St.-Johannis-Kirche (Göttingen)

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St. Johannis

Die St.-Johannis-Kirche in der Göttinger Altstadt ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert. Mit ihren weithin sichtbaren Türmen ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Kirche wurde von 1300 bis 1344 erbaut und ist die älteste der drei Pfarrkirchen (St. Johannis, St. Jacobi, St. Nikolai) der alten Marktsiedlung. Zuvor hatte an dieser Stelle eine romanische Basilika gestanden (die Fundamente wurden 1927 z. T. freigelegt), von der noch das Rundbogenportal mit dem Zisterzienser-Zackenbogen, an der Nordseite, erhalten ist. Einer Legende nach geht der Bau der früheren Kirche auf ein Gelübde des Kaisers Lothar von Süpplingenburg zurück, welcher am 11. Februar 1115 in der Schlacht am Welfesholz gegen Heinrich V. kämpfte und schwor, im Falle eines Sieges eine Kirche in Göttingen zu errichten.

Nach Franciscus Lubecus stand an der Ostseite, zum Marktplatz, ein steinerner Löwe, aufgestellt im Jahre 1166 von Heinrich dem Löwen.[1]Der Kirchhof befand sich wie bei den meisten mittelalterlichen Kirchen ursprünglich direkt um die Kirche herum. Nach Einrichtung des Bartholomäusfriedhofs nördlich außerhalb der Altstadt im Jahre 1747 wurde der Kirchhof aufgegeben.

Den ältesten Teil der Kirche bildet der Turmunterbau, dessen Kanten aus Quadern bestehen, der ansonsten jedoch aus Bruchsteinen errichtet wurde. Die alte große Glocke stammt aus dem Jahr 1348. Auch wenn keine genauen Überlieferungen des Kirchenbaus vorliegen, kann angenommen werden, dass bis zu diesem Jahr der Turmbau wenigstens bis zur Glockenstube vollendet gewesen ist; der Chor fand 1380 seinen Abschluss. Am 28. Oktober 1379 bestätigt Herzog Otto der Quade eine Stiftung von Johannes von Waake und Johannes Giseler, dass „noch eine Kapelle auf den Johanniskirchhof hart an die Kirche und an das Gerhus nach der Gutmannstrate gebaut werde”.[2]

Bei einem Luftangriff auf Göttingen wurde die Kirche am 24. November 1944 erheblich beschädigt, u.a. wurde das gesamte Dach abgedeckt.

Ein Blickfang sind die beiden achteckigen verschieden hohen Türme (Nordturm 62 m und Südturm 56,5 m) auf dem monumentalen Westbau und das dazwischen eingeschobene Glockenhaus. Zwei mächtige Achteckpfeiler im Inneren begrenzen die Eingangshalle im Westbau und nehmen zugleich die Last der Türme auf. Das heutige Gewölbe des Chores mit zwei am Ostabschluss stehenden Pfeilern wurden von Conrad Wilhelm Hase geplant und 1895–97 gebaut.[3]

An der Johanniskirche spielt die Kirchenmusik eine wichtige Rolle, durch die seit 1930 bestehende Stadtkantorei und die große Ott-Orgel von 1954/60. Außerdem erschallen jeden Samstag ab 11:00 Uhr Trompetenklänge über die Innenstadt. Ein ehrenamtlicher Kirchenmusiker spielt bis zum Glockenschlag 11:15 Uhr auf einem Flügelhorn einige Choräle und andere Kirchenlieder.

Türmerwohnung[Bearbeiten]

Die ehemalige Türmerwohnung war bis 2001 eine überregionale Attraktion. Sie gehörte neben Bismarckhäuschen, Karzer, alten Studentenkneipen u. a. zu den Sehenswürdigkeiten der Universitätsstadt Göttingen. Sie war die höchste Studentenbude Deutschlands. Im nördlichen höheren Turm wohnten über 600 Jahre lang die Stadtwächter (Türmer) in einer 238 Stufen hoch liegenden kleinen Wohnung. Diese hatten vom Turm Sichtkontakt mit einem Teil der 20 Außenwarten in der Umgebung und konnten so die Stadtbevölkerung vor anrückenden Feinden frühzeitig warnen. Natürlich ertönte ihr Hornruf auch, wenn sie irgendwo in der Stadt ein Feuer gesichtet hatten (Türmerfernrohr und -trompete kann man heute im Städtischen Museum besichtigen). Als der letzte Türmer Franz Kerl 1921 starb, wurden Angehörige der Deutsch-Akademischen Gilde die ersten studentischen Bewohner der alten Türmerwohnung. Bis zu den Sanierungsarbeiten 2001 wohnten dort, nur unterbrochen von 1937 bis 1946, bis zu fünf Studenten. Einer von ihnen war der Schriftsteller und spätere Märchenforscher Walter Scherf, der nach dem Krieg in der Türmerwohnung lebte.[4] Die Wohnung war mietfrei unter der Bedingung, jeden Samstag für zwei Stunden Besucher auf dem Turm zu empfangen. Als sich abzeichnete, dass die Sanierung des Turmes ein fast vollständiges Austauschen der Tragbalken der Türmerwohnung erforderte, mussten die Bewohner ausziehen. Eine erneute Vermietung nach Ende der Sanierung war wegen der fehlenden Rettungswege, die von der Bauordnung vorgeschrieben sind, nicht mehr möglich. Nach Auskunft der letzten Bewohner traten während der Sanierungsarbeiten zahlreiche Schnitzereien des letzten Türmers Franz Kerl zutage, die er bei einer Sanierung des Turms 1906 an versteckten Stellen in die Eichenbalken geritzt hatte.

Brand 2005[Bearbeiten]

Brennender Nordturm der Johanniskirche (ca. 20 Minuten nach Meldung des Feuers)

Der Nordturm mit seiner historischen Bausubstanz wurde am 23. Januar 2005 durch einen Brand zerstört, dadurch entstand ein Schaden von mehreren Millionen Euro[5]. Durch Löschwasser wurde auch das Kirchenschiff beschädigt. Zunächst drohte die Turmspitze sogar einzustürzen; eine etwa 500 Kilogramm schwere Kupferkugel, die an der Spitze des Turms angebracht war, musste daher entfernt werden. Mit Spezialkränen wurden die gefährlichen Teile und die verkohlten Balken noch am Brandtag bis spät in den Abend abgehoben und am Boden demontiert.

Bereits einen Tag nach dem Brand nahm die Polizei zwei mutmaßliche Brandstifter fest, Jugendliche im Alter von 19 und 15 Jahren, die ein Geständnis ablegten. Ein Motiv konnte allerdings nicht ermittelt werden. Die Jugendlichen waren über ein Baugerüst in den Turm gelangt: Die Kirche war seit längerem aufwendig renoviert worden, die Renovierungsarbeiten waren bei Ausbruch des Brandes kurz vor der Fertigstellung.

Die Wiederaufbauarbeiten waren im Februar 2006 abgeschlossen. Die ehemalige Türmerwohnung wird als Kapelle genutzt.

Orgel[Bearbeiten]

Ott-Orgel (1960)

Die Hauptorgel der St. Johanniskirche wurde in den Jahren 1954 bis 1960 durch Paul Ott (Göttingen) erbaut. Sie wurde in den Jahren 1999 bis 2000 durch Rudolf Janke renoviert und erweitert. Das Instrument hat vollmechanische Spiel- und Registertrakturen und verfügt über keine Spielhilfen.[6]

I Rückpositiv C–f3

1. Gedackt 8′
2. Quintadena 8′
3. Prinzipal 4′
4. Gemshorn 4′
5. Octave 2′
6. Sesquialtera II 22/3
7. Nasat 11/3
8. Scharf IV–VI
9. Dulzian 16′
10. Krummhorn 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–f3
11. Quintade 16′
12. Principal 8′
13. Hohlflöte 8′
14. Octave 4′
15. Gemshorn 4′
16. Quinte 22/3
17. Sesquialtera III J
18. Octave 2′
19. Gemshorn 2′
20. Mixtur VI–VIII
21. Terzzimbel III
22. Trompete 16′
23. Trompete 8′
III Oberwerk C–f3
24. Holzflöte 8′
25. Salicional 8′ J
26. Principal 4′
27. Rohrflöte 4′
28. Nasat 22/3
29. Spillflöte 2′
30. Octave 1′
31. Terzian II
32. Scharf III–IV
33. Vox humana 8′
34. Trompete 4′
Tremulant
IV Unterwerk C–f3
35. Bordun 16′ J
36. Holzprincipal 8′ J
37. Musizierged. 8′
38. Gambe 8′ J
39. Unda maris 8′ J
40. Octave 4′ J
41. Blockflöte 4′
42. Quinte 22/3
43. Octave 2′
44. Terz 13/5
45. Zimbel III
46. Oboe 8′ J
47. Trichterregal 8′
Tremulant
Zimbelstern
Pedal C–f1
48. Untersatz 32′ J
49. Principal 16′
50. Subbass 16′
51. Octave 8′
52. Gedackt 8′
53. Octave 4′
54. Nachthorn 2′
55. Rauschpfeife II
56. Mixtur VI–VIII
57. Zimbelbass III
58. Posaune 16′
59. Trompete 8′
60. Trompete 4′
61. Zink 2′
  • Koppeln: I/II, III/II, IV/II, IV/III, I/P, II/P
J = nachträgliches Register von Janke (2000)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St.-Johannis-Kirche (Göttingen) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Franciscus Lubecus: Göttinger Annalen. Von den Anfängen bis zum Jahr 1588. Wallstein, Göttingen 1994, ISBN 3-89244-088-3, S. 71.
  2.  Albrecht Saathoff: Aus Göttingens Kirchengeschichte. Festschrift zur 400jährigen Gedächtnisfeier der Reformation am 21. Oktober 1929. Verlag des Göttinger Gemeindeblattes, Göttingen 1929, S. 10.
  3. Ilse Rüttgerodt-Riechmann: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1: Stadt Göttingen. Herausgegeben vom Niedersächsischen Landesverwaltungsamt – Institut für Denkmalpflege –. F. Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 38 f.
  4. Klaus Wettig: Spurensuche und Fundstücke: Göttinger Geschichten, Wallstein-Verlag, Göttingen 2007, Seite 83-85
  5. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,338175,00.html
  6. Näheres zur großen Ott-Orgel, gesehen 12. September 2011.

51.5330666666679.9338027777778Koordinaten: 51° 31′ 59″ N, 9° 56′ 2″ O