St. Michael (Jena)

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Blick vom Eichplatz auf die Stadtkirche St. Michael in Jena

Die evangelische Stadtkirche St. Michael in Jena ist seit über 750 Jahren Mittelpunkt kirchlichen Lebens der Stadt (Parochialkirche).[1] Regelmäßig wird hier zu Gottesdiensten – in der Regel sonntags 10 Uhr und 18 Uhr beginnend -, zu Zeiten des Gebetes und der Stille wie auch zu kirchenmusikalischen Veranstaltungen eingeladen.[2]

Im Stadtzentrum gelegen, prägt sie das Stadtbild.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Langschiff der Stadtkirche St. Michael Jena Weihnachtsgottesdienst 2012

Der Stadtkirche hatte zwei romanische Vorgängerbauten. Von diesen gehörte einer zum Zisterzienserinnenkloster, das sich nördlich anschloss. Ausgrabungsfunde weisen auf einen Sakralbau im 12. Jahrhundert hin. Reste sind in der Krypta unter dem Chor zu sehen. Der Bau der heutigen Hallenkirche wurde seit 1380 – nach Fertigstellung des Jenaer Rathauses – in mehreren Bauphasen errichtet. In der ersten Bauphase bis 1450 entstanden der Chor, die Einwölbung des Altarraumes, die drei östlichen Joche des Langhauses und die Südfassade bis zum sechsten Langhausjoch. Nach einem etwa 30 Jahre währendem Baustillstand wurden in einer zweiten Bauphase von 1474 bis 1557 (d.h. bis ein Jahr vor Gründung der Friedrich-Schiller-Universität Jena) das Langhaus vollendet und der Kirchturm wurde errichtet (im Auftrag und auf Kosten des Rates der Stadt – erst seit 1933 gehört der Turm auch juristisch der Kirche).

Im 17. Jahrhundert erfolgten mehrere Instandsetzungsarbeiten am Kirchengebäude.

Die Sparkasse der Stadt, die von 1871 bis 1874 insgesamt 4000 Taler für Baumaßnahmen zur Verfügung gestellt hatte, spendete 6000 Mark in den Jahren 1880/81 für die Beheizbarkeit und weitere 3000 Mark 1886/87 für die Beleuchtung des Gebäudes.[3]

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadtkirche wie der gesamte Stadtkern stark zerstört. In den Nachkriegsjahren bis 1956 wurde der Innenraum mit Achteckpfeilern und Sterngewölbe rekonstruiert unter Leitung des Jenaer Architekten Hans Schlag. Turm und Langhaus erhielten schlichte Dächer. In Erinnerung an die Zerstörung am 19. März 1945 ist das Gewölbe der Turmseite einfacher gestaltet, während das Gewölbe des unzerstörten östlichen Langhauses reicher strukturiert ist und die Schlusssteine golden gefasst sind.

Seit 1996 wurde und wird die Stadtkirche in Anlehnung an die Gestalt zur Mitte des 16. Jahrhunderts restauriert unter Leitung von Dombaumeister Prof. Wolfgang G. Deurer. Bauherr ist der Kirchbauverein Jena e.V. Während der 1. Restaurierungsphase (1997–2001) wurde der Kirchturm instand gesetzt mit Rekonstruktion der Renaissance-Haube (Haubenfest am 26. Mai 2000). In der zweiten Phase (2002–2007) wurde das barocke Mansarddach rekonstruiert sowie die Fassaden einschließlich des Gerichtsportals restauriert. Die aufwändige Restaurierung des Brautportals in einer 3. Bauphase hat 2008 begonnen.[4] Beendet wurde dieser Abschnitt der Restaurierungen im Dezember 2011.

Stadt- und Kirchenpatron Michael[Bearbeiten]

Spätgotische Holzplastik des Erzengels Michael
Glaskunstfenster von Fritz Körner im Chorraum von St. Michael in Jena

Der Patron der Stadtkirche, der Erzengel Michael ist seit dem 13. Jahrhundert auch Stadtpatron und als Drachentöter die zentrale Gestalt im Stadtwappen sowie vielfach auch künstlerisches Element in und an anderen sakralen und profanen Bauwerken der Stadt. Die Stadtkirche zierten nacheinander verschiedene Skulpturen des Erzengels. Die spätromanische Holzskulptur des Angelus jenensis („Michael I“) war einstmals außen in der Turmnische angebracht. Dort befindet sich heute eine moderne Bronzeplastik des Erzengels aus dem Jahre 2002, während „Michael I“ in den 50er Jahren – ikonografisch korrekt – über dem Gerichtsportal stand und heute im Innern der Stadtkirche angebracht ist (s. „Ausstattung“). Eine spätgotische Skulptur des Erzengels („Michael II“) ist gegenwärtig im Erfurter Angermuseum und eine zeitgenössische Kopie ist im Christlichen Gymnasium Jena zu sehen.

Äußere Gestalt[Bearbeiten]

Die Stadtkirche in Jena ist eine dreischiffige spätgotische Hallenkirche mit einem 40 Meter langen Mittelschiff und hohen Seitenschiffen. Weit im Saaletal sichtbar ist der 75 Meter hohe achteckige Turm mit Renaissance-Haube und Einzeigeruhr. An der Westwand des Turms zeigt ein Steinrelief die Kreuzigungsszene und die Stifterfamilie (1487).

In der Südfassade – der Schauseite – der Stadtkirche befinden sich das Gerichtsportal und weiter östlich gelegen das reich verzierte Brautportal. Vor der Brauttür wurden die Trauungen vorgenommen, die im Mittelalter als weltliche Handlungen galten. Nach der Hochzeitszeremonie im Freien zog der Priester mit dem Brautpaar in die Kirche ein, um die Brautmesse zu feiern.

Ein barriere-freier Zugang in die Kirche befindet sich an der westlichen Turmseite.

Eine Besonderheit ist die ehemalige Prozessionskavate, ein von der Straße her offener Durchgang unter dem Hochchor (Sanctuarium). Sie ist das erste der „Sieben Wunder“ Jenas (Ara – Altar) und diente den Nonnen des Zisterzienserinnen-Klosters als Weg für liturgische Umzüge.

Ausstattung[Bearbeiten]

Gewölbe über dem Langhaus von St. Michael in Jena

Das bedeutendste Kunstwerk ist die Holzplastik des Angelus jenensis, Erzengel Michael mit Lanze, Schwert und Drache, aus spätromanischer Zeit (um 1240, Linden- und Eichenholz). Sie entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in einer Bamberger Werkstatt. Als der alte Jenaer Merkvers noch "Angelus, Ara, Caput, Mons, Pons, Vulpecula Turris" lautete, war Angelus der Engel, der sich auf den St. Michael bezog, das bedeutendste der Jenaer Wahrzeichen.[5] Seit dem Abschluss der Innensanierung im Sommer 2014 ist sie gegenüber dem Haupteingang (Gerichtsportal) an einem hinteren Pfeiler der Nordarkaden zu sehen.

Die Kanzel, von der der Reformator Martin Luther mehrfach predigte, stammt aus der Zeit vor 1507.

Die bronzene Grabplatte Martin Luthers, 1549 vom Erfurter Glockengießer Heinrich Ziegler nach einer Bildvorlage von Lucas Cranach d. Ä. gefertigt, war ursprünglich zur Aufstellung in der Wittenberg bestimmt. Im Ergebnis des Schmalkaldischen Krieges verblieb sie aber in Jena, während in Wittenberg eine Kopie aufgestellt wurde.

Eine Schnitzfigur des Hl. Wolfgang aus dem frühen 16. Jahrhundert wurde 1992 gestohlen.

Im Chor, den Hochaltar umstehend, sind die vier Evangelisten als Holzfiguren unter steinernen Baldachinen zu sehen (19. Jahrhundert). Die Ausmalung darunter zeigt das Weihekreuz in der Form des Radkreuzes. Darüber, in der Mitte des Chores, zeigen Glaskunstfenster den Hl. Michael (mit Lanze und Drachen) sowie links und rechts davon die Erzengel Raphael (mit Tobias) und Gabriel (mit Maria). Sie wurden 1954 vom Jenaer Künstler Fritz Körner gestaltet.

Unter dem Chor befindet sich eine so genannte Unterkirche, deren nördlicher Teil seit Ende des 17. Jahrhunderts als Gruft der Herzöge von Sachsen-Weimar dient (Prothesis).

Besondere Beachtung verdient das kunstvolle Gewölbe über dem Langhaus mit einem Wechsel von Stern- und Linienfiguren. Von den Säulen streben Rippen in jeweils 4, 6, 7 oder 8 Strahlen hinauf zu vielgestaltigen Schlusssteinen. Bemerkenswert sind auch (Baumeister- und eine Affen-) Konsolen an den Pfeilern.

Die nördliche Empore war ursprünglich den Nonnen des angrenzenden Zisterzienserinnenklosters vorbehalten, die hier am Gottesdienst in der Bürgerkirche teilnehmen konnten. Als Besonderheit findet man auf dieser Empore ein Beichtfenster, das zwei kleine Räume verbindet, ein Raum mit heute verschlossenem Zugang für die Nonnen und einer für den Beichtvater mit Zugang zum Inneren der Stadtkirche.

Orgel[Bearbeiten]

Orgel von St. Michael
Martin Meier an der Schuke-Orgel St. Michael Jena, Hörprobe: Johann Sebastian Bach: Toccata d-Moll (BWV 565)
Kantorei St. Michael Jena unter Leitung von KMD Martin Meier, Hoerprobe: Mendelssohn-Bartholdy: Denn er hat seinen Engeln... aus dem Oratorium Elias (MWV A25)

Die Kirchenmusik in der Stadtkirche hat eine lange Tradition. Beispielsweise waren Johann Nikolaus Bach und Max Reger hier Organisten. Es gab und gibt in der Stadtkirche vielfältige Kirchenmusik. Heute ist Kirchenmusikdirektor Martin Meier Organist und Kantor an der Stadtkirche St. Michael. Seine Vorgänger waren Ernst-Otto Göring und Eike Reuter. Die Kantorei St. Michael [6] besteht seit über 50 Jahren. Besonders im Sommerhalbjahr wird zu Orgelkonzerten, die in der Regel mittwochs 20 Uhr beginnen, sowie mehrfach im Jahr zu Oratorien und anderen größeren kirchenmusikalischen Veranstaltungen eingeladen.

Bis 1945 beherbergte St. Michael eine große Orgel, die 1909 von dem Orgelbauer Wilhelm Sauer erbaut worden war. Das Instrument, das über 100 Register hatte, wurde im März 1945 bei Bombenangriffen auf Jena zerstört. Die heutige Orgel wurde 1963 von dem Orgelbauer Alexander Schuke (Potsdam) erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 51 Register (ca. 4.500 Pfeifen) auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen sind elektropneumatisch.

I Rückpositiv C-g3
Holzgedackt 8′
Prinzipal 4′
Rohrflöte 4′
Oktave 2'
Quinte 11/3'
Oktave 1'
Scharff III-IV
Vox humana 8'
Tremulant
II Hauptwerk C-g3
Bordun 16′
Prinzipal 8′
Gedackt 8′
Spitzflöte 8′
Oktave 4′
Koppelflöte 4′
Nassat 22/3'
Oktave 2′
Flachflöte 2′
Rauschpfeife II
Mixtur V-VII
Scharff IV
Trompete 16′
Trompete 8′
III Oberwerk C-g3
Rohrflöte 8′
Quintadena 8′
Salizional 8'
Prinzipal 4'
Nachthorn 4'
Feldpfeife 4'
Rohrnassat 22/3'
Waldflöte 2'
Terz 13/5'
Quinte 11/3'
Sifflöte 1'
Mixtur V
Cymbel III
Rankette 16'
Krummhorn 8'
Tremulant
Pedal C–f1
Prinzipal 16'
Subbass 16′
Quinte 102/3'
Oktave 8'
Bassflöte 8′
Oktave 4'
Rohrpommer 4′
Bauernflöte 2′
Bassaliquote IV
Mixtur VI
Posaune 16′
Trompete 8′
Clairon 4′
Singend Cornet 2′
  • Koppeln: I/II, III/II, I/P, III/P.

Glocken[Bearbeiten]

Das Geläut der Stadtkirche St. Michael in Jena besteht aus fünf Glocken. Sie wurden 1947 von der Glockengießerei in Apolda gegossen. Mit dem Klangbild nach dem Parsifal-Motiv e-g-a-c von Richard Wagner verkünden die Glocken die zentrale Heilsbotschaft christlichen Glaubens. Es symbolisiert die Abendmahlsgemeinschaft.

Nr.
 
Name
 
Masse
(kg)
Schlagton Inschrift
 
1 Seherin 2.800 c1 Siehe, ich mache alles neu, ich bin das A und O, der Anfang und das Ende. (Offenb. Joh. 21,5+6)
2 Predigerin 970 e1 Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? (Römer 8, 31)
3 Trösterin 550 g1 Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! (Matth. 11, 28)
4 Mahnerin 390 a1 Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. (Psalm 111, 10).
5 Ruferin 210 c2 O, Land, Land, Land, höre des Herren Wort! (Jeremias 22,29)

Glocken-Ritzzeichnungen[Bearbeiten]

Die 1415 gegossenen Festglocke (auch: Große Glocke genannt) und Wetterglocke (auch: Kleine Glocke) hatten seltene, kunsthistorisch bedeutsame Glocken-Ritzzeichnungen, die in einem Werk der Kunsthistorikerin Ingrid Schulze von 2006 gewürdigt werden[7].

Kirchengeschichte[Bearbeiten]

Grabplatte Martin Luthers

Die Geschichte der Pfarrei St. Michael lässt sich aufgrund von Schriftquellen bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen. 1282 wird erstmals ein Pfarrer urkundlich erwähnt. 30 Jahre älter ist ein indirekter Hinweis in einer Urkunde des Burggrafen Otto von Kirchberg.

Das 1301 gegründete Zisterzienserinnen-Kloster St. Michael grenzte nördlich an die Pfarrkirche St. Michael an. Das Langhaus der Pfarrkirche stand der städtischen Kirchgemeinde offen, blieb aber den an die klösterliche Klausur gebundenen Nonnen verschlossen. Der Funktion als Klosterkirche diente im späten Mittelalter die östliche Empore im nördlichen Seitenschiff. Das Kloster wurde 1525/1526 im Zuge der Reformation aufgelöst (wie auch zwei weitere Klöster, das 1286 gegründete Dominikaner-Kloster und das 1414 gegründete Karmeliter-Kloster).

Die Reformation hatte für Jena und Umgebung eine entscheidende Bedeutung. Martin Luther predigte mehrfach in der Stadtkirche. Er disputierte in Jena (Hotel Schwarzer Bär) und in der Umgebung mehrfach mit Studenten, Freunden und Kritikern.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Friedrich Möbius: Die Stadtkirche St. Michael zu Jena. Symbolik und Baugeschichte einer spätmittelalterlichen Stadtpfarrkirche. Glaux Verlag, Jena 2001, ISBN 978-3-931743-05-5.
  •  Volker Leppin, Matthias Werner (Hrsg.): Inmitten der Stadt. St. Michael in Jena. Vergangenheit und Gegenwart einer Stadtkirche. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004, ISBN 978-3-937251-25-7.
  •  Jenaer Kirchbauverein e.V. (Hrsg.): Der Turm von St. Michael in Jena. Früher und Heute. Festschrift zum Abschluss der Sanierung des Turmes von St. Michael im Sommer 2001. Dr. Frank GmbH Gera, Jena 2001, ISBN 3-934805-08-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stadtkirche St. Michael (Jena) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ev.-Luth. Kirchenkreis Jena
  2. Stadtkirche St. Michael
  3.  Jens Peter, Astrid Bartsch: Drei Sparkassen - Drei Währungen. Von der DDR-Mark über die DM zum EURO. Verlag Dr. Busse & Stadeler, Jena 2008, ISBN 978-3-932906-87-9.
  4. Kirchbauverein Jena e.V.
  5.  Heinrich Elle, Evangelisch-Luth. Kirchgemeinde (Hrsg.): Die Jenaer Stadtkirche zu St. Michael und ihre Kunstwerke. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1951, S. 45.
  6. Kantorei St. Michael
  7. Ingrid Schulze: Ritzzeichnungen von Laienhand – Zeichnungen mittelalterlicher Bildhauer und Maler? Figürliche Glockenritz-Zeichnungen vom späten 13.Jahrhundert bis zur Zeit um 1500 in Mittel- und Norddeutschland. Leipzig 2006, ISBN 978-3-939404-95-8

50.92911388888911.588033333333Koordinaten: 50° 55′ 45″ N, 11° 35′ 17″ O