Stadler Rail

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Stadler Rail AG
Logo
Rechtsform Aktiengesellschaft
Gründung 1942/1997 (Holding)
Sitz Bussnang, Schweiz
Leitung Peter Spuhler
(CEO und VR-Präsident)
Mitarbeiter 5.000 (2012)[1]
Umsatz 2,2 Mrd. CHF (2012)
Branche Fahrzeugbau
Produkte SchienenfahrzeugeVorlage:Infobox Unternehmen/Wartung/Produkte
Website www.stadlerrail.com

Die Stadler Rail AG (auch Stadler Rail Group) mit Sitz in Bussnang (Schweiz) ist ein Hersteller von Schienenfahrzeugen, mit Schwerpunkt auf Regionalbahntriebzügen, Strassenbahnen und massgeschneiderten Einzelanfertigungen.

Die auch auf Nischenprodukte spezialisierte Stadler Rail gehört zu den letzten Herstellern von Zahnradbahn-Fahrzeugen in Europa und ist inzwischen faktisch Stammlieferant aller Schweizer Privatbahnen. Das Rückgrat des Familienunternehmens bilden die sechs Tochterunternehmen, mit ihren Produktions-, Montage- und Unterhaltsstandorten in der Schweiz, in Deutschland, Polen, Ungarn, Tschechien, Italien und Algerien. Stadler Rail beschäftigt weltweit circa 3500 Mitarbeiter, darunter 2200 in der Schweiz und 800 in Deutschland.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung und Entwicklung im Heimatland Schweiz[Bearbeiten]

1942 gründete Ernst Stadler in Zürich das Ingenieurbüro Stadler und rüstete in den Kriegsjahren Strassen- und kleine Schienenfahrzeuge auf Akkubetrieb um. Das Unternehmen zog 1945 nach Wädenswil und baute dort als Elektro-Fahrzeuge Ernst Stadler erste kleine Akku-, Elektro- und Dieseltraktoren (Rangierlokomotiven). Allerdings musste das Unternehmen bereits 1951 Konkurs anmelden.

Danach begann Ernst Stadler von Neuem und arbeitete für die verschiedenen Auftraggeber in deren jeweiligen Werkstätten, bis er erneut eine kleine Werkstatt in Zürich bezog. 1962 zog er schließlich in den Kanton Thurgau nach Bussnang, wo er eine größere Werkstatt bauen ließ. In den folgenden Jahren verschob Stadler auch den offiziellen Geschäftssitz nach Bussnang und wandelte die Firma in eine Aktiengesellschaft um, die sich ab 1974 Stadler Fahrzeuge AG nannte.

Wendepunkt 1990: Triebwagen der Chemin de fer Orbe-Chavornay
Einer der ersten Exporterfolge: GTW für New Jersey Transit

Der Tod von Ernst Stadler im Jahre 1981 war ein erster Einschnitt für das Unternehmen, dessen Aktien sich im Familienbesitz befanden. Irma Stadler, die Witwe des Firmengründers, übernahm das Unternehmen und führte es selber weiter. 1984 wurden erstmals auch Personenfahrzeuge gebaut, wobei Spezialanfertigungen für Schweizer Privatbahnen einen Schwerpunkt bildeten.

Der zweite Einschnitt folgte 1989, als Irma Stadler das Unternehmen einem jungen Bekannten, dem professionellen Eishockey-Spieler Peter Spuhler anbot. Mit einer Belegschaft von knapp zwei Dutzend Personen war ein modular aufgebautes Schienenfahrzeug entwickelt worden, dessen Teile bei verschiedenen Anbietern zusammengekauft und in Bussnang montiert wurden. Aus diesem Konzept entstand 1995 der erste Gelenktriebwagen (GTW).

Mit zunehmender Nachfrage nach dem GTW wurde auch die Belegschaft sukzessive vergrößert und das Unternehmen umgebaut. Von Schindler Waggon (SWG) übernahm man 1997 schließlich einen Großteil des Werks Altenrhein in der Sanktgaller Gemeinde Thal und gründete die Stadler Altenrhein AG. Da das am Flugplatz Altenrhein gelegene Schindler-Werk, das in Teilen auch die übernommenen Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA) umfasste, deutlich größer als der Standort Bussnang war, wurden bei der Übernahme Teile des Werks ausgelagert und ein Teil des Areals untervermietet (Industriepark Altenrhein, oft Industriepark Stadler genannt).

Der Kauf von Altenrhein initiierte einen unerwarteten Expansionskurs, der auf dem Kauf langsam wegsterbender Werke und Produktionsbereiche basiert. Hierzu wurde aus Stadler Fahrzeuge die neue Familien-Holding Stadler Rail AG und das Werk Bussnang formell in die Stadler Bussnang AG ausgelagert. 1998 wurde der Zahnradbahnbereich der ehemaligen Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) von der Sulzer AG übernommen.

2001 wurde in Bussnang die neue, moderne Montagehalle 2 eröffnet, welche die erste Halle aus dem Jahre 1962 weitgehend ablösen sollte. Im Rahmen der Modernisierung erhielt auch der Geschäftssitz ein zeitgemäßeres Bürogebäude. Sowohl das steigende Auftragsvolumen als auch immer länger werdende Fahrzeuge erforderten einen weiteren Ausbau, der mit der Einweihung der Montagehalle 3 im Jahre 2004 abgeschlossen wurde.

Schmalspur-Personenwagen für die Rhätische Bahn

Die im Herbst 2004 in Konkurs gegangene Gießerei Swiss Metal Casting AG in Biel wurde zwecks Eigenbedarf umgehend von Stadler übernommen und produziert als Stadler Stahlguss AG weiter. Nur wenige Wochen später wurde die stufenweise Übernahme der ehemaligen PFA (Partner für Fahrzeugausstattung) in Weiden in der Oberpfalz vereinbart, für welche Anfang 2005 die Stadler Weiden GmbH gegründet wurde. Die Produktion der Stadler Weiden GmbH wurde im Jahr 2007 wegen fehlender Aufträge geschlossen.

Einen der bedeutendsten Zukäufe hat Stadler am 7. September 2005 in Winterthur abgeschlossen. Der Kauf der Winpro AG, an welcher man zuvor bereits mit 40 Prozent beteiligt war, brachte die Reste der traditionsreichen Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik unter das Dach von Stadler Rail.

Am 30. Juni 2008 gaben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bekannt, dass Stadler Rail den Zuschlag für einen Auftrag im Wert von rund einer Milliarde Franken erhalten hat. Der Auftrag umfasste den Bau von 50 sechsteiligen Doppelstocktriebzügen für die vierte Teilergänzung der S-Bahn Zürich. Für Stadler handelte es sich um den Erstauftrag der neu entwickelten Doppelstockzüge Stadler Kiss (Regionalverkehr bis 160 km/h), deren Produktion bei Stadler Altenrhein erfolgt; das Werk wurde hierfür um eine Halle erweitert, die Auslieferung der Züge begann im Frühjahr 2012.[3][4][5][6]

Am 9. Mai 2014 erhielt Stadler von den SBB den Zuschlag für den Bau von 29 Triebzügen im Wert von 980 Millionen Franken für den Nord-Süd-Verkehr durch den Gotthard-Basistunnel. Diese Züge, als Stadler EC 250 bezeichnet, sollen 200 m lang sein und eine Höchstgeschwindigkeit von 249 km/h erreichen.[7]

Der Bau von sieben (zuzüglich einer Option über drei weitere) Zahnrad-Elektrolokomotiven des Typs Stadler He 4/4 für die Güterzugstrecke São Paulo–Santos in Brasilien stellt einen weiteren bedeutenden Auftrag dar, der am 26. Februar 2010 veröffentlicht wurde.[8]

Entwicklungen in Deutschland[Bearbeiten]

Der Einstieg auf den deutschen Fahrzeugmarkt begann mit der Bildung eines Konsortiums mit Adtranz und Bombardier Transportation zur Lieferung von GTW 2/6 DMU an die Hessische Landesbahn sowie DB Regio und deren Tochter Usedomer Bäderbahn in den Jahren 1999 bis 2002.[9][10][11]

Das Adtranz-Werk Pankow, in welchem die Regioshuttle gefertigt wurden und sich auf dem Gelände des früheren Berliner Herstellers von Kraftwerksausrüstungen Bergmann-Borsig befindet, wurde 2000 in die Stadler Pankow GmbH ausgelagert, an welcher sich Stadler im Rahmen eines Joint Venture zu 66 Prozent beteiligte.[12] Aufgrund kartellrechtlicher Auflagen im Zusammenhang mit der Übernahme durch Bombardier Transportation verkaufte Adtranz 2001 schließlich das gesamte Werk und die Lizenzen für die Fahrzeugfamilien Regioshuttle und Variobahn an Stadler. Unter dem Geschäftsführer Michael Daum, der von Adtranz zu Stadler gewechselt war, folgte ein starkes Wachstum von Umsatz und Arbeitsplätzen.[12] So startete das Unternehmen im Jahr 2000 mit 200 Mitarbeitern, 2003 waren es 300, 2011 zählte man 830[13] und 2013 wurden 1300 Mitarbeiter beschäftigt.[14] 2002 kam mit Velten in Brandenburg ein weiterer Standort dazu, im Jahr 2011 ein Montagewerk in Berlin-Hohenschönhausen und die Stadler Reinickendorf GmbH.[15] Im Berliner Bezirk Reinickendorf wurde 2012 ein Logistikzentrum in Betrieb genommen.[14]

Wichtige Produktserien[Bearbeiten]

Einer der neusten Regional-Triebzüge: STAR der Aare Seeland mobil
Baselland Transport-Tango auf Vorführfahrt in Zürich beim Paradeplatz im April 2009.
Triebwagenhalle der Stadler Pankow GmbH in Velten
  • GTWGelenktriebwagen
  • Regio-Shuttle RS1 (ehemals Adtranz)
  • FlirtFlinker leichter innovativer Regional-Triebzug für S-Bahnen; Basistyp SBB RABe 523
  • SpatzSchmalspur-Panorama-Triebzug für Schweizer Zentralbahn
  • Variobahn (ehemals Adtranz)
  • TangoStrassenbahn
  • KissKomfortabler innovativer spurtstarker S-Bahnzug (Doppelstock, ab 2011)[5]

Der Gelenktriebwagen GTW wird seit 1995 gebaut. Er ist das erste von Stadler in Serie gebaute Produkt und existiert aufgrund des modularen Aufbaus in unzähligen Varianten. Das Produkt wird in viele Länder exportiert und teilweise in Lizenz gefertigt (Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, USA).

Der Spatz ist eine größere Serie von Triebzügen für die schmalspurige Zentralbahn und steht in der „Fahrzeugevolution“ zwischen dem GTW und dem Flirt. Augenfälliger Unterschied ist das Fehlen des beim GTW üblichen Antriebsmoduls, welches beim Spatz in einem neuen Mittelwagen integriert ist.

Der Flirt ist die erste von Grund auf neu entwickelte Fahrzeugfamilie seit dem GTW. Zwar werden weiterhin Komponenten aus der neuesten GTW-Generation eingesetzt, komplett neu dagegen ist der Einsatz von im Schweizer Fahrzeugbau stets gemiedenen, unflexiblen Jakobs-Drehgestellen, die keine Zugtrennung mehr zulassen. Die Antriebsmodule befinden sich beim Flirt hinter den Führerständen und bringen den zierlichen Triebzug auf Tempo 160 km/h, was im Schweizer Schnellzugverkehr die übliche Höchstgeschwindigkeit ist. Neben den SBB, für welche der Triebzug eigens entwickelt wurde, findet der Flirt Abnehmer in Deutschland, Ungarn, Algerien und anderen Ländern.

Tango ist die neue Strassenbahn-Serie für Normal- und Schmalspur.

Werke[Bearbeiten]

Schweiz[Bearbeiten]

  • Bussnang; Stammwerk seit 1962; 1067 Mitarbeiter (inklusive der Stadler Rail Konzernverwaltung)


Produktion des GTW, Flirt, individuellen Kleinaufträgen und Zahnradbahnen.
Stadler Bussnang AG

  • Altenrhein; 1997 von Schindler übernommen; 400 Mitarbeiter


Produktion von Personenwagen (Glacier-Express), Zwischenwagen (für GTW und SBB RABe 514) und des Flirt (SOB), Züge der Sorten Flirt (STA) und Next (RBS), sowie Doppelstockkompetenzzentrum Dosto (SBB).
Stadler Altenrhein AG

  • Stadler Winterthur AG, Winterthur Töss; ex Winpro AG (ehemals SLM) am 7. September 2005 übernommen; 50 Mitarbeiter


Produktion von Diesellokomotiven. Revisionen und Service


Kompetenzzentrum für Drehgestelle

  • Biel/Bienne; 2004 aus Konkurs übernommen


Stadler Stahlguss AG

  • Erlen (Thurgau); ab September 2009 im Bau, im Oktober 2010 in Betrieb genommen[16]


Inbetriebsetzungs-Zentrums (IBS-Zentrum)

Deutschland[Bearbeiten]

  • vier Werke in Berlin-Pankow, Berlin-Lichtenberg und Velten; 2000/2001 Stammwerk in Berlin-Pankow von Adtranz übernommen; insgesamt 830 Mitarbeiter[17] (Stand 2011)
    Produktion des Regio-Shuttle, Flirt und Kiss für Deutschland und Strassenbahnen.
    Stadler Pankow GmbH

International[Bearbeiten]

  • Budapest (H);
    Stadler Ungarn Kft
  • Siedlce (PL); gegründet 2006, 400 Mitarbeiter[18]
    Stadler Polen
  • Prag (CZ);
    Stadler Prag, Ingenieurbüro und Entwicklung für andere Standorte
  • Kouba (DZ);
    Stadler Algérie EURL, Instandhaltung der SNTF FLIRT

Literatur[Bearbeiten]

  •  Bernhard Studer, Helmut Petrowitsch: Altenrhein am Bodensee. Waggonbau im Hangar. In: eisenbahn magazin. Nr. 10/2011, Alba Publikation, Düsseldorf Oktober 2011, ISSN 0342-1902, S. 31–33.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stadler Rail – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kennzahlen, www.stadlerrail.com, abgerufen am 22. März 2013
  2. Kennzahlen, www.stadlerrail.com, abgerufen am 8. Juni 2011
  3. Walter von Andrian: Neue Doppelstockfahrzeuge für die Zürcher S-Bahn. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 8-9/2008, Minirex AG, Luzern 2008, ISSN 1022-7113, S. 392–396.
  4. nzz.ch: Zürcher S-Bahn beschafft Rollmaterial für 1,5 Milliarden, vom 30. Juni 2008
  5. a b stadlerrail.com: Schweizerische Bundesbahnen (SBB), Zugriff am 3. September 2011
  6. Sandro Hartmeier: Neuer Doppelstöcker der Zürcher S-Bahn erstmals mit Fahrgästen unterwegs, bahnonline.ch, 7. Juli 2012, Zugriff am 23. Juli2012
  7. Pressemitteilung: Stadler Rail gewinnt Ausschreibung für NEAT-Züge, 9. Mai 2014
  8. Stadler baut Mega-Lok (Pressemitteilung vom 26. Februar 2010). Stadler Rail AG, abgerufen am 26. Februar 2010 (html, deutsch).
  9. Datenblatt GTW für HLB
  10. Datenblatt GTW für DB Regio
  11. Datenblatt GTW für die UBB
  12. a b Peter Kirnich: Bei Stadler Pankow füllen sich die Auftragsbücher. Berliner Zeitung, 21. Dezember 2001, abgerufen am 20. August 2014.
  13. „Schienenfahrzeuge sind wichtiger als Autos“. Interview von Michael Gneuss mit Michael Daum. IHK Berlin, Dezember 2011, abgerufen am 20. August 2014.
  14. a b Bernd Wähner: Stadler Pankow hat gut gefüllte Auftragsbücher. Berliner Woche, 28. Februar 2013, abgerufen am 20. August 2014.
  15. Stadler Pankow GmbH, Berlin, Deutschland. Standorte.Pankow D. Stadler Rail AG, abgerufen am 20. August 2014.
  16. stadlerrail.com: Stadler weiht topmodernes IBS-Zentrum ein, Pressemeldung vom 22. Oktober 2010, Zugriff am 3. September 2011
  17. Oranienburger Generalanzeiger vom 6. September 2011, S. 3.
  18. http://www.nzz.ch//nachrichten/wirtschaft/aktuell/mehr-zug-in-mitteleuropas-eisenbahn-landschaft_1.16361495.html Rudolf Hermann: Mehr Zug in Mitteleuropas Eisenbahn-Landschaft. NZZ vom 10. April 2012

47.5561789.087623Koordinaten: 47° 33′ 22″ N, 9° 5′ 15″ O; CH1903: 724108 / 268577