muttersprache, aber nur 595 Einwohner sprechen als Muttersprache Portugiesisch.

Daneben gibt es 15 von der Verfassung anerkannte Nationalsprachen (Alternativnamen in Klammern dahinter):

  • Malayo-Polynesische Sprachen:
    • Fabronische Sprachen:
      • Atauru (Wetar): 8.400 Sprecher, inklusive den Dialekten Dadu'a, Rahesuk, Raklungu und Resuk
      • Baikeno (Baiqueno, Vaiqueno, Atoni, Dawan, Uab Meto): 62.201 Sprecher.
      • Bekais (Becais, Welaun): 3.887 Sprecher.
      • Galoli (Galóli, Lo'ok, Galole, Galolen, Glolen): 13.066 Sprecher.
      • Habun (Habo): 2.741 Sprecher.
      • Kawaimina (Cauaimina, beinhaltet Kairui, Waimaha, Midiki und Naueti): 49.096 Sprecher.
      • Makuva (Makuwa, Maku'a, Lovaia, Lovaea): 56 Sprecher.
    • Ramelaische Sprachen:
      • Idalaka (Idalaca, beinhaltet Idaté, Lakalei, Isní und Lolein): 18.854 Sprecher.
      • Kemak (Ema, Quémaque): 61.969 Sprecher.
      • Mambai (Mambae, Manbae): 131.361 Sprecher.
      • Tokodede (Tocodede, Tukude, Tokodé, Tocod): 39.483 Sprecher.

Nach Artikel 159 der Verfassung sind Bahasa Indonesia und Englisch Arbeitssprachen, da diese Sprachen noch weit verbreitet sind. Vor allem unter jungen Leuten, da Portugiesisch während der Besetzung durch Indonesien nicht erlaubt war.

Bei der Volkszählung von 2010 wurde auch nach der Muttersprache der Einwohner gefragt. Da keine Antworten zur Auswahl gestellt wurden, wurden sowohl verschiedene Bezeichnungen der Sprachen, als auch Dialekte angegeben. Die Volkszählung unterschied hier nicht. In der Tabelle unten sind die Antworten nach den in der Verfassung aufgeführten Sprachen geordnet. Außerdem sind die Sprecher von Malaiisch und Chinesisch aufgeführt. So bezeichnen 722 Einwohner Chinesisch als ihre Muttersprache.

Auch nach Kenntnis der Amts- und Arbeitssprachen wurde gefragt. Von 741.530 bei der Volkszählung 2004 Befragten sprechen 138.027 Portugiesisch, 134.611 können es nur lesen. 599.745 Einwohner sprechen Tetum, 34.713 können es nur lesen. 66.343 Osttimoresen sprechen Englisch, 93.817 können es nur lesen. 808 nennen Englisch als ihre Muttersprache. 2010 konnten 36 % der Bevölkerung Indonesisch sprechen, lesen und schreiben, weitere 1 % sprechen und lesen, 11 % nur lesen und 7 % nur sprechen.[2]

Adabe ist eine Papua-Sprache, die nur auf Timor gesprochen wird und nicht, wie einige Quellen angeben und der Alternativname Atauru erscheinen lässt, auf der Insel Atauro. Auch kommt es durch den Alternativnamen zu Verwechslungen mit der gleichnamigen, austronesischen Nationalsprache. Adabe hat keinen offiziellen Status in Osttimor. Bei der Volkszählung 2010 nannten 181 Personen sie als ihre Muttersprache.[3][1]

Geschichte[Bearbeiten]

Tetum, Mambai und Portugiesisch
Eine Hakka aus Osttimor sagt „Wo ist der Strand?“ in vier Sprachen des Landes

Die Vielfalt der einheimischen Sprachen Osttimors lässt sich durch die mindestens drei Einwanderungswellen (Veddo-Austronesen, Melanesier und Austronesier), die Timor besiedelten und die stark zerklüftete Bergwelt der Insel erklären, die oft trennend wirkte. Die Veddo-Austronesen erreichten Timor vermutlich zwischen 40.000 und 20.000 v. Chr.. Allgemein geht man davon aus, dass die Melanesier 3000 v. Chr. nach Timor einwanderten und ab 2500 v. Chr. von nachkommenden austronesische Gruppen teilweise verdrängt wurden.[4] Bei den Fataluku vermutet man inzwischen aufgrund neuerer, linguistische Forschungen, dass sie möglicherweise erst nach den Austronesiern von Osten her Timor erreichten und stattdessen diese verdrängten oder assimilierten.[5] Auch bei den Makasae wird über ein solches Szenario spekuliert.[6] Bei den Bunak finden sich aber im Kernland nur Ortsnamen die Papua-Ursprungs sind, so dass die Bunak hier vor den Austronesiern gesiedelt haben müssten. Da Bunak aber gemeinsame Teile nicht-austronesische Vokabulars mit Fataluku, Makasae und Makalero hat, müsste früher eine Proto-Timor-Papua-Sprache gegeben haben, von der alle Papua-Sprachen Timors abstammen.[7]

Unter portugiesischer Herrschaft konnte man sich nur auf Portugiesisch weiterbilden, obwohl die Lingua Franca Tetum und die anderen Sprachen verwendet werden durften. Portugiesisch hatte einen starken Einfluss auf den Tetum-Dialekt Tetun Prasa (port. Tétum-praça), der in der Landeshauptstadt Dili gesprochen wurde, im Gegensatz zu dem auf dem Lande gesprochenen Tetun Terik. Heute ist Tetun Prasa weiter verbreitet und wird als Tétum Oficial auch in der Schule unterrichtet.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Malaiisch, die Handelssprache im östlichen Teil des Malaiischen Archipels auf Timor gesprochen und selbst von den Portugiesen und Topasse verwendet. Dann verschwand die Sprache in Portugiesisch-Timor. Anscheinend hatte die portugiesische Administration nach 1870 dafür gesorgt. Tetum Prasa und Portugiesisch übernahmen die Funktion des Malaiischen als Handelssprache innerhalb Timors und nach außen. Nur bei der arabischen Minderheit in Osttimor überlebte Malaiisch als Alltagssprache und noch 1975 in Oecusse als Zweitsprache. Hier spielte der Einfluss des umgebenden indonesischen Westtimor eine Rolle. Doch ausgerechnet in Oecusse war 1991, nach 16 Jahren indonesischer Besatzung, der Anteil Malaiisch/Indonesisch-sprechender Einwohner am geringsten: 42 %. Im ganz Osttimor betrug der Durchschnitt 60 %. 250.000 Einwohner waren indonesische Einwanderer von Java und Bali. Ihre Muttersprachen spielen im heutigen Osttimor keine Rolle mehr. Die meisten Einwanderer verließen mit der Unabhängigkeit Osttimors das Land wieder.[8]

Indonesischsprecher 1991 in den Distrikten Osttimors[8]
Distrikt Anteil
Indonesischsprecher
Aileu 63,81 %
Ainaro 49,81 %
Baucau 55,91 %
Bobonaro 56,88 %
Cova Lima 56,53 %
Dili 84,00 %
Ermera 55,30 %
Lautém 59,97 %
Liquiçá 54,33 %
Manatuto 68,05 %
Manufahi 61,61 %
Oecusse 42,46 %
Viqueque 43,98 %
Gesamt 60,34 %

Unter der indonesischen Besatzung von 1975 bis 1999 war der Gebrauch von Portugiesisch verboten. Einzige offizielle Sprache war Bahasa Indonesia, die auch als Lingua Franca das Tetum für diese Zeit ersetzte. Tetum gewann an Bedeutung, als der Vatikan am 7. April 1981 die Sprache für die Liturgie zuließ. Folge war sowohl eine Verstärkung der nationalen Identitätsbildung der Osttimoresen, als auch ein weiterer Zulauf zum katholischen Glauben.[9]

Für viele ältere Osttimoresen hinterlässt Bahasa Indonesia einen negativen Geschmack, da es mit den Besatzern gleichgesetzt wird, aber gerade jüngere Leute waren misstrauisch oder gar feindlich gesinnt gegenüber der Wiedereinführung von Portugiesisch als Amtssprache. Sie sahen darin, ebenso wie die Indonesier in Holländisch, die Sprache der Kolonialherren. Jedoch hatte die niederländische Kultur deutlich weniger Einfluss auf Indonesien als die portugiesische in Osttimor. Vor allem durch Heirat von Portugiesen und Timoresen vermischten sich die Kulturen im Ostteil der Insel. Zudem war Portugiesisch die Arbeitssprache des Widerstandes gegen Indonesien. Die jungen Timoresen sehen im Portugiesischen einen Nachteil und beschuldigen die Führer ihres Landes, sie würden Leute, die von Übersee nach Osttimor zurückkehren dadurch übervorteilen. Dies wird aber dadurch entkräftet, dass auch ältere Timoresen, die im Widerstand waren und deswegen Portugiesisch sprechen, auch keine Arbeitsstelle finden konnten. Viele ausländische Beobachter, vor allem aus Australien und Südostasien, kritisierten ebenfalls die Wiedereinführung des Portugiesischen. Trotzdem arbeiteten zum Beispiel viele australische Linguisten mit an den Planungen für die offizielle Sprachregelung, inklusive der Einführung des Portugiesischen. Aus Portugal und Brasilien wurden Lehrer nach Osttimor geschickt, die die Bevölkerung unterrichten sollten. Dies gestaltete sich problematisch, weil die Lehrer meistens weder die lokalen Sprachen noch Kulturen kannten. Der verstorbene Brasilianer Sérgio Vieira de Mello, der die UNTAET leitete und eng mit dem späteren Präsidenten Osttimors Xanana Gusmão zusammenarbeitete, gewann viel Respekt unter der Bevölkerung, weil er Tetum lernte.

Português de Bidau, die portugiesische Kreolsprache Timors, die Verbindungen mit dem Kreol aus Malakka hatte,[8] starb in den 1960ern aus. Die Sprecher verwendeten nach und nach öfter das Standard-Portugiesisch. Bidau wurde nahezu nur im Stadtteil Bidau im Osten Dilis von der Volksgruppe der Topasse, Mestizen mit Wurzeln aus der Region Flores und Solor gesprochen.[10] Kreolisches Portugiesisisch aus Macao wurde während der stärksten Einwanderungsphase im 19. Jahrhundert auch auf Timor gesprochen, verschwand aber schnell.[8]

In den letzten Jahrzehnten wurden die Sprecher der malayo-polynesischen Nationalsprachen Makuva nahezu vollständig von der Papua-Sprache Fataluku assimiliert.[5] Möglicherweise überlebt Makuva aber als geheime Kultsprache bei einigen Fataluku-Clans.[11] Bereits ausgestorben ist Rusenu. Hinweise darauf fand ein Linguist erst 2007 in Lautém.[12]

Anfang 2012 begann eine heftige Diskussion über Pläne der Regierung und UNESCO in Grundschulen auch Unterricht in den jeweiligen Nationalsprachen zu halten. Demnach sollen die Kinder zunächst in der Vorschule in ihrer Muttersprache und mündlich in Tetum unterrichtet werden. Mit Beginn der Grundschule folgt dann mündlich Portugiesisch. Sobald die Schüler ihre Muttersprache schriftlich beherrschen (2. Klasse), soll das Lesen und Schreiben in Tetum folgen, später in Portugiesisch (ab der 4. Klasse). Dies führt zu einer bilingualen Ausbildung in den beiden Amtssprachen, die Muttersprache wird zur Unterstützung verwendet. Die Lesefähigkeit in der Muttersprache soll dann weiter gefördert werden. Schließlich erfolgt der Unterricht nur noch in den Amtssprachen. In der 7. Klasse kommt Englisch als Fremdsprache dazu und Bahasa Indonesia als Wahlfach, zusammen mit anderen Sprachen in der 10. Klasse.[13] Während Befürworter so die kulturelle Identität der verschiedenen ethnolingustischen Gruppen des Landes bewahren wollen, empfinden viele das Programm als Bedrohung der nationalen Einheit und Regionalismus.

Laut UNESCO sind mehrere Sprachen in Osttimor vom Aussterben bedroht: Adabe, Habun, Kairui, Makuva, Mideki, Naueti und Waimaha.[14]

Verteilung[Bearbeiten]

Die folgenden Karten geben die Ergebnisse der Volkszählung von 2010 wieder. Bei drei Sucos fehlen die Daten, da die Dokumente nicht online aufrufbar sind. Zu beachten ist bei der Bewertung der Angaben, dass aufgrund der teilweise sehr kleinen Bevölkerungszahlen schon einzelne Sprecher einen messbaren Anteil in der Bevölkerung eines Sucos ausmachen können, selbst wenn deren Sprache traditionell dort nicht gesprochen wird. Durch die Flüchtlingsbewegungen und der Landflucht in den letzten Jahrzehnten sind Muttersprachler auch in andere Landesteile gezogen. Vor allem in Dili ist der Anteil von Zugewanderten aus anderen Distrikten groß. Im gesamten Distrikt Dili nahm die Bevölkerung zwischen 2001 und 2004 um 12,58 % zu. Fast 80.000 der Einwohner sind außerhalb Dilis geboren worden. Nur 54 % der Einwohner wurden hier geboren. 7 % wurden in Baucau geboren, je 5 % in Viqueque und Bobonaro, 4 % in Ermera, der Rest in den anderen Distrikten oder im Ausland.[15]

Papuasprachen Bunak Fataluku Makalero Makasae Sa'ane Atauro Jaco Atauru Dadu'a Rahesuk Raklungu Resuk Baikeno Bekais Galoli Habun Kemak Mambai Tokodede Austronesische Sprachen Idalaka Idaté Isní Lakalei Lolein Kawaimina Kairui Midiki Naueti Waimaha Tetum Tetum Prasa Tetum Terik MakuvaSprachen Osttimors.png
Über dieses Bild

Größte Sprachgruppe in den jeweiligen Sucos Osttimors nach den Ergebnissen der Volkszählung vom Okt. 2010. Daneben die beiden Sprachinseln der Lolein (L) und Makuva (M).[16]

Anzahl der Sprecher der verschiedenen Sprachen in den einzelnen Distrikten (Stand 2010).[1]


Literatur[Bearbeiten]

  • George Saunders: Tetum für Osttimor. Wort für Wort. Reise Know-How Verlag Rump, Bielefeld 2004, ISBN 3-89416-349-6. (Kauderwelsch Bd. 173)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sprachen Osttimors – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Direcção Nacional de Estatística: Population Distribution by Administrative Areas Volume 2 English (Census 2010; PDF; 22,6 MB)
  2. Direcção Nacional de Estatística: Population Distribution by Administrative Areas Volume 3 English (Zensus 2010; PDF-Datei; 3,38 MB)
  3. John Hajek: Towards a Language History of East Timor (PDF; 87 kB), Quaderni del Dipartimento di Linguistica - Università di Firenze 10 (2000): 213-227
  4. Population Settlements in East Timor and Indonesia (Version vom 2. Februar 1999 im Internet Archive) – Universität Coimbra
  5. a b Andrew McWilliam: Austronesians in linguistic disguise: Fataluku cultural fusion in East Timor (PDF; 171 kB)
  6. Antoinette Schapper: Finding Bunaq: The homeland and expansion of the Bunaq in central Timor, S. 163–186, in: Andrew McWilliam, Elizabeth G. Traube: Land and Life in Timor-Leste: Ethnographic Essays, S. 182, 2011
  7. Schapper: Finding Bunaq, S. 182–183.
  8. a b c d John Hajek: Towards a Language History of East Timor in: Quaderni del Dipartimento di Linguistica - Università di Firenze 10 (2000): S. 213-227
  9. Australian Department of Defence, Patricia Dexter: Historical Analysis of Population Reactions to Stimuli - A case of East Timor (Version vom 13. September 2007 im Internet Archive) (PDF; 1,1 MB)
  10. The languages of East Timor
  11. Bruno van Wayenburg: Raadselachtig Rusenu: Taalkundige ontdekt taalgeheimen en geheimtalen op Oost-Timor. VPRO Noorderlicht. 4. April 2007. Abgerufen am 11. März 2009.
  12. Steven Hagers: A forgotten language on East Timor. Kennislink. 20. März 2007. Abgerufen am 14. Oktober 2012.
  13. Bildungsministerium und Nationale Bildungskommission: Mother Tongue-Basemultilingual Education for Timor-Leste National Policy, 8. September 2010
  14. UNESCO: Language Atlas, abgerufen am 21. Dezember 2013
  15. Census of Population and Housing Atlas 2004
  16. Statistisches Amt Osttimors, Ergebnisse der Volkszählung von 2010 der einzelnen Sucos