Sprachtabu

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Sprachtabu ist ein Terminus aus der Sprachwissenschaft, genauer aus der Ethnolinguistik und der Soziolinguistik, und bezeichnet ein Verbot, über bestimmte Themen, Bereiche oder Vorgänge zu sprechen. Das Verbot ist nicht immer durch schriftlich niedergelegte Gesetze festgelegt, sondern wird in großem Umfang auch durch Konvention oder gesellschaftliche Werte bestimmt.

Das Wort „Tabu“ stammt aus Polynesien und bedeutet 'nachdrücklich kenntlich gemacht' (polynesisch: ta = kennzeichnen, pu = Adverb der Intensität; tapu = nachdrücklich kenntlich gemacht). Der Seefahrer und Entdecker James Cook beschrieb in seinen Logbüchern das Verhalten der Polynesier, die das Wort „tapu“ für alles verwendeten, was verboten war zu tun, zu sehen oder zu berühren.

Ursprung[Bearbeiten]

Die Menschen der Frühzeit glaubten, mit Hilfe der Sprache die Welt beeinflussen zu können: Über Tiere, Menschen, Naturereignisse, aber auch Götter und Dämonen habe man Verfügungsgewalt, wenn man ihre Namen kenne. Würde der Name genannt, so könnten sie herbeigerufen werden, wann immer dies gewünscht sei. Dieser Glaube basiert auf der Annahme, dass ein Wort und das damit Bezeichnete identisch seien, und führte so zu einem Namentabu, d. h. die Namen der Götter und Dämonen durften nur unter bestimmten Bedingungen ausgesprochen werden. Oswald Panagl nennt dieses Namentabu den „Rumpelstilzcheneffekt“.

Dieser Glaube an den Namenzauber erstreckte sich aber auch auf wilde Tiere wie zum Beispiel Wölfe und Bären. Das vermeintliche Herbeirufen der Wildtiere durch Benennen galt es zu vermeiden, um nicht Menschen und ihre Herden zu gefährden. So entstanden ersatzweise andere Bezeichnungen für diese bedrohlichen Tiere. Im indogermanischen Sprachraum sind solche euphemistischen Ersetzungen für Bär und Wolf zahlreich zu finden: Altkirchenslavisch „medvěd“ (der Honigesser), Litauisch „lokўs“ (der Lecker), Althochdeutsch „bëro“, aus dem sich das heutige Wort „Bär“ entwickelte (der Braune). Aber auch aus dem neueren Sprachgebrauch sind Euphemismen dieser Art noch bekannt. So gibt es etliche umschreibende Bezeichnungen für den Teufel: der „Leibhaftige“, der „Gottseibeiuns“ etc.

Kriterien für Sprachtabus[Bearbeiten]

Nach Oswald Panagl (1984) müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit von einem Sprachtabu gesprochen werden kann:

  • Es müssen zweifelsfreie Daten aus lebenden Sprachen angeführt werden, die die sprachliche Beschönigung oder Verschleierung belegen.
  • Es müssen auch außersprachliche Indizien oder Beobachtungen vorliegen, die den fraglichen Begriff unter Tabu stellen.
  • Da Tabuwörter für den etymologisch ungebildeten Sprecher sehr bald zu normalen Bezeichnungen erstarren, sollten bei ihnen, solange die jeweilige Tabuwirkung anhält, immer wieder neue Veränderungsschübe eintreten.

Formen von Sprachtabus[Bearbeiten]

  • Schweigen: über das Tabu wird nicht gesprochen.
  • Thematisierung durch (Euphemismus)

Euphemisierung durch formale Modifikation des Signifikanten:

  • Lautliche Umformung: das lautliche Erscheinungsbild wird verändert: „Teufel“ wird zu „Teixel“ oder „Deibel“.
  • Wortableitung: das tabuisierte Wort wird durch ein Diminutiv verändert: „Popo“ wird zu „Popotschi“.

Euphemisierung durch semantische Veränderung:

  • Metapher: statt „sterben“ wird „einschlafen“ verwendet.
  • Metonymie: statt „auf die Toilette gehen“ wird „sich die Hände waschen“ verwendet.
  • Entlehnung: statt „schwul“ wird „gay“ eingesetzt.
  • Vage Ausdrücke: statt „töten“ wird „sich um jemanden kümmern“ eingesetzt.
  • Paraphrasierung: das tabuisierte Wort wird durch eine Phrase umschrieben: „Du weißt schon, was ich meine.“
  • Litotes: Umschreibung durch die Verneinung des Gegenteils: „Er ist nicht der Sauberste.“
  • Umschreibung durch semantische Widersprüche: „soziale Marktwirtschaft“.
  • Generalisierung: „Haben Sie was mit ihr?“
  • Hinzufügen von Wörtern: „der ‚so genannte‘ Freund“.
  • Relativierender Nebensatz oder Nachsatz: „Er ist, entschuldigen Sie die Wortwahl, ein Idiot“.

Sprachtabu heute[Bearbeiten]

Heute sind Sprachtabus vor allem in der Wirtschaft, in der Politik und in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu finden. Unliebsame Vorgänge oder Maßnahmen werden mit verhüllenden Euphemismen versehen: Im wirtschaftlichen Bereich werden Preise nicht „erhöht“, sondern euphemistisch „angepasst“; ein Unternehmen hat keinen „Umsatzrückgang“, sondern ein „Minuswachstum“. Auf politischem Gebiet wird ein Land nicht „angegriffen“, sondern es handelt sich um einen „Präventivschlag“. Ebenso können manche Aspekte der Political Correctness dem Bereich des Sprachtabus zugerechnet werden. Der entscheidende Unterschied liegt hierbei jedoch in der gezielten Sprachkritik bzw. Sprachpolitik, durch die die Political Correctness gekennzeichnet ist. Ein weiterer Unterschied zwischen Political Correctness und Sprachtabu besteht darin, dass immer nur ein Ausdruck politisch korrekt sein kann, jedoch für ein Tabu immer mehrere sprachliche Ausdrücke oder Euphemismen bestehen können. Tabuisierte gesellschaftliche Themen können Gewalt, Sexualität, Hygiene, finanzieller und sozialer Status oder andere sein, die im gegebenen Fall ein Sprachtabu oder zumindest sprachliche Ersatzstrategien erfordern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Allan, Keith / Kate Burridge (2007): Forbidden Words: taboo and the censoring of language. 3. Auflage, Cambridge: Cambridge University Press.
  • Crombach, Michael (2001): Tabu und Euphemismus. unveröffentl. Dissertation, Salzburg: Universität Salzburg.
  • Havers, Wilhelm (1946): Neuere Literatur zum Sprachtabu. Wien: Sitzungsberichte, Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophische Klasse, 223: 5.
  • Panagl, Oswald (1984): Was man ungern ausspricht. Altes und Neues vom Sprachtabu. In: Jahrbuch der Universität Salzburg 1981–1983, hrsg. im Auftrag des Akademischen Senats von O. Univ.-Prof. Dr. Arno Buschmann. Salzburg.
  • Reutner, Ursula (2009): Sprache und Tabu. Interpretationen zu französischen und italienischen Euphemismen. Niemeyer: Tübingen 2009.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Sprachtabu – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen