Staatstheater Stuttgart

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Staatstheater Stuttgart, Opernhaus
Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus

Die Staatstheater Stuttgart sind ein Drei-Sparten-Theater mit den Sparten Oper Stuttgart, Stuttgarter Ballett und Schauspiel Stuttgart in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Die Hauptspielstätten befinden sich im Schlossgarten Stuttgart und wurden 1909-1912 von Max Littmann als Doppeltheater mit Großem Haus (heute: Opernhaus) und Kleinem Haus (heute: Schauspielhaus) erbaut. Nach der Zerstörung des Kleinen Hauses im Zweiten Weltkrieg wurde dieses 1959 bis 1962 durch einen Neubau von Hans Volkart erbaut. Das Große Haus wurde 1956 modernisiert und 1983/84 wieder in die ursprüngliche Gestaltung zurückversetzt. 2001 wurden die Gebäude in Opernhaus und Schauspielhaus umbenannt.

Inhaltsverzeichnis

Spielstätten [Bearbeiten]

Heute nutzen die Staatstheater Stuttgart folgende Spielstätten:

  • Das Opernhaus verfügt über 1.404 Sitzplätze und ist Bühne für die Oper Stuttgart und das Stuttgarter Ballett.
  • Das Schauspielhaus mit 679 Sitzplätzen ist Bühne für das Schauspiel Stuttgart und das Stuttgarter Ballett, derzeit in Sanierung, Wiedereröffnung 2013.
  • Im Kammertheater mit 420 Sitzen werden kleinere Opern, Schauspiele oder auch Ballettinszenierungen aufgeführt.
  • Das Nord ist eine Studiobühne des Schauspiels Stuttgart mit 150 Sitzplätzen im Probenzentrum der Staatstheater am Löwentorbogen. Seit Beginn der Spielzeit 2012/2013 ist eine weitere Spielstätte NORD/Große Bühne als Interimsspielstätte während der erneuten Sanierung des Schauspielhauses hinzugekommen. Die Oper Stuttgart stellt dafür ihre größte Probebühne zur Verfügung die vorübergehend als Spielort für ca. 400 Zuschauer eingerichtet wurde.

Weitere Spielstätten:

  • In der Liederhalle finden Sinfonie- und Kammerkonzerte des Staatsorchesters Stuttgart statt.
  • Die Bühne in der Bar Erdgeschoss an der Theodor-Heuss-Straße wird regelmäßig vom Schauspiel Stuttgart bespielt.

Ehemalige Spielstätten:

  • Das Theater im Depot befand sich bis zur Schließung im Sommer 2010 in einem ehemaligen Straßenbahndepot im Stuttgarter Osten.[1])
  • Die Niederlassung Türlenstraße mit den Spielstätten Arena, Werkhalle, Box und Klub diente während der Sanierung des Schauspielhauses 2010–2012 als Ausweichspielort für das Schauspiel Stuttgart.

Geschichte [Bearbeiten]

Eingangsbereich des Kammertheaters

Seit dem 17. Jahrhundert fanden Opern-, Ballett- und Schauspielaufführungen in Stuttgart im Festsaal des Neuen Lusthauses statt. Als erste Opernaufführung gilt das Singspiel Der Raub der Proserpina (1660) des Stuttgarter Hofkapellmeisters Samuel Capricornus.[2]

Vier Jahre später sind feste Bühneneinrichtungen nachweisbar (1664).[3] 1750 wurde das Neue Lusthaus zum Opernhaus sowie 1811 und 1845 zum Königlichen Hoftheater umgebaut. 1902 brannte es nieder. Von 1902 bis 1912 wurde in einem provisorischen Interimstheater gespielt.[4][5]

1909 bis 1912 wurden die Theatergebäude am heutigen Standort vom Architekten Max Littmann aus München als Doppeltheater mit Großem und Kleinem Haus erbaut. Nach dem Sturz der Monarchie wurden die Königlichen Hoftheater umbenannt in Württembergische Landestheater. Seit 1924 stehen die Gebäude unter Denkmalschutz. Nach dem Zweiten Weltkrieg war nur noch das mit Säulen versehene Große Haus erhalten. Der Krieg hatte aber nicht nur Zerstörung hinterlassen, sondern veränderte auch das geistige und moralische Denken der Deutschen. Aufgrund der knappen Nahrungsmittel füllte der geistige Hunger Theater, Konzerte und Hörsäle.[6]

1959 bis 1962 wurde durch die Architekten Hans Volkart, Kurt Pläcking und Bertam Perlia ein neues Kleines Haus errichtet. 1983 wurde im Gebäude der Neuen Staatsgalerie des britischen Architekten James Stirling das Kammertheater eröffnet. Bis 1984 wurde das Große Haus umfassend renoviert; die Gestaltung des Zuschauerraums, die durch einen Umbau in den 1950er Jahren fast ganz zerstört worden war, wurde dabei nach Originalplänen wieder dem Zustand von 1912 angenähert. 2001 wurden die Theater in Opernhaus und Schauspielhaus umbenannt. 2010 wurde die Studiobühne Nord im neu erbauten Probenzentrum der Staatstheaters eröffnet.

Brand des Alten Hoftheaters 1902 und Interimstheater [Bearbeiten]

In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1902 brannte das alte königliche Hoftheater nieder. Im Kern ging dieses Gebäude noch auf das Neue Lusthaus aus dem Jahr 1593 zurück. Bereits im Oktober 1902 konnte das Königliche Interimstheater als vorübergehende Spielstätte eröffnet werden, erbaut von Ludwig Eisenlohr senior. Das Interimstheater diente für die Zeit bis zur Eröffnung der neuen Theatergebäude 1912 als Spielstätte. Heute befindet sich an diesem Standort der Landtag von Baden-Württemberg. Darüber hinaus fanden in dieser Zeit Aufführungen im Wilhelma-Theater sowie zahlreiche Gastspiele, u.a. im Konzerthaus Ravensburg sowie in weiteren Städten des Deutschen Reichs statt.

Neubau der Königlichen Hoftheater [Bearbeiten]

Wettbewerb [Bearbeiten]

Nach ausführlichen Beratungsgesprächen im Frühjahr 1908 wurde beschlossen, dass an eine begrenzte Zahl von erfahrenen Theaterbauarchitekten eine Ausschreibung zum Wettbewerb stattfinden sollte. Die Arbeit des anerkannten Architekten Max Littmann wurde von dem Preisgericht von 23 eingereichten Entwürfen auf den ersten Platz gewählt. In der darauffolgenden Umsetzung konnte allerdings nicht das genaue Wettbewerbsobjekt realisiert werden, da der Architekt sich mit weiteren Bearbeitungen befassen musste. Der generelle Grundrissgedanke und die Grundidee des Aufbaus blieben jedoch erhalten.[7]

Standortsuche [Bearbeiten]

Als die Bauaufgabe feststand, war sogleich klar, dass der Platz neben dem Alten Schloss in Stuttgart für den geplanten Theaterkomplex mit zwei Häusern nicht genügen würde und somit nach einem neuen Standort gesucht werden musste. Die alte Planmappe aus dem Archiv des Hauses Württemberg in Altshausen zeugt mit großformatigen Lageplänen und dem aus Pappe geschnittenen Grundriss des geplanten Theaters davon, dass man sich intensiv mit der Suche nach dem geeigneten Standort auseinandersetzte.[8] Als Standort wurde schließlich der Schlossgarten mit See gewählt. Dieser bot für das geplante Zwei-Häuser-System eine einwandfreie Gelegenheit der bewegten Gliederung um den See herum und steigerte gleichzeitig die Verwendbarkeit der Anlage.[9]

Bauausführung [Bearbeiten]

Mit den neuen Hoftheatern in Stuttgart wurden zum ersten Male zwei Theater gleichzeitig im engem, organischem Zusammenhang nach künstlerischen Grundsätzen errichtet und damit ein neuer Typus geschaffen.“ – Max Littmann[10]

Der Theaterbau in Stuttgart ist der größte Theaterbau Littmanns und kann eventuell sogar als sein Hauptwerk bezeichnet werden.[11] Max Reinhardt bezeichnete den Bau als das schönste Theater der Welt.[12]

Baubeginn war im September 1909, die Fertigstellung im Sommer 1912, so dass am 14. und 15. September die Eröffnungsfeier folgte. Schon bald galt das neue Opernhaus als Zentrum des klassischen und modernen Musiklebens an dem berühmte Sänger und Dirigenten und Regisseure wirkten und arbeiteten.[12] Der damalige Bau bestand aus dem Großen und dem Kleinen Haus. Diese beiden Gebäude wurden durch das Verwaltungsgebäude verbunden. Die schlichte und ohne Aufwand auskommende bauliche Erscheinung des Verwaltungsgebäudes zielte auf eine gute, taktvolle Verteilung der Massen ab.[13]

Max Littmann hatte nicht vor, mit dem Kleinen Haus eine Kopie des großen Hauses zu schaffen, dennoch wollte er die Gemeinsamkeit der Baugesinnung durch ähnliche Proportionen kennzeichnen.[14] Zur Gestaltung des Raumensembles beschäftigte Littmann renommierte Stuttgarter Künstler, die ihm bei der bildkünstlerischen Ausgestaltung halfen.[15]

Modernisierung und Wiederaufbau [Bearbeiten]

Modernisierung des Großen Hauses [Bearbeiten]

Das Große Haus überstand als einziges von vier Opernhäusern in der späteren Bundesrepublik Deutschland den Zweiten Weltkrieg weitestgehend intakt, während das Kleine Haus durch eine Fliegerbombe im Herbst 1944 komplett zerstört wurde.

Nach dem Grundgesetz 1949 begann eine Initiative die zur Modernisierung und Umgestaltung des Opernhauses im Jahre 1956 führte. Man wollte durch den Wiederaufbau und die Veränderungen die geistige Weiterentwicklung in Deutschland demonstrieren, und auch der Denkmalschutz hatte nach dem Krieg die Orientierung verloren und hielt sich weitestgehend zurück.

Zu dieser Zeit gab es in mehreren Punkten Kritik an der Gestaltung des Großen Hauses, wie zum Beispiel an dem Farbklang der Innengestaltung von Grausilber, violett und honigfarbenen Stuhl- und Wandbespannungen. Littmann schaffte durch diese Farbgebung damals eine kühle Distanz. Des Weiteren war die Bühnenbeleuchtung nicht mehr zeitgemäß da sie begrenzt an den Proszeniumslogen angebracht worden war.[16] Die Akustik des Orchestergrabens wurde seit der Entfernung des ursprünglichen Schalldeckels in den 1920er Jahren als problematisch empfunden. Zudem waren die Zugänge in den zweiten und dritten Rang durch einfache und enge Treppenhäuser erschwert und stellten ein Problem dar.[17]

Bühnenbildner kritisierten ebenfalls den monumentalen Portalrahmen, der das Publikum von der Bühne trennte und eine erdrückende Wirkung hatte.[18] Der Architekt Paul Stohrer machte sich bereits bei dem Wettbewerb um den Wiederaufbau des Kleinen Hauses einen guten Namen, und galt als künstlerisch einfallsreicher Architekt, somit wurde er damit anvertraut die Modernisierung des Opernhauses zu übernehmen und so der Balance zwischen alt und neu gerecht zu werden.[19]

Das Konzept der Umgestaltung sollte fünf Punkte im Großen Haus verbessern: Theatertechnik, Funktion, Gestaltung, Ideologie und Zeitgeschichte.

Stohrer ließ für das Orchester ein Hubpodium einbauen und verkleidete den Portalrahmen mit patinierten Sperrholzplatten, um den trennenden Rahmen zwischen Publikum und Bühne etwas zu neutralisieren.[20] Ebenso wurde versucht den Charakter des Hauses zu bewahren, ihm aber dennoch eine hellere freundlichere Atmosphäre zu verleihen. Die grausilbernen Rangbrüstungen wurden mit einem Weißgrau aufgehellt und die gelbgoldene Wandbespannung wurde durch eine Silbergraue ausgetauscht. Die Speichen der Deckenrosette wurden mit einem weißgrauen Putz verdeckt, wodurch das Deckengemälde von Moesel mehr zur Geltung gebracht werden sollte.[21] Das zuvor goldgelbe Gestühl wurde mit einem blauvioletten Stoff bespannt.

Nach den Umbauten waren die Ziele der Neugestaltung erreicht worden: festlicher hellerer Innenraum, funktional verbessert und befreit vom Stuck.[22] Nach der Entfernung des Stucks und der Verzierungen, gingen zuerst durchgehend positive Kritiken durch die Stuttgarter Lokalpresse. Aus heutiger Perspektive macht man den Zeitgeschmack der 1950er Jahre und der Nachkriegszeit für die Modernisierung der Innenarchitektur verantwortlich. Des Weiteren dachte man, dass der Wegfall des Stucks und sonstiger Verzierungen den Schall in alle Richtungen brechen lasse und dies besser für die Akustik im Opernhaus sei. Dies stellte sich jedoch als Irrtum heraus.[23]

Kurz nach dem Umbau wurde von dem Musikkritiker Otto Erich Schilling gesagt, dass der Klang feinfülliger und hellhöriger sei, was auch das Ziel war, dennoch teilte der Spiegel ein Jahr später mit, dass die Akustik sich verschlechtert habe, und es sogar Ensembles gebe, die ihren Vertrag mit dem Opernhaus kündigen wollten. Das Problem mit der Akustik lag weniger im Zuschauerraum sondern vielmehr auf der Bühne. Die Künstler nahmen ihre Stimmen und Instrumente verzerrt war. Durch die Polstergarnituren wurde die Reflexion des Schalls auf die Bühne vermindert.[24] Nach den ganzen Problemen bezüglich des Klangs, schlug Prof. Keilholz vor, einen Schalldeckel an der Theaterdecke anzubringen, der in dieser Größe einmalig war. Nachdem immer mehr Spezialisten sich mit dem Thema beschäftigten, wurde die Optik des Raumes eher verschlechter als verschönert. Anstatt in einem festlichen Saal zu sitzen, befand man sich in einer Art dunkler Höhle. Im Endeffekt erscheint es so, als wären die funktionalen, technischen und spielbedingten Gründe der Modernisierung nur ein Anlass gewesen das Große Haus zu verändern, um es als Demonstration und als Befreiung von der Vergangenheit zu nutzen.[25]

Kleines Haus [Bearbeiten]

Nach der Zerstörung des Kleinen Hauses im Jahre 1944, wurde der Neubau des neuen Schauspielhauses in zwei Wettbewerben entschieden und von 1959 bis 1962 von dem Architekten Hans Volkart erbaut.[26] Volkart entwarf auch den Neubau des Kulissengebäudes an der Konrad-Adenauer-Straße, der ebenfalls 1962 eröffnet werden konnte.

Restaurierung des Großen Hauses [Bearbeiten]

Im Jahre 1970 waren technische Probleme wie defekte oder zugewachsene Heizungsrohre, kurzschluss- und brandgefährdete Elektroleitungen sowie renovierungsbedüftige Sanitärinstallationen Ausgangspunkt für die Überlegungen einer Modernisierung des Großen Hauses. Die notwendigen Baumaßnahmen erforderten erhebliche Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz.

1980 wurde der Verwaltungsrat von der Bauverwaltung des Theaters darüber informiert, dass die Modernisierung bis zu einem Jahr dauern könne, weswegen man entschied diese in den 14-monatigen Theaterferien 1983/84 vorzunehmen.[27] So wurde wiederum entschieden, einen Wettbewerb zu veranstalten, der vom Verwaltungs- und Theaterbeirat am 31. Januar 1981 gestattet wurde.

Die Renovierung sollte einige zentrale Problem lösen wie z.B. Modernisierung der Beleuchtungsanlagen und Verbesserung der Akustik. Aber auch der historische Bestand des Hauses sollte wieder hergestellt bzw. erhalten bleiben. Dies erschien zunächst aufgrund von hohen finanziellen Anforderungen schwierig.

Beim Wettbewerb für die Vergabe der Bauaufgabe wurden acht Architekten aufgefordert Entwürfe einzusenden, von denen sechs abgegeben und beurteilt wurden. Der Gewinner des Architektenwettbewerbs war dann schlussendlich Gottfried Böhm, dessen Konzept die großmöglichste Rückgewinnung der Gestaltungselemente von Littmann mit eigenständigen Ergänzungen kombinierte, beispielsweise im Bereich des Proszeniums.

Zunächst wurde die Kassettendecke, die die Modernisierung 1956 ohne größere Schäden überstanden hatte, wieder freigelegt und Pilasterordnungen wurden aufgrund der vorhandenen Unterlagen Littmanns wiederhergestellt. Ziel war ohne große Eingriffe in die Bausubstanz und durch die Freilegung der abgedeckten und verkleideten Originalgestaltung dem Theater seine festliche Atmosphäre zurück zu geben.

Ein Problem, was schon zu Littmanns Zeiten nicht gelöst wurde, war die Büffetfrage, die aber wahrscheinlich zur Zeit des Hoftheaters auch nicht ebenso relevant war wie in den 1980er Jahren. Das Königsfoyer war provisorisch ausgestattet und wurde seiner Wertigkeit des Raumes nicht gerecht. Daher musste eine Lösung für den sogenannten „Kalten Gang" gefunden werden. So verwendete man den Gang als Übergang und Terrasse zum Verwaltungsgebäude.[28]

Der Bühnenrahmen, der gitterartig vor der Bühnenöffnung stand und sich so in den Wandfeldern zwischen den Pilastern fortsetzte, wurden zur Verklammerung von Bühnenbereich und Zuschauerraum. Dieses Konzept galt unter Architekten als faszinierend, für die Theatervertreter hatte die Portalstruktur einen zu starken Eigenwert.[29]

Das Preisgericht des Wettbewerbes sagte zu dem Entwurfs Böhms: „Die Arbeit liefert als Vision in der Verbindung eines historischen Raumes mit den Veränderungen unserer Zeit einen bemerkenswerten und entwicklungsfähigen Beitrag zur gestellten Aufgabe.“

Böhm löste ebenfalls das Problem mit dem kalten Gang, indem er einen aufwendigen zweigeschossigen runden Pavillon plante und ihn mittels Brücken mit dem Foyer des ersten und des zweiten Rangs verknüpfte.[30] Obwohl Böhm den Wettbewerb gewann, wurde bei der letztendlichen Umsetzung auf die Wünsche der Theaterleitung bezüglich des Proszeniumsrahmens eingegangen.

Einem Glücksfall war es zu verdanken, dass die Arbeitsgruppe des Bauamtes im Münchner Theatermuseum auf die Originalpläne Littmanns stieß, die bis hin zu den kleinsten Dekorationen großformatige Details über die Stuttgarter Theatergebäube aufzeichneten. Vor dem Fund hatte man nur wenige Fotografien aus dem Jahr 1912 sowie beschreibende Texte. In einem Stahlschrank befanden sich zwei Schubladen mit circa 2000 Zeichnungen und Aquarellen von den Theatern in Stuttgart.[31] Dieser Umstand beseitigte Unsicherheiten und ersparte vor allem Zeit und Geld. Trotzdem kostete der Umbau für eine „bessere Gestaltung“ anstatt 4,5 Millionen DM, nach dem Beschluss der Rückführung sowie des Baus des Büffetpavillon 16,5 Millionen DM.[32] Diese Mehrkosten konnten nur Dank des Einsatzes des Fördervereins „Alte Oper Stuttgart e.V“, sowie durch die Übernahme des restlichen Betrags durch das Land Baden-Württemberg, gedeckt werden. Der Bauplan, der bis ins kleinste Detail zeitlich abgestimmt war, um Verzögerungen beim Umbau zu verhindern stand schon acht Wochen vor Baubeginn fest. Bis zu 250 Bauarbeiter wirkten gleichzeitig an dem Umbau mit. Folgende Arbeiten wurden sofort in Angriff genommen:[33]

  • Rekonstruktion der Stukkaturen
  • Wiederherstellung der Stuccolustrowände in den Foyers
  • originalgetreuer Nachbau sämtlicher Leuchten in Zuschauerraum und Foyer
  • Ausbildung von beweglichen Feldern des Architravs
  • Umbau des Bühnenportals
  • Rückverlegung der an der Seite der Bühne gelegenen Portaltürme
  • Erneuerung der Hubvorrichtung des Orchesterpodiums
  • Wiederherstellung der Wandbespannung
  • Anfertigung des Gestühls nach Mustern der Erbauungszeit
  • Neueinrichtung der WCs und Duschräume
  • Umbau des Kammertheaters in einen Ballettübungssaal
  • Vergrößerung des Chorprobenraumes und Ausstattung mit neuen Stühlen

Beschreibung [Bearbeiten]

Lage [Bearbeiten]

Die Staatstheater in Stuttgart findet man unter folgender Adresse:

Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart.

Es befindet sich freistehend in der Nähe des Hauptbahnhofes im Schlossgarten mit Blick auf den Oberen Anlagensee (meist "Eckensee" genannt). Man kann die Theater mit dem Bus, der Bahn, der S-Bahn und Straßenbahn erreichen.[34]

Architektur und Bautechnik [Bearbeiten]

Opernhaus [Bearbeiten]

Die Grundidee Littmanns war eine ovale halbrunde Rotunde, die eine mit kräftigen Pilastern gegliederte Wandfläche hat, welche ein mittelschweres Gebälk tragen. Das Gebäude ist aus Sandstein erbaut. Die Zusammensetzung der antiken Merkmale in der Architektur wurde unakademisch umgesetzt: z.B. gibt es keinen Architrav. Auch bei den Pilastern fehlen die Basen und sie haben nur minimale Andeutungen von Kapitellen.[35] Die Eingangsfront bildet eine schwunghafte Einheit mit ihren Doppelsäulen.[36]

Schauspielhaus [Bearbeiten]

Die Außenfassade des Schauspielhauses ist in weißem Marmor gehalten, was im Gegensatz zu dem aus Sandstein bestehenden Opernhauses steht. Der Bau öffnet sich zu dem Schlossgarten, indem die Fassade mit umlaufenden Fensterbändern sich über die ganze Höhe des Baus erstrecken. Das Theater hat die Form eines Achtecks.[26]

Innenarchitektur und Ausstattung [Bearbeiten]

Opernhaus [Bearbeiten]

Nach der letzten Umgestaltung erschließt sich im Stuttgarter Opernhaus wieder ein dekorativer und farbiger Reichtum, der aufgrund von kolorierten Zeichnungen Littmanns auch authentisch ist.[37] Das Opernhaus ist mit Grau-, Silber- und Gelbtönen im Innenraum eher kühl und feierlich gestaltet. Der Zuschauerraum besteht aus 1404 Zuschauerplätzen die sich auf dem als Amphitheater aufgebauten Parkett sowie auf drei Rängen verteilen.[38] Oberhalb des Parketts schwebt der erste Rang stützenlos mit einer umlaufenden Brüstung, die beiden seitlichen Logen waren für die Majestäten und den Thronfolger vorgesehen, die heutige Mittelloge als Königliche Galaloge geplant.

Der zweite Rang, der nur drei bis vier Sitzreihen zählt, schließt ebenso wie der erste Rang mit der Raumschale ab. In der letzten Sitzreihe befinden sich Wandpilaster, welche die Decke des Zuschauerraums tragen. Die vordersten beiden Pilaster vor der Bühnen, stellen den Bezug zu den hölzernen Wandvertäfelungen im Parkett her, die in der Literatur als Sockel für die Architektur interpretiert werden. Dass die Rotunde von schlanken Pilastern und Pfeilern eingefasst wird – was nur durch den Verzicht eines dritten umlaufenden Gangs möglich war – ist Max Littmanns Leitmotiv, welches sich in den kreisförmig angeordneten Kassetten zeigt, die den von dem Künstler J. Moesel gemalten Sternenhimmel einrahmen. Das Bühnenportal ist schwer kassettiert und eher neutral untektonisch.[39]

Schauspielhaus [Bearbeiten]

Das zerstörte Kleine Haus vor dem Krieg hatte eine gewisse Harmonie, die durch seine grüne Stoffbezüge und das braune Kirschbaumholz geschaffen wurde und somit eine edelmütige aber dennoch gemütliche Atmosphäre ausstrahlte.[40] Das neu erbaute Kleine Haus (Schauspielhaus), das zu Nutzung von intimen Schauspielen und Lustspielen genutzt wird, hat Raum für 837 Zuschauer, die sich ebenfalls auf einem Amphitheater gestaltetem Parkett und zwei Rängen verteilen.[41]Das als umlaufender Rang gebaute Foyer ist in die Außenwand eingehängt und lässt in der Mitte das Zuschauerhaus und die tieferliegenden Garderoben frei stehen. Die Bühne ist mit zwei Seitenbühnen und einer reduzierten Hinterbühne ausgestattet.[26] Das Schauspielhaus wurde 2010-2012 saniert und ist seit August 2012 für eine zweite Sanierungsphase geschlossen.

Nutzung [Bearbeiten]

Die Bauten wurden bis auf die kurze Zeit nach dem Krieg ausschließlich für Vorstellungen von Opern, Balletten und Schauspielen genutzt.

Nachdem die amerikanischen Truppen sich in Stuttgart niedergelassen hatten, errichteten sie in dem alten Opernhaus ihren PX Club, in dem sie Ping Pong spielten und ihre Freizeit verbrachten. Am frühen Abend – vor Beginn der Sperrstunde – durften die Deutschen, wenn sie einen Holzscheit mitbrachten, ins Parkett, während sich die GIs im Foyer vergnügten. Für die Stuttgarter schien ihr Großes Haus entweiht. Nach der Umstellung der Währung, war es wieder möglich Theaterkarten zu kaufen, und somit gab die Besatzungsmacht das Opernhaus wieder frei.[42]

Leitung [Bearbeiten]

Generalintendanz [Bearbeiten]

Staatstheater Stuttgart, Foyer Opernhaus

Seit 1992 gibt es an der Spitze der Staatstheater keinen Generalintendanten mehr, sondern drei gleichberechtigte künstlerische Intendanten von Oper, Schauspiel und Ballett („Stuttgarter Modell“). Die Gesamtleitung hatten seither inne:

Leitung der Sparten [Bearbeiten]

Oper Stuttgart

Generalmusikdirektoren

Stuttgarter Ballett

Schauspiel Stuttgart

Auszeichnungen [Bearbeiten]

  • 1976 bis 1978: Das Schauspiel Stuttgart wurde unter der Intendanz von Claus Peymann dreimal in Folge zum Theater des Jahres gewählt.
  • Die Oper Stuttgart wurde während der Intendanz von Klaus Zehelein (1991–2006) insgesamt sechsmal als Opernhaus des Jahres (1994, 1998, 1999, 2000, 2002 und 2006) ausgezeichnet.
  • 2006: Das Schauspiel Stuttgart wurde unter der Intendanz von Hasko Weber zum Theater des Jahres gewählt.
  • Der Staatsopernchor Stuttgart wurde neunmal (zuletzt 2012) als Chor des Jahres ausgezeichnet. [46]
  • 2011: Das Stuttgarter Ballett wird zur Kompagnie des Jahres gewählt.[47]

Bekannte Ensemblemitglieder (Auswahl) [Bearbeiten]

Kai Schumann

Trivia [Bearbeiten]

Laut Auskunft des Opernhauses befinden sich die besten Plätze in Bezug auf Sicht und Akustik in der Reihe 5 im Parkett auf Sitz 131 und 132.[48]

Siehe auch [Bearbeiten]

Literatur [Bearbeiten]

  • Ute Becker: Die Oper in Stuttgart. 75 Jahre Littmann-Bau. DVA, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06379-6.
  • Ulrich Drüner: 400 Jahre Staatsorchester Stuttgart Staatstheater Stuttgart, Stuttgart 1994. (Festschrift)
  • Finanzministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Das Grosse Haus des Württembergischen Staatstheater Stuttgart, d. Restaurierung 1983 / 1984, Staatliches Hochbauamt Stuttgart, 1984.
  • Georg Günther: Carmen – letzter Akt. Die Künstlertragödie Sutter – Obrist von 1910 und die Stuttgarter Oper um 1900. Begleitband und Ausstellungskatalog. Ludwigsburg 2001. (Beziehbar über das Staatsarchiv Ludwigsburg)
  • Rudolf Krauß: Das Stuttgarter Hoftheater von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Metzler, Stuttgart 1908. (Digitalisat)
  • Martin Laiblin (Bearb.): Theaterbilder – Bildertheater. Bühnenbild- und Kostümentwürfe der Staatstheater Stuttgart im Staatsarchiv Ludwigsburg. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-019752-7.
  • Albert von Schraishoun: Das Königliche Hoftheater in Stuttgart von 1811 bis zur neueren Zeit. Nach Erinnerungen von Albert von Schraishoun. Müller, Stuttgart 1878. (Digitalisat)
  • Hannelore Schubert: Moderner Theaterbau, Internationale Situation – Dokumentation – Projekte – Bühnentechnik, Karl Krämer Verlag Stuttgart, Bern 1971.
  • Anne-Marie Schwinger (Red.): Staatstheater Stuttgart. Geschichte und Gegenwart. Staatstheater, Stuttgart 2005. (Broschüre)
  • Staatliches Hochbauamt 1 (Redaktion): Das Große Haus der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Die Restaurierung 1983–84.: Finanzministerium / Staatliches Hochbauamt, Stuttgart 1984
  • Jürgen-Dieter Waidelich: Vom Stuttgarter Hoftheater zum Württembergischen Staatstheater. Ein monographischer Beitrag zur deutschen Theatergeschichte. 2 Bände. München, Univ., Diss., 1956.
  • Christine Wawra: Zwischen Repräsentation und Resignation. Um- und Neubaupläne des Württembergischen Hoftheaters in Stuttgart 1750 - 1912 Württ. Landesmuseum, Stuttgart 1994.
  • Wilhelm Wegener: Die Reformation der Schaubühne. Eine technisch-dramaturgische Interpretation der Theaterbauten des Münchner Architekten Max Littmann und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Deutschen Schaubühne Diss., München 1956.
  • Georg Jacob Wolf: Max Littmann 1862-1931. Das Lebenswerk eines deutschen Architekten. Knorr & Hirth, München 1931.
  • Klaus Zehelein (Hrsg.): Fünfzehn Spielzeiten an der Staatsoper Stuttgart 1991–2006. Ein Arbeitsbericht. raumzeit 3, Stuttgart 2006, ISBN 3-9811007-6-X.

Filmdokumentation [Bearbeiten]

  • Vadim Jendreyko und Thiemo Hehl (Buch), Vadim Jendreyko (Regie): Die Singende Stadt, 2010, Dokumentarfilm, ca. 92 Minuten Filminformationen
  • Karl Ulrich Majer (Buch), Walter Rüdel (Regie): Walter Erich Schäfer oder Die Theatertaten eines Gutsherrn aus Niederbayern, ca. 30 min., ZDF

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Staatstheater Stuttgart – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Abschiedsfest am 22. Juli. In: Stuttgarter Zeitung vom 11. Juni 2010, abgerufen am 13. Februar 2012.
  2. Ulrich Drüner: 400 Jahre Staatsorchester Stuttgart. Staatstheater Stuttgart, Stuttgart 1994, S. 62.
  3. Christine Wawra: Zwischen Repräsentation und Resignation. Um- und Neubaupläne des Württembergischen Hoftheaters in Stuttgart 1750 - 1912. Württ. Landesmuseum, Stuttgart 1994. S. 11.
  4. Brand des Hoftheaters 1902
  5. Postkartenansichten Interimtheater
  6. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 42.
  7. Wolf 1931, Seite 59.
  8. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 35.
  9. Wolf 1931, Seite 59.
  10. Wolf 1931, Seite 60.
  11. Wolf 1931, Seite 64.
  12. a b Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 7.
  13. Wolf 1931, Seite 64.
  14. Wolf 1931, Seite 70.
  15. Wolf 1931, Seite 62.
  16. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 43.
  17. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 44.
  18. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 43.
  19. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 44.
  20. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 45.
  21. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 46.
  22. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 47.
  23. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 28.
  24. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 48.
  25. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 49.
  26. a b c Schubert 1971, S. 138.
  27. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 13.
  28. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 14.
  29. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 17.
  30. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 18.
  31. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 40 - 41.
  32. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 18 - 19.
  33. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 55.
  34. http://www.staatstheater-stuttgart.de/service/spielstaetten/
  35. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 37.
  36. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 43.
  37. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 20.
  38. Wolf 1931, Seite 60 - 62.
  39. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, S. 37 - 38.
  40. Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 44.
  41. Wolf 1931, Seite 60.
  42. : Finanzministerium Baden-Württemberg 1983, Seite 43.
  43. Reiner Nägele (Hrsg.): Musik und Musiker am Stuttgarter Hoftheater (1750-1918), Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 2000, S. 174
  44. Staatsanzeiger Nr. 15 vom 24. April 2009
  45. http://www.morgenpost.de/kultur/article1826737/Gorki-Intendant-Petras-unterschreibt-in-Stuttgart.html
  46. Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt, abgerufen am 19. März 2012.
  47. Kritikerumfrage der Zeitschrift tanz, abgerufen am 30. Januar 2012.
  48. Der perfekte Platz. Artikel im SZ-Magazin, Nr. 14/2009, S. 40

48.7802789.185Koordinaten: 48° 46′ 49″ N, 9° 11′ 6″ O