St. Nikolaus (Überlingen)

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Münster St. Nikolaus zu Überlingen.

Das Münster St. Nikolaus ist die Stadtpfarrkirche von Überlingen am Bodensee. Die fünfschiffige Basilika wurde zwischen 1350 und 1576 im Stil der Spätgotik errichtet. Zur Ausstattung des größten spätgotischen Kirchenbaus am Bodensee gehört ein Schnitzaltar von Jörg Zürn, ein Meisterwerk des deutschen Manierismus (1613–1616). Das Münster überragt die historische Altstadt von Überlingen vor allem durch den hohen Nordturm. Der halbkreisförmige Platz nördlich der Kirche war vor 1530 ein Friedhof. Südlich der Kirche steht das 1494 erbaute spätgotische Rathaus der Stadt, das bereits Einflüsse der italienischen Renaissance aufweist.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Grundriss des Münsters
Der Innenraum des Münsters, Blick in Richtung Hochaltar

Der Ort Überlingen besaß wahrscheinlich schon um das Jahr 1000 eine Saalkirche. Im 12. Jahrhundert wurde sie durch eine längere und dreischiffige Säulenbasilika ersetzt. Beide Bauten waren wahrscheinlich im Stil der Romanik gehalten.

Die ursprüngliche Pfarrkirche Überlingens war die Michaelskirche in Aufkirch außerhalb von Überlingen. Die Michaelskirche wechselte im frühen 14. Jahrhundert mehrfach den Besitzer und büßte ihre Bedeutung ein. Anlässlich des Übergangs der Michaelskirche an den Deutschen Orden 1348 wird die Kirche in Überlingen bereits als Pfarrkirche bezeichnet. 1350 regelte Papst Klemens VI. die kirchlichen Verhältnisse in Überlingen neu und inkorpierte der Überlinger Pfarrkirche die Michaelskirche zu Aufkirch als Filialkirche. Um jene Zeit begann Baumeister Eberhard Rab in der Nikolauskirche mit der Errichtung eines neuen Chorraums in gotischem Stil. Für den Neubau wurde Abbruchmaterial verwendet, das aus im Jahr 1349 eingezogenen Besitzungen von Überlinger Juden stammte. Das Langhaus wurde ebenfalls neu errichtet und am 16. April 1408 durch Weihbischof Hermann von Konstanz geweiht.

Da der Reichtum der Stadt im 14. Jahrhundert wuchs, begann man 1424 mit einem erneuten Neubau des Langhauses. Die benachbarte Reichsabtei Salem hatte soeben das Salemer Münster vollendet; nun begann Überlingen – teilweise unter den gleichen Baumeistern – mit dem Umbau der Stadtkirche zur dreischiffigen Hallenkirche, die kurz darauf sogar zu einer fünfschiffigen Hallenkirche umgebaut werden sollte. Um 1470 wurde die Kirche noch einmal größer, als die Räume zwischen den Strebepfeilern zu Seitenkapellen ausgebaut wurden.

Die letzte Erweiterung zur heutigen Form war der Umbau zur Basilika nach 1512, wobei das Ulmer Münster als Vorbild diente. Dabei wurde das Mittelschiff nach oben erweitert und durch Obergaden ergänzt sowie mit Netzrippengewölben überwölbt. 1563 war die heutige Gestalt des Kirchenbaus vollendet.

Die Türme[Bearbeiten]

Der Nordturm des Münsters

Ab dem beginnenden 15. Jahrhundert entstanden die beiden Chorflankentürme. Der Bau des Südturms wurde jedoch 1420 unterbrochen und nie vollendet. Gedeckt von einem Krüppelwalmdach, hängt in ihm die 1444 gegossene Osanna-Glocke.

Anders als beim Südturm, gingen die Arbeiten am zweiten Turm, den Nordturm, weiter. Ihn stellte man zur gleichen Zeit der Chorverlängerung und dem Bau des Überlinger Rathauses, 1494 vorläufig fertig. Knapp Hundert Jahre später, 1574/76, gestaltete man die oberen Geschosse des Nordturms zu seiner heutigen spätgotischen Gestalt um. Das bisherige Pyramidendach brach man bis auf das Glockengeschoss ab und ersetzte es durch neue Etagen in Fachwerkbauweise. Das siebte Geschoss trägt nun eine Plattform über der sich ein achteckiger Dachaufsatz mit abschließender welscher Haube erhebt.

Zur Zeit der Vollendung und Umgestaltung zahlreicher Kirchen im Stil des Historismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch erwogen, nach Plänen des Erzbischöflichen Baudirektors Max Meckel aus Freiburg im Breisgau, die beiden Münstertürme neugotisch zu vereinheitlichen. Zu einer Verwirklichung der Pläne kam es jedoch nicht.

Nachdem man 1937 den hölzernen Dachaufsatz des Nordturms restaurierte, beschädigte ein Brand zwei Jahre später, am 13. August 1939, die oberen Fachwerkgeschosse schwer, die daraufhin nur notdürftig renoviert wurden. Als im Jahr 1950 der Kirchturm der St. Michaelskirche in Aufkirch einstürzte, sorgte man sich, dass der Nordturm des Münsters wegen seines sehr schlechten und gefährlichen Zustands, es dem Turm der Michaelskirche gleichtun würde und ebenfalls zusammenbrechen könne. Deshalb begann man kurz darauf mit dem Abriss des Dachaufsatzes sowie des darunterliegenden Uhrengeschosses. Die hölzernen, beschädigten Geschosse wurden daraufhin aus in Beton neuaufgebaute Etagen ersetzt. Bis zum Patrozinium der Kirche, den Nikolaustag 1951, waren die Arbeiten abgeschlossen.

Ausstattung[Bearbeiten]

Der Hochaltar von St. Nikolaus

Altäre[Bearbeiten]

Das überregional bedeutsamste Kunstwerk des Münsters ist der geschnitzte Hochaltar, den der Überlinger Holzschnitzer Jörg Zürn und seine Mitarbeiter von 1613 bis 1616 schufen. Er besteht aus unbemaltem Lindenholz und ist mit 23 lebensgroßen sowie über 50 kleinen Figuren, teilweise in szenischen Darstellungen, dekoriert. Zentral ist die Geburt Christi dargestellt, daneben Heilige und Apostel, darunter Jakobus der Ältere für die Pilger auf dem Jakobsweg sowie Rochus und Sebastian, die die Stadt vor der Pest beschützen sollten. Unterhalb dieser Szene ist die Verkündigung dargestellt, oberhalb die Krönung der Jungfrau Maria. Auf der vierten Ebene, unterhalb des abschließenden Kruzifixes, thront eine Figur des Bischofs Nikolaus von Myra, dem Patron der Kirche.

In den Seitenkapellen des Langhauses stehen 13 weitere Altäre, die aus der Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert stammen. Die Altaraufbauten sind zum Teil mit prächtigen Schnitzereien dekoriert. Darunter fällt besonders der Rosenkranzaltar im südlichen Seitenschiff ins Auge, den David Zürn 1631 schnitzte. Eine Holzfigur der Muttergottes ist hier umgeben von 15 szenischen Rundreliefs, die Motive aus dem Rosenkranz-Gebet darstellen. Der Marienaltar, von Westen her der vierte im südlichen Seitenschiff, ist nach dem Hochaltar das bedeutendste Kunstwerk im Münster; es handelt sich um das erste Werk des Holzschnitzers Jörg Zürn in Überlingen (1607–1610).

Vom Überlinger Künstler Josef Eberle stammen zudem der Kinderfreund-Altar und der Herz-Jesu-Altar. Einer der beiden steht rechts neben dem Hochaltar, der andere in einer der Seitenkapellen.

Malereien und Skulpturen[Bearbeiten]

An den Pfeilern des Mittelschiffs sind auf kleinen Konsolen überlebensgroße Holzfiguren der zwölf Apostel und des Erlösers postiert, die aus dem Jahr 1552 stammen.

Die Wand über dem Chorbogen ist mit einem riesigen Fresko bemalt, das das Jüngste Gericht darstellt. Jakob Carl Stauder malte es im Jahr 1722. Es ist vom Laienraum aus gut sichtbar und sollte für die Gläubigen eine ständige Mahnung sein.

In der südwestlichen Vorhalle des Münsters findet sich ein Fresko von Marx Weiß (1563), das eine Schutzmantelmadonna darstellt. Von einem weiteren Fresko von 1493 sind an der Nordseite des Münsters noch Spuren erhalten; es stellte den Tod der Maria und das Jüngste Gericht dar und diente als Schmuck eines Familiengrabes.

Orgeln[Bearbeiten]

Nikolausorgel

Die Hauptorgel des Münsters, sog. Nikolausorgel, wurde 1968 von den Orgelbaumanufakturen Mönch und Pfaff (Überlingen) gemeinsam erbaut. 1996 erweiterte die Orgelbaufirma Mönch die Disposition um zwei Register (Nr. 1 und 59) und stattete das Instrument mit einer elektronischen Setzeranlage aus. Das Instrument hat 53 Register, mechanische Spieltrakturen und elektrische Registertrakturen.[1]

Pedalwerk C–f1

1. Untersatz 32'
2. Principal 16'
3. Subbaß 16'
4. Kupferoktav 8'
5. Spitzgambe 8'
6. Choralbaß 4'
7. Nachthorn 2'
8. Hintersatz IV 21/3'
9. Contrafagott 32'
10. Posaune 16'
11. Trompete 8'
12. Zink 4'
13. Cornett 2'
I Rückpositiv C–g3
17. Holzgedackt 8'
18. Quintade 8'
19. Praestant 4'
20. Rohrflöte 4'
21. Sesquialter II 22/3'
22. Waldflöte 2'
23. Larigot 11/3'
24. Scharff IV 1'
25. Terzcymbel II-III 1/6'
26. Dulcian 16'
27. Vox humana 8'
28. Tremulant
II Hauptwerk C–g3
30. Praestant 16'
31. Quintade 16'
32. Principal 8'
33. Gedackt 8'
34. Gemshorn 8'
35. Octav 4'
36. Spillflöte 4'
37. Quinte 22/3'
38. Superoctav 2'
39. Großmixtur IV-VI 2'
40. Kleinmixtur III 1/2'
41. Cornett V 8'
42. Trompete 8'
43. Clairon 4'
III Schwellwerk C–g3
46. Principal 8'
47. Rohrgedackt 8'
48. Salicional 8'
49. Schwebung 8'
50. Octav 4'
51. Blockflöte 4'
52. Nasat 22/3'
53. Flachflöte 2'
54. Terz 13/5'
55. Octävlein 1'
56. Acuta IV-V1 1/3'
57. Fagott 16'
58. Trompete harm. 8'
59. Hautbois 8'
60. Schalmey 4'
61. Tremulant
  • Koppeln: I/II, III/II, III/I, I/P, II/P, III/P (Nr. 14-16, 29, 44, 45)

Die Marienorgel wurde 1761 vom „Würzburger Hof-Orgelmacher“ Johann Philipp Seuffert für die Pfarrkirche St. Andreas im unterfränkischen Erlabrunn gebaut. In den Jahren 1966/1967 wurde die Erlabrunner Pfarrkirche umgebaut und im Sinne des damaligen Zeitgeistes purifiziert. Dieser Maßnahme fiel letztlich auch die Seuffert-Orgel zum Opfer. Sie wurde abgebaut und vom Orgelbaumeister Norbert Krieger in Retzbach für den Bau einer neuen Orgel in Zahlung genommen. Fast per Zufall entdeckte Erich Hildebrand von der Überlinger Pfeifenwerkstatt Hildenbrand und Brede die Orgel in Kriegers Orgelbauwerkstatt und teilte seine Entdeckung dem befreundeten damaligen Überlinger Organisten und Chordirektor Anton Johannes Schmid mit. Nachdem sich dieser für den Kauf der Orgel vehement eingesetzt hatte, wurde sie am 10. März 1975 im Münster aufgestellt.[2]

die Seuffert-Orgel
Manualwerk C–c3
1. Prinzipal 8'
2. Gedeckt 8'
3. Salizional 8'
4. Piffaro 8'
5. Oktav 4'
6. Flöte 4'
7. Quinte 22/3'
8. Superoktav 2'
9. Mixtur
10. Cornett
Pedalwerk C–d1
11. Subbaß 16'
12. Oktavbaß 8'
  • Koppel: Fußkoppel Man./Ped.

Anlässlich des Jubiläums 250 Jahre Marienorgel (sie bekam diesen Namen erst nach der Aufstellung der Orgel im Überlinger Münster) findet in Überlingen vom 2. bis 5. Juni ein Festwochenende mit namhaften Künstlern statt.[3]

Glocken[Bearbeiten]

Das Geläut, aus acht Glocken bestehend, wurde seit 1741 in seiner Form nicht mehr verändert. Das aus fünf Jahrhunderten stammende Ensemble stellt das historisch bedeutendste seiner Art in Baden-Hohenzollern dar. Es spiegelt in seiner musikalischen wie inhaltlichen Faktur die damalige Läutepraxis wider: Es erfolgte keine bewusste Abstimmung der Glocken untereinander, da jede Glocke wurde vornehmlich einzeln geläutet wurde. Daher war ein harmonischer Zusammenklang mit anderen Glocken nicht unbedingt notwendig. Jede Glocke trägt einen Namen, der ihre Funktion beschreibt beziehungsweise ihren Läuteanlass festlegt.

Die Osanna (Glocke für die Hochfeste und die hl. Wandlung) zählt zu den eindrucksvollsten Klanginstrumenten aus ihrer Zeit und hängt separat im Südturm. Das Totenglöckchen ist die älteste Zuckerhutglocke im Raum Baden-Hohenzollern. Die Glockenstühle stammen aus dem Mittelalter.[4]

Name Gussjahr Gießer unterer Durchmesser (ca.) Masse (ca.) Schlagton
Osanna 1444 Ulrich Snabelburg, St. Gallen 1.960 mm 6.800 kg ais0 −3/16
Spitälerin oder Sturmglocke 1585 Hans Frey, Kempten 1.570 mm 2.800 kg d1 −3/16
Metzlerin, Mettglocke 1741 Peter Ernst, Lindau 1.420 mm 2.200 kg dis1 −5/16
Chorum- oder Schulerglocke 1609 Johann Heinrich Lamprecht, Schaffhausen 1.120 mm 1.100 kg fis1 −3/8
Spätwacht, Lumpenglocke 1577 Hans Frey, Kempten 840 mm 400 kg h1 +1/16
Dreiviertel- oder Evangelistenglocke ≈15. Jh. anonym 660 mm 200 kg f2 ±0
Totenglöckchen ≈1200 anonym 560 mm 90 kg c3 ±0
Mess- oder Sanctusglöckchen 1714 Johann Baptist Ernst (III.), Lindau 420 mm 50 kg cis3 −3/8

Ölberg[Bearbeiten]

Der Ölberg

Südlich der Kirche steht der so genannte Ölberg, ein halboffener Pavillon, der eine monumentale Christus-Statue beherbergt. Er wurde 1469 von Elbeth Küfferin, einer Überlinger Witwe, gestiftet. Mit der Ausführung des Bauwerks wurde 1493 begonnen. Acht Stützen tragen ein Sterngewölbe. Das Oktogon wurde möglicherweise früher durch ein durchbrochenes Dach bedeckt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Näheres zur Nikolausorgel
  2. Informationen zur Marienorgel
  3. bc: Marienorgel feiert 250. Geburtstag. In: Südkurier vom 13. Januar 2011
  4. Kurt Kramer u. a.: Die deutschen Glockenlandschaften. Baden-Hohenzollern. Deutscher Kunstverlag, München, S. 80–81.

Literatur[Bearbeiten]

  • Josef Hecht: Das St. Nikolaus-Münster in Überlingen. Der Bau und seine Ausstattung, Überlingen 1938
  • Ulrich Knapp: „Architektur und Skulptur in Überlingen bis zum Ausgang des Mittelalters“, in: Michael Brunner; Marion Harder-Merkelbach (Hrsg.): 1100 Jahre Kunst und Architektur in Überlingen (850-1950). Petersberg: Imhof 2005. ISBN 3-86568-032-1
  • Manfred Bruker: "Das Überlinger Münster und seine Traditionen". Kunstverlag Fink, Lindenberg 2010, ISBN 978-3-89870-681-0
  • Hubert Krins: Der Osanna-Turm des Überlinger Münsters wird instandgesetzt. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 4. Jahrgang 1975, Heft 4, S. 175 f. (PDF)
  • Ursmar Engelmann: O freudenreiche Nacht. Betrachtungen zum Bildwerk des Jörg Zürn im Überlinger Münster. Herder, Freiburg u.a. 1986, ISBN 3-451-20852-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Nikolaus (Überlingen) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

47.7672222222229.1605555555556Koordinaten: 47° 46′ 2″ N, 9° 9′ 38″ O